Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 8 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Ho. $ des frankfurter israelitischen Samilienblattes v. 19. Dez. 1902. Letzte Berichte. Frankfurt a. M. Am Montag, den 15. Dezember, fand unter dem Vorsitz des Herrn Fritz Sondheimer ein gut besuchter Vortragsabend der Frankfurter Zionistischen Bereinigung statt. Herr Lehrer IuliusGans sprach über das Be lkind'sche Projekt zur kulturellen und wirtschaftlichenHebung der palästinensischenJuden. Der Referent verstand es, das an sich trockene Thenra, den Plan zur Gründung einer Landbanschule in Palästina, sehr anziehend zu gestalten. Einleitend teilte er mit, daß Herr Bclkind, der Urheber des Planes, zu der Schar jüdischer Studenten der Petersburger und Moskauer Universität gehörte, >die vor ungefähr 20 Jahren unter dem Namen ,H'ac- Bilu" (Abr. der Worte: „Bcß Jakow l'chu w'nelcho", d. h. Haus Jakobs kommt, läget uns ziehen!) sich zusammenfanden und in jugendlicher Begeisterung iit das Land unserer Väter zogen, um aus dem alten heiligen Boden neuen Segen fiir ihr leidendes Volk zu entlocken. Sie waren es auch, die unter großen Entbehrungen und Mühen die erste Kolonie in Palästina gründeten; so den Beweis bringend, daß das jüdische Volk noch die Fähigkeit nicht verloren habe, in ehrlicher, schwerer Arbeit den Boden seiner einstigen herrlichen Geschichte wieder aufblühen zu lassen, und daß ihm hierbei kein Opfer zu groß, keine Mühen zu schwer seien. Herr Belkind ivar ferner der Begründer der Jaffaer-Schule, die infolge verschiedener Umstände in die Hände der „Alliance" und der „Jca" hat übergeben werden müffen. Dadurch ist die Zahl der Pflanzstätten französischen Geistes und ftanzöstscher Sprache, welche — wie bekannt — von den genannten Gesellschaften im Orient gefördert werden, um eine vermehrt worden. In der neu zu gründenden Schule soll es nun anders sein; Hebräisch wird Unterrichts-und Umgangssprache; der Religionsunterricht wird auf der Ucberlicferung, auf Bibel und Talmud basieren; und so ist Wohl die Hoffnung begründet, daß die Zöglinge dieser Schicke keine Halb- oder Viertelnden sein werden, sondern voll und ganz National- und Religionsjnden. Die Schule ist als Internat gedacht, die Zöglinge sollen darin auch verpflegt lvcrden, und soll jeder Schüler 500 fr. jährlich zu entrichten haben. Nach 3 Jahren fällt auch diese verhältnismäßig kleine Summe iveg, da der Zögling dann als praktischer Arbeiter in die Kulturen der Schule eintritt und dadurch seinen Unterhalt selbst verdient. Es sollen auch fiausindustrieen eingesührt werden, soweit dieselben em Landmanne nötig sind. Die Älrbeitsdaucr an den Wochentagen soll nicht weniger als 4 Stunden betragen, auch in den unteren Klassen nicht, denn Theorie und Praxis sollen möglichst Hand in Hand gehen. Die veranschlagten Kosten sollen die Summe von 100 000 fr. nicht übersteigen, damit soll alles angeschafft, die Gebäude errichtet und der nötige Boden sür die Kulturen der Anstalt erworben werden. Ueberdies soll die Schule die genannte Summe im Laufe von 30 Jahren, von dem 5. Jahre ihres Bestehens anfangend, znrückerstatten können. Als Einnahmen der Schule werden in Aussicht ' genommen, das schon erwähnte Schul- und Pen>ronsgeld, der Ertrag der Kulturen der Anstalt und auch die voraussichtlich namhaften Zuwendungen von jüdischer nationaler Seite, die früher der Jastaer-Schnle zugute kamen. Das Referat schloß mit der erfreulichen Mitteilung, daß begründete Aussicht vorhanden sei, das Schulprojekt bereits in nächster Zeit zu verwirklichen. Der Vorsitzende, Herr Fr. Sondheimer. sprach dem Referenten für seine glänzenden Ausführungen den Dank derVersammlung aus und eröffnete die Diskussion. Es nieldete sich von gegnerischer Seite zunächst Herr Offenbach er; er sagte, ihn habe bis jetzt das utopistische ain Zionismus abgehalten, sich ihm anzuschließcn; und auch in diesem Schulplan erblicke er derartiges, denn sonst müßte doch die „Jüd. Colonialbank" die Errichtung dieser Anstalt übernehmen? Herr Hirsch glaubt, sich deshalb dem Zionismus nicht anschlicßen zu können, weil der Führer der zion. Bewegung zu tolerant sei; so habe er in Hcrzls neuem Roman eine Stelle gefunden, die davon Zeugnis ablege. Ein auswärtiger Gast, ein Herr Bacharach, fragte, welche Sicherheit wir haben, daß in der neuen Schule der echt jüd. Geist gewahrt und gepflegt werden wird. HerrBerlowitz erwiderte Herrn Offenbacher: Es entbehre nicht einer gewissen Komik, wenn wir unsere Politiker auf der Bierbank und auf der Kanzel von dem utopistischen Zionismus noch immer reden hören, während große Staatsmänner und Herrscher den Zionismus ernst nehmen und seine Ziele ftir ausführbar halten. Zangwil sagte auf deni V. Kongresse: „Unsere Gegner sagen, der Zionismus sei ein Traum! ja, wie sollte es denn anders sein, wenn die Juden schlafen?" Auch Herzl habe seinem Roman Altneuland das Motto vorausgeschickt: „Wenn ihr wollt, so ist es kein Märchen!" Gewiß, wenn alle Juden der Ansicht wären, daß ihnen das Judentum zunächst verbiete — Juden zu sein, und daß der Patriotismus nötige — die Weltgeschichte auf den Kopf zu stellen, so wäre es schlimm bestellt rnn das arme jüdische Volk; aber G. s. D. so weit sind wir noch lange nicht, und von Tag zu Tag mehrt sich die Zahl derer, die begreifen lernen, was ihnen in Wirklichkeit das Judentum und ihre wahre Ehre zur Pflicht macht. Herrn Hirsch gegenüber bemerkte Herr Berlowitz, es sei nicht richtig, Dr. Herzl mit dem Zionismus zu indentisizieren. Was das Buch Altneuland beträfe, so dürfe es nur als literarisches Werk beurtheilt werden, und als solches habe es auch, trotz der abfälligen Besprechung in der Frailkfuter Zeitung, in maßgebenden Kreisen seine Würdigung gefunden. Altneuland will uns einen Blick in eine Zeit thun lassen, in der das jüd. Volk nicht mehr der Ahasver der Weltgeschichte ist. und dies ist Herzl in seinem Buche gelungen, es hat aber mit dem Programm der zion. Partei und mit der zionistischen Idee nichts zu thun; diese ist nicht das Gut eines einzelnen, mag er auch Dr. Herzl heißen, sondern Genicingut des jüd. Volkes. Herrn Bacharach, der sich um den Geist des Judentunrs besorgt gezeigt hat, benierkte Herr Berlowitz, dieser Geist habe eine ffür einen Geist sehr merkwürdig gesunde Constitution und dürfe man deshalb sicher sein, daß das Judentum nicht planmäßig und mit Gewalt unterdrückt werden könne, daß es vielmehr auf jüd. Boden herrlicher blühen werde, als in dem Exil. Herr Goitein bemerkte darauf unter anderem, die jüd. Kolonialbank habe andere und höhere Aufgaben, als irgendwelche Experimente zu machen; sie muß ihre Kräfte sammeln und bereit halten für jenen großen Augenblick. wo das Schicksal des jüd. Volkes sich entscheidet. Herrn Hirsch brachte Herr Goitein die so oft in der Thora wiederholten Worte: »Den Fremdling sollt ihr lieben" in Erinnemng. Herr Eohn meinte: Wenn man zu unseren lieben Gegnern koimnt, um sie zur Zeichnung von Shares der jüd. Kolonial-Bankzu veranlaßen, so find sie gewöhnlich nicht zu Hause; aber mit gicken Ratschlägen geizen sie nicht und find unerschöpflich in Auffindung von Projekten für die jüd. Bank. „Stroh wird uns nicht gegeben, aber Ziegel sollen wir machen!" Herr Bacharach wm unbezwingbar und unerschöpflich in der Wiederholung seiner Frage: „Woher haben wir die Sicherheit, daß in der Landüauschule in Palästina der echte jüd. Geist gepflegt werden wird?" Es hat nichts genützt, daß von Verschiedenen versucht wurde, seine Bedenken zu zerstreuen, u. a. von Herrn Dr. med. Meyer, der ihm klm zu machen suchte, daß die Zionisten schlecht ihre eigenen Interessen verstünden, versuchten sie es, dem jüd. Geiste Eintrag zu thun. Herr Bacharach ließ sich aber nicht bekehren. Der Vorsitzende, Herr Sondheimer, hob in seiner Schlußbesprechung hervor, daß doch die 59 Rabbiner, die sich an der altrussischen Zionistenkonferenz beteiligten, doch fromme Männer seien und trotzdem oder vielmehr eben darum gute Zionisten. S. B. Voranzeigen. Verein „Tiferes Bachurim". Sonntag, den 21. ds„ abends 8»/« Uhr, im Bereinslokale, Herniesweg 25/27 lReligionsschule): General- Versammlung. Gäste willkommen. Verein Montefiore. Mittwoch, den 24. Dez., abends 9 Uhr, im Saale der „Suppenanstalt", Theobaldstraße: Vortrag. Gäste willkommen. Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebens» anschauung. Donnerstag, den 25. Dez., abends 7'/, Uhr im großen Saale des „Kaufmännischen Vereins" (Langestrage 26) Akademische Festsitzung. Verein „Mckor Chajim", Schützenstraße 14, 1. Sonntag, den 21. Dez., abends 6 Uhr: Bortrag des Herrn Rabbiner vr. I. Bondi, Mainz über: „Der jüdische Krieg unter Hadrian". Gäste willkommen. Wochen - Kalender. Freitag, 19. Dezember 1902, 19. Kislew 5663. SaÜbath-Anfang: 4 Uhr. Samstag, 20. Dezember 1902, 20. Kislew 5663. Sabbath-Ausgang: 5 Uhr 15 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. i Sehillerstrasse 4,1. Gegr. 1879. 1 Frankfurt a. H. 1879. Immobilien, Hypotheken. m---in ▼J%e|en- 1 jSchirme| in grossartiger Auswahl mit eleganten soliden Griffen. . Sämmtlicbe Neuheiten. Silbergriffe sehr billig. Kinder und Schulschirme von Mk. 1.50 an. Sa Eis, Schnurgasse 38 Reparaturen und Ueberziehen Fr. Lang, Frankfurt a. M- Uhren, Goldwaaren und Juwelen. Zeit 9 und Kaiserstr. 81. Alleinige Niederlage der „Union Horlogere“-Gesellschaft vereinigter Schweizer und Glasliütter Uhrenfabrikanten. 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