Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 22 (3.4.1903)
- Date
- 1903-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692320--00215-2694574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
»eilage zu Nr. 22 des Frankfurter Israelitischen Fauiilienblattes. (Nachdruck verboten.) Zweierlei Matz. Von Albert Wahrmund. „Du sollst in deinem Hause nicht zweierlei Maß haben." (5. B. M. 25. 14.) (Schluß.) Tie Geschichte erzählt uns gar Vieles und Schönes von Israels weisestem König, von Salomon; sie berichtet von seinenl glänzenden Hose, von dem unermeßlichen Reichtnme, von seiner Ehre und seinem Ansehen. Gar ost aber dachte ich im Stillen: Hätte Salomvn nur den einen Satz in seinen „Sprüchen", Käst. 2, 4, 5 uns hinterlassen, wir müßten ihm schon die Krone der Weltweisheit zusprechen, lind dieser Satz, welcher von der religiösen Weisheit und Wahrheit spricht, lautet: So du sie suchst gleich Silber und wie den Schätzen ihr nachspürst, dann wirst du einsehen die Furcht des Ewigen und wirst erlangen Erkenntnis Gottes. — Salomon verlangt hier dasselbe Matz von Energie, Willensstärke und Thatkraft für religiöse und göttliche Tinge, das wir auch für weltliche Anliegen bekunden. Das ist sreilich ein hohes, ein schönes Ideal. Wie sich die rauhe Wirklichkeit dazu verhält, mögen folgende Bilder aus dem Leben zeigen: Das Kind kommt zur Schule, um sich die nötigen Kenntnisse für's Leben zu erwerben. Die Eltern begreifen den staatlichen Schulzwang als eine allgemeine Wohlthat. Insbesondere sehen unsere Glaubensgenossen auf eine gute Schulbildung, und der Vorwurf der „Verladung höherer Bildungsanstalten" gereicht uns im Grunde nur zur Ehre. Ter jüdische Vater hält darauf, daß sich sein Kind reiche Kenntnisse im Deutschen, Rechnen, in der Geographie, der Naturkunde erwerbe, ja man läßt freiwillig Extrastunden erteilen in fremden Sprachen, in Musik usw. Zeigt sich irgendwo eine Lücke, in irgend einem Fache eine Schwäche, sofort sorgt man durch Nachhilfeunterricht für den nötigen Ausgleich. Wie abersiehtesmitdemReligions- .nnterrichte aus? Ach, cs muß leider gesagt werden, daß man auch hier an den staatlichen Zwang denken muß. Ohne diesen würde manche Familie und Gemeinde überhaupt keinen Religionsunterricht erteilen lassen! Wie dann ein solcher Unterricht, trotz der pflichteifrigen Arbeit des Lehrers, beschaffen sein muß, das läßt sich leicht erraten. Da hört man nichts von Extrastunden, von Nachhilfeunterricht u. dgl., wohl aber von Einschränkung der Unterrichtszeit, von . Klagen wegen Ueberbürdung mit „Jüdisch", ' von Beeinträchtigung der profanen Lehrgegenstände u. s. f. Und das alles bei der minimalen Dosis religiöser Unterweisung! Eine bekannte zugleich typische Redensart ist das Wort: Nun ja, Rabbiner soll ja mein Kind nicht werden. Als ob es nach Lage der Verhältnisse noch solch schonender Abwehr, solch sanfter Fürsorge für die Kleinen bedürfte! Wo bleibt hier Lust, Liebe, Wärme und Segen der ganzen Arbeit? Hier würde der weise Salomon nur das eine Urteil abgeben können: Zweierlei Maß! — Ein anderes. Beispiel: Herr- N. leistet sich für seine Familie, das unvermeidliche Salonstück, einen feinen „Blüthner", oder ein Pianoforte. Die Güte wie die Ausstattung muß natürlich gleich tadellos fein. Auf einige Hundert Mark kommt's durchaus nicht an. Auge und Ohr soll sich gleichmäßig an dem kostbaren „Zimmerschmuck". ergötzen. Hundert gegen eins! der Herr N. würde uns mehr als verwundert anschauen, wenn wir ihm beispielsweise nahelegten, ob er denn nicht mit ähnlicher Bereitwilligkeit vielleicht eine Thorarolle sich schreiben lassen wolle, sintemalen sie nicht so hoch im Preise stünde wie ein Klavier und dazu ein göttliches Werk darstellt! Die zu erwartende Antwort würde etwa den Grundgedanken illustrieren:ZweierleiMaß! Uns ist von Religions wegen geboten, auf eine ehrsame äußere Erscheinung zu achten, dagegen Putzsucht, Hoffart und Dünkel auf's sorgfältigste zu meiden. Die moderne jüdische Journalistik unterläßt es ebenfalls nicht, in dieser Hinsicht warnend und mahnend die Stimme zu erheben, um den ohnehin leicht erregbaren Neid und Haß der Gegner nicht zu wecken. Wir wissen aber aucki von einem Schönheitssinn für die Gottesgebote und deren Uebung; wir werden gemahnt, die Mizwaus nicht nur auszuüben, sondern sie' in schöner Form zu vollziehen. Schaffe dir eine schöne Sukka, kaufe dir schöne T'fillin, schöne Zizis, erwirb dir ein schönes Lulof u. s. f. *) Während man nun seinen „äußeren Menschen" häufig genug wechselt, für den Umsatz der Geschäfte in der Herren- und Damenmode rührende Sorgfalt an den Tag legt, huldigt man in Religionssachen *) Talm. Sabbat 133 b. der Ansicht:- das Notdürftigste ist hier gut genug, hier wirkt kein Zahn der Zeit. So trifft man in Gemeinden Thorarollen, die Jahrzehnte lang kein Sofer berührt, „schwarze Talesim" und „weiße Tefillin", >vie eine volkstümliche Charakterisierung des Am—hovrez lautet, man sieht Mesusos, die seit einem viertel Jahrhundert wohlverwahrr in ihrer blechernen Umhüllung stecken, ohne irgend eine Kontrolle der rituellen Brauchbarkeit. Freilich, das Haus selbst hat man äußerlich wie innen schon des öfteren renoviert, sowie man auch für schönere, bessere Kleidung stets rechtzeitig Vorsorge trifft. Aber — halt Bauer, das ist etwas anderes. Es ist — wie gesagt und wie man sieht — zweierlei M a tz! Im Gotteshause treten uns mitunter Bilder entgegen, die den Wert der Zeit veranschaulichen, sreilich hier in recht eigentümlicher Art. TaS „Oren" kann nicht spät genug beginne», nicht früh genug schließen. Man kommt spät zum Gotlcsdienst, um denselben baldmöglichst wieder zu verlassen. Ter Borbeter muß die wichtigsten Gebetsteile oft in fliegender Eile „abhaspel»",- denn hinter ihm treibt und drängt man darauf. Tieselben Treiber oder Tränger kann man aber in größter Gemütsruhe stundenlang im dunstgeschwängerte» Bierlokal oder Cass treffen bei Spiel und Unterhaltung. Hie Gottes-« haus und Gottesdienst — hie Bierlokal und Gesellschaftsspiele, das sind freilich zwei grundverschiedene Tinge und darum auch — zweierlei M a tz! So sehen wir im jüdischen Leben das oben angeführte Wort Salomos in der vielgestaltigste» Weise variiert, nur nicht im gewünschten und wünschenswerten Sinne. Tie Zwiespältigkeit zwischen dem materiellen Streben und der Lösung unserer religiössittlichen 'Aufgabe schlägt zu Gunsten des ersteren aus. — Doch nicht nur hier allein sehe ich das „z w e i e r l e i M a ß". Das Verhalten so vieler unserer Brüder dem Judentum und der nicht jüdischen Welt gegenüber führt den aufmerksamen Beobachter zu gleicher Wahrnehmung. Dank der jndenfeindlichen Zeitströmung sind die Verächter und Renegaten unseres Stammes zwar noch bedeutend tiefer gesunken in der allgemeinen Verachtung als zu früheren Zeiten, wo das Bewußtsein unserer selbst nicht so wachgerütlelt, wo unser Solidaritätsgefühl nicht so lebendig gewesen als in der Gegenwart. Dennoch hat man es nicht verlernt, stark hinüberzuschielen in's nichtjüdische Lager. Aeußert da ein nichtjüdischer Gelehrter irgend eine für uns schmeichelhafte Anerkennung jüdischer Lehre und Lebensanschauung» so findet ein solches Wort viel eher Eingang in mancher Leute Ohren, als das die Unterweisung des berufenen Gesetzeslehrers in Israel vermocht hätte. Uingekehrt auch schwört man lieber auf die dunklen Phantastereien eines verwirrten nichtjüdischen Professors als auf der Thora klares lebendiges Wort. Man betrachtet den Pfennig zehnmal, den man jüdischen Gemeindezwecken oder sonst edlen Werken zuwendet: aber man ist freigebig christlichen Vereinen, Instituten und Gesellschaften gegenüber, um ein wenig Liebe, Gunst und Ansehen — vielleicht zu erhaschen. Man giebt Hunderttausende, ja Millionen für nichtjüdische Unternehmungen hin, die auf unsere Beihilfe verzichten können, ja oft auch — verzichten wollen, und läßt das Nächstliegende schinachten und darben. Man ist stolz und voll spöttelnder Ironie gegen den eignen Bruder, der in Gesinnung und That noch ein Jude mit starkem Rückgrat ist. Aber man ist mutlos und-feige gegenüber jeder antisemitischen Anrempelung, man macht die Kniebeuge und ein „Buckerl" vor dem 'Andersgläubigen, auch wenn er in der sozialen Rangstufe viel tiefer stehen sollte. Dergleichen Erscheinungen widern jeden gerade denkenden Menschen an. Wo auch immer wir das „zweierlei Maß" beobachten, im persönlichen, im religiösen oder gesellschafllichen Leben, da muß es unser Mißfallen erregen. Es verstößt gegen Religion, Sitte und Charakterstärke. Trum fort mit ihm! Der Segen kann und wird nicht ausbleiben. Familieunachrichten. Geburten. Eine Tochter, Herrn Max Seligmann, Neustadt a. Hardt. Ein Sohn, Herrn Selmar Wiener, Frankfurt am Main, Guiollettstraße. Eine Tochter, Herrn Sally Marxsohn, Frankfurt a. M.. Sandweg 16. Ein Sohn, Herrn vr. med. Eduard Gottschalk, Stuttgart. Ein Sohn, Herrn Abraham Adler, Frankfurt am Main, Rückertstraße 16. Verlobte. Dina Weinberg, Lichenroth, mit Simon Adler, Fulda. 'Adele Mainz, Frankfurt, mit Zahnarzt Alofes Oppenheimer. Straßburg i. Elf. Carola Laredo, Würzburg, mit Dr. mod. Jos. Heilbronn, Griesheim v. Darmstadt. Rosa Adler, Schlüchtern, mir 'Abraham Goldschmidt. Gelnhausen. Anna Heymann. Wiesbaden, mit, Moritz Hirsch. Worms-Osthofen. Ebeschlietzunge». Handelsmann Leopold Ster». Marburg, mit Hedwig Jsenberg, Marburg. Sterbefälle. Rosette Halle. Frankfurt a. M.. Liebigstraße 54. Louis Cohn. Kaufmann, 60 I.. Wiesbaden. Julius Kahn, Kaiifmann. Pforzheim. Louise 'Neumann. geb. Horkheimer, Frankfurt. Adolf Löwcnsberg. «>l> I.. Mainz. David Neumann. Hospferdeliefer., 83 I.. München. Elise Stiebet, geb.' 'Maas, 9V I., Frankfurt. Samuel Treidel. 61 I, Mayen. Briefkasten. H. Die Erstgeborenen fasten in diesem Jahre, Donnerstag, 12. Nissan. Bedikath Chomez muß Donnerstag Abend sobald es Nacht ist vorgenommen werden. Man spricht die Beroeboll wie gewöhnlich und sagt nach der Bedikob das erste Lol ehamiroh, wie in jedeni Jahre. Am Freitag vormittag 10 Uhr wird das Chomez verbrannt: Kol chnmiroh jedoch nicht gesagt. Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 6 Uhr 25 Minuten. Sabbath-Ausgang: 7 Uhr 45 Minuten. Wilhelm Glücklich jp^Tl Schillerstrasse 4,1. Gegr. 'i 1879. ü Frankfurt a. M.! l879. j Immobilien, Hypotheken. Einzelnummern unserer Zeitung sind bei sämtlichen Frankfurter Zeitungs-Kiosken zum Preise von 10 Pfennig zu kaufen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Abonnements and Inserate für das „frankfurter Israelit Jamilien&latt“ nehmen die hiesigen Bachhandlangen: A. Rothschild, Börnestrasse 83* A. J. Hof mann, Aller heiiigenstrasse 87 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer za IO Pfg. das Exemplar zu kaufen. Die Zusendung a» unsere Abouueute» wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; Uuregelmätzigkeiteu.bitte« wir, uns sofort zu melden. Wir bitten unsere geehrten. Leier sich bei Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.