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Jüdische Rundschau · 1936-12-30 · Heft 104-105 (30.12.1936) · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 104-105 (30.12.1936)
Date
1936-12-30
Page
– (sequence 23)
Language
German
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KINDER-RONDSCHAU 4. Jahrgang / Nr. 24 Die Mücke Piekawiwah Sie stammte aus einem Fürstengeschlecht. War doch der Stammvater der Familie 75 Generationen zurück auf dem Schiff ״Galiläa“ von Europa nach Palästina ausgewandert und hatte während der stürmischen Ueberfahrt Geistesgegenwart genug besessen, den Herrn Kapitän persönlich in die Nasenspitze zu stechen! Denselben Kapitän, der gerade tags zuvor geäußert hatte: ״Wer es fertig bringen sollte, mich zu beißen, der kann sich wirklich — ,von׳ — schreiben.“ Also nannte sich die ganze Familie, sobald sie in Tel-Awiw seßhaft geworden war, ״von“. Mit der Zeit aber wurden sie ganz verrückt vor Adelsstolz. Ehe Tat des Urvaters spreizte ihnen die Flügel. Sie wollten alle nur noch in Kapitänsnasenspitzen stechen, und aus Mangel an ihnen wurden sie blutarm und schwermutig. Als jedoch in der 76. Generation Piekawiwah ans Tageslicht schwirrte im Hafen von Tel-Awiw, wo ihre Eltern auf Kapitäne lauerten, hob sie sich sofort durch die ordinäre Munterkeit ihres Fluges unvorteilhaft von der ganzen übrigen Sippe ab. Sie surn^e ununterbrochen und aus allen Flügeln vor Vergnügen. Dabei konnte sie nur mit äußerster Strenge davon zurück gehalten werden, auch von dem Blute einfachster Arbeiter zu naschen. Eines Tages kam es dann auch richtig zum Krach zwischen ihr und einem sehr einflußreichen Urgroßonkel. ״Von mir aus Kapitänsnasenspitze“, summte die unverschämte Piekawiwah. Damit flog sie auf und davon. Merkwürdigerweise aber bevorzugte sie trotz ihrer gewöhnlichen Veranlagung nur allerhöchsten Hoch stkom fort. Sie beanspruchte günstige Verkehrslage, unmittelbare Aussicht auf das Meer, Zentralheizung, Warmwasserversorgung und netten Familienanschluß mit möglichst gleichaltrigen Kindern. Dies alles fand sie endlich in der Hayarkonstraße bei der Familie Sebulon. Vater, Mutter und die beiden Kinder Josef und Ruth, alle vier zum An* beißen. Sie ahnte ja nicht, daß der 11jährige Josef — ein großer Erfinder — ihr Schicksal bereits fertiggebastelt in der Tasche trug. Doch davon später. Zunächst ließ sich Piekawiwah nach dem langen Flug gemächlich auf einer Zimmertür bei Sebulons nieder. Flitgeruch stieg ihr beißend in die Nase. Pfui Teufel! Aber ich erzählte es euch ja schon gleich am Anfang, daß sie zwar ein ordinäres, doch äußerst sonniges Gemüt hatte. Der kleine Aerger verdroß sie nicht lange. Husch, schwirrte sie mit dem Surren eines Großflugzeuges um die empfindiche Glatze des Hausherrn. ״Wir müssen den Kindern heute nacht Räucherkerzen ins Zimmer stellen“, sprach er darauf. ״Ohne mich, Adon Sebulon“, summte Piekawiwah, die dieses Zeug schon einmal zu rie* chen bekommen hatte. Schleunigst suchte sie sich von Ruths Rücken die süßeste Stelle aus, das Grübchen zwischen den beiden Schultern, gerade frisch gekühlt von der Dusche. Es schmeckte ihr wie Vanilleneis mit Kirschen. Aber die kleine Ruth kratzte sich lange und unfroli und bekam m ihren vielen Beulen noch eine dazu. ״Wenn ich die fange, werdet ihr euch mal wundern“, murmelte Josef geheimnisvoll und kramte in seiner Tasche. Dann wurde es Nacht und dunkel. Die Kinder gingen wirklich mit Räucherkerzen zu Bett. Da war für eine noch so gescheite Mücke nichts mehr zu holen. Die Eltern Sebulon stiegen inzwischen mit ihren Gästen aufs Dach. Die Stühle reichten nicht aus, so viele waren es wieder. Und je mehr Besuch kam, desto mehr freuten sich Sebulons. Der Vater zog sich eine Kellnerjacke an, die Mutter eine Servierschürze. Nun liefen sie beide treppauf, treppab, um alle Wünsche zu erfüllen. ״Bitte ein Eis!“.... ״Zweimal Kaffee“ .... ״ganz gerne B atkartol'fein“.... ״mit dem Magen nicht in Ordnung, vielleicht eine kleine Diätschüssel“, so rief es ununterbrochen durcheinander, übertönte das gleichförmige Rauschen des Meeres. Wenn die Gäste dann satt waren, bewunderten sie den Mond, wie er rücklings seine schimmernde Sich el auf den Wellen schaukelte. Piekawiwah wunderte sich. Sie saß jetzt auf der Lampe des behaglichen kleinen Gastzimmers. Hier sollten zwei müde ältliche Fräulein übernachten, die scheinbar das Klima von Tel-Awiw nicht recht vertrugen. Diese Frau« lein wollte ״sie schon gehörig aufmuntern. Gesagt — getan! Kaum hatte sich der letzte Gast entfernt und die Lichte im Hause waren erloschen, da stürzte sich Piekawiwah unter Absummung des vom Urvater durch 76 Generationen über* lieferten Schnadahupferls: ״Ich stech nicht Matrosen — ich stech den Kapitän — Und lieber in die Neese — als in die harten Been’. Holla di hiah, hollah di ho ....“ auf alle erreichbaren Stellen der ahnungslosen Schläferinnen* Und schließlich wandte Piekawiwah ihren sauber ge• wetzten Stachel gegen des Hausherrn linken Fuß, Mittelzehe rechts oben, die fürwitzig aus dem Laken lupfte. Dort biß sie sich fest, voll Schelmerei. Sie kicherte geradezu vor Vergnügen. Dies jedoch und ihr zielsicherer Stich sollten ihr zum Verhängnis werden. Erwachend schlug Herr Sebulon zu. Es fehlte nicht viel, er hätte sie überhaupt ermordet. So aber, verwirrt durch die Dunkelheit, lähmte er ihr mit markiger Faust ein Flügelchen. Mit stummer Klage fiel sie zu Boden. Nun ^beteiligte sich auch die Hausfrau an der Schlacht mit einem zierlichen Pantoffel, den sie geschickt als Geschoß benutzte. Trotz alledem blieb Piekawiwah noch am Leben. Da trat, vom elterlichen Lärm geweckt, Josef der Erfinder ins Zimmer. Mit einem Blick hatte er die Lage überschaut. ״Haha“, lachte er vergnügt, ״das habe ich mir schon lange gewünscht!“ Damit war er schon wieder zur Tür hinaus״ Verwundert sahen die Eltern ihm nach״ ״Heutzutage sind die Kinder doch manchmal wirklich völlig unverständ« lieh“, seufzte die Mutter. Schon kam Josef zurückgelaufen. In den Händen trug er triumphierend einen sinnreich konstruierten Käfig. Dort hinein setzte er behutsam die Mücke Pieka• wiwah, nachdem er ihr eine hauch• dünne Metallschnur um das Hälschen gewunden hatte. Drückt er nun auf einen Knopf, so wird Piekawiwah genau auf Person und Stelle hingeschossen, die er gestochen haben möchte. Inzwischen ist das früher so muntere ־und tat• kräftige Mückentier in seinem Käfig schon beinahe so vertrocknet und blutarm geworden wie seine vornehme Familie. Traurig nagt es an seiner Metallschnur. Und nur, wenn es von alten Ruhmestaten träumt, summt es noch ganz leise die vertraute Weisa vor sich hin, Elfriede Brandt! Jerusalem

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