Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-12-20 · Heft 102 (20.12.1935) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 102 (20.12.1935)
Date
1935-12-20
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653919--27922-2689382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ER BUND/ Eine Erzählung von Yehuda Yaari Aus dem Hebräischen übersetzt von Bscha Scbolem 1. Auf dem Kamm des Hügels gegenüber dem Lager bewogten sich langsam zwei Gestalten und warfen ihre dunklen Schalten auf das Lager, das sich zu Füßen des Hügels liinbrcitele. Ls war am Sc 11 ab bat, zur Zeit der Abenddämmerung. Ein Strom von Gold 'var über das Bmeh ausgegossc«. Die beiden Gestalten waren iibersehweniiiit vom Glanze des Sonnenunterganges, mul ihre Schatten fielen über den llof wio die Schatten einer kleinen Wolke. Im Eßraum hatte man soeben die A rbeitsverteilung he-;endet. Die ganze Schar der Versammelten schwirrte lärmend 1ans der Tür, wie Vogel hei Sonnenaufgang aus dem Nest, ,Olm« daß sie darum wußten, sehnten sich ihre Augen nach!den» Gold des Abends. Als sie den Schalten im Hofe wahr- [nahmen, blickten sie nach oben zum Hügel und prüften die [beiden Gestalten. ״Wer g. ht da oben auf dem ״Araber?" ״Nein, das sind keine Araber! ״Wer sonst könnte es sein':'“ ״Mir scheint, •Mendel war ln [Verteilung ..." ,,Richtig, er war nicht da! gesehen.‘‘ 1er zwei, wer ist der Zweite?“ Du meinst d i e Zweite.‘‘ ie ,Ghaluza‘.“ . . em neues Opfer.“ unmöglich! Mendel mit der?!“ Hügel?‘‘ heule nicht hei der Arbeils- Auch ich habe ihn nicht ,,Dort gehen a ״Der Zweite? ,,Sicheres i e , < ״Ach ... so , ״Nein! Das i- ״Was i't ilnln [imt ihr spazieren ״Das macht g clien und nie ״Du irrst, ״Anders ... anders ... Wer war S i c? Wer war unmöglich? Warum hist d 11 Geder viel mit aut ■die T. Ai am.!nein Cll il I lleu Lr- Uli! (len ganzen ulen hei der 11 it Verslamlnh in Gaste Meli ungen etwas ' allem. Sie wo .Vatm sie ins L.׳uul linden habe? Wo? ihaluza, sagte si<;(:kommen. Sie v an Ausland vom Kibbuz g Ol'in gelesen. Der Kibbuz ,ei ihr Pal.Mina! Sie köiun 10 er als dl( meli!■ r Arbeit a ISM'li: H’1‘1 kommen sei":' ie aber luchte t vor kurzem 1111 h 1111 mz I: damit, ihr Gesicht mir von ferne zu sehen und dem Klang ihrer Stimme zu lauschen. Im Eßraum setzte er siel 1 in einen Winkel, um keinen Verdacht zu erregen, und sättigte an ihr seine Augen. Wenn er dann die Suppe auf seine Bluse schüttete, sagten sie: ,.Mendel ist wirklicli ganz wie ein Fellaeli, er kann noch nicht einmal mit dein Löffel umgehen.‘‘ Und sie kamen nicht darauf, daß er die Suppe verschüttet hatte, weil sein Blick dem ihren begegnet war. I'ih! an jenem Scliahhatiiachmittag, als sich alle im Lßijinni zur Arheitsverteilung versammelten, sali Mendel, daß Gtiajale allein im Zelle blich. Da konnte er nicht an sich halten und trat hei ihr ein. ״Chajale, kommst du mit mir zum Beduincnlagei? Oder vielleicht auf den Hügel, wie?" Lr zitterte am ganzen Warum nicen?“ nichts! Auch er wird einmal mit ihr wieder. --- Das macht niciils!“ mein Lieber, .Mendel ist anders.“ und doch sie? Wer war die ״Ghaluza'‘, mit der Mendel!auf dem Hügel spazieren ging? Ls war das Mädchen aus euIschlanil, das an einem IVßaclitage im Kibbuz atifge- ■sucht war, als es dort mehr Besucher als Ein wohin-r gab, her obgleich sie zusammen mit Hunderit-11 von Gästen, diidclien und Jungen, aus allen Teilen des Landes kam, ging e nicht in des• Menge unter. Ihr Erscheinen machte im ihbuz einen starken Eindruck. Sie uiilerschied sich von er! anderen Besuchern und fiel unter ihnen durch ihre ltsame städtische Kleidung und durch die ungewöhnliche "lönheit ihrer Erscheinung auf. Zwei Wogen schwarzen aares ergossen sich auf ihre Schultern, und ihre blauen ugen drückten zugleich Fröhlichkeit und Wehmut aus. Ihr lesiclit war von einem matten Weiß und mahnte in seiner Ibcnmiißigkeit an eine Elfenbeinschnitzerei, Ihr Mund war rrier ein wenig offen, und in ihm schimmerten Zähne wie Perlen. Auf ihren Lippen leuchtete manchmal ein verstoh- .dies Lachen, das zu sagen schien, sie verberge mehr ab sie eige. Wirklich, sie war sehr schön, und ihre SchönheiYwar 011׳ seltsamer Art, ungewöhnlich unter den Mädchen des nick. Ihre Augen strahlten Sanftheit aus, ihre ganze italt atmete Jugend. Das weckte besonders die Gefühle ungen Männer. Trotz all dem 111acl!1011 die Jungen im Anfang nicht ufhebnrs von ihr. An den Festtagen war jeder einzelne .ein Kmpiung der Gaste und ihrer L:nt<׳rl111n״ung hcschäfgt, und es gab auch damals viel ,,brennende" Arbeit in der Mrtschait, die man umnügitch vernachlässigen konnte. Sie allen einlarh keine Zeit, sieh mit ihr zu befassen. An den V Silagen ging de allein im Lauer hemm, sie bemerkte lies, und alle hoiin'i'kten sie. In liiülterheher Liehe -pidle sie den Kindern und auch mit den Zicklein und Kälbern, C im Hole herum.'ipr 1 ״gen. Sie hall' den icit im Hofe mul führte alles leicht und!tage vorbei waren und vei in־ lei:, wandten > ich die > mul hi'ganneu sieh ihr zu sie war? Woher sie kam? 01?1׳! Me schon Arbeit ge- 1111■ verstohlen, Sie sei eine sei sie aus Dcui-schland i'ihei 1. Sie habe schon mi t und viel übt'!■ seine Lebensi ihr einziges ideal! Der Kibbuz an keinem andern Orte leben. - ihrer .Stimme und wie angenehm! lief ftVie edel war der Klang plan mußte ihr glauben! C 11 a j a 1 e blieb (sie hieß eigentlich Helene, aber im tibhuz änderte man ihren Namen in Chajale), und die Jungen begannen ihr nachzulaiifen. Was sie in 1 Getümmel per Peßachtuge versäumt halten, taten sie jetzt. Etwas wie bin heimlicher Kampf entbrannte unter den Jungen um iluet- Villen, .heilen Lag führte sie ein anderer durch die Wirtcliaft. Jeden '1 ng zeigte ihr ein anderer die Umgegend, Der ihm sie zum Weinberg 11ml der zum Garten, der zum Udistall und de!' zum llülmerslall, der ging mit ihr im Wäldchen spazieren und der an der (?uelic, der zeigte il 1 r Höhle und der die liuinen. Und jeder tat so, als ob *las pur geschähe, weil sie ein neues Mitglied im Kibbuz war prid nicht die schöne Cliajn, deren Augen Sanftheit ausllrahlten und deren Lächeln die Herzen jubeln lieft. Alan mIS sie doch in die Arbeit einführen! Alan muß ihr doch Bas Leben des Kibbuz iiahebringen I Man kann sie doch nicht lür die Dauer einen Gast sein lassen I Man kann sie doch picht immer eine Fremde, eine ,,Ghaluza“ sein lassen! lind Men viel':' Mendel war wahrhaft von ihr voriaiihert. Vom Augenblick an, da er sie zum ersten Male lese he 11 hatte, hört(‘ er nicht auf, übel' sie iiachzudimen. |hr Gesicht weckte in ihm schlummernde Sehnsüchte, ihre ugen breitete!» über ihn eine süße Traurigkeit und ihr Lächeln machte ihr» trunken. Aber Mendtd war schüchtern f/ie ein kleiner Junge und bedächtig wie ein Bauer. Jeden fag träumte er davon, auf sie zuzugelien und sie aiiztueden, eine Seele '׳erging im Verlangen, mit ihr spazieren zu leben und mit ihr zu sprechen. Aber er kam immer zu Ipät. Immer kam ein anderer eher. So begnügte sich Mendel Chajale schaute ihn an mit jenem Blick, der so gut Wehmut und Fröhlichkeit zu vereinen wußte. .,Gut, ich komme“, antwortete sie, ohne irgendein Zögern, als ob sie auf die Einladung vorbereitet wäre, als oh sie, auf ihn ge.- vvartrl h ttc, als oh sie gewußt hätte, daß er kommen würde. Und vielleicht hatte sic wirklich darum gewußt, vielleicht hatte sie etwas gespürt, was die andern nicht gespürt hatten; vielleicht hatte sie im Eßraum die Liebkosung seines Blickes auf ihrem Gesicht gefühlt, vielleicht hatte sie das Schlagen seines Heizens von weitem gehört? Wer weiß'? ... Ghajale, in ihr seltsames Seideotiirh gehüllt, ergriff seine Hand, als wäre sie seine Freundin von Kindheit an, und sie stiegen auf den Hügel. 11!ul als die Arbeiter nach Schluß der Versammlung aus dem Eßraum kamen und sie oben auf dem Hügel sahen, standen sie und staunten; und als sic dann sahen, daß Mendels Gestalt die Gestalt Chajales umfing, lachten sie spöttisch und mitleidig. Hätte« sie ihn dabei vor zwei Wochen betroffen, sie hätten ihre Blicke vor Eifersucht gesenkt; vor zwei Wochen hätte jeder gewünscht, an seiner Stelle zu sein. — — M as war inzwischen geschehen? Warum verspotteten sie jetzt M emlel, warum bemitleideten sie ihn? Nichts Außergewöhnliches war geschehen. Nur daß sie in diesen beiden Wochen Chajale ausreichend kcimengeleint und sieh überzeug׳t hatten, *laß die Schönheit ihres Gesichts ihr Urteil getrübt hatte; sie entsprach ganz und gar niclil dem Bilde, das sie sidi von ihr gemacht hatten. ,,Ihre Schönheit ist nur äußerlich, oberfläehlicli, sie, sei!windet, wenn sie den Mund zum Gespräch auftut.." Sie erkannten, daß sie sehr albern sei, einfach ״albern‘‘. Und dazu war sie noch eine typische Städterin, eitel, und (h‘111 Geiste des Kibbuz völlig fremd. ,.1 hT Ideal ist nicht der Kibbuz, sondern die Jungen des Kibbuz sind ihr Ideal. Man muß sich schlüssig werden, wie man sie los wird, sonst ..." Und Mendel? AVas war Mendels Meinung über sie? Niemand wußte es. Aber es war klar, daß er die Meinung all der andern nicht teilte, denn als sie in jener Nacht vorn Hügel heruntergekommen waren, trat Mendel in Mosches, des Kassenvcrwalters, Zelt und erbat von iliin Reisegeld nach Haifa für sich und Chajale. ״Ein Ausflug zur Erntezeit?!“ schalt ihn Mosche vervvinliiert — ״hist du verrückt geworden‘?!‘‘ Und er konnte sich nicht enthalten, hin/.uziifügen: ״Sie magst du schicken, wohin du willst, *111 aber sei so gut und bleibe hier bis nach dem Dreschen, verstehst du.“ ״Wir fahre״ nach Haifa, wir wollen uns trauen lassen", erklärte Mendel ruhig und beherrscht. ♦ Die Naehrichl verbreitete sirh mit der Geschwindigkeit eines Schusses im hager. Im Hof lärmte man wie in einem Bienenstock, in den eine glühende Kohle gefallen ist. Man war bestürzt und erstaunt. Mali war nielit nur über die. Nachricht seihst hesliirzl, sondern über das Neue und Ahsonderliche daran; ..Sie fahren nach Haifa, um sich trauen zu lassen‘‘ ... AVer halle gehör!, da ß man für so etwas nach Ilaila fahrt? Manchmal gab man wohl dem Ereignis zu Ehren em l est, und manchmal gab man kein Fest je. nachdem das Paar es wünschte. Niemals aber halle man gehoi t, daß ein Paar aus einem Kibbuz sieh in Haifa trauen ließ. In jener Nacht war die A ngelegenheit allgemeines Gespriirh.'tlieina. Die Menschen in den Zellen, die Wächter hinter der Dnizäintiiing. die Diensthabenden in der K liehe, dir Melker in (len Ställen, alle, alle sprachen nur über dies׳ Neuigkeit. Durch das viele liedeil 1111*1 vor Erregung jen die Mädchen das Essen in den Kesseln anhreiinen, und die Melker merkten nicht, daß die Milch auf sie selbst nietlerfloß und nicht in den Eimer. ״Großer Gott! Mendel und. Ghajale! Was haben die denn Gemeinsames?" ״Ei■ ist so einfach, ein Aihcitsnieiisch «111 ich und durch, ein Fellaeli. Und sic — eine (iioßstadlcrin!‘‘ ״Sie hat ihm den Kopf verdreht.‘* ״lind über haupl, wer hat je Sa etwas gehört? Ein Junge gehl mit eint'in Mädchen ein einziges Mal spazieren, und schon will er mit dir leben!" ,,Nicht so, er fährt nach Haifa, 11m sich trauen zu lassen ..." ,,Unerhört!“ ״Ach, Mendel, Mendel!“ Natürlich erfuhren Mendel und Chajaln nichts von dem, was man flüsterte, denn noch in derselben Nacht fuhr(״־ sie mit dem Milchziigc nach Haifa. Sie hielten sieh nicht in Haifa auf. Mendel gehörte zu denen, die sich *1er hast des lletriehes ganz hingehen und sich für ihn verantwortlich fnlilen. Er wußte, wie kostbar jede schal'l'nuic Hand zur Zeit *der Ernte ist. Es verlang((! ihn freilich sein׳ danach, mit Ghajale durch das Land zu leisen, ihr Galiläa zu zeigen und Jerusalem und all die Orte, wo er vor der Gründung des Kibbuz, gearbeitet hatte, aber sein Gewissen erlaubte ihm nicht, jetzt so etwas zu tun. ,,Es ist unstatthaft, zur Knilez.oit eine Heise zu machen, nielit wahr, Chajale? Nach der Ernte worden wir reisen; wir werden das Land nach jeder Richtung durchstreifen. Zu Fuß werden wir es durchstreifen. Gut Ghajale?" Sic kehlten sofort nach der Trauung in den Kibbuz zurück. Sie kamen zur Abendzeit aus Haifa an, als die andern im Eßraum heim Abendessen saßen. Mendel^ trat gerade« wegs in den Eßraum, stellte sich neben den Tisch und teilte in verhaltener Freude die vollzogene Heirat mit Chajale mit. In seiner Einfall bat er, kein Fest für sie zu gehen. Er wolle kein Lost. Er sei glücklich und froh, und wer ihn wahr« liaft liebe, werde seine Freude milempfinden. Was solle ihm da noch ein Fest? ... Ein naiver Mensch! Als ob es irgend jemand eingefallen wäre, für die Heiden ein Fest zu geben, /Alle lachten verstohlen. ״Mendel, Mendel, bist du so dumm geworden?“ Und es gab auch welche, die laut spotteten. ״Also werde ich nicht auf der Hochzeit fiedeln“ brach einer 1ms mit dröhnendem Gelächter. Mendel wurde plötzlich verwirrt, seine Augen wurden dunkel und sein Körper begann zu zittern, als ob man ihn mit Nadeln ins Fleisch gestochen hätte. Lachten sie? War das kein Traum? Er blickte ringsum, um sich zu überzeugen, daß er nicht an einen andern Ort versetzt sei. Er stana da und schaute, um sich, verwirrt wie ein Hirte, dessen Herda *lavongfdaufen ist. Warum verspotteten sie ihn? Warum? Er wußte, daß Chajale hei ihnen nicht mehr in Gunst slarul, er hatte gehört, daß man über sie zu klagen begann, aber er halte doch gar nicht verlangt, daß sie Chajale lieben sollten! Halte er überhaupt etwas verlangt? Seine Seele durstete nach ein wenig Teilnahme. Sein Gluck lastete auf ihm, und er wollte cs mit anderen teilen. Und sie ver*־ spotteten ihn ... Er stand da und blickte kurze Zeit in das Gesicht jedes einzelnen, und die Gesichter verwandelten sich' und sie schienen andere zu werden. Die geliebten Gesichter, die er so gern gesehen hatte, schienen 111m plötzlich ver« zerrt, sie wurden ihm verächtlich und verhaßt. Ein fremdes Feuer, das er nie gekannt hatte, ein schwarzes •Feuer des Hasses mul des Zornes entzündete sich in ihm. Er haßte sie alle, sic alle! Sogar seine nächster» Freunde. Sic alle lachten , über ihn. Sie alle verspotteten ihn und sein Glück. Er konnte sie nicht mehr sehen. Kr floh aus dem Eßraum. Wäre er noch einen Augenblick dageblieben, er hätte seinen vollen Teller gegen die brennende Lampe geworfen, die die verhaßten Gesichter wie zum Hohne beleuchtete. Er sprang durch das offene Fenster, er lief in sein Zelt. Die Dunkelheit des Zeltes verschlang ihn. Tn brennendein Zorn fiel er auf sein Bett, als ob er über ein lebendes Wesen herfiele. Von diesem Jage an wurde Mendel ein anderer. Seine Lehensgevvolinlieilen änderten siel» von einem Tag auf den andern. Er, der Arbeitsame, der vom Morgen bis zur Abenddämmerung zu arbeiten pflegte, ohne des Läutens der Glocke zu achte«, begann jetzt träge in der Arbeit ZU werden und verließ das Fehl bei in ersten Lauten. Er, der die Rnlu: gehaßt hatte, der während seiner Ruhepausen in der Küche oder im Kuhslall geholfen hatte, begann jetzt sogar bei der Feldarbeit lange Ruhepausen zu machen. Er,!■ der sich für die Gemeinschaft verantwortlich gefühlt hatte, der niemals eine Versammlung versäumt׳ hatte, wie׳ ein frommer Judo nie das Morgengehet versäumt, hörte jetzt ganz auf, an Versammlungen teilzunehmen, und selbst zu Festen kam er nielit mehr. Und wie sieh Mendel immer inehr verwandelte, so wandelte sich auch *las Verhältnis der Menschen zu ihm. Sein Zorn zeugte Zorn, seine Bitterkeit säte Bitterkeit, sein Haß ließ Haß wachsen. Man vergaß ihm sein Verdienst aus früheren Zeilen, den Tagen, wo man ihm liebevoll den Beinamen ״der Knecht des Kibbuz" gegeben hatte. Man hörte auf, mit ihm und auch mit Chajale in Berührung zu kommen. Man sprach nicht mit ihnen und man sagte ihnen nicht mclir ״Guten Morgen“. Man hörte sogar auf, über sie zu lachen, denn man lacht nicht über jemand, den man haßt. Alle zogen sich von ihnen zurück. Ihr Zelt stand im Lager wie ein fremdes Glied in einem lebenden Körper, eine iinsichthare Mauer wuchs um dieses Zelt hoch. Niemand trat hei ihnen ein. Selbst der Wächter kam nicht am .Morgen hinein, tun sie zur Arbeit zu wecken, wie es iildich war, sondern er warf einen Stein auf das Dach des Zeltes und lief von ferne ״Zur Arbeit", wie jemand, der eine 11* 11 h'leami■ Pllidit erfüllt. IJnd der Haß vertiefte sich von Tag zu J’ag und verwurzelte sich immer mehr. In Worten freilich fand er keinen Atisdruclf. Es war eine stumm«! Art des Hasses, ein innerer Haß, der mehr zerstört als ein beredter Haß, Und als irn Laufe der Zeit Mendel mul Ghajale aufhörten, in den Eßraum zu kommen, und begannen, ihre Mahlzeiten im Zelt zu essen, da brachen Mali und Zorn aus aller Herzen los, wie eine Bombe explodiert. Als sie noch in den Kßrauni gekommen waren, hatte man sich v<»11 ihnen l'emgelialten, aber als sie aufhörten,, dorthin zu komme״, begann man laut zu zetern. Haß kennt keine billigen Erwägungen. Alle beschwerten sich, alle zürnten. ״Man darf so etwas nicht ziilnssen!“ ״Was soll das‘? Ist der Kibbuz ein Hotel‘?!“ ״Sic gründen eine, Familie innerhalb des Kibbuz ...“ ״Bald werden sie siel» einen Primus zum Kochen ins Zell hulcn ..." ״Das ist eine Beleidigung für den ganzen Kibbuz 1" ״Man muß die Sache vor die Versammlung des Kibbuz bringen.“ Man wollte sic wirklich vor die nächste Versammlung bringen, aber Dis cs dazu kam, daß man die Versammlung einberief, halle man an Chajale Zeichen der Schwangerschalt hcmeikt. Als nun sicli dann endlich versammelte, verhandelte man über;die möglichen Dinge, an das Problem; Mendel und Ghajale, aber rührte man überhaupt nicht. Di«! Magen hörten auf, und der Zorn legte sich. Man. sah sich vor und erwähnte die Sache nicht mehr laut, um Chajalo keinen Ktminior zu inaclu'n. Sie war schwanger, und mit Schwangeren pflegte man behutsam und nachsichtig 1m1z11g«׳l!en. Man hörte »uf, sich zu erbittern, und es war auch kein Grund zur Erbitterung mehr da, denn von Beginn der Schwangerschaft an aßen Chajale und Mendel wieder im Eßraum. Der Zorn und die Anklagen ruhten, ״her der Haß war iiirht erloschen. Der Haß war schon blind und tief vei'wmzell. Ein mv stischer Haß, der keiner Ursache bedurfte. Selbst Ncuaufpmommcne im Kibbuz lernten sofort ״das Paar" hassen, als oh es Pflicht eines jeden Genossen im Kibbuz sei, sic zu ׳hassen. Der Haß war nur von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.