Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 2 (1933)
- Issue
- 3 = März/Aprl (4.1933)
- Date
- 1933-04-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1 ■ '״׳ י-,,» JÜDISCHE,RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 3, März/April 1933 te־־; m Das Jubiläum einer Zeitschrift ZS Jahr« ״Hapod'Muair* V - Das Jubiläum der Wochenschrift ״Hapoel Hazair״, das in den nächsten Tagen begangen werden wird, ist nicht nur für die Arbeitcrpartd, deren Organ die Zeitschrift ist, ein be- ־ךי' deutendes Datum. Weh über die Kreise der Parteigenossen 1 hinaus ist es für viele ein Gedenktag der Entwicklung des gjy■• •״ Qedankens in Palästina. Denn der ״Hapoel Hazair“ war י nicht nur das Blatt einer Partei, er war durch viele Jahre der Sammelpunkt der besten Kräfte des literarischen Schaffens des 'יי' . * Landes, und durch sein Medium vereinten sich geistige und? körperliche Arbeiter in Palästina zu einer Gemeinde. Der fMann des Pfluges und der Mann der Feder waren hier wirk-! ׳ lieh Genossen, sie nannten sich nicht nur so — bis die letzte Entwicklung der Dinge in Palästina den ״Hapoel Hazair“ zum!;,y Parteiorgan der neuen ״Vereinigten Arbeiterpartei“ machte. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn man behaup- £'•' tet, daß die 25 Jahrgänge der Zeitschrift das wesentlichste; Material zur zioni9tisch-palästinensischen Geistesgeschichte; ׳ liefern. Hier vollzieht sich vor allem die Auseinandersetzung der großen geistigen Mächte der Zeit, im An- Schluß an die gescheiterte russische Revolution von 1005. ' Nationalismus und Sozialismus, Religion und Gemeinschaft, •v Arbeit und persönliche Verwirklichung als ethische Idee —! dies sind die Probleme, mit denen ringend die Menschen des ׳.׳<'׳׳!/■ Hapoel Hazair ein neues Leben aufbauen, und die Zeity schrift ist kein literarisches oder journalistisches Dokument, L־;,׳■ sondern ein Spiegel dieses wirklichen Lebens. ij Die erste gedruckte Nummer des Hapoel Hazair IV::. — vorher erschienen zwei hektographierte Nummern — trägt V' das Datum Cheschwan 5668, sie ist der Zensur wegen in Kairo gedruckt worden. Der erete Redakteur des Blattes war Josef £ Aronowitsch. (Eine sehr schöne Charakteristik von Arono- ' witsch hat Brenner geschrieben. Sie steht im sechsten Bande v seiner Werke, Seite 209.) Es ist interessant zu lesen, wie die V Probleme, die heute im Mittelpunkte der Aufmerksamkeit der Arbeiterschaft stehen, schon damals die Herzen bewegten. , Die Partei des Hapoel Hazair trat mit dem Programm der ״Eroberung der Arbeit“ auf, um das auch heute noch der V Kampf geht. In einpi heftigen gegen (ihren heutigen Partei- . genossen) Ben Zwi gerichteten Artikel tritt die Redaktion &׳■'.. r für die nationale Solidarität und gegen die Klassen- ' Solidarität mit dem arabischen Arbeiter ein. Der damalige Hapoel Hazair erhoffte noch, daß einmal auch die jüdischen IpV ‘. Arbeitgeber sich ihm anschließen werden. ״Nicht KlassenfcfeSt' kämpf wollen wir predigen, sondern Schulter an Schulter für &V ' ein n a t i 0 n a I e s Ziel arbeiten. Die kämpfenden Klassen vergessen ihren Gegensatz, sobald die gemeinsamen nationalen lnter essen das fordern. Im gegenwärtigen Augenblick verlangen die nationalen Interessen von uns, mit allen unsern Kräften das nationale Kapital heranzuziehen und nicht es zu bek&mpfen zu einer Zeit, wo es noch gar nicht da ist. Um die Arbeit zu erobern, kamen wir nach Palästina, sie von denen zu erobern, welche sie heute tun. Und wenn hier der Ort ein«* nationalen Kampfes ist, so kann Her kein Platz sein ' für internationale Solidarität.“ V Der ־ Kampf zwischen den Gedanken der nationalen und j$^׳der internationalen Solidarität hat seither nicht aufgehört, die y Arbeiterschaft zu beschäftigen, wenn er auch heute bedeutend;/ abgeschwächt ist und die nationale Ideologie, die so klar und V;*ungeschminkt in dein ersten Hefte der Zeitschrift verkündet 1r7V.wiSde, sich durchgesetzt hat, 80 daß heute die damals in js-T''Ihrem Namen Bekämpften sie sich zu eigen gemacht haben. -;’׳־:.PR Funktion des Hapoel Hazair war jedoch nicht in erster ^: 'L|nie der Kampf um eine Ideologie, sondern der Kampf um ^:;ל; dR Bildung einer Gemeinschaft, eines Bundes der Arbeiter,;wie er nur in den kleinen Verhältnissen des damaligen ^t>J'>;Ralfi*tina entstehen konnte. So wurde der Zibbur Hapoalim (die Gemeinschaft der Arbeiter) geschaffen, keine ״Partei“, י.r.5';־4׳'sondern ein Bund. Aeußerlich tritt in den Bänden der Zeit- *chrfft dies dadurch hervor, daß die Genossen aus allen Teilen des Landes Korrespondenzen schicken, so daß die Leser über;;••die Vorgänge in den einzelnen Kolonien und ״Punkten“ der Siedlung vorzüglich unterrichtet werden. יי Diesem Bunde der Arbeiterschaft gehörten von Anfang an die besten Schriftsteller des Landes an. Brenners Artikel Un Hapoel Hazair müssen vor andern schon deswegen hervorgehoben werden, weil sein Feuilleton im Hapoel Hazair vom 24. November 1910 (jetzt im 6. Bande der gesammelten Werke) einen Sturm hervorgerufen hat. Der Artikel war freilich des .*Sturmes nicht wert. Ein typisch freidenkerischer Artikel, der — anläßlich der Diskussion über Judentaufen — hervorhob,, daß für ״den nationalen Juden die Frage der Religion be- ' ■deutungslos sei, daß er sich von der ״Hypnose der Bibel“ befreit habe, daß er als freier Mensch das neue Testament als ״Fleisch von unserem Fleische“ anerkennen könne, sich zur christlichen Theologie stellen könne wie er wolle oder auch dem theologischen Gezanke gleichgültig gegenüberstehen könne, ohne deswegen mit seiner jüdischen Einstellung irgend- ן wie in Konflikt zu geraten. Dieser Artikel erregte Achad! Ha am, der unbegreiflicherweise bei Brenner Neigungen zum Christentum vermutete, und auf seinen Antrag hin wurde dem Hapoel Hazair die Subvention des Odessaer Chowewe Zion- Komitees entzogen. Dieser Beschluß gab Anlaß zu vielfacher Polemik und zu Protestresolutionen der Schriftsteller — das Bestehen des Hapoel Hazair wurde dadurch nicht gefährdet. Unter den literarischen Unternehmungen der Redaktion vor dem Kriege verdient eine besondere Erwähnung die Herausgäbe zahlreicher populärer Broschüren über Fragen der Wissenschaft und des Lebens, die weite Verbreitung fanden. Im Kriege erschienen, herausgegeben von der Redaktion der Wochenschrift, eine Anzahl sehr guter Sammelbücher. Der Hapoel Hazair führte damals einen leidenschaftlichen und heroischen Kampf gegen die Propaganda für eine jüdische Legion. In einer späteren Periode hat dann die Persönlichkeit von A. D. G o r d 0 n nicht nur die Partei Hapoel Hazair, sondern auch die Wochenschrift bestimmt. Gordon war ein erbitterter Gegner des marxistischen Sozialismus, den er als eine lebensferne Mechanisierung betrachtete. Nicht eine neue ״Gesellschaft“, so war seine Parole, gilt es aufzubauen, sondern ein neues Volk. Gesellschaft sei etwas Mechanisches, Volk etwas Organisches, und der Aufbau des . Volkes, so verkündete Oordon, kann nur dadurch kommen, daß sich das Individuum selbst befreit von den Schlacken einer falschen Intellektualität, einer erstarrten Begriffswelt und . eine« von der Natur losgelösten ״parasitären“ Lebens und sich :;ל wieder dem Rhythmus der Natur und des Kosmos hingibt und durch die Arbeit seiner Hände mit der Erde verbindet. An Stelle der ״Partei“ mit ihren Programmen und Proklamationen sollte die Lebensgemeinschaft und die unmittelbare Verwirklichung treten. Diese Ideen, die in der Zeitschrift verkündet wurden, fanden ein lebhaftes Echo auch in der jüdisehen Jugend Mittel- und Osteuropas. Besonders in Mitteleuropa empfand man eine Verwandtschaft mit der Gedankenwelt, die der jüdischen Jugend durch Martin Buber und die diesem nahestehenden Kreise vermittelt worden war. Während aber im damals entstandenen ״mitteleuropäischen Hapoel Hazair“ diese Ideen vielfach im Literatentum stecken blieben, sah man in der palästinensischen Wirklichkeit die reale Erfüllung. Die Prager Konferenz 1920 schuf den organisatorischen Rahmen für eine Verbindung beider Gruppen. Für die Wochenschrift bedeutete dies eine neue Periode. Der Hapoel Hazair hat das große Verdienst, der starken geistigen Bewegung, welche in den letzten Kriegsjahren und den ersten Nachkriegsjahren die jüdische Jugend Mitteleuropas erfaßte und die damals vor allem im ״Juden“ ihren Ausdruck fand, den Weg zum hebräischen Leser geebnet zu haben. Die Synthese dieser beiden Welten war durchaus keine einfache Sache, denn zwischen der engen, in sich gefestigten, erdschweren Ein- Stellung des jüdischen Arbeiters und der weiten, aus allen Quellen Europas gespeisten, und doch wieder wurzellosen Welt der jüdischen Intelligenz Mitteleuropas lag eine weite Kluft. Sie durch mehrere Jahre überbrückt zu haben, ist ein wesentliches Verdienst L u f b a h n s, der bald nach Kriegsende die Redaktion von Aronowitsch übernahm. Die Bände aus dieser Zeit sind Ausdruck einer beginnenden Gedanken- und Gefühlsverschmelzung, die von wichtigen Folgen für Palästina und für das mitteleuropäische Judentum hätte werden können. Die Prager Konferenz, so wichtig auch ihre geistigen Wirkungen waren, hat aber zugleich eine neue Wendung für den palästinensischen Hapoel Hazair und damit auch für die Zeitschrift angebahnt. Der Hapoel Hazair, der früher eine etwas sektiererische Gruppe war, wurde dadurch zu einer Massenpartei, die allen Gesetzen des Parteiwesens unterlag. Immer mehr geriet das Parteimäßige in den Vordergrund. Durch die mächtige Entwicklung des Zionismus und der Palästina-Siedlung wurde dann später eine Annäherung des Hapoel Hazair an die früher bekämpfte sozialistische ״Achduth Awodah“ bewirkt, und seitdem sich vor drei Jahren die beiden Parteien vereinigten, ist der ״Hapoel Hazair“ in das Parteiorgan der vereinigten Arbeiterparteien verwandelt worden. Dadurch hat sich sein Charakter etwas geändert; die geistige Vielfältigkeit, die der Zeitschrift früher das Qepräge gab, ist einer größeren Uniformierung gewichen — eine Erscheinung, die wir auch im europäischen Parteileben beobachten können. Es wäre schade, wenn die heutige Jugend, besonders auch die in Palästina geborene, ohne jede Kenntnis dessen aufwüchse, was die Zeitschrift ״Hapoel Hazair“ in den 25 Jahren ihres Bestehens in Palästina repräsentiert hat. Vielleicht gelingt es der Festpublikation, die anläßlich des Jubiläums angekündigt wird, die Bedeutung dieses Vierteljahrhunderts ins rechte Licht zu rücken. b. w. Zum Problem eines hebräischen Nationaliheaters Von M. Y. Ben-gavriöl (Jerusalem) Nachdruck verhüten 1 Es ist keine ganz einfache Aufgabe, über das Theater in einer Gesellschaft, die sich noch im AuId&u befindet, kritische Bemerkungen zu machen, denn es ist naheliegend, daß die Ge- Seilschaft Jede Kritik an einer außerhalb der politischen Sphäre liegenden Institution, die also sozusagen Nationalgut ist, als antipatriotische Tat bezeichnet. Wäre diese Gesellschaft heute schon so weil — sie kann es natürlich noch nicht sein «*—, die primären Aufgaben eines Theaters, das mehr sein will als reine Unterhaltungsstätte, dem es also nicht daran liegt, dem Film Konkurrenz zu bieten, zu erkennen, dann wäre die Aufgabe des Kritikers eine wesentlich leichtere. Da aber der Kritiker, eben durch seine kritische Tätigkeit, in einer jungen Gesellschaft die Rolle eines auf bauenden Elements trägt, muß er diese Rolle trotz ihrer höchst unpopulären Schwere bis zum Ende tragen. Der Kritiker ist natürlich kein Prophet; er weiß nur eines sicher: daß das hebräische Theater ־־־ wenn es die politischen und die wirtschaftlichen Umstände gestatten werden — ein National theater sein w i r d. W a n n es dies sein wird, das freilich weiß er nicht. Die Wege, die nicht zu diesem Ziel führen, die also, außerhalb der politischen und der wirtschaftlichen Sphäre liegend, die Erreichung dieses erstrebten Zieles retardieren, zu beleuchten, ist seine Auf gäbe. e Vor allem steht die Frage zur Beantwortung: was ist die Aufgabe des Theaters in aer jungen jüdischen Gesellschaft Palästinas? Die Antwort darauf muß eine absolut eindeutige und scharf konturierte sein: es ist die Aufgabe eines Aufbauinstitutes, seine Mission ist die Mission eines Pioniers der hebräischen Sprache und der hebräischen Kultur. Das hebräische Theater, das die wichtigste Rolle im geistigen Aufbau der Gesellschaft trägt, hat den Sinn, die Verbindung dieser Gesellschaft mit einer — wieder im Entstehen begriffenen — eigenen Kultur und ihrer Sprache herzustellen und das künstlerische Gewissen dieser Gesellschaft zu wecken. (Diese Rolle sichert dem Theater im allgemeinen Aufbau eine Stellung zu, die ebenso wichtig ist, wie aie eines politischen oder Ökonomischen Volksinstruments; die Gesellschaft ist daher verpflichtet, ihr Theater genau so zu überwachen, wie sie ihre ökonomischen und politischen Institutionen überwacht.) Diese, im Zeitalter der in ihren nationalen Grundbedingungen bereits gefestigten Nationen ungewöhnlich gewordene Aufgabe eines Theaters ist es, welche unserer Bühne eine in aller Welt exzep tionelle Stellung verleiht. Kein anderes Theater ist das Thea ter eines Volkes im Aufbau und keine andere Schaubühne hat die heroische Aufgabe einer Pioniertruppe. Um zu erkennen, was unser Nationaltheater sein soll, müssen wir uns vor allem klar werden, welchem Zweck die Bühne in einer national bereits gesicherten Gesellschaft dient, die in dem ihr spezifischen Milieu und Sprachkreis erwachsen ist. Wenn man von Tendenzzwecken — wie im modernen Rußland — und von den Zielen des Theaters als moralische, respek• tive moralisierende Anstalt absieht, ist das Nationaltheater einer solchen Gesellschaft der prägnanteste Ausdruck ihres künstlerischen und nationalen Willens, welcher Milieu, histo־ rischen Erinnerungen, historischer Schicksalsgemeinschaft und Sprachkreis entspricht. Darüber hinaus Instrument zur För* öerung und Aufmunterung autochthoner Dichtung und dar• stellender Kunst — (auf Grund der diesemvolk s p e zifi sehen künstlerischen Gesetzen!) — und schließlich, loteten Endes, Instrument zur Vermittlung fnemder Dichtung und andersartiger Kulturen. Bei einem Volk aber, das, wie das jüdische Volk Palästinas, noch keine homogene Masse mit gemeinsamen, der Landschaft, Tradition und Sprache entsprechenden künstlerischen Zielen, Formen und Bewegungstendenzen darstellt, dessen Lebens- und Denkstil ein nicht einheitlicher ist, wäre eine derartige Programmsetzung für den Anfang verfehlt. Abgesehen von der Verpflichtung, die im Volke schlummernden dichterischen Kräfte zu erwecken, gibt es heute noch kaum eine Vergleichsbasis mit der Bühne anderer Völker. So kann es heute noch nicht Aufgabe des hebräischen Theaters sein, fremde Dichtung in hebräischer Uebersetzung zu spielen, besonders in einer Zeit, da die Assimilation an Europa und an die westeuropäischen Kulturen (nicht zuletzt durch den Tonfilm!) — ungeheuer den Aufbau einer spezifischen Kultur Palästinas gefährdet. (Man mißver* stehe mich nicht: diese Wahrung liegt von jeder «hauvinistisehen Tendenz polar abseits! Ich glaube, daß die vorsich■ t i g e Loslösung von dem Kulturbündel des Westens erst die Möglichkeit für die Existenz einer hebräisch-palästinensischen Kultur gibt, die eigene Formen und eigene Inhalte besitzt. Gehen wir diesen Weg nicht, dann wird unser Los das k u 1 ־ turelle Los des christlichen Arabers, des Verlevantinerten sein, wobei, um den einzigen wesentlichen Unterschied hervorzuheben, bei uns das Theater die Rolle der Missionsschule übernimmt.) Ich glaube also: das palästinensische Theater kann in dieser Zeit erst in zweiter Linie Gewicht auf künst• lerische Spitzenleistungen legen, ohne die jüdisch-kulturelle Aufgabe zu gefährden. Diese spezifische Aufgabe umfaßt vor allem: Höherbildung, Erweiterung und Fixierung des Sprach- Schatzes, derart, daß auch der einfache Mann der Straße daran partizipiert, und außerdem: Aufbau einer Mentalität, welche an jenes Judentum wieder anknüpfen will, das von fremden Einflüssen am wenigsten zersetzt war. Es ist also keineswegs Mission eines neuen jüdischen ־— also h-ebräisch-palüstinensischen — Theaters, systematisch Reminiszenzen aus der ״Dybukperiode“ des Volkes zu pflegen, wie es durchaus nicht seine Mission ist, die völlig an die russischen oder deutschen Sprachgesetze assimilierte rhonetik des Hebräischen gedankenlos weiterzuführen. Endlich einen erlösenden Schritt zur richtigen Phonetik unserer Sprache zu tun, könnte jedes hebräische Theater dieser Tage unsterblich machen. Man kann die gewaltige Problematik unseres jungen Thealex's nicht in einem kurzen Artikel darstellen, doch man kann es versuchen, durch Kritik einen Weg zu weisen, der aber wahrscheinlich weit schwierigem ist, als die Realisierung irgendeines wirtschaftlichen oder politischen Gedankens, denn hier handelt es sich um grundlegende Aenderung der Massenmentalitäit in Dingen, die auch tief in das Leben des täglichen Tags hineingreifen. Man muß klar machen, daß in dieser Zeit das jüdische Theater nicht der Ausdruck einer bestehenden Gesinnung — (oder Gesinnungslosigkeit) — zu sein, sondem vielmehr aie Gesinnung der Zukunft zu formen hat. Diese Gesinnung aber, soll sie mit dem Milieu und der neuen geschichtlicnen und gesellschaftlichen Sendung jüdischen — (also der palästinensischen) — Kernzelle übereinstimmen, diese Gesinnung kann nicht aus den Dybuksphären eines in Auflösung begriffenen Milieus und einer vor hundert Jahren verstorbenen oder zumindest seit damals erstarrten Mentalität geholt werden. Die weißen Socken eines katholisierten Chassidismus passen etwa so auf die Bühne unseres Nationaltheaters wie der Dybuk in die Seele der reinen Jungfrau. Diese Gesinnung kann einzig und allein aus den realen Gegebenhelten der Landschaft und aus den Problemen des Aufbaus — vom wirtschaftlichen bis zum religiösen — geholt werden, wie aus jenen Partien jüdischer Historie, die k u 1 turell und gesinnungsmäßig beispielgebend, also jüdischspezifisch im Sinne einer erstrebten Gegenwart sind. Zweitens: es geht weniger um den Aufbau eines Theaters, das mit den Manstäben jener Theaterkulturen zu messen ist, welche durchaus andere Aufgaben in ihrem Volke haben, sondern um den Aufbau einer eigenen hebräisch-palästinensischen Schauspiel k ul tur. Dieses Ziel aber führt zu einer Ueberlegung: kein nationales Theater der Welt konnte seine ״primitive“ Periode, die Periode der Volksspiele, der Fest- und Gelegenheitsspiele umgehen, weil diese Spiele die Fundamente jedes nationalen Theaters bilden. Versuchen wir daher, FestspieJe zu stellen, die mit den nationalen und den religiösen Festen irgendwie verknüpft sind und trachten wir, daß die natürliche Lust am Theaterspielen und Regieführen nicht ins Welttheater führt, wo wir heute noch nichts zu suchen haben, weil wir keine eigenen Elemente zum Weiterbau dieses Welttheaters mitbringen. Jede Großmannssucht in dieser Beziehung muß vom wahren Ziel dieser Bühne abl-enken. Unser Theater ist nicht organisch erwachsen, ist ein Gemenge von Theaterversuchen aller Völker, vermischt mit ein paar jüdischen Senti menten und den Ergebnissen einer verrückten Programmwähl und Versteinerungen uus Perioden unserer europäischen Dekadenz. Wenn wir aus dieser Kenntnis die Konsequenzen ziehen — dann erst können wir daran denken, ein jüdisches Theater in Palästina zu bauen, dessen Mission nicht geringer ist, als die neuer Siedlungspunkte, als die einer Sprachakademie oder einer Universität. Landschaft, richtig gesprochene und richtig artikulierte Sprache und Aulbaugesinnung sind die untrennbar ineinander verknüpften Elemente, aus denen sich spezifisch jüdische Theaterkunst entwickeln kann — wenn die hebräische Gesellschaft einsehen wird, daß sie einer eigenen Kunst bedarf. Mit diesen Bemerkungen möchte ich sagen: daß das jüdische Palästina versagen muß, solange wir nicht die Phantasie haben, aus dem politisch-geographischen Bezirk Palästina in die Landschaft Palästina hinauszuschreiten, das heißt, daß wir unter Verzicht auf alles angelernte, noch so verlockende Europäertum uns demütig in die Schwingungen des in allen seinen Aeußerungen spezifischen Lebensraums zu schmiegen haben und daß, andererseits, unsere künstlerische Position heute noch durchaus keine gesicherte ist, daß wir also, Volk, Dichter und Schauspieler, mit uns und mit dem, was wir bereits erreichten, uns durchaus nicht zufrieden geben dürfen. Eine Synagoge ansgegraben Jerusalem, 20. März. (J. T. A.) Wie offiziell mitgeteilt wird, wurde soeben unter der Aufsicht des Altertums-Department der Palästina-Regierung auf dem Berge Karmel in Haifa eine Synagoge aus dem 6. Jahrhundert ausgegraben. Zwei Drittel des Fundamentes, das rechts unter neuerbauten Häusern liegt, konnten bereits freigelegt werden. Es wunde ein Stück des Mosaikbodens freigelegt, auf dem Darstellungen eines Tierkreises, zweier siebenarmiger Leuchter, anderer Gegenstände des Rituals und zwei Inschriften in hebräischer Sprache zu lesen sind. Die Hebräische Universität leistete der Regierung bei ihrer Arbeit Hilfe. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Georg Landauer, Berlin - Wilmersdorf. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Druck von Siegfried Scholem, Berlin •Schöneberg. T tBSaesSsj&:X!L' {