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Neue jüdische Presse · 1903-03-13 · Heft 19 (13.3.1903) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 19 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 19 des Frankfurter Israelitischen FamüieMattes. Fremde Einwanderer. 2er Kölnischen Zeitung wird unter obigeni Titel aus London geschrieben: . Seit einigen Jahren ist hier über zunehmende Einwanderung unerwünschter fremder Elemente geklagt worden. Anfangs waren diese Beschwerden mehr wirtschaftlicher Art; sie stammten aus Arbeiterkrcisen, die sich durch starkes Unterbieten auf dem Arbeitsmarkte geschädigt fühlten. Namentlich in der Bekleidungsindustrie, und nicht nur im Geschäft in fertigen und billigen Kleidern, ist der Wettbewerb der fremden und vorzugsweise der polnischen und russisch-j ü bischen Arbeitskräfte im Laufe der Zeit übermächtig geworden. Lange hatten diese eingewanderten Schneider ihren Hauptsitz im Osten der Hauptstadt. Allmählich sind sie dann aber auch nach Westen gelangt, und heute soll in deni alten, im Mittelpunkt Londons, zwischen Leicester Square und Oxsordstreet gelegenen Fremdenviertel Soho zu einer Gesamtbevölkerung von einigen 30000 Seelen, das russisch-polnisch-jüdische Element ein Kontingent von 15 000 eng zusammengedrängten Menschen stellen. Sie sind in der Mehrheit für die Bekleidungsindustrie thätig, arbeiten für Herren- und Damenschneider des Westens und 'werden zum Teil von den namhaftesten Hoflieferanten beschäftigt. Nebenbei sei erwähnt, daß auch unter den Unternehmern der Damenschneiderei jedenfalls, das fremde Clement von Jahr zu Jahr einen größeren Anteil an der Kundschaft gewinnt. Es war natürlich, daß die Jungschutzzöllner voni Schlage Sir Howard Vincents sich einen so dankbaren Gegenstand, mitdem man den weniger -rührigen 'Unternehmern wie Arbeitern trefflich den .Hof machen konnte, nicht entgehen ließen. Seit Jahren haben sie gegen den Wettbewerb der wohlfeilen minderwertigen fremden Arbeit getobt, und besonders seit die Einwanderung nichtsnutzigen Volks- und Verbrechergesindels augenscheinlich im Zunehmen war, laut und stürmisch die Eindämmung und Abhaltung unerwünschter fremder Einwanderung im Wege der Gesetzgebung verlangt. Inzwischen hatten . indessen die maßgebenden Kreise auch bezüglich der staatsmännischen Weisheit Sir Howard Vincents und seiner Genossen und Anhänger Erfahrungen gemacht. Die schließlichen Wirkungen des von diesen Patrioten durchgesetzten Stempels „made m Germany" haben manchem zu denken gegeben, und die Regierung war mit dem einfachen Ausschlicßen der Einwanderung nicht sofort bei der Hand, sondern ernannte zunächst eine königliche Kommission, um eingehende Erhebungen über den Gegenstand zu veranstalten. . Dieser Ausschuß ist gegenwärtig in voller Thätigkeit. Sir Howard Vincent und andere Hascher nach Volkstümlichkeit sehen darin indessen kein Hindernis gegen einen abermaligen Ansturm auf das Mini- , sterium zum Zwecke schleuniger Erwirkung eines Gesetzes nach amerikanischem Muster, um notleidende Einwanderer von Englands Küsten abzuhalten. Es wurde im Laufe der letzten Reden dieser Herren im Ünterhause viel Schlimmes von den fremden, Gästen und von der Schädigung der heimischen Industrie gesagt, allein Herr Gerald Balfour, der heutige und Herr Bryce, der ftühere liberale Präsident des Handelsamtes, sahen übereinstimmend die Frage nicht so einfach an, als sie den. schutzzöllnerischen Heißspornen erschien. Man erinnert sich, daß die englische Industrie vlamischen und hugenottischen Einwanderern, die vor Jahrhunderten zweifelsohne auch als arme Leute landeten, viel verdankt. Ohne Zweifel haben auch damals englische Arbeiter gegen die fremden Hungerleider geschimpft, allein die britische Jnndustrie vergangenerTage hat sicher durch ihre Thätigkeit mächtige Fortschrittegemacht. Auf alle Fälle hält die Regierung einstweilen, und ehe der Bericht des Ausschusses vorliegt, die Frage noch nicht für spruchreif. Auch im Publikum und in der Presse, ist man nicht gerade von dem Gedanken entzückt, die offene Thür Englands, auf die man von Geschlecht zu Geschlecht so stolz gewesen ist, armen, aber arbeitsamen Leuten vor der Nase zuzuschlagen und Schranken wieder aufzurichten, über die man lacht und spottet, wenn man von Rußland und der Türkei und von den Vereinigten Staaten spricht. Sogar der Daily Graphic, der, was sein Interesse an der heimischen Industrie und der Arbeit anbelangt, durchaus waschecht ist, hebt hervor, die fremden Arbeiter seien zumeist fleißige, sparsame Leute, weder dem Trünke ergeben, noch roh und gewaltthätig gegen ihre Weiber, und sogar im Punkte der Reinlichkeit, schon durch ihr Religionsgesetz, den einheimischen untern Klassen voraus, sodaß kein genügender Grund vorliege, sie auszuschließen. Anders liegt die Sache mit dem ausländischen Kontingent der Verbrecherwelt, das feit einigen Jahren, besonders aber in der allerneuesten Zeit, eine Rolle in der täglichen Gerichtschronik der Hanptliadt gespielt hat, die ganz außer Verhältnis zu der verschwindend kleinen Zahl der Ausländer in der ungeheuren Masse der Gesanitbevölkerung Londons teht. lieber die genauen Zahlen gab gerade kürzlich vor der königlichen Kommission der Vorsitzende des Gerichtswesens für den Londoner Grasschaftsbezirc interessante Auskunft: Die Ausländer haben zu. allen Zeiten in einer gewaltigen Stadt, die eine Zuflucht der Sünder vorstellt, einen unverhältnismäßig starken Anteil unter den vor den Gerichten erscheinenden Verbrechern gestellt. Jnl Jahre 1891 belief sich dieser Anteil auf 7 Prozent der Gesamtzahl. Zeh» Jahre päter, 1901, war aber dieses Verhältnis auf 11 Prozent und im vorigen Jahre gar auf 13 Prozent gestiegeir. Wer in diesen ersten zwei Monaten 1903 die Zeitungeil verfolgt hat, möchte fast befürchten, daß 1903 eine weitere Zunahme bringen wird. Unter den Verbrechen sind Einbrüche und Schleichdiebstähle am häufigsten und die Deutschen haben, wie es scheint, darunter den Löwenanteil. Sie durch eine Beschränkung bezüglich des Nachweises von Subsistenzmitteln abzuhaltcn, hielt dieser wie andere Zeugen voll dem Ausschüsse kaum für hinreichend, da gerade die gefährlichsten verhältnismäßig bemittelt feien und die den Anforderungen der Neuzeit entsprechende Ausrüstung mit den besten Werkzeugen für das Einbruchfach allein einen Wert von IM Pfd. St. darstelle! Freigesprochen loürdeil von den solcher Verbrechen Angeklagten nur sehr wenige. Tie Italiener sind hier wie anderswo viel 'chneller mit dem Messer bei der Hand, als für sie und ihre Umgebung gut ist. Sonst meinteder Zeuge, mail müsse die ausländischen Verbrecher in das Land ihrer Herkunft zurückbefördern. Neben dem ausländischen Wettbewerb bei Einbruch- und Einchleichdiebstählen scheinen sich unsere Landsleute von >er Verbrecherzunft neuerdings auch auf ein anderes Gebiet verlegt zu haben, das bisher Monopol der Engländer war, nämlich auf den Hundediebstahl. Da erschien z. B. innerhalb der letzten acht Tage ein gewisser Konrad Jäger vor den Schranken des Polizeigerichts. Ter Mann ist oder war seines Zeichens Schuster, scheint aber dieses Handwerk an den Nagel gehängt zu haben, denn die Polizei fand, als sie einem gestohlenen Wolfshunde nachspürte, bei ihm in einer Straße südlich der Themse in einem düstern geschlossenen Laden nicht weniger als 37 wertvolle Hunde. Darunter waren die gegenwärtig sehr beliebten Aberdeen Terrier mit 14, Collies mit 6, Bernhardiner mit 4, Tschautschous (chinesische Spitze) mit 3, Zwergspitze mit 3, Iorkshire Zwergsterrier mit 3, Foxterrier mit 2 l^emplaren vertreten. Dazu kam dann noch ein irischer Wolfshund und ein schwarzer Pudel, wie man sieht, eine wirklich feine Auswahl. Me armen Tiere waren sämtlich ganz erbärmlich ausgehungert. Wenn man bedenkt, daß für einen wertvollen Hund, der der Liebling des Hauses ist, hier oft 10 Pfd. St. „Finberlohn" oder Lösegeld gezahlt werden, so begreift es sich, daß dieser Zweig des Diebstahls seine Lockungen hat. Es dürste besagtem Jäger aber schlecht ergehen, denn namentlich bezüglich schlechter Behandlung der armen Köter versteht man hier keinen Spaß. Um dem Einströmen solcher und anderer Schurken Einhalt zu thun, denkt man zunächst hier nur an eine internationale Uebereinkunst zu gegenseitiger Unterstützung unter den verschiedenen Landesbehörden. Bileam's Esel. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die Bibel die Ausdrucksmittel der deutschen Sprache bereichert hat. Sieistjaso ergiebiaund somannigfalttg an bezeichnenden Wendungen, Bildern und typischen Vorkommnissen. Es ist daher begreiflich, daß die ältere Zeit, in der die Luther'sche Bibelübersetzung die einzige wohlvertraute Lektüre war, mit Borliebe in der Sprache der Bibel redete. Vieles ist dadurch zum eisernen Bestände des Sprachgutes geworden, ohne daß man fich dessen Ursprunges klar bewußt ist. Aber auch gewandte und erfindungsreiche moderne Schriftsteller gehen an diesem frisch sprudelnden Quell nicht achtlos vorüber. Nur schade, daß ste oft nicht unmittelbar aus dem Urquell schöpfen. Dunkle Reminiszensen aus dem Morgengrauen frühester äugend, da sie noch mit kindlichem Sinn biblischen eichichtsunterricht genössen, find es zumeist, die ihnen unklar vorschweüen, ober verschwommene Eindrücke bon irgend woher aufgcnommenen Lesefrüchten. Wenn dann diese biblischen Vorstellungen durch das Temperament der Schriftsteller zum Ausdruck gelangen, ist das Resultat oft eine drollige Verzerrung biblischer Citate, oder eine komische Zusammenstellung der verschiedenartigsten Momente. Ein Beispiel für mehrere sei hier festgenagelt. «Er zog aus Bileam's Esel zu suchen und brachte ein Königreich heim." Auf den üibellundigen Leser macht dieser Ausspruch den Eindruck eines Citates aus einer von Wippchen verfaßten biblischen Geschichte. Doch nein, es ist durchaus kein Produkt einer übermütigen Persiflage, sondern der gehobene Ausdruck und die pathetisch gefärbte Bezeichnung für die Thatsache, daß ein Mensch in dem Streben nach eineni Ziel rein materieller Natur etwas Unerwartetes, etwas Ideal- Großes und Beseligendes gefunden. Der bekannte Kunstkritiker und Literarhistoriker Franz Servais hat stch diesen Satz geleistet. In seiner jüngst erschienenen Biographie über Kleist leitet er den Passus, in dem er den Moment schildert, da Kleist auf einer Reise nach Würzbnrg den Dichter in sich entdeckt, mit diesen Worten ein. Ja noch mehr, Wilhelm Goldbaum, der dieses Werk in einem längeren Artikel in der Neuen Freien Prepe vom 8. März bespricht, zitiert als Probe der formvollendeten Darstellung diesen Passus und chreibt ruhig und ohne Bedenken diesen Satz ab. Das ist gewiß ein interessanter Beitrag für die ilsychologie der Jdeenagociationen und der kritiklosen Nachbeterei. Es ist aber zugleich geeignet, den ungeunden Respekt vor der Druckerschwärze zu erschüttern, rnd zur Vorsicht in der Aufnahme der Offenbarungen euer Schriftsteller zu mahnen, die von der Höhe ihrer Aufgeklärtheit und umfassenden Bildung leichtsinnige Urteile über Werden und Wesen der Bibel im unfehlbaren Tone der Sachkenntnis aussprechen oder weiterverbreiten. Bücher-Emgänge. Beiträge zur Geschichte der Juden in Bayern. 1. Die Bayerischen Parlamentarierjüdischen Glaubens. Bon Dr. A. Eckstein, Bamberg. Verlag der Handels-Druckerei Bamberg. 60 Pfennig. Erster Geschäftsbericht (1901—1902) des Hilfsvereins der deutschen Juden. Familiennachrichten. Geburten. Herrn S. Strauß, Marburg, eine Tochter. Verlobte. Ella Edesheimer mit Fritz Weiler, Frankfurt a. Ai. Aufgebotene. David Rotschild, Frankfurt a. M. mit Else Paula Herrmamr in Berlin. Sterbesä lle. Moses Loeb, 60 I., Frankfurt a Ai., Langestr. 4. Meyer Heß, 70 I, Frankfurt a. M., Frankfurterstraße 26. Jonas Stern, 30'I., Marburg a. Lahn. Gottschall Loeb, Beerstadt (Overheffen). Dora Schwarz, geb. Gochsheimer, Frankfurt a. M. Abonnements und Inserate für das „frankfurter Israelit farailieubtaii“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen: A. Rothschild, Bärneslrasse 31, A. J. Hofmann, Allerheiligenstrasse 87 zu Originalpreisen entgegen; daseihst ist auch stets die neueste Nummer zu 10 Pfg. das Exemplar zu kaufen. Einzelnnmmern unserer Zeitung sind bei sämtlichen Frankfurter Zeitungs-Kiosken zum Preise von 10 Pfennig zu kaufen. Frankfurter , Israelitisches Familienblatt. Die Zusendung au unsere Abonnenten wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; tttts regelmiitzigkeiten bitte» wir, uns sofort zu melde». 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