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Neue jüdische Presse · 1903-03-27 · Heft 21 (27.3.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 21 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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eilage p Nr. 21 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Sabvathlichter Du Sabbathlicht, wie freundlich und mild ' Blickt dein Strahlenauge mich an; Jedes düstere Schatteugebild Bor deinem Glanze, ein eitler Wahn: Manche Wund', die das Leven mir schlug,' Mancher. Spott, der mich tief verletzt. Manches Leid, das im Herzen ich trug, , So manche Thrän', die die Wang' mix genetzt.— ,v Vergessen soll's sein, denn der Sabbath tritt ein, *■ So war es ja. auch zur Urvaters Zeit; 3: Bei der Lichter heil'gem Weiheschein ErMte die Herzen kein Kummer, kein Leid, tz .Da dachten sie nicht der Verfolgungswut, v. Der bitteren Thronen, schmerzlich geweint. Da schöpften sie wieder von Neuem Mut -3' Äm Sabbath, der sie traulich vereint. y So wird es auch , sein in den spätesten Tagen, X Wenn der „große Weltensabbath" tritt ein; ( . Da wird man nicht kennen Kummer und Klagen, < Wenn. Gott wird überall König sein. Wenn, wie es uns längst Prophetenwort kündet, Nach der Erde schnell vergänglichem Traume . Des „großen Sabhaths" Licht wird entzündet -<Jm ganzest großen Weltenraume. . I. Höxter, Jesberg. . (Nachdruck verboten.) Zweierlei Matz. '•< Bon Albert Wahr mü n d. fl „Du sollst in deinem Hause v nicht zweierlei Maß haben." i; v (5. B. M. 25, 14.);• Es ist für unsere lieben Antisemiten eine recht ärgerliche Thatsache, daß in dem Pentateuch, den nun einmal auch das Christentum zu seinen f,heiligen Schriften" zählt, eine Stelle, wie die in obigem Motto angegebene, enthalten ist. Mag man .sie lesen, wie man will, es ist nichts daran zu ändern; die alten Kirchenväter haben sie so wiedergegeben, Luther übersetzt sie nicht minder richtig und selbst der neue babylonische Sturm und Turm vermag nichts auszurichten gegen die einfachen, schlichten und doch .so bedeutungsvollen Worte: „ Du s o l l st i n T> e i - .nem Hause nicht zweierlei Maß haben." Dieses Gebot verlangt klipp und klar, daß jeder Jsraelite sich der strengsten Redlichkeit und Rechtlich keit befleißen möge. Ja nochsmehrzman soll falsches Maß und Gewicht nicht einmal im Hause, behalten, selbst wenn man es nicht benützen will. „Schasse es fort!"' ruft die Thora uns zu, „bringe es ganz weg ans deinem Besitzkreise, damit ja. und ja keiner dazu kommen es auch nur irrtümlich zu verwenden." (Maimoyides Hilch. Mach.) Denn, daß jemand mit Vorsatz nicht falsch wiegen und messen soll, ist schon an einer anderen Schriftstelle .— 3. B. M. 19, 25 — untersagt, and zwar in der denkbar schärfsten Form. Ter wiegende und messende Jude ist dort als ein Richter dargestellt, in dessen Hand die Wäge der Gerechtigkeit ruht. Jhm xuft die Thora zu: „Thue nicht Unrecht im Gc- ' richte, im Längenmaße, im Gewichte und Hohlmaße; denn ein Greuel in Gottes Augen ist einer, der solches thuet, jeder der Unrecht ' thut." . Aber nicht nur die Bezeichnung „Greuel" kommt dem zu, der falsch wiegt oder mißt; noch viele andere durchaus nicht - schmeichelhafte Namen giebt ihm ob feiner Handlungsweise das göttliche Wort. (S. Raschi z. St.) ' Ist uns hier nicht eine Verordnung gegeben, die in ihrer Bedeutung weit hinausreicht über den buchstäblichen und Wortsinn der angeführten Schriststelle? .Man hat den Begriff des Messens in bildlicher Anwendung übertragen auf die verschiedensten Ber- . hältnisse im menschlichen Leben. Man spricht von dem Maßstab, den man an ein Ding, an eine That, an eine Person anlegt; man spricht.von dem subjektiven Ermessen, der persönlichen Auffassung eines Vorkommnisses oder eines Verhältnisses. Daraus er- .giebt sich wie von selbst die Mannigfaltigkeit, die tausendfältige Verschiedenheit menschlicher Meinungen. „So viel. Köpf, so viel Sinn," sagt ein Sprichwort, dessen Wahrheit üns die tägliche Erfahrunglehrt, und die Beobachtungen, die man hier machen kann, sind gewiß nicht uninteressant. Aber so divergierend diemenschlichen Meinu.ngen auch sein mögen, so sehr die Individualität beim „Erm,essen", beim „Anlegen eines Mahstabes" in die „Wagschale -fällt," so verlangt man doch — das Gerechtigkeitsgefühl des Menschen wirkt hier instinktiv — daß der einzelne Mensch oder die Gesellschaft sich im Urteil gleich bleibe, wen ncsgilt,den gleichen-oderähnlichen Falk, das gleiche oderähnlicheVerhältnis zu beurteilen. Wird dem zuwidergehandelt, so spricht man von „zweierlei M a ß," von Inkonsequenz, nicht selten auch von Charakterschwäche und gar von Charakterlosigkeit. Wer dagegen unentwegt seinen Gesinnungen und Grundsätzen treu bleibt, Iver in den verschiedensten Lebensverhältnissen die gleiche Ansicht oder Meinung vertritt, der heißt ein „Charakter", zu ihm blickt man mit Achtung auf, nian fühlt sich hingezogen zu ihm. Hat Israel stets das „zweierlei Maß" aus seinem Hause ängstlich ferngehalten? Wie stellt sich das moderne Geschlecht zu dieser Forderung unserer Religion, die in den Sittenkodex aller Kultnrnationen übergegangen? Die Antwort ist nicht so schwer zu finden, wenn man den Blick ins „volle Menschenleben" wirst. Hier einige Bilder, welche Erscheinungen des täglichen Lebens veranschaulichen fallen. Unsere Zeit hat ein materialistisches Gepräge, He steht im Zeichen des allbewegenden sozialen Kampfes. Konkurrenzen und Existenzen ringen miteinander. Da preist A. seine Ware als gut, ja als vorzüglich an. B. sucht ihn zu übertreffen, da er beteuert, wohl niemand könne in gleicher Güte und zu solch „fabelhast niedrigem" Preise bedienen, als er. Macht A. Konzessionen, so übertrumpft ihn B. womöglich in viel weitergehenden Zugeständnissen. Man nennt das so im gewöhnlichen Leben kühl und ruhig den „Kampf um's Dasein", bei dem man nun einmal nicht sehr heikel sein darf in der Wahl der Mittel, die zum Ziele führen. Selbstredend führt hier der krasse Egoismus das große Wort. D. h. aber nichts anderes, als für die eigene Person einen ganz anderen Maß st ab anlegen, als für den Neben- und Mitmenschen! Gegen dieses „zweierlei Matz" richtet sich die göttliche Mahnung in einem trefflichen Wort, das ebenso kurz und bündig als vielsagend ist. Es lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selb st. „Wie dich selbst!" Das spricht Bände. Könnte man packender und eindrucksvoller die Summe aller Pflichten gegen den Mitmenschen zusammensassen? „Wie dich selbst!" Könnte man in schönerer Form oder in besserer Fassung alles Verwerfliche kennzeichnen, das in dem „zweierlei Maß" liegt, welches wir für uns selbst und dem Nebenmenschen gegenüber gebrauchen? Wir begreifen so das herrliche Wort, das der große Hillel einst an den Heiden richtete, der das ganze Gesetz kennen lernen wollte, während er auf einem Fuße stehe. „Was du nicht willst, daß man dir thu', das füg' auch keinem andern zu," meinte der berühmte Gesetzeslehrer, das sei die ganze Thora, das klebrige wäre nur K o m e n t a r. Wenn ich nun zuweilen meinen Blick in die „Freundeszirkel" wende, wenn ich die Gespräche im Hause, auf der Straße, bei geselligen Zusammenkünften belausche, so könnte ich wohl auch einen „Komentar" zum Hillel'schen Worte verfassen. Allerdings wäre er dem von Hillel gedachten oder gemeinten recht unähnlich. Sein Grundton, sein Grundgedanke wäre der: Die Menschen gebrauchen sowohl bei ihrem ernsten Ringen und Streben wie im freien geselligen Verkehr zu viel und gar zu oft — zweierlei Maß. Und noch viel.weniger ist man darauf bedacht, solches Maß nicht in seinem „Hause", in seiner Nähe und Umgebung zu dulden,' man findet nur höchst selten etwas von der peinlichen Gewissenhaftigkeit, ja Aengstlichkeit, welche inbezug hierauf uns Äie Thora anempfiehlt: Habe nicht zweierlei Maß in deinem Hause. \ Fast möchte mir aber eines zu erwähnen überflüssig erscheinen, wenn ich von „zweierlei Maß" hier spreche! Ich meine die grundverschiedene Denkungsart und Handlungsweise der Menschen inbezug auf religiöse Dinge und profane Angelegenheiten. Diese Erscheinung ist eigentlich schon so alt als das Menschengeschlecht. Zahlreiche Stellen unseres heiligen Gesetzes wenden sich gegen diesen „wunden Punkt," der sich zu allen Zeiten wie ein Krebsschaden am jüdischen Hause und Volke gezeigt. Der Sabbat, der uns die heilsame Lehre vermitteln soll, unsere ganze äußere Welt Gott huldigend zu Füßen zu legen, das Brachjahr, welches dieselbe Idee zum Ausdrucke bringt,- die Weihe des erstgeborenen Sohnes, des erstgeworfenen Viehes, der erstgereisten Frucht, das sind Anordnungen, welche den reinen versöhnlichen Ausgleich zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Himmlischem und Irdischem lehren, sollen. Darauf können wir Juden stolz sein und sollten auch stolz darauf sein. Gewahr tmanabervondiesemStolze etwas? Stellt der Jude, die Judenheitimmer und überall das Heilige höher als das Materielle, die Religion höher als das Weltliche und Vergängliche? Die Antwort hierauf zu geben, ist — wie gesagt — eigentlich eine überflüssige Mühewaltung. Das Interessante liegt nur darin, daß man das „zweierlei Maß", welches hier selbst ein Blinder wahrnehmen muß, so oft entschieden bestreitet, so oft zu bemänteln sich bestrebt, wenn auch noch so fadencheinig. Nur von diesem Gesichtspunkte aus sollen n Folgendem einige „lebende Bilder" am 'Auge des freundlichen Lesers vorübcrziehen. (Schluß folgt.) Briefkasten. A. Bericht über den Bortrag des Herrn Professor Fränkel müssen wir wegen Raummangel für die nächste Nummer auffparen. Familiennachrichten, Geburten. Ein Sohn Herrn Simon Cohn, Frankfurt a. M., Königswarterstrage 11. Eine Tochter Herrn Selmar Gans, Frankfurt a. M-, Baumweg 55. Verlobte. Rosa Schott, Worms, mit vr. moä. Fritz Gernsheim, Worms. Fanny Bernheim, Hechingen, mit Eugen Wolf, München. Laura Berg. Kaiserslautern, mit Hugo Michel, Kreuznach. Frieda Prager, Fürth, mit Rechtsanwalt vr, Erlanger, Stuttgart. Aufgebotene. Friederike Goldberg, mit Ferdinand Levi, Frankfurt a. M. Sterbefälle. Frankfurt a. M. Henriette Meyer, geb. Knopfmacher, 65 I., Oberlindau 64. Isaak Grünewald, Kaufmann, verh., 53 I., Königswarterstraße 26. Hermine Höchster, Verkäuferin, ledig, 311., Königswarterstraße 26. Hermann Alexander, Kaufmmm, verh., Zeit Id. Salomon Merlbach, Bankier, verh., 53 I. Worms. Isaak Löb, Kaufmann, 65 I., Carmeliterstr. 1. Einzelnummern unserer Zeitung sind bei sämtlichen Frankfurter Zeitungs-Kiosken zum Preise von 10 Pfennig zu kaufen. Frankfurter Israelitisches Familienblatfe. Abonnements and Inserate für das „frankfurter Israelit Jamiltenblatt“ nehmen die hiesigen Buchhandlangen: A. Rothschild, Bürnestrasse 13, A. J. Hoimann, illerheiligenstrasse « zn Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu IO Pfg. das Exemplar zu kaufen. Die Zusendung an unsere Abouneuteu wird auf s Sorgfältigste kontrolliert; Unregelmäßigkeiten bitte» wir» »ns sofort M melden. Wir bitten unsere geehrten Leser sich bei Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.

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