Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 56 (12.7.1935)
- Date
- 1935-07-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 «INDER-RUNDSCHAU Nr. II Nr. 11 «INDER-RUNDSCHAU Seite 3 f Nr. 56, 12. VII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 17 SALOMON MAIMON Zur Neuausgabe seiner Lebensgesdiidite , ״. . . daß nicht allein niemand von meinen Gegnern hiich und die Hauptfrage sowohl verstanden, sondern daß auch nur einige zu dergleichen tiefen Untersuchungen soviel Scharfsinn besitzen möchten als Herr Maimon . . So schrieb Kant, als ihm sein Schüler und Freund Markus Herz Salomou Maimons Kritik an der ״Kritik der reinen Vernunft“ zugeschickt hatte. In der Tat war Maimon dank seinem Assoziafions- und kritischen Genie bis in die letzten Winkel des Gedanken- und Lehrgebäudes Kants vorgedrungen und hatte, in schöpferischem Weiterdenken die Grundlagen für den spekulativen ״monistischen Idealismus“ geschaffen, auf denen mit Fichte, Schcliing und Hegel die ganze deutsche Philosophie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts fußte. Fichte selbst hat ״eine grenzenlose Hochachtung“ von Maimon bezeugt. Goethe unef Schiller erkundigten sich nach ihm. Lessing und Mendelssohn führten mit ihm hitzige Diskussionen. Mit diesem Salomon Maimon sich zu befassen, legt das Maimonides-Jahr nahe. Er hat ja nicht nur durch die Wahl seines Namens — in seiner Jugend hieß er Salomon ben Josua — sich zu dem großen jüdischen Philosophen bekannt, sondern auch einen Kommentar zum ״More Kewuchim“ verfaßt. Er stellt also sozusagen einen Verbindungsmann zwischen Maimonides und Kant dar. Aber noch mehr: aus dem streng ummauerten Ghetto Litauens kommend, wird er überhaupt ein Mittelsmann zwischen Himmlischem und deutschem Denken, deren wesentlichen zeitgebundenen Elemente in ihm den seltsamsten geistigen Bund eingegangen sind. Mit den Mitteln und geistigen Waffen des Talmuds öffnet sich Maimon die enzyklopädische W'elt des 18. Jahrhunderts und zeigt ein solches Maß von Wissen und Verständnis der westeuropäischen Denkweise, daß er sich das Ohr der Zeit erobert und, einmal gehört, aus der Oeschichte der deutschen Philosophie nach Kant nicht mehr wegzudenken ist. Als Vorläufer und Herold seines Wirkens aber fungierte sein Biich ״Salomon Maimons Lebensgeschichte“, welches der Scbocken-Verlag soeben neu und mit nur unwesentlichen Kiir/.ungen herausgibt. Es wurde als ״document humain“ ersten Ranges gerühmt und verschlungen. ln Berlin, in Weimar, und überall, wo der Zeitgeist die Grenzen des Wissens um das Menschliche zu erweitem bedacht war. Das Buch, eher als Chamade des Ostjudentums von Maimon konzipiert, wurde zur Fanfare für das Ghetto. Unu die Figur des Verfassers stand plötzlieh neben seiner denkerischen Leistung. Maimon, in der Nahe des polnisch-litauischen Städtchens Miez im Jahre 1751 geboren als Sohn eines armen Rabbis und Kaufmanns, sollte selbst Talmudgelehrter werden und war es in der Tat schon als Kind. Mit elf Jahren galt er als so gelehrt, daß man sich um ihn als Schwiegersohn riß, und wirklich trat er auch als Kind in die Ehe und wurde schon mit vierzehn Jahren Vater. Gleichzeitig aber sprengte er in aller Heimlichkeit und unter den schwierigsten Umständen den Ring, den das Talmudstudium um sein Leben gelegt hatte. Er fand Zugang zu naturwissenschaftliehen Büchern (über Physik, Astronomie und Medizin), 'ernte an ihnen deutsch und etwas lateinisch und — verließ eines Tages Frau und Kind und seinen kümmerlichen Hauslehrerberuf, fuhr nacli Königsberg und erklärte dort einigen jüdischen Studenten, er wolle Medizin studieren. Damals war er sechzehn Jahre alt, hatte bereits seinen Maimonides-Komnientar geschrieben und in Litauen den Ruf eines bedeutenden Talmudgelehrten zurückgelassen. Was für ein Leben nun für ihn begann, was für ein beispiellos hartes und zugleich erniedrigendes, aber, vom Ergebnis her gesehen, fruchtbares Leben, das hat er in jener Autobiographie selbst beschrieben, die überdies, durch Be- Schreibung seiner eigenen Jugend und ihres politischen, sozialen und geistigen Milieus, eine ausgezeichnete Quelle für die Erkenntnis des jüdischen Lebens im Osten im 18. Jahrhundert ist. Das Buch, das Maimon in deutscher Sprache geschrieben hat, ist eine kulturhistorische Fundgrube. Aber das psychologische Phänomen des Verfassers selbst wird darin nicht erschöpft. Maimon, ein wie gelehrter Kopf er auch schließlich nach westlichen Begriffen geworden sein mag, blieb bis zu seinem Ende der Ostjude, als^ der er geboren lind angetreten war, und vollzog die Assimilation nur in seiner Leistung, nicht in seinem Wesen. Von Königsberg, wo ans seinem Studium nichts wurde und werden konnte, da er ja nicht einmal die deutsche Sprache richtig beherrschte, fuhr er nach Stettin, von da nach Berlin, in das er von den Repräsentanten der jüdischen Gemeinde nicht hereingelassen wurde, und schließlieh nach Posen, wo er zum erstenmal wieder seit seiner Flucht aus der Heimat in einem ordentlichen Bett schlafen und mit gebildeten Juden an einem Tisch sitzen konnte. Vorher war er woch -nhng mit einem ungebildeten Schnorrer durch die Dörfer gezogen und hatte von seinem Begleiter dessen Gewerbe selbst erlernt. Nach zwei Jahren, während deren er Hauslehrer war und wegen seiner jüdischen Oelehrsamkeit in hohem Ansehen stand, kehrte er nach Berlin zurück, genoß Mendelssohns Schutz und auf dessen Empfehlung die Unterstützung reicher Gemeindemitglieder, wurde, im Kampf 1*1» einen bürgerlichen Beruf, Apothekerlehrling (1775—1778), aber ohne Erfolg, reiste nach Hambürg und von da nach Amsterdam, wo er ein dunkles tahr verbrachte, und kehrte zu einem Gönner nach Hamurg zurück, um in Altona zwei Jahre lang, im Interesse seiner wissenschaftlichen Ausbildung, das Gymnasium zu besuchen. Damals aber war er schon in den meisten geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern, zumal in der Mathematik, eine Leuchte, ln Hamburg machte er auch Anstalten, Christ zu werden, aber eine offene Aussprache mit dem protestantischen Pastor bewies diesem, daß Maimon die christlichen Heilswahrheiten nicht anerkannte. Maimon blieb also Jude. Seine Lebenswanderung führte ihn, immer noch ohne Beruf und Einkommen, wieder nach Berlin zurück und von da über Dessau nach Breslau, wo ihn plötzlich seine verlassene Frau nebst seinem Sohn überfiel und von ihm die Scheidung erzwang. Das Jahr 1786 sicht ihn wieder in Berlin. Moses Mendelssohn war inzwischen gestorben. Maimon hatte an ihm einen fürsorglichen Berater und Helfer verloren. Er mußte betteln gehen. Das kühne Projekt, das er schon früher zu verwirklichen begonnen hatte, durch hebräisch geschriebene Bücher die Juden des Ostens mit den modernen wissenschaftlichen Errungenschaften bekannt/!!- machen, blieb unausgeführt. Ein mathematisches Lehrbuch Maimons fand keinen Verleger. Aber nun begann er eine rege schriftstellerische Tätigkeit als philosophischer Kritiker und Mitarbeiter an den besten wissenschaftlichen Zeitschriften, und so kam er auch, im Jahre 1788, zum Studium von Kants ״Kritik der reinen Vernunft“, und zu neuen über Kant hinausgreifenden Ergebnissen. Ein großes Oeuvre an philosophischen Büchern und Essays entstand in den folgenden Jahren, eine Fülle von Plänen, Anregungen, Versuchen und Anläufen, die sich auf fast alle damals akuten Wissenschaftliehe Fragen bezogen und das hohe Ansehen des Gelehrten Maimon begründeten. Er war, in ganz anderem und eigentlich tieferem Sinn als Mendelssohn, ״der jüdische Philosoph“, und als solcher, zumal im Hinblick auf die Fortbildung des Kantschen Systems, ein Vorläufer Hermann Cohens, dies zumal durch seinen ״Versuch über die Transzen, dental-Philosophie“. Uns Heutige interessiert der Mensch Maimon mehr als der Philosoph, über den übrigens in Kuno Fischers Geschichte der Philosophie alles Wesentliche nachzulcsen ist. Der Mensch Maimon verkörpert, im Tragischen wie im Komischen, den Typ des entwurzelten Ostjuden, der, einmal dem heimatlichen Boden und Milien entfremdet, Vieles und Großes erreicht, nur das eine nicht: die innere Zufriedenheit und Harmonie. So war denn Maimon der unzufriedenste und unharmonischste Mensch, meist mit sich und der Welt zerfallen, aber mehr noch mit der Welt und Umweit als mit sich selbst. Er war und blieb ein Original, ein Bohemien, ein unverbesserlicher Outsider der gelehrten und sog. guten Berliner Gesellschaft, in der er verkehrte und der er ununterbrochen Gründe, an ihm Anstoß zu nehmen, lieferte. Man muß cs gerade heraussagen: dieser wahrhaft bedeutende und genialische Mensch verbrachte, ansässig geworden, ein Schnorrer- und Säuferleben. Aber gegenüber einem Mann mit dieser Leistung steht es uns nicht an, moralisch abzuurteilen. Das ist zu seinen Lebzeiten und danach oft genug getan worden, und er seihst schont sich auch!rieht gerade in seiner Autobiographie. Wir sind heute aus andern Quellen und aus der zeitlichen Distanz heraus in der Lage, das Menschliche Maimons gerechter anzuschen. Er war ein kindlicher Mann mit einer um so auffälligeren Naivität, als sie mit seinem messerscharfen Verstand und Mundwerk seltsam kontrastierte. Für Geld und Besitz hatte er gar kein Organ. So oft er etwas in der Tasche hatte, suchte er die Wein- und Kaffeehäuser sowie auch Punsch- und Schnapsdestillen auf, wobei er Gesellschaft liebte, ohne wählerisch zu sein; wenn gelehrte Männer oder Männer von Stand fehlten, saß er mit Handwerkern oder auch mit Vagabunden und dunklen Ehrenmännern zusammen. Von diesen ließ er sich aanumpen und betrügen. Besonders freute sich Maimon, wenn ein Jude aus dem Osten zu ihm kam, mit dem er über Mischna und Gernara, über Halacha und Aggada ״klären“ konnte. Er war weit davon entfernt, sich seiner Abstammung zu schämen, und vergaß nie, was er selbst dem Talmudstudium verdankte. Ein möbliertes Zimmer war seine Wohnung, und darin sah es turbulent aus. Bücher und Manuskripte bedeckten Tische, Stuhle und Boden — und der Herr des Raumes war Maimons Hund, eine Art Windspiel, das ״Belline“ hieß. An diesem Tier hing Maimon mit einer rührenden Liebe. In bezug auf seine Rasse meinte er allerdings: ״Mein Hund ist ein Eklektiker, er nimmt «Ile Systeme an“. Aber er sagte auch: ״Wenn ich sterbe, vermache ich meinem Hund meine Bibliothek.“ Gegen Menschen konnte Maimon sehr scharf sein. Besonders in wissenschaftlichen Streitgesprächen erwachte in ihm der talmudistische Pilpul, und er führte seine :Meinung schonungslos zum Sieg. Seine Streitsucht war die Kehrseite seines weichen und besonders gegen Anne wahrhaft eitlen Gemütes. Er war ein dankbarer Zuhörer witziger Erzähler und durch sein lautes Lachen berühmt. Ebenso aber kam es vor, daß er im Theater, wo eine Tragödie gegeben wurde, wie ein Kind laut weinte. Es wäre ein Schauspiel für Götter geworden, wenn dieser wilde und unbändige Solm des jüdischen Ostens einmal nach Weimar gekommen wäre. Goethe wollte es nämlich, er schrieb in einem Brief nach Berlin: ״Wie lebt denn unser Maimon? Wie geht es ihm? Wir wünschen ihn hier in unserm Zirkel zu sehen.‘׳ Aber seit 1786 verließ Maimon Berlin vorerst nicht mehr. Doch so richtig ansä סי!.; ist er hier trotzdem nicht geworden. Denn das frühere Koj-en und Wandern ersetzte er nun durch ״Bummeln“ und •durch eine Ruhelosigkeit, die es mit sich brachte, daß er in I okaleii und in Gesellschaften las, Korrekturen erledigte und auch sonst arbeitete. Dabei konnte es Vorkommen, daß er plötzlich in einen halblauten Singsang und in Körperbewegungen verfiel, die für das ״l erneu“ der Ostjuden typisch sind. Wenn dergleichen in einem feinen jüdischen Hause passierte, war das Entsetzen der andern ober Maimon wahrscheinlich nicht gering. Er lebte eben nach dem Satz, mit dem er einst sein Reiigionsgespräch mit dem Hamburger Pastor abgeschlossen hatte: ״Ich muß bleiben, was ich bin, ein verstockter Jude." Aber trotz solcher Vorkommnisse und ,1ud! trotz seiner fast sprichwörtlich gewordenen Grobheit und endlich auch trotz der burschikosen Vernachlässigung seines Aeußern war er in vielen geistig interes-ierten Hausern ein gern gesehener Gast, und man sah ihm sogar ״eine gefährlichste Untugend nach, nämlich aus den gleichgültigsten Anlassen auf/ti• brausen und ausfällig zu werden — etwa, wenn man ihm ein zu junges Bier vorsetzte . . . Schließlich nahm ihn ein preußischer Edelmann, der Fichteancr Graf Karl von Kalkreuth, bei sich auf; in dessen Moabiter Villa und sodann auf seinem Schloß in Nieder-Siegersdorf bei Liegnitz verbrachte Maimon die letzten sorglosen Jahre seines Lebens. Kalkreuth schätzte und liebte ihn so sehr, daß er ihm als seinem Gast alle Freiheit und ihn ganz nach seiner Fasson selig werden ließ. Maimon starb schon als Sechsundvier/igjälirigcr. Sein Körper war dem Leben, das er teils führen!nullte, teils führen wollte, nicht gewachsen. Lin Pastor, mit dem Maimon freundschaftlich verkehrt hatte, berichtet über seinen Tod, er habe die Zu- Ziehung eines Arztes abgelehnt und sei wahrhaft wie ein Philosoph, nämlich heiter und gottergeben gestorben. Ein Grab hat Maimon nicht gefunden. Die Juden seines Sterbeortes haben es ihm als einem Abtrünnigen verweigert. Er wurde irgendwo eingescliarrt. Das war das letzte una größte Unrecht, das ihm widerfahren ist. Denn er war nicht abtrünnig, sondern nur aus dem Ghetto geistig 1u1d seelisch zu weit vorgeprellt, so daß die Verbindung zwischen ihm und dem damaligen Judentum ahriß. Hermann Sinsheimer, Brief an die Redaktion Ein Wort Shmarya Levins r>rc-־Uu, df n 10, Juli 1033 St-hr ־׳terhrfi R< ,!aktion! Frau Rrtha Pari •-'Mr.,;13 ״;,!übt, claij ShrtMrva l.< ■vin letzten Kl du dai 01 Wolle למי החותמת הכירו־נא das Riiirhiurt ״hu .»!rhöh har > ־'; AU Zünt lut he reit, frfoaii llalcvi in den! I.ie יום ליבשה 1■>• «lif.r* P»1We׳׳l'!eI]e benutzt., Tn dfrrt 1 iMl 1'KO׳!: c-.: ייכר־נא דבר אמת למי החותמת r I >u h’Gr!.• וי [ vin - ־>. 1 1.M.nurv 1:7.<!\ Gik eil(' wr 1 iociläwiyn kl ■ £lc;־־h - *1a■- ju.lifche bpredien. .1 Eu״en Falle VERMIETUNGEN ANGEBOTE Alleinstehende ältere Dame vermiet ei •legant möbliert. Zimmer •0 SU. Herrn od. berufst. Dame. (Alleinmiet.) wie Eigenheim. Zu erfrag. v. 9-12. J 7 1955 wohn- Schlafzimmer eltgant, komfort, vermietet H 7 Wllm. 0368 1—2 sieg, möbl, Zimmer m. Küchonh«*״. «»ich {. Biirorwock« MN« Kurfttrtttntf. zu vorm. J1 Bltmirek S71S, 2 «len, Komf.-Zim, Herren• u. Couchtim. ptr sofort. C t 4998 Steinplatz 2 gut möbl. Komi.• Zimmer Küche, Bad.Telef., 1-2 bfrufst. Per*. Alletem. evtl. Selbitbrwirt. Be* slehtiarunsH 10—4 Uhr. Jeliinek, Carmerstr. 1 Nürnberger Platz ruhige Wohngegend, sofort AchenbachstraBe 4, hechpartarr• Zimmer-Wohng Warmwasser, preiswert. Loewenth»! 781. BiV. 1 Ach I I Warn1, mmmm :arra I nff. I 1v. 27a» g MM. 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