Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 20 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Bettage zu Nr. 20 des Frankfurter Israelitischen FamüieMattes. , (Nachdruck verboten.) Wesen und Bedeutung der Megillath Taanith. Bon Stistsrabbiner B- Bluingrund, Karlsruhe. (Schluß.) Und das war Maßstab' und Richtschnur für die Bestimmung jener Festtage, deren Sammlung Ai- X. bildet. Nur solche Errungenschaften werden gefeiert, ' deren Errinnerung geeignet ist, heiligende und das religiöse Bewußtsein stärkende Wirkung auszuüben. Nie mar ein die politische Macht des Volkes hebender Aufschwung, nie ein Sieg in einem ausschließlich um Haus und Herd geführten Kampfe ein Anlaß zur Festsetzung solcher Tage. Gar oft türmten sich während der Periode des zweiten Tempels dunkle Wolken über dem Horizonte der Juden, die sich in verheerenden Stürmen entluden, aber wenn sich die Stürme perzogen und die gewaltige Strömung der Geschichte, welche Judäa in ihre Strudel zog, in ein ruhiges Bett geriet, folgten Zeiten des Friedens und der Beruhigung: doch wenn diese Erhebungen nur Befreiungen aus politischen Nöten bedeuteten, wurde ihnen kein Denkmal auf dem Boden der Zeiten gesetzt. Stur Ereignisse, Ivelchc für die ideale Bestimmung des Volkes und seine religiöse Zukunftsentwickluilg von Bedeutung lvaren, wurden durch die Bestimmung eines Festtages verewigt. Diese Festtage sollten aber die Erinnerung nicht nur auf die Errungenschaften, Erhebungen und Erlösungen zurückführen, sondern auch aus die Zeiten des Druckes, der Drangsale, des ' Jammers und des Unglückes, die ihnen vorangingen. Der Geist und das Gemüt sollten sich nicht nur erheben zu dem Gedanken an Gottes rettender, schützender Gnade, sondern auch au sein erziehendes, läuterndes Walten, das in der Heimsuchung der Leiden sich kundgab. Wie ausdrucksvoll tritt uns diese Tendenz, in den Anordnungen entgegen, die dem ersten von M. T. verzeichneten Feste, dem Puriiilfeste, gelten, das uns heute noch Lust und Freude in unsere Wohnungen bringt. Die Megilla soll ganz gelesen werden, damit vor dem Bewußtsein der Feiernden auch das Moment auftauchte, wie gar Biele an den ünjüdischen, fiirstlichen Gelagen teiluahmen. Das schicksalsschwere Verhängnis soll als ' Folge der Lockerung des Bandes betrachtet werden, das Israel mit seiner Thora verbindet, und die unerwartete Errettung als Ergebnis der Selbstbesinnung, die in dem dreitägigen Fasten zum Ausdruck gelangte. Tie Ueberlieferung hat unverkennbar dem Purimfeste dieses Gepräge dadurch aufgedrückt, daß sie der Festesfreude das Fasten Esther vorangehen läßt. Unsere Weisen in ihrer tiefsinnigen Erfassung der biblischen Berichte bemerken: Das Abnehmen des Ringes, mit dem Achaschwerosch dem Haman die Vollmacht zur Vernichtung der Juden gegeben, habe eine ein-, dringlichere und heilsamere Wirkung ausgeübt, als sämüiche Mahnungen aller Propheten. Den Propheten gelang es oft nicht, 'ihre irregeleiteten Zeitgenossen auf den richtigen Weg zurückzuführen, dieser Thatsache gelang es. Die Gewalt und der Gehalt dieser Thatsache soll in den Freudenstimmen sich Gehör verschaffen. Sie ist als Erinnerung so wichtig und bedeutsam wie ein Prophetenwort. Wenn es wahr ist, daß der Geschichtsschreiber ein rückwärts gewandter Prophet ist, dann ist Megillath Taanith, das uns den historischen Hintergrund einer ganzen Reihe von Festen eröffnet, im besten Sinne des Wortes ein Prophetenbuch. Seitdem des Propheten Mund verstummt ist, ist wohl der in hochfinnigen-Menschen unmittelbar waltende „heilige Geist" aus Israels Mitte geschwunden, aber im wechselvollen Daseinsgeschicke des jüdischen Volkes tönt dem aufmerksamen Ohr der Wiederhall prophetischer Gedanken und Ideen entgegen. Die heiteren und die trüben Lose sind ein Abglanz und Widerschein der Verwirklichung so manchen Prophetenausspruches. M. T. ist ebenso lehrreich in dem, was sie weise verschweigt, als in dem, was sie bedeutsam kündet. Ist z? B. die Thatsache, daß sie die Wiederweihe des Tempels nicht als epochale That betrachtet und erwähnt, nicht von eindringlichster Belehrungskrast, und wirkt sie nicht mit zwingender Beredtsamkeit auf uns, wie die flammenden Prophetenworte, die mahnend auf den klaffenden Gegensatz Hinweisen, der zwischen dem Leben draußen besteht, und dem Geiste, der aus dem Heiligtum weihend hinausströmen sollte! Das Heiligtum stand erst damals in seiner Vollendung da, als der Thorageist den Volkskörper in all seinen Gliedern wieder belebte, und die Heiligkeit der Daseinsführung und die Reinheit des Familienlebens ihm die eigentliche Weihe gegeben — und der erste Gedenktag gilt wieder erst jenem Moment, da bei der bis zu dieser Zeit hinausgeschobenen Einweihungsfeier der Festungsmauern in erster Reihe die Thatsache gefeiert wurde, daß das Volk wieder mit seiner geistigen Mauer, mit seiner idealen Schutzwehr umgeben sei. lind das war das Werk jener Männer, welche die von Mordechai in Angriff genominene Thätigkeit im Exil auf dem heiligen Boden des Vaterlandes fortsetzten. Von dem Wirken Mordechais in Persien, der die Stimme Gottes aus den Ereignissen vernehmbar und Prophetenworte durch die Eindrucksgewalt gemachter Erfahrungen zum unveräußerlichen Besitze des Volkes machte, wird das Wort gesagt: Israel habe damals neu empfangen, was es am Sinai einst auf sich genommen. Maleachi — das ist Mordechai" und „Maleachi — das ist Esra", der Begründer jener heiligen Vereinigung, die in der Geschichte den hellklingenden Namen : Anschc Kinetheth Hagdola führt, als deren Mitglied der Tradition auch Mordechai erscheinen läßt. Mordechai hat die Würde seiner hohe» Stellung, in deren Besitz schon er heilsam für seine Brüder wirkte, 'verlassen,. um sich ausschließlich der hohen Aufgabe des Judentums zu widmen. Das Purimereignis ist auch in seiner weiteren Entwicklung erhebend, und hat auch in seinen Folgeerscheinungen nichts schädliches und verderbliches. Das Chanukafest, das anch zu den Festtagen der M. T. gehört, gilt nicht dem Makkabäerheldenmute, nicht den sieggekrönten Schlachten, nicht dem von Feindeshänden befreiten Boden des jüdischen Vaterlandes, es gilt einzig und allein dem Sieg des in Israels Kreisen wieder wachsenden Lichtes über die Finsternis, die sich auf die Geister und die Gemüter gelagert hatte, der Befreiung des Thorageistcs aus der Umklammerung des Heidentums. Die Erhebung der Makkabäer, welche dem Geiste des Judentums galt, hat zur Begründung der weltlichen Macht geführt, und der hierin liegende Widerspruch macht sich auch bei den Nachkommen jener Männer fühlbar. Mcht inehr galt die Gottcslehre als das höchste Gut, dem politische Ziele untergeordnet werden müssen. Aus Kosten des Jsraelsideals wird nach Erweiterung der äußeren Macht und einer glänzenden Stellung gestrebt. Im eitlen Königsglanze entfremdete sich das Makkabäerhaus immer mehr Israel und seinem Gesetze, und das Schwert, das einst für Israel und sein Gesetz kämpfte, wird gar oft über Israel und sein Gesetz geschwungen. Tie Schatten des Abends senkten sich, als sie dort in der Königsburg noch Hellen lichten Tag wähnten. Die Gesetzlehrer, diese treuen Wächter an beit Mauern Jerusalems, pflegten still und geräuschlos den Geist, der das Judentunl unabhängig vom Staate macht. Sie fühlten den Anfang vom Ende. Wie ein vorsorglicher Hausvater in gefahrdrohender Zeit, bestrebten sie sich, das teuerste Gut in Sicherheit zu bringen, damit die herannahende Sturmflut, wenn sie alles vernichtet, dieses nicht hinwegspüle. Sie versammelten sich zu einer Synode, um durch 18 wichtige Bestimmungen dem Judentum Halt und Festigkeit an Volksbewußtsein zu geben. Bei dieser Gelegenheit wurden die bisher nur in mündlichen lleberlieferungen lebenden Momente der Megillath Taanith gesammelt und niedergeschrieben. Sie fühlten, daß eine Zeit kommen wird, in der M. T. seine lebendige Wirksamkeit verlieren wird. Sie wollten es der Nachwelt zur. Erhebung und zur Belehrung erhalten. Und diese Zeit, sie kam heran. Staat und Tempel fielen in Feindeshand, und die Freudentage wurden wieder zu Fast- und Trauertagen. Stimmen machten sich geltend, daß auch die Festtage der Megillath Taanith ihre Daseinsberechtigung verloren haben, und doch fristet' sie ein lebendiges Dasein, und es werden noch einige Tage hinzugesügt. Alles hatte Israel verloren, aber seines geschichtlichen Daseins Kern war gerettet. Er stand da, ohne Staat, ohne Tempel, aber doch mit einem geistigen Mittelpunkt. In Jaban erblühte die Schule, aus dem das Judentum zu neuem Leben erstehen sollte. Ter Feind, der Staat und Tempel vernichtet, gab ahnungslos die Machtmittel an die Hand, um das geistige Judentum zu retten. Im Gefühl des Errungenen scheint anfangs die Wucht des großen Unglückes nicht mit seiner ganzen Schwere auf die Gemüter gelastet zu haben. Erst als der politisch kluge Römer merkte, daß mit dem Fortbestand des jüdischen Gesetzes auch der Fortbestand und die Widerstandskraft des Volkes gewährleistet sei, hat er die Unterdrückten die ganze Macht des Siegers fühlen lassen. Es kamen die blutigen Zeiten der hadrianischen Verfolgung, und man kam zum Bewußtsein, daß von nun an Israels geschichtliches Dasein ein großer Kamp und eine große Errettung sein werde, und daß die feiernde Erinnerung der alten Siege nicht mehr am Platze sei: Megillath Taanith hat aufgehört zu gelten! Nur zwei Tage, so lautet der offizielle Beschluß, sollten bis in die fernsten Zeiten ihre Haltung bewahren, Chanuka und Purim, weil zu offen und zu leuchtend an ihnen Gottes schützende Hand sichtbar wurde. Chanuka wird gefeiert durch das an den Thorageist erinnernde Acht, für Purim gilt die Forderung Mischte, Simcho und Mischloach Monoth. Chanuka" gilt der geistigen Errettung, Purim einer leibliche». Und doch dürften allch historische Gründe maßgebend geivesen sein, daß die Chanukafeier in ihrer bescheidenen "Art geblieben. Das Chanukaereignis ruft zugleich die Erinnerung an die Entartung des Makkabäerhauses wach, und die llebung ließ es bei dem Anzündeik der Lichter belvenden. An den Begebenheiten, denen die Purimieier gilt, hing das historische (Bedenken mit Vorliebe und Erhebung. Sie hatten anch in ihrer Fernwirkung und i» ihren Folgeerscheinungen dem Judentum Kräftigung und Festigung gebracht. Kein Schatten verdunkelt den Glanz der Erinnerung. Im Vordergrilnd tritt uns als leuchtendes Beispiel und strahlendes Vorbild Mordechai entgegen, der treu und ergeben ist dem Herrscher, dem er uitterthan, und zum Segen wirkt jiir das Land, dessen Bürger er ist, der in den Medcrungen und Höhen des Lebens unerschütterlich ist in der Anhänglichkeit an das heilige Erbgut der Väter, der nie das Knie beugt vor den Götzen des Tages, und von unbeirrter Thatkraft erfüllt, als die höchste Ausgabe seines Strebens das Wirken und Walten im Dienste des Jsraelsbernfes betrachtet. Familiennachrichterr. Geburten. Eine Tochter Herrn B. Strauß, Frankfurt a. M., Mainstraße 13. Einen Sohn Herrn Martin Loeb, Stuttgart, Augustenstraße 61. Einen Sohn Herrn L. Jkelheimer, München. Einen Sohn Herrn Ingen. G. Levy, Nürnberg. Verlobte. Jenny Stern. Frankfurt a. M, Mainluststr. 8 mit Carl Baer, Frankfurt a M„ Sandweg 6. Gella Schwab, Frankfurt a. M., Sandweg 46 mit Sally Cohn. Nürnberg. Sofie Bondi, Wien mit Ignaz Klei», Wien. Aufgebotene. Bertha Eschwege, Thüngen mit Kaufmann Wendel Rosenfelder, Frankfurt a. M. Franziska Sonnenberger, Frankfurt a. M. mit Kaufmann Max Louis Strauß, Frankfurt a. M. Eheschließungen. Dr. Gustav Stiebet mit Alice Roseubaum. Sterbefälle. Rosa, Tochter des Viehhändlers Aron Moses Stußbaum, 9 M. 4 T. Bertha Stern geü. Mayer, Ehefrau des Herrn Ludwig Stern, Würzburg, Hungerrina 20. 25 I. Regine Oppenheim ged. Goloschmwt, Ww., Frankfurt a. M., Guiolletstraße 3, 87 I. Marie Elisabeth Morgenthal geb. Munk. Ww., Frankfurt a. M., Lenaustrage 46, 66 I. Therese Steigerwald geb. Heynemann, Ww., Frankfurt a. M., Röderbergweg 62,' 88 I. SalomonBerlyn, Agent, Frankfurt a. M.,Rechneigrabenstraße 18, 73 I. Aaron Weill, Kaufmann, Frankfurt a. M., Schützenstraße 7. 62 I. Rbonnements und Inserate für das „frankfurter Israeli!, familienötaft“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Börnestrasse 81, A. J. Hofmann, Allerheiilgenstrasse 81 zn Origmalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets, die neueste Nummer zn IO Pfg. das Exemplar zn kaufen. Die Zusendung mt nufere Abonnenten wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; Unregelmätzigletten bitten wir, nns sofort zw melden. Wir bitten unsere geehrten Leier sich bei Einkäufen auf das Frankfurter Israel. Familienblatt beziehen zu wollen.