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Neue jüdische Presse · 1903-04-24 · Heft 25 (24.4.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 25 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die kaukasische» Juden. „Inmitten der wilden und großartigen Natur des Kaukasus, von zahlreichen kriegerischen Stämmen umgeben,' hat sich ein Häuflein Juden erhalten und ist der Religion seiner Väter treu geblieben. Tie beschichte ihrer Uebcrsiedelung nach Kaukasten ist bisher unaufgeklärt geblieben, eine tausendjährige Vergangenheit bedeckt sie mit undurchdringlichem Dunkel. Ter Sage nach stammen diese Juden von den Israeliten ab, welche assyrische Könige noch vor der Zerstörung des ersten Tempels ans Palästina geführt und in 'Medien angesiedelt. Jüdische Bergbewohner giebt es im Ganzen 23,129. Hiervon leben in Städten 11027 und in Aulen (Dörfern) 10032. Sie sind sehr arm, jedoch sind die Stüdtebcwohner verhältnismäßig reicher, was schon daraus Ersichtlich ist, daß die Familien derselben mehr Mitglieder zählen (7,35 in den Städten und 3,82 in den Aulen), und daß ein größerer Prozentsatz in eigenen Häusern oder Szaklen (Hütten) wohnt. Eigenes Land besitzen sie fast gar nicht (im Ganzen 2368 Tessjatin, d. i. 0,11 Dessjatin pro Kopf), größtenteils pachten sie solches oder verdingen sich als Arbeiter bei benachbarten Län» dereibesitzern. Sic genießen gleich den Russen volles Bürgerrecht. Obgleich sie die Religion ihrer Väter erhalten haben, sind sie doch unter dem Einfluß der sie umgebenden Natur vielem heidnischen Bräuchen nicht ganz unzugänglich geblieben. An die Existenz des einigen Gottes glaubend, nehmen sie jedoch an, daß außer ihm noch andere außergewöhnliche Wesen göttlichen Ursprungs vorhanden seien, welche eine große Macht über Natur und Menschen besitzen. Jedoch mutz hier bemerkt werden, daß die städtische Bevölkerung weit weniger heidnische Sitten angenommen hat, als die Dorfbewohner. Brünett, schlank, mit dünner Taille und breiten Schultern, schwarzäugig mit gelbem Weißen, großer Adlernase und leicht hervortretenden Backenknochen, ist der jüdische Bergbewohner einem Lesginer, Tschetschene; oder Tscherkessen sehr ähnlich. Tie Frauen sind bedeutend hübscher als die Männer. Ihr Gesicht ist weiß, oft sehr bleich, ihre Augen schwarz mit langen Wimpern, sie haben dünne, bleiche Lippen, eine gerade, etwas zugespitzte Nase, ein längliches Kinn, hohe Brust, schmale Schultern, eine dünne Taille, mittleren Wuchs und langes, schwarzes Haar, das oft bis an die Kniee reicht/ Die Kleidung und Wohnung des jüdischen Bergbewohners lassen in ihm deutlich das Kind des Kaukasus erkenne». Häuser nach europäischem Muster kommen nur in den Städten vor, und auch da ist die Einrichtung vollständig nach asiatischem Geschmack; in den Aulen aber wohnen die Juden in szaklen. Die Schaklja besteht gewöhnlich aus zwei oder drei Zimmern. Das eine ist für die Frauen, das gndere für die Männer und das dritte, wenn solches vorhanden ist, zum Gastzimmer bestimmt. Ein Blick auf die Zimmer zeugt deutlich von der unterdrückten 'Stellung, welche die Frau des Bergbewohners einnimmt. Das Zimmer der Frau ist zugleich Küche, Kinderzimmer und Vorratskammer; infolgedessen zeichnet es sich durch seine.Unsauberkeit aus. Viel sauberer sind die anderen zwei Zimmer. Tas Gastzimmer ist selbst bei den ärmsten Leuten mit allerlei asiatischem Zierrat und Waffen ausstassiert. Ein großer Teil, der jüdischen Bergbewohner lebt einfach in Erdhütten oder Höhlen. Auch in seiner Kleidung unterscheidet sich der jüdische Bergbewohner nicht von den anderen Kaukasiern, gleich ihnen trägt er stets seine Waffen bei sich. Tie Kleidung der Männer bilden: das kattunene „Beschmet" mit stehendem Kragen, die „Tscherkesska" ohne Kragen, mit Haken, welche an der Brust oder Taille befestigt werden, und Patronentasche für die Pulverbehälter. An dem oft mit Silber- oder Goldtressen verzierten Gürtel hängt der Dolch oft in silberner Scheide. Tas Kostüm der Frauen besteht aus breiten „Schalowary", einer atlasnen „Archelupka" und der „Tschutka", einem Sack, welcher den Kopf bedeckt, worüber noch ein Tuch kommt. Die Frauen lieben sich sehr zu putzen. Ihre Archelupka und Hemden werden mit silber¬ und Goldtressen verziert; in den Ohren und auf allen Fingern außer dem Daumen tragen sie große Ringe. Die Mädchen tragen an der Brust Glasperlen; ihr Haar färben sie mit dem persischen Kraut „Eny". Zur Reinigung der Zähne und um dem Munde einen Wohlgeschmack zu verleihen, kauen sie eine Masse aus weißem Harze und Nelken. Die eigentliche Arbeiterin in der Familie ist die Frau, wie bei allen Bergbewohnern. Tie schwersten Arbeiten fallen dieser Unglücklichen zu, sie kennt keine freie Stunde, sie trägt Wasser ins Haus, reinigt die Pferdeställe, verrichtet die Feldarbeiten, streicht die Dächer und weißt die Wände, lind wenn diese anhaltend schwere physische Arbeit die Bergschönheit rasch in eine häßliche, runzelige Alte verwandelt hat, eilt der Mann in die Arme einer anderen jungen Frau, um sich über das frühzeitige Alter seiner ersten Frau zu trösten, da die jüdischen Bergbewohner sich die Vielweiberei gestatten. Aus ökonomischen Rücksichten hat jedoch selten Jemand mehr als zwei Frauen. Die angestrengte Arbeit ^der Frau macht es dem Manne möglich, sehr, viele stunden dem ungezwungensten Müßiggänge zu weihen. In den vielen . freien Stunden denkt er weder an die Zukunft, noch an das tägliche Brod. Ter Müßiggang und-die Sorglosigkeit, das Schwelgen an den Eimern Weines, das Umherschlendern im ganzen Aul, von Haus zu Haus, mit der Mütze auf dem Hinterkops und der Tscherkesska oder dem Pelzchen ans den Schultern, Unterhaltungen und Träumereien an oder auf den Bänken vor den Häusern dauern nicht nur Tage und Wochen, sondern oft ganze Monate hinter einander. Außer dem Schachspiel lieben dje jüdischen Bergbewohner allerlei. sinnlose Wetten zu veranstalten, z. B. wer »lehr Arbusen mit einem Tolchhiebe durchhauen kann, .wer mehr Arbusen, Melonen oder Eier aufessen kann und dergleichen mehr. In diesem Nichtsthun und diesen Schwelgereien verbringen ihre Zeit die Glaubensgenossen der stets beschäftigten, immer unruhigen und ewig besorgten europäischen Juden. Ter Gehorsam der Kinder gegen ihre Eltern, geht so weit, daß sie ohne Murren den Willen der Eltern erfüllend, die Ehe nur mit derjenigen Person eingehen, welche von den Eltern erwählt ist, wobei selbst ein Gespräch über diese Angelegenheit als unstatthaft und unanständig gilt. Veranlaßt durch Familienverhältnisse, aus ökonomischen Gründen oder gar beim Kruge Wein, verloben die Eltern oft ihre unerwachfenen Kinder und diese müssen, sobald sie herangewachsen sind, den Willen der Eltern erfüllen. Wenn die Verlobten in verschiedenen Aulen wohnen, so geschieht es oft, daß sie einander bis zu ihrem Hochzeitstage nicht zu sehen bekommen. Jedoch geht es nicht immer nach dem Willen der Eltern. Unter den glühenden Strahlen der südlichen Sonne werden die Leidenschaften mächtig angefacht. Nicht nur der Wille des Vaters, selbst die Bande der legitimen Ehe sind oft nicht. im Stande, den Jüngling von dem Gegenstände seiner Liebe zurückzuhalten. Gefällt dem Burschen ein hübsches Tschetschenenmädchen in einem benachbarten Aul, so verläßt er die heimatliche Szaklja, die ungeliebte Frau, den angestammten Glauben und eilt in die Arme der Schönen, die ihn bezauberte. Ihre Glaubensgenossen nehmen ihn mit offenen Armen aus, da ein jüdischer Bergbewohner, der Mohammedaner wird, bei ihnen tiefste Verehrung genießt. Er erhält feierlich den Namen „Schiche" (Heiliger) und wird der Angesehenste in der Gemeinde, sobald er sich nähert, oder vorübergeht, ist Jedermann verpflichtet, .aufzustehen und ihn mit „Salem alaikum" zu begrüßen. Tie Eltern verzeihen einen Glaubenswechsel nie; zwischen ihnen und dem Abtrünnigen hört jede Gemeinschaft ans. Wenn aber der in eine Mohammedanerin verliebte Jüngling unverheiratet ist, so nimmt die Sache oft eine andere Wendung. Mit Hilfe der jungen Welt, die stets gern bereit ist, bei ähnlichen Tingen hilfreiche Hand zu leisten, entführt er seine Geliebte, welche dann den jüdischen Glauben annimmt und-seine Frau wird. Werden aber die Entführer von den Verwandten der Entführten eingeholt, dann entscheiden die Waffen den Besitz des kostbaren Gutes. Wie bei allen Völkern, bei denen die Frau die Arbeiterin der Familie ist, so bringt auch bei den jüdischen Bergbewohnern nicht die Frau dem Manne Mitgift, sondern dieser zahlt den Eltern seiner Braut den „Kalyn" im Betrage von mindestens 150 Rubeln. Außerdem mutz der Bräutiganr die Hochzeit arisrichten, welche sehr lustig und geräuschvoll gefeiert wird, und das Brautkleid anschaffen, so daß die Heirat dem Bergbewohner 300—400 Rubel zu stehen kommt. Diesem Umstande ist es zu verdanken, daß unter ihnen viele Hagestolze Vorkommen, obgleich ein solcher für unwürdig gehalten wird, Waffen zu tragen. Als echte und rechte Bergbewohner sind die jüdischen Kaukasier nicht nur ungebildet, sondern völlig unwissend. Wie eine ansteckende Krankheit fürchten sie die europäische Bildung, da sie, nach ihrer Meinung, zur Abtrünnigkeit führt. In jedem Aul finden sich kauni mehr als 2—3 Leute, die lesen und schreiben können. Die Meisten können nicht zwei Worte der heiligen Schrift lesen. In den Städten finden sich jedoch mehr des Lesens Kundige als in den Dörfern. Selbst der Rabbiner, der das Vieh zu schächten und den Gottesdienst zu verrichten hat, zeichnet sich»'nicht durch große Gelehrsamkeit aus. Eine solche Unwissenheit muß selbstverständlich traurige Folgen haben. Sie ist die Ursache, daß viele heidnische Bräuche in Hebung kommen und veranlaßt das Umsichgreifen des Aberglaubens mit allen seinen traurigen Folgen. Tie jüdischen Bergbewohner halten, sehr fest zusammen und sind stets bereit, einander zu helfen, womit nur immer möglich. Tie Feste werden stets in Gemeinschaft mit dem ganzen Aul gefeiert. Das sind die angenehmsten Stunden im Leben des Bergbewohners. In der Szaklja einer Wöchnerin versammeln sich alle Weiber und geben sich die größte Mühe, derselben mit Rat und That beizustehen. Tie Kranken werden mit besonderer Sorgfalt gepflegt. Alte Männer und Frauen halten Tag und Nacht Wache am Krankenlager. Während der ersten Woche nach dem Tode irgend eines Gemeindemitgliedes verläßt die' Gemeinde die Hütte des Verstorbenen nicht. Die Verwandten und Bekannten desselben trauern ein ganzes Jahr um ihn und besuchen keinerlei Festlichkeiten. Kehrt ein Verwandter des 'Verstorbenen von : der Reise heim, so begiebt er sich zuerst in das Trauerhaus, weint um den Toten und geht nicht eher nach Haus zu den Seinen, bis er alle Trauernden i im Dorfe besucht hat. soll eine Hochzeit gefeiert wer- : den, so bereiten die Anverwandten des Bräüttgams , schon eine Woche früher aus Hühnereiern eine schmackhafte speise und schicken davon allen Trauernden im ganzen Aul. Diese sende» den Verlobten ihren Segen und ersuchen dieselben, die Hochzeit nicht aufzuschieben. Die Armen werden von den Bergbewohnern nie vergessen. Wenn sie Fleisch für den Winter einsalzen, so wird ein Teil davon und das Eingeweide den armen Witwen und Waisen geschickt. Am Sonnabend schicken die Verwandten einander von ihren schmackhaften Speisen, wodurch die Aermeren, die nur eine einfache billige Speise haben, zu einem mannigfaltigen Mahle gelangen. Bor einer Hoch-' zeit werden die Witwen und Waisen mit Kleidern beschenkt. Familieunachrichteu. Geburte», Ein Sohn, Herrn Max Erlanger, Mannheim. Ein Sohn, Herrn Jsaac Haas, Frankfurt a. M., Rottecksttaße 3. Ein Sohn, Herrn Louis Trier, Frankfurt a. M., Arndtstraße 2. Ein Sohn, Herrn Simon, Frankfurt a.M.,Theobald- [trajje 16. Ein Sohn, Herrn Cahen, Frankfurt a. M., Bocken-' heimer Landsttaße 68. Ein Sohn, Herrn Elias Goldschmidt, Marburg. Eine Tochter. Herrn Alfted Mayer, London, 170 Tulse Hill 8. W. Eine Tochter, Herrn Meier Bing, Frankfurt a. M„ Schützensttaße 2. Verlobte. Emmy Jacobius mit Alfted Rothenberg, Frank« ürt a. M., Uhlandstraße 50. Selma Seeligmann, Hamburg, mit Joseph Jeidel, Frankfurt a. M., Rechneigrabenstraße 12». kheschlietzungen. Franziska Sonnenberger mit Max Louis Strauß,' Frankfurt a. M. Sterbefälle. Julie Schloß, Näherin, ledig, 411., Königswartertrnße 26, Frankfurt a. M. Auguste Herz, geb. Külsheimer, verh., 86J., Liebigstraße 54. Frankfurt a. M. „ Klementine May, geb. Stern, verh-, 37 I., Grüne- straße 38, Frankfurt a. M. Nathan Neumann, verh., 59 I., Grünesttaße 15, Frankfurt a. Mi Samuel Frank, verh.. 63 I., Bergerstr. 83, Frankfurt a. M. Maier Blumenfeld, 62 I., Marburg. Briefkaste«. A. B. C. Wenn an der ftagl. Schule jüd. Religionsunterricht .erteilt wird, dann erhalten auch die jüd. Schüler in ihren Zeugniffen Reugionsnote, im anderen Falle nicht. Eine öffentliche Schule ist nicht verpflichtet, jüd. Religionsunterricht einzunchten; dagegen hat jeder jüd. Vater nachzuweisen, daß sein Kind Religionsunterricht genießt. Frau Lehrer W., H. Fragen Sie hierüber Ihren Rabbiner. Die Erlaubnis dazu ist ftaglich; wir würden es nicht gestatten. R. In dem Artikel Erew-Pesach am Sabbath - ist das Wort Schaaloh versehentlich ausgeblieben. Wochen-Kalender. Sabbath-Anfcmg: 7 Uhr — Minuten. Sabbath-Ausgang: 3 Uhr 25 Minuten. Abonnements and Inserate für das „feanfcfttcfce Jsraetit Familreubkatt" nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Börnestrasse It, A. J. Hofmann, illerbeillgenstrasse VI za Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer za IO Pfg. das Exemplar zu hänfen. Die Zusendung au Misere Abonnenten wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; Bus regelmätzigkeite» bitte» wir, »uS sofort z» melde». Wir bitten unsere geehrten Leser sich bei Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.

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