Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 16 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 16 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Eine Rickert-Stiftung. Die Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung erläßt, wie aus dem Inseratenteil unserer heutigen Nummer ersichtlich, einen Aufruf zur Gründung einer Rickert-Stiftung. Sicher wird dieser Aufruf auch in jüdischen Kreisen ein lebhaftes Echo finden. Hat doch Rickert zu jenen wenigen Männern gehört, die auch dem Juden gegenüber die Gebote des 'Rechts und des Anstands bewahren, 3it jenen Männern, die in jedem Menschen nur den Mensch zu achten wissen, unabhängig davon, in welchem Land und in welchen! Familienkreise seine Wiege stand! Aber noch ein Zweites ist es, was für den 'Aufruf sicher allgemeine Sympathie bei uns Juden erwecken ivird. Volksbibliotheken will die beabsichtigte Rickert- Stiftung ins Leben rufen; Bildung will sie also verbreiten. Bildung aber ist Licht; — und vor dem Lichte müssen die bösen Mächte der Finstemis, muß also auch der Antisemitismus weichen. Die Grnndsäulen des Judentums heißen: Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Menschenliebe; die Bildung aber ist die beste Waffe, um dieser dreifachen Parole zum Siege zu verhelfen. Wir sind sicher, daß die Zuwendungen aus den Reihen des jüdischen Publikuins sehr ansehnliche sein werden. Giebt es doch keine gute Sache, wo man nicht eine starke Beteiligung des jüdischen Elementes konstatieren kann! So lebhaft uns also das thätige Interesse unserer Brüder für alles Schöne und Gute freut, so sehr mügen wir es bedauern, daß man gewöhnlich nicht den Mut hat, zu verlangen, daß, wenn nachher das Erstrebte verwirklicht ist, die gerechten Forderungen des jüdischen Publikums sachgemäße Berückpchtigung finden. Hoffentlich wird es bei einer Stiftung, die den Mahnen Rickerts gewidmet ist, anders sein, und so rechnen wir darauf, daß die Rickert-Bolksbibliotheken auch ihre 'Abteilungen für jüdische Litteratur erhalten und daß in den etwa zu gründenden Lesehallen auch jüdische Zeitschriften zur Auslage gelangen. Ueber die Judenemanzipation in der Schweiz. (Schluß aus Nr. 12.) Tie Sache beschäftigte die Räte aber noch bis 1799, wo im März die Uebersiedelung nach Luzern stattgefunden hatte. Ta die Verfassung Angehörige vyn Korporationen nicht Bürger werden ließ, redete inan sich aus, die Judenniederlassungen in Endingen und Lengnan seien solche von der Verfassung gemeinte politische Korporationen. Huber-Basel richtete einen langen Fragebogen an die Judenschast. Ta hieß .es z. B.: Wie steht ihr zu den Rabbinern? Die Antwort der Inden lautete: Sie sind einfach unsere Religionslehrer. Wie und wofür können sie strafen? Sie haben kein Strafrecht, höchstens können sie Ehrenbußen verfügen. Wie sind die Rabbiner einander untergeordnet? Gar nicht. Welche Verbindungen bestehen unter den Juden der verschiedenen Länder? Keine als die gleichmäßige Religionsübung. Was ist ihre Lehre in Bezug auf die Bürgerpflichten? Tatz man sich den Gesetzen des Landes unterzieht. Giebt es keine Verbindungen unter den Juden, welche der Erfüllung ihrer bürgerlichen Pflichen im Wege stehen könnten? Nein. Kann der Jude dem Staat in jedem Berufe nützlich werden? Gewiß, wenn man ihm die Möglichkeit dafür ösfnet. usw. usw. Secretan-Lausanne begründete seine Stimmabgabe zu Gunsten der Juden mit dem Ausspruch, seine Kinder sollen nicht ein st um ihn erröten. Undwenn man sage,dieVolksvertreter hätten den Willen desBolkes a u s z u führen, soseientgegenzuhalten, daß die Repräsentanten nichtVertreter der Vorurteile des Volkes wären. Elminger - Reiben dagegen ineinte, am besten wäre es, alle Juden dem Bonaparte znzustellen, damit er sie nach Palästina abschiebe. Tiefer Redner provozierte schließlich einen großen Tumult, sodaß die Sitzung unterbrochen werden mußte. Item, der Große Rat lehnte die Einbürgerung der Juden ab und der Senat verhandelte gar nicht mehr darüber. Die Regierung hatte freilich noch bis 1803, ihrem seligen Ende, mit der Judenfrage zu thun, aber es drehte sich der Streit nur noch darum, ob den Israeliten dieselben Rechte wie den Fremden .eingeräumt werden sollen ini Handel einschließlich des Grunderwerbs. Tie Helvetik löste also die Judenfrage nicht, ein Jubiläum mit Begeisterung könnte heute, nach hundert Jahren noch nicht gefeiert werden. Allerdings gab der Redner zu, daß jenes kurzlebige Staatsgebilde, durch große Drangsale sich durchkämpsend, näherliegende Ausgaben hatte. Tie ganze Helvitik stand überhaupt in der Lust, sie hatte keinen Boden im Volk, aus dessen Fühlen sie nicht geboren war. Ter Februar 1803 brachte dann die Mediation, die Souveränität der Kantone wurde wieder hergestellt, den Bundesstaat repräsentierten bloß ein Landammann der Schweiz und die Tagsayung rediviva. Auch au diese trat die Streitfrage sofort wieder heran, der Aargau aber erklärte, er wolle mit seinen Juden selber fertig werden, lind der 'Aargau bekundete wirklich den guten Willen, sein Versprechen einzulösen : er^ schaffte nach und nach den Juden Erleichterungen. <-chon 180-, beantragte die Regierung ein sehr liberales Gesetz, es wurde allerdings verworfen, dafür eines von 180!) angenommen, das in den Grundzügen bis 1863 Recht schaffte. Als aber 1862 ein Gesetz die letzten Konsequenzen ziehen und die beiden Jndcnkorporationen Ober-Endingen und Ober- Le,ignau zu Ortsbürgergemeinden erhob, und den Juden das kantonale und eidgenössische Stimmrecht gab, da wurde der Große Rat vom Volke abberufen und ein anderes Gesetz erlassen, das bloß die Niederlassung in ander» Gemeinden, Heirat ohne Bewilligung usw. bieten wollte. Tie Jlldeu aber wandten sich an die Eidgenossenschaft und diese mußte den Kanton Aargau anhalten, den Juden nach eidgenössischer Verfassung Recht zu schaffen. Es dauerte aber noch bis 1877 bis zur vollen Einbürgerung, und die christlichen Gemeinden Endingen und Lengnau setzten ihren Widerstand bis vors Bundesgericht fort. Tas war die Turchkäntpfung der kantonalen aargauischen Judenemanzipation auf dein Gebiete der Einbürgerung. Unterdessen wurde, etwas früher noch, im Bunde die Frage der Niederlassung liquidiert. Die Bundesverfassung von 1848 gab bekanntlich den Juden hierin noch nicht gleiche Rechte mit den Christen. Tas verursachte dann aber Schwierigkeiten bei Abschluß von Staatsvcrträgen mit Ländern, welche den Juden volle Rechte einränmten, so mit den Vereinigten Staaten, den Niederlanden, und 1864 erklärte Frankreich, es schließe nur unter der Bedingung ab, daß man alle seine Bürger, ob Christ, ob Jude, in der Schweiz aus gleichen Fuß stelle. Tamit wurden die fremden Juden in der Schweiz bessern Rechts als die ernheimischen, und so sah man sich wohl oder übel gezwungen, 1865 den Art. 41 der Bundesverfassung abzuändern. Ter Vortragende ermahnte seine Glaubensgenossen zum Schluß, den erlittenen Truck nicht zu vergessen, freilich nicht der Rache wegen, sondern weil die Erinnerung vor Uebermut bewahren und läutern soll. Letzte Berichte. Deutschland. Berlin. Die jüdische Ar^eiterkolonie Weißensee hat in dem nun verflogenen ersten Jahre ihres Bestehens die Probe auf ihre Lebensfähigkeit und Notwendigkeit im günstigsten Sinne bestanden, denn es sind mit dem ersten Jahre 12 067 Verpflegungstage geleistet, wofür an Menge 5672 Mark ausgegeben wurden, das ist pro Kops und Mann zirka 47 Pfennige exklusive Berwaltungskosten. Arbeitslohn wurde von den Unternehmern 5774 Mark bezahlt. Gegenwärtig ist die Kolonistenzahl 60. Es können jedoch noch viel mehr untergebracht werden, wenn sich genügende Beschäftigung finden möchte. Nähere Auskunft erteilen die Vorsitzenden Herren Markus Adler, Georgenstraße 46 a und Moritz Rosenow, Ritterstrabe 7, auch Inspektor Behrendt in der Anstalt selbst, Wörthstraße 20, Telephon Amt „Weißensee" Nr. 192. Getragene Kleider, Wäsche, Schuhzeug werden erbeten und abgeholt. Rumänien. Bukarest. Die neueste Nummer des «Roumanian Bulletin"' veröffentlicht einen Brief des Königs (damals noch Prinzen) Carol, den dieser am 18/30. August 1867 an Sir Moses Montefiore geschrieben hat. Dieser Brief lautet in der Nebersetzung folgendermaßen: Herr Baron! Ich enipfange Ihren Brief vom 27. August, von dem ich mit lebhaftem Interesse Kenntniß genommmen habe. Wie ich Ihnen bereits persönlich Mitteilen konnte, sind die Wünsche, welche Sie in BetreffJhrer Glaubensgenossen hegen, schon erfüllt. Die Israeliten sind Gegenstand all meiner Sorgen und derjenigen meiner Regierung und ich freue mich, daß Sie nach Rumänien gekommen sind, um sich davon zu überzeugen, daß die religiöse Verfolgung, von der Bosheit so viel Lärm gemacht hat, nicht existiert. Wenn Juden belästigt worden sind, waren das nur vereinzelte Zwischenfälle, für die meine Regierung nicht die Verantwortung übernehmen kann. Es wird mir stets ein Ehrenpunkt sein, Achtung vor der religiösen Freiheit zu sichern, und ich werde unermüdlich über die Ausführung der Gesetze wachen, welche die Israeliten beschützen, zusammen mit allen anderen Rumänen, mit Bezug auf ihre Person und ihr Eigentum. Empsangen Sie, Herr Baron, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Charles. Zu diesem Briese bemerkt das „Rouiuanian Bulletin" mit Recht, daß er ein unangenehmes Licht wirft auf die „Hilflosigkeit cines konstitutionellen Herrschers in den Händen gewissenloser Minister", denn die Schilderung der damaligen Verhältnisse in Rumänien war ebenso unbegründet wie die Versprechungen illusorisch waren. Briefkasten. M. Sie müssen als Frankfurter 'Abonnent die Zeitung jeden Freitag im Laufe des 'Nachmittags erhalten. Wir haben schon einige Male die Beobachtung gemacht, daß die Dienstboten die Zeitung nicht abliefern. Boranzeigen. Sonntag, den 22. Februar, nachniiltags 5'/- Uhr im Rnß.-Poln. Bais Hamidrasch „oiuin" über „<-eder Seroim" unter Leitung des Herrn Rabbiner Rnbinstein. Verein Montefiore. Mittwoch. den 25. Februar, abends!> Uhr. Theobaldstraße 5, Vortrag des Herrn Fritz Sondheimer: Jung Jüdische-Kunst. rft * * Verein Nachlas Z'w i. Aiitlwoch, den 2.5. Februar, abends 8'/, Uhr. Seilerstraße 22, Vortrag. Familiennachrichten. Frankfurt a. M. Geburten. Herrn ür. me<l. Carl Stamm, Hamburg. Colonaden 41 c. Sohn. Herrn 'Mar Müller, Frankfurt a. Al.. Königstr. 6 e. Söhn. Herrn Jos. Rothschild, Frankfurt a. M„ Obermain-Aninge 19 e. Tochter. Verlobte. Clothildc Ehrmann, Darnistadt, mit Maier Lüwenthal, Kissingen. Ella Aischmann, Köln, mit Siegmund Kahn. Frankfurt a. M. Wera Moos, Ulm, init Julius Strauß, Ulm. Aufgebotene. Rosy Roßbach. Frankfurt a. Bk., mit Max Marx. Frankfurt a. M. Johanna Hirsch, Mannheim, mit Max Eisenkrümer, Frankfurt a. M. Geistig zurückgebliebene, aber noch bildungsfähige Kinder erhalten in der B. WilSt'schen Erziehungs-Anstalt in Norvhausen a. Harz die bestmöglichste Ausbildung. 6 Lehrkräfte. Vorzügliche Referenzen. Prospekte. In der Anstalt wird auch israelitischer Religionsunterricht erteilt. Wilhelm Glücklich Gegr. j Schillerstras.se 4, i> Gegr. | 1879. | /Frankfurt a. M. 1879.! Immobilien, Hypotheken. Abonnements and Inserate für das „frankfurter Israelit, Jamüfen&latt“ nimmt die hiesige Firma: £• Rothschild, hebräische Buchhandlung, Börnestrasse 33 zu Originalpreisen entgegen; daselbst ist auch stets die neueste Nummer zu IO Pfg. das Exemplar zu kaufen.