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Neue jüdische Presse · 1903-04-08 · Heft 23-24 (8.4.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 23-24 (8.4.1903)
Date
1903-04-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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cif .+* (Nachdruck verboten.) Der Wert der modern-wissenschaftlichen Bibelsorschung für die jüdische Bibelexegetik. Von Benno Fischer, Land. pdii. (Schluß.) Anders ist es mit denjenigen Ergebnissen der modern-wissenschasllichen Bibelsorschung, die unabhängig von den erwähnten Entwickelungstheorien rein sprachlichen Charakters sind und aus. heute allgemein gültig angesehener Sprachvergleichung basiren. Hier wird die jüdische Bibelexegetik vieles finden, was sie unbesorgt übernehmen kann/ Doch ist hierbei ängstliche Behutsamkeit von nöten, damit nicht Tinge, die deni jüdischen Geist widersprechen, unterlaufen mögen. Was bildet aber den Prüfstein, um daran erkennen zu können, was mit dem jüdischen Geiste übereinstimmt, und was ihm widerspricht? Darauf kann unsere Antwort nur lauten: In erster Reihe die Tradition. Die jüdische Tradition, wie sie im Talmud und sonstigen rabbinischen Schriften niedergelegt ist, soll als Regulator dienen, um die jüdische Bibelexegetik beim Hinüberlenken in das nichtjüdische, modern-wissenschaftliche Gebiet zu regulieren. Für die jüdische Bibelexegetik ist die Ausfassung der jüdischen Tradition von allein entscheidendem Wert; aus ihr muß sie also ausgehen. In den talmudischen Schriften besitzen wir die für uns. allein kompetente Interpretation der biblischen Verse und Worte. Die traditionelle Textauslegung ist uns ja, soweit 'dieselbe die Deutung der Gesetze betrifft — heute noch und für alle Zeit, die einzig , autvrative Schriftauffassung. Darauf basiert unser ganzes jüdisch-religiöses Leben und darin spiegelt sich ■ das Bild des Judentums ab, wie wir es heute noch erfassen, und für alle Zukunft erhalten wollen. SV-finden wir in der autorativen Gesetzauslegung der talmudischen Schriften eine Masse'von kompetenten Sinn- und Worterklärungcn, die für die jüdische Bibelexegetik von entscheidendem Werte sind. Und darin besteht Las große Verdienst Samson Raphael Hirschs s. A., dieses unvergleichlich genialen jüdischen Gelehrten, der den Geist des Judentums wie wenige seiner Zeit erfaßt und verständlich zw uns.sprechen ließ, daß er einen Bibelkommentar geschaffen, worin er die talmudische Auslegung der Bibel; insbesondere ihrer Gesetze, in dem Wortlaut des 'Bibeltextes selber begründete. Er zeigte, wie diese talmudischen Interpretationen nicht lose an den Bibeltext angehängt wurden, sondern im Texte selbst cmgedeutet und begründet sind, durch einen besonderen Ausdruck oder besondere Wendung. Er wies auch damit darauf hin, daß in die talmudischen Deutungen selber die nähere Erklärung, die begriffliche Deutung des betreffenden Wortes, seine Ethymologie gegeben ist. Und was er — Hirsch — auf diese Methode gestützt in Worterklärungen uns geboten hat, wird für die jüdische Bibelexegetik von großem Werte sein. Daß er in seinen Wortdeutungen sehr häufig von dieser Methode doch abgewichen ist und ohne jene Basis, die in den erwähnten talmudischen Auslegungen zu finden ist, auf eine eigenartige künstliche Ethymologie verfiel: das nehmen ihm Viele, auch in traditionellen Kreisen, übel. Doch hatte er ja selber das Hauptgewicht seiner Leistung nicht darauf gelegt. Er erklärte deutlich in der Einleitung zw seinem Kommentar, er wolle nur einen Versuch bieten, den er — so derselbe sich nicht bewähren sollte — ohne Bedenken preisgebe. Er fordert dabei die kommenden Geister auf, seinen Versuch in Erwägung zu ziehen, das Gute darin festzuhalten und zu iveiterer Ausgestaltung zu bringen. Dieser Aufforderung ist bis heute noch nicht entsprochen worden. Aber nicht nur in den halachischeu Auslegungen, wo unsere Rabbiner für uns die einzig kompetenten und verläßlichen Interpreten sind, da sie die beglaubigten und berufenen Ueberlieferer der, mit dem Schriftworte gleichzeitig gegebenen, mündlichen Auslegung waren, sondern vielfach auch in der Hagg-adischen.ist eine Fülle dom Material ausgehäuft, worin wir den wahren Geist der hebräischen Sprache erfassende Worterklärungen entdecken werden. Ich meine nun nicht, daß man die oft willkürlichen, der ungezügelten Phantasie entsprossenen homiletischen Erklärungen ohne weiteres mit allem . was drum und dran ist, annehme; das wäre schon ■. aus dem Grunde unmöglich, weil hierbei in der Regel eine Anzahl verschiedener Auffassungen parallel nebeneinander herlaufen und . fo wieder fraglich wäre, welche von den vielen wir acceptieren sollen: ab- . gesehen davon, daß dieselben ihrer Absicht nach selber keinen autorativen Wert beanspruchen. Aber wenn wir behutsam und sorgfältig die glänzende Garnierung entfernen, so können wir in manch solchen weitläufigen, oratorisch ausgeschmückten (tzplikationen den einfachen, guten Kern entdecken. Ich meine/ aus der Art und Weise, dieser homiletischen Deutungen kann man nach sorgfältiger Untersuchung erschließen, wie unsere Rabbiner das Wort in ihrer schlichten Pedentung verstanden haben. Und das sollte uns sehr wertvoll sein; da wir doch unseren alten Weisen zumuten dürfen, daß sie den Geist der hebräischen Sprache und vor allem den Geist der Schrift richtig verstanden haben; wenigstens so richtig, wie die nach Tausenden von Jahren lebenden christlichen Theologen und Orientalisten, die zum Verständnis der Schrift eine sehr große Anzahl wissenschaftlicher Apparate von Rückwärtsschließungen benötigen. Jedoch hier das richtige zu treffen, ist eine schwere Kunst, eine Kunst, die Hirsch — wie einzelne genialen musterhaften Stellen in seinen Schriften zeigen — auch verstanden hat. Hier habe ich nun kurz angedeutet, welche Partien innerhalb der jüdischen Literatur von entscheidendem Werte für die jüdische Bibelexegese zu betrachten wären und habe damit auch gesagt, worin ich den Prüfstein bei der Beurteilung der Ergebnisse der modern-wissenschaftlichen Bibelsorschung betrachtet wissen möchte. Die nach der oben angedeuteten Weise erschlossene Auffassung unserer Tradition ist der Prüfstein. Wo die Ergebnisse der modernwissenschaftlichen Bibelforschung mit der jüdischen traditionellen 'Auffassung übereinstimmen, da könnten die auf anderem Wege, wie auf dem der Sprachvergleichung re. gewonnenen Worterklärungen akzeptiert werden. Besonders bei solchen Stellen der Bibel, zu welchen wir im jüdischen Schrifttum keine autvrative Deutung besitzen, da wäre der Ort, die Ergebnisse der modern-wissenschaftlichen Bibelforschung mehr zu berücksichtigen, insoweitdieselben dem jüdischen Geist nicht zuwiderlausen. Tenn eben hier ist die schon erwähnte, ängstliche Behutsamkeit am Platze. Man müßte z. B. beim Eingehen auf die, von der modern-wissenschaftlichen Bibelsorschung gebotene, Methode der Sprachvergleichung es nicht außer acht lassen, daß der Gcdankengang und die Begrisfsbildung des Hebräers in sehr vielen Fällen ganz anders sein^kann, als des ihm verwandten Assyrers, Arabers, Syrers rc. Alan müßte stets vor 'Augen halten, daß der Gedankengang und die Begriffsbildung des fiidischen Volkes,. eines Volkes, das selbst in der egyptischen Knechtschaft das Ahnenerbe, des 'Eingottesglaubens erhalten konnte und dem die Sabbath-Jdee schon damals bekannt war, ganz anderer Art sein muß, als der Gedankengang und -die Begriffsbildung der zwar verwandten, aber in polytheistischem, götzendienerischem Aberglauben versunkenen Stämme der Asshrer, Araber rc. Ein Volk, in dessen Mitte ein Moses und all die großen Gestalten der Bibel gewirkt hatten, bildet seine Begriffe eben über die wichtigsten Dinge ganz anders, als Völker von niedriger Anschauungsweise. Dieser Unterschied müßte bei einer solchen Vergleichung sorgsam beachtet werden und nur insoweit dieser Unterschied bei. der Anwendung eingehalten wird, oder wo derselbe nicht zu konstatieren ist, sollen jene wissenschaftlichen Ergebnisse für die jüdische Bibelexegetik verwertet werden. Daß eine Berücksichtigung jener in nichtjüdischen Kreise» gewonnenen Ergebnisse in dem angedet teten Sinne gegen den Geist des Judentums nicht verstößt, davon dürfte uns schon das Beispiel des berühmten jüdischen Exegeten Raphtali H. Wessely überzeugen, der in seinem Biur zum 3. B. Ad. öfter auf protestantische Theologen, wie z. B. Gesenius hinweist. Und daß die Sprachvergleichung kein dem jüdischen Bibelexegeten fremdes Gebiet sein mutz, dafür wird die Hinweisung auf einen jüdischen Exegeten wie Rabbi David Kimchi genügen. Ich "habe in obigem nur Skizzen gegeben, die mehr eine Anregung als eine Wegweisung sein wollen; die erschöpfende Beantwortung der gestellten Frage darf nur von maßgebenden Persönlichkeiten erwartet werden. Diese haben gewiß schon eine der obigen ähnliche Methode für sich angewendet; die Sache verdient aber, als eines der wichtigsten Interessen des Judentums, eine öffentliche Besprechung, Sichtung und Klärung. Kürzlich haben die Blätter davon gemeldet, daß der Papst eine ständige Bibelkommission eingesetzt hat, die die Aufgabe hat, die modern-wissenschaftliche Bibelsorschung vom Standpunkte der katholischen Kirche zu prüfen und eventuell zu berichtigen oder auszunehmen. Diese päpstliche Bibelkommission („eoasilillm' sacrae scripturae studiis provehendis institutum“), die aus 40 Vertretern in allen Staaten der katholischen Welt besteht, an ihrer Spitze 4 Kardinäle im Vatikan, verdankt ihre Entstehung den Delitzsch'schen Ereignissen und der ihnen vorangegangenen modern-wissenschaftlichen Bibelsorschung. Es kommt mir nun durchaus nicht in den Sinn, diese päpstliche Bibelkommission als ein zur Nachahmung würdiges Beispiel vörzuführen und eine ähnliche Einrichtung auch bei uns zu beantragen; in der Gestalt-und von den Prinzipien geleitet, wie jene päpstliche wäre sie überhaupt ganz unjüdisch. Tenn >oas der katholischen Kirche, deren Oberhaupt das „confirmamos sed non conseniimus“ („wir bekräftigen, aber wir stimmen nicht zu") über unsere Thora äusspricht, recht ist, ist uns noch nicht recht. Die katholische Kirche, als eine christliche Kirche, legt das Hauptgewicht auf das Reue Testament und muß es daher mit dem 'Alten nichr so genau nehmen. Sie. kann. — so sie will — Konzessionen machen. Uns aber steht das nicht an. Nicht von Konzessionen kann da die Rede sein, sondern von Erwägung und eventueller — immer in jüdischem Geiste - gemachte — Annahme derjenigen Resultate der modern-wisseulchaftlichen Bibelforschung, die der Tradition und dem jüdischen Geiste nicht widersprechen, dort, wo. eine traditionelle Auffassung fehlt, lind das treu dem jüdischen Spruche: Labsi otb haemetli mimi scheomro („Nimm die Wahrheit an, wer immer sie auch sagen mag.") Aber wenn auch eine, der Päpstlichen ähnliche,' Bibelkommission unjüdisch ist — eine solche würde ja auch nie die Autorität, einzig richtschnurgebend zu sein, erlangen — so dürfte doch die Rührigkeit, mit welcher die christlichen Kirchen die Sache der Bibel behandeln, and) unsere Gelehrten anspornen, diese Angelegenheit im Sinne des traditionellen Judentums zum Gegenstand einer ernsten Besprechung zu machen und damit aufklärend einzugreisen. Hierzu sind gewiß kompetente, auf dem Boden des traditionellen Judentums stehende, Persönlichkeiten nötig. Und solche besitzen wir ja noch: Ki lo elmon Jszrael. Fawiliennachrichten. Geburten. Eine Tochter, Herrn Bankier Karl Strauß. Marburg, - Ein Sohn, Herrn Fritz Frankel, Frankfurt a. M., Parkstraße 59. , Ein Sohn, Herrn Eli Wildberg, Schwanenstr. 22. Verlobte. Rosa Hammerschlag, Harmuthsachsen mit Adolf. Störger, Groß-Zimmern. . ..' :• Anfgebotene. v Ottilie Beer, Frankfurt a. M„ mit Julius Löwen-' stein, Lederwarenfabrikant, Offenbach. Eheschließungen. FriederikeGoldberg, Frankfurt a. M., mitFerdinand Levi, Frankfurt a. M. Sterbefälle. Salomon Schopflocher. 80 I., Fürth i. B. Jonas Haas, 52 I., Aachen. Pauline Landsberg, geb. Adler, 64 I., Worms. Samuel Cahn, Hotelbesitzer, Baden-Baden. Jeanette Kulp, geb. Grünebaum. Wwe., 56 I., Frankfurt a. M„ Königswarterskaße 26. Salomon Levi Kaufmann, Privatier, 54 I., Frankfurt a. M„ Sandweg 55. Max Alfied Geiger, Rechtsanwalt, vr. zur., 37 I., Frankfurt a. M., Taunusanlage 21. Mayer Lehmann, 81 J„ Groß-Zimmern. Benjamin Kahn, 53 I., Stuttgart. Briefkasten. H. Jawohl, vorigen Samstag war Sabbath-Ausgang 7 Uhr 45 Minuten; der Bortrag des betreffenden Herrn Rabbiner fing um 7 Uhr am Sabbath. cmund endigte um ungefähr 8'/, Uhr. Sehr. viele Leute, , «die sonst garnichts halten, haben mit Recht dar«, Anstoß genommen, daß ein Rabbiner sich erlauben r darf, auf solche Weise die wichtigste Institution des . Judentums zu mißachten. Vakanzen. Berlin. Kantoren und Schofarbläser für die Herbstseiertage. Zeugnisabschriften an den Vorstand der jüdischen Gemeinde. L e o b s ch ü tz. Lehrer, Prediger und Borbeter Mk. 1500 Gehalt. Mk. 400 Nebeneinkommen. Luino <schweiz.-ital. Grenze). Schächter. Gehalt Fr. 1500 — Fr. 1300. Meldungen cm Emil Rothschild, Zürich I, Hornergap e 7. Wachenheim (Rheinheffen). Lehrer, Borbeter und Schächter. Gehalt Mk. 700 bei fteier Wohnung, Heizung und Nebeneinkommen. Heßkoch bei Worms. Lehrer. Borbeter und Schächter. Gehalt Mk. 700 bei fteier Wohnung, Heizung und Nebeneinkommen. Die Zusendung a» unsere Abonnenten wird aufs Sorgfältigste loutrolliert; Uuregelmätzigkeilea bitte» wir, uns sofort za melde». Wir bitten unsere geehrten Leser sich bei Einkäufen auf , das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.

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