Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 42-43 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Jahrgang / Nr. 9 Jüdischen Beilage der Berlin, den 26. V. 1936 —)m tT( Grünes für Schawuoth Aus einer Erzählung von Scholem Alejchem Am Vorabend des Schawuothfestes erhielt ich von meiner Mutter die Erlaubnis, ganz allein aus der Stadt zu gehen, um Grünes für Schawuoth auf dem Felde zu pflücken und es nach Hause zu bringen. Ich erinnere mich noch heute, daß ich in meinem Leben keinen freudigeren Tag als diesen hatte, als ich aufs Feld kam und vor mir die weite Welt lag. Ich kam mir frei wie ein Vogel vor, der seinem Käfig entkommen ist, und es schien mir, daß die ganze große Welt nur für mich allein geschaffen sei. Der Tag war klar und warm, der Himmel heiter und unbewölkt, das Feld grün und ich so froh, daß ich ganz vergaß, daß ich ein Fremder auf diesem Felde war und nur Grünes für Schawuoth pflücken wollte. In meiner Phantasie kam ich mir wie ein junger Königssohn vor, der die Güter seines Vaters besichtigt. Alles, was ich vor mir sah, gehörte mir. Ich beherrschte alles, i c h und kein anderer. Und weil ich Alleinherrscher war, wollte ich meine Macht und Stärke zeigen und eine neue Ordnung in meinem Reiche einführen. Vor allem mißfiel mir heute die stolze Sonnenblume mit ihrem gelben Ritterheim; sie stand vor mir wie ein böser Feind, wie Goliath, der Philister. Fürwahr, das i s t Goliath, da ist ja auch sein brauzener Helm. Und die kleinen, dünnen Pflanzen, die Bohnen, die ringsherum an den Stöcken stehen, wer sind die? Das sind doch seine Krieger, die Scharen der Philister, die aus weiter Ferne kamen wie die Heuschrecken, um mein Land zu besetzen. Und böse Gedanken, die Mit dem Schwert schlag ich einmal aufs Haupt.... ihr 1C1I uiaiic* f La CVUlUt IV, entstanden fn mir, und plötzlich stand ich vor dem Feind und fiel über ihn mit starker Hand her. Waffen hatte ich bei mir. Als ich morgens aufs Feld ging, nahm ich mein kleines Taschenmesser und ein hölzernes Schwert mit, das ich noch vom Lag b’omer bei mir trug. Mit dem Schwert zog ich mutig gegen den Heerführer der Philister selbst, gegen Goliath, und schlug ihn einmal aufs Haupt, und nach zwei weiteren Schlägen von hinten stürzte der große Philister seiner ganzen Länge nach zu Boden. Dann wandte ich mein Augenmerk seinen Kriegern zu, den kleinen Philistern, den Bohnen, die ihn mit ihren Stöcken bewachten. Ich überfiel sie mit Kampfeswut, schlug sie mit dem Schwert nieder und zerstreute sie in alle Winde. W er weiß wie lange ich diesen Krieg noch fortgesetzt hätte! Aber plötzlich wurde ich von einem kräftigen Stoß und zwei heftigen Ohrfeigen unsanft aus meiner Welt der Phantasie vertrieben. Ich blickte mich um und sah einen Mann vor mir, den ich seit Jahr und Tag gut kannte. Das ist doch Ochrim, Ochrim der Gärtner... .Was soll ich euch jetzt noch weiter erzählen, liebe Kinder? Sol! ich euch von den vielen Plagen berichten, die ich noch auszustehen hatte, von meiner Reue über die Verwüstung, die ich angerieiltet hatte, oder von der Trauer Ochrims über die zerstörten Pflanzen?! Wenn es nach mir gegangen wäre, so hätte ich lieber die doppelte Ohrfeigenzahl von meiner Mutter in Kaut genommen, um nur nicht den tiefen Schmerz Ochrims mitansehen zu müssen. Aber Ohrfeigen und Prügel erhielt ich auch, ohne gefragt zu werden; von meiner Mutter vor dem Fest und von meinem Lehrer nachher. Dazu kam noch, daß meine Freunde mich verspotteten und mir den Spitznamen ״Josef, Held Israels״ gaben, den ich lange, lange tragen mußte. Aus; Scholem Alejchem ״Gesammelte Werke“, Bd. 8. — *4ms dem Jiddischen übertragen von J. Jakobsohn. Die Offenbarung der Thora R. Jizchak sprach: An sich war Jisrael würdig, die Thora sofort nach dem Auszuge aus Aegypten zu empfangen. Jedoch der Heilige, gesegnet sei er, sprach: Noch haben sich meine Söhne nicht von der schweren Fron beim Lehm und bei den zuegein erholt und könne״ daher die Thora nicht sofort erhalten. Sie mögen sich zwei bis drei Monate am Manna und an der Wachtel erholen, und erst dann werde ich ihnen die Thora offenbaren. Womit ist das zu vergleichen? Mit einem König, dessen Sohn von einer schweren Krankheit genesen ist. Da kam der Erzieher des Sohnes und fi Plötzlich wurde ich durch einen kräf~ tigen Stoß aus meiner Welt der Phantasie vertrieben .... atfeä Cf, <0 k'Vk ״v ' 2 ■> ׳o(!!ik mmm mm Der Tag war klar und warm. das Feld grün und ich so froh.,..