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Neue jüdische Presse · 1902-11-07 · Heft 2 (7.11.1902) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 2 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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SüteMS Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 2:' begleichen find. Die Einnahmen des Vereins beliefen sich im abgelaufenen Geschäftsjahre auf 26,000 Mark, denen die Ausgaben mit 20,000 Mark gegenüberstehen. Fkaickfurt a. M. Heinrich Rickert. der edle und unermüdliche Kämpfer für die heiligen Menschenrechte, die man uns Juden so gerne rauben möchte, ist in die Ewigkeit hinübergegangen. Sowohl im Reichstag, als auch im Landtag, war es zu aller Zeit der Christ Rickert. der als unser Anwalt mit allem Freimut seines edlen Herzens austrat. während die jüdischen Abgeordneten, wenn einmal die Judenfrage aufgerollt wurde, ihre Beredsamkit plötzlich verloren. Das jüdische Volk wird dem Heimgegangenen stets ein dankbares Andenken bewahren! Aachen. Dienstag, den 28. dieses Monats. hiÄt Herr Dr. Adolf Kohut aus Berlin im hiesigen „Verein für jüdische Geschichte und Sitte* ratur" einen Vortrag über das Thema: „Josel von Rosheim, ein Anwalt der Juden". — Nachdem Redner eine kurze Vorrede über die Entwicklung und Verfolgung der Juden im Mittel- ' alter gehalten hatte, ging er zur Schilderung Josel von Rösheim's über. — Er stellte ihn in überzeugender Sprache unter Anführung einer Reihe von Thatsachcn, als ein Vorbild jüdischer Wahrheits-, Rechts- und Nächstenliebe dar. Sch. Petersburg. Folgenden interessanten, aber herzbeklemmenden Fall von Zurückweisung jüdischer, nach Bildung strebender Jünglinge berichten hiesige Blätter: Abraham Braunstein, Sohn eines armen Angestellten aus dem Städtchen Tschimischlija im Gouvernement Bcsiarabien, hat ohne Lehrer und Hilfe die Prüfungen für die vierte Klasse der ■ Realschule in Kamrot glänzend be standen. Allein der Direktor der Realschule verlangte von Braunstein die Beibringung einer polizeilichen Bestätigung, daß er das Wohnrecht in Kamrot, welches in einer Entfernung von 50 Werst von der Grenze liegt, genieße. Die Polizei verweigerte ihm die gewünschte Bestätigung. Er überreichte eine Beschwerde an den Senat. Aber es verstrich inzwischen ein volles Jahr, die Entscheidung blieb noch immer aus! Da meldete sich Braunstein zu den Prüfungen für die fünfte Klasse an. er bestand auch diesmal die Prüfungen glänzend, wurde dennoch zum Besuche der Schule nicht zugeloffen.- In diesem kritischen Augen blicke langte die Entscheidung des Senates an, wonach dem Beschwerdeführer der Aufenthalt in Kamrot bis aus Weiteres gestattet wurde. Auch das Ministerium des Innern räumte ihm dieses Recht ein. Allein der Direktor wies auch diesmal den armen Judenknaben zurück.' Die von Braunstein dem Kurator des Odeffaer Lehrbezirkcs überreichte Beschwerde wurde nun dahin beantwortet, daß der Ukas des Senates noch keinen genügenden Grund bildet, um Braunstein die Pforten der Realschule von Kamrot zu öffnen weil dazu angeblich das Recht des beständigen Aufenthaltes nötig sei, während der Senat ihm dieses Recht nur bis auf Weiteres eingeräumt habe. Petersburg. Im Einvernehmen der russischen Ministerien des Innern und des Aeußern wurde dem russischen Generalkonsul in London gestattet, der jüdischen Wohltätigkeits Gesellschaft Passierscheine ouszufolgen, um die jüdischen Emigranten aus Rußland, welche ohne Paß ihr Vaterland verließen und jetzt dahin zurückkehrcn wollen, damit zu versehen. Von dieser Erlaubnis, welche als Versuch rrteilt wurde, sind die Gou verneure und das Polizei-Departement in Kenntnis gesetzt worden mit der Beifügung, daß die Pasiicr scheine die rückkehrenden Juden von gerichtlicher Verfolgung wegen heimlicher lleberschreitung der Grenze und von Bezahlung der Paßsteuer nicht befreien. Petersburg. Wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, werden der Mitte 9ioven>ber in Petersburg zusammentretenden Rabbiner-Kommision hauptsächlich Fragen vorgelegt werden welche Bezug auf das jüdische Familienrech haben, um diese Fragen mit den Bestimmungen des neuen russischen Zivil-Geschbuches in Harmonie zu bringen. Unter diesen Fragen befinden sich sie Bestimmungen des jüdischen Familienrechts über „Chaliza" und über „Aguno". Die russische! kegierung scheint den Wunsch zu hegen, - die jüdischen Bestimmungen über „Chaliza" und Aguno" von der Rabbiner-Kommifion annulliert zu sehen . . . Wien. Am 29. Oktober fand hier die Jahreskonferenz der zionistischen Partei statt und zwar unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, des Herrn Dr. Theodor Herzl. Herr Dr. Leopold Kahn konstatierte in seinem Referate über den .Stand des Zionismus in den einzelnen Ländern" ein erfreuliches Fortschreiten der zionistischen Bewegung. In der offiziellen Einladung des Oesterreichers, Dr. Herzl, als Experte der königlichen Einwanderungskommission in London und in der Ernennung eines „offiziellen" jüdischen Konsuls citens der englischen Regierung für Südafrika, ieht der Redner die erste staatliche Anerkennung rer zionistischen Organisation als Vertretung der Judenheit. _ Nachdruck verboten. Eine wunderbare Geschichte. Humoreske von S. F. Der Dorfgänger Jainkef Blütenduft stand wieder einmal an einem Montagmorgen an der Thüre seiner Wohnung, den Stock in der Hand, um, wie er es schon seit vielen Jahren gethan, aufs Dorf zu gehen, um da von den Bauern allerlei zu erhandeln. Altes Messing, kupfernes und zinnernes Kochgeschirr, Hasen- und Karnickelelle, Hasenhäute und wenn es das Glück wollte, auch einmal das werthvolle Fell eines Marders oder Iltis. Freitag Vormittag pflegte er dann mit geülltem Sacke nach Hause zu kommen, dann verkaufte er die erhandelten Sachen an den Großhändler David Eibenschütz und in der Regel blieb ihm dann soviel Gewinn übrig, daß er mit seiner ehrbaren, braven, frommen Gattin, nach den Religionsvorschriften den Sabbath feiern konnte und daß er, wenn er Montag morgens seinen Dorfgang von Neuem antrat, seiner Frau 3 Gulden zurücklaffen konnte, welch' kleinen Betrag seine Frau Hannele so geschickt einzuteilen verstand, daß sie den Bedarf an Lebensmittel, für sich und den kleinen Moses, Holz und Kohlen und was man sonst noch im kleinsten Haushalt braucht, von den paar Gulden in Ordnung bringen konnte. Gewöhnlich pflegte Jainkef an einem solchen Morgen hoffnungsfreudig das Haus zu verlassen, er dachte, daß es ihm gelingen werde, gerade diese Woche besonderes Masel zu haben und irgend einen vorteilhaften Kauf zu machen, sein Weib wußte er mit dem nötigsten versorgt, Not brauchte sie während seiner Abwesenheit nicht zu leiden und wenn auch der Zchrpfennig, den er ihr zu Hause lasten konnte, nur für kaum 6 Tage reichte — die nächste Woche —. so hoffte er immer, wird Gott schon weiter helfen. Diesmal aber war Jainkef Blütendust tiei betrübt, er zögerte mit, dem Fortgehen und obwohl sein Weib sich alle'Mühe gab, ein fröhliches Gesicht zu machen, so wußte der brave Gatte doch, wie traurig ihr innerlich zu Mute war. Sollte er doch heute zum erstennial fei ihrer Verheiratung seinen Dorfgang antreten ohne seinem Weibe auch nur einen Kreuzer Wochengeld daheimlaffen zu können. Er hatte seit 2 Wochen sehr schlechte Geschäfte gemacht und zudemhatte ihn das Unglück betroffen, daß er die Woche vorher einen Fehlkau ' gemacht hatte. Für 5 Gulden hatte er bei einem Bauern ein Marderfell erstanden und als er es nach Haus brachte, zeigte es sich, daß das Fel am Rücken durchschoffen war. Jainkef mußte zuletzt froh sein, daß ihm sein Engrosabnehmer David Eibenschütz 3 Gulden für das entwertete Fell bezahlte. Kurz gesagt, diese zwei schlechten Geschäftswochen hatten den armen Dorfgänger total rüinirt und sein ganzes Vermögen belief sich jetzt aus. 5 Gulden. Das war aber ein eiserner Bestand, . )en durste er um keinen Preis anrühren, denn: womit sollte er dann seinem Handel nachgehen. „Geh bescholem, mein lieber Mann", sagte Frau Hannele, als ihr Mann noch immer unchlüssig an der Thüre stand, „geh mit Gesund und sorge Dich nicht weiter um mich, ich werde mir schon helfen". Was sollte der arme Jainkef hun, traurig reichte er seinem Weibe die Hand, prechen konnte er nicht viel, dazu war ihm zu Hange ums Herz, darum bot er ihr nur den religiösen Gruß, küßte andächtig die Mefufeh und verließ das Haus. Hannele schaute ihm nach, „nebbich", murmelte sie, „der arme Jainkef weiß noch nicht einmal alles. Der Mehlhändler und der Kaufmann haben mich schon gestern mahnen geschickt 'ür Mehl und Spezereiwaaren, die ich Freitag morgen auf Borg genommen habe und ich weiß nicht, wovon ich heute und morgen leben werde, es ist kein Biffen Brot da. Frau Hannele war aber sonst eine kluge muntere Frau, keine Kopfhängerin und so stand ie nur eine Weile ratlos da, dann kam ihr ein guter Einfall, den sie sofort auszuführen beschloßt Reb David Eibenschütz war ein reicher aber jerzloser Mensch, der das ganze Jahr keinem Armen auch nur einen Kreuzer schenkte. Dabei war er im höchsten Grade mißtrauisch und hätte einem eigenen Bruder keine 50 Kreuzer geborgt. Lr pflegte zu sagen, „bevor ich jemandem etwas borge/ lieber schenke ich ihm was", aber wenn er etwas schenken sollte, dann jammerte er über )ie schlechten Zeiten — kurzum bei David Eibenschütz war jede Bitte umsonst. Nur eine schwache Seite hatte der Mann, er war wie alle ungrbildeten Leute sehr abergläubisch und es war leicht, ihm die wunderbarsten Sachen zu erzählen — er glaubte in dieser Beziehung alles, wenn es nur recht unnatürlich zugegangen sein sollte. Heute am Montag Vormittag sortierte er, wie üblich, die alten Metallstücke, die er am letzten Freitag von den Dorfgängern erhandelt hatte," da öffnete sich die Thür und hereintrat Hannele, die Ehefrau von Jainkef Blütenduft. Nach den üblichen Begrüßungsworten trug Hannele ihr Anliegen vor. Sie komme zu Herrn Eibenschütz, er möge so gut sein und ihr ein merkwürdiges Ereignis erklären. Vor 14 Tagen Freitag habe sie 2 zinnerne Eßlöffel auf den Backofen gelegt und selbe in der Vergessenheit bis zum Montag liegen laffen, wie sie dann am Montag nachgesehen habe, seien die 2 zinnerne Eßlöffel dagelegen, aber das Wunderbare dabei war, es waren auch noch außerdem 2 kleine zinnerne Löffel da. ganz aenau von derselben Form wie die großen. — Es war nicht anders möglich, die 2 großen Löffel mußten sich auf dem warmen Ofen gepaart und die 2 kleinen Löffel ausgebrütet haben. David Eibenschütz schüttelte ungläubig den Kopf — Frau Hannele nickte aber ganz energisch. — „Ich begreife Reb David, daß ihr das nicht gleich glauben wollt — habe ichs doch auch nicht glauben wollen. Aber hört nur weiter. Ich habe geglaubt, es ist ein Irrtum von mir oder,' daß ein Fremder die 2 kleinern zinnernen Löffel hingelegt hat — aber schließlich man kann nicht wissen. es geschehen Wunder. Ich wollte mich nun überzeugen und habe vergangenen Freitag wieder 2 Messingene Mörser auf denselben Platz am Backofen gestellt und denken Sie .sich Reb David, wie ich vorhin nachsehe — stehen richtig die 2 messingenen Mörser noch da und die haben sich wirklich und wahrhaftig wieder gepaart und haben diese 2 kleinen messingenen Mörserchen ausgebrütet." Dabei zog Frau Hannele unter ihrer Schürze triumphierend 2 große und 2 kleine Mörserchen hervor und hielt sie dem hocherstaunten David Eibenschütz vor die Augen. Gegen solche Beweise war ein fernerer Zweifel unmöglich. —

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