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Jüdische Rundschau · 1935-04-17 · Heft 31-32 (17.4.1935) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 31-32 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr, 31/32, \7. IV. 1935 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 VIERZIG JAHRE LANDWIRTSCHAFT Von Akiwa J»kow Ettinger Der Verfasser hat schon vor 30 Jahren im Auftrage der Chowcwo Zion die damaligen Kolonien in Palästina besucht und begutachtet. In der Nachliriegspcriode war Herr Ettinger viele Jahre hindurch Direktor des Kolonisationsdepartements der Zionistischen Organisation und des Bodcndeparlements des Jüdischen Nationalfonds. Er ist also für eine wichtige Epoche der jüdischen Siedlungsgeschichto verantwortlich. Ettinger wurde s.Z. heftig befehdet, besonders wegen seines Eintretens für genossenschaftliche Siedlungs/ormen. Wir glauben, daß er befugt ist, einen Rückblick auf die vergangene Epoche zu werfen. Red. Es soll hier im folgenden eine Uebersicht gegeben werden über den Bodenbesitz, die landwirtschaftliche Bevölkerung, Siedlungsformen, Wirtschaftstypen, und Sicdlungsmethodcn im Laufe von vier Dezennien. Bodenbesitz Der Bodenbesitz vor vierzig Jahren and landmachte noch keine hunderttausend Duvirfscha/ttiefte nam 3US- Bis kurz vor dem Weltkriege D..iAllr>rli»> stieg er auf zirka vierhunderttausend L>uaevoincrung nam Dj{y.e ZM haJ sjch bjs ,icute b]oß verdreifacht: etwa eine Million zwcihundcrttaiisend Dunam umfaßt zur jetzigen Zeit der jüdische Bodenbesitz in Erez Israel. Das Anwachsen unserer Bodenflache war demnach langsam und wenig befriedigend im Laufe der gesamten vierzig Jahre. Der Bodenbesitz ist nicht über das ganze Land verteilt, sondern in der Hauptsache in der Küstenebene, dem Erriek Jisreel und der Jordansenke konzentriert. Wenden wir uns zur Frage der Bevölkerung in den landwirtschaftlichen Kolonien, so betrug die Zahl der Dorfbewohner vor vierzig Jahren bloß dreitausend Seelen (siebenhundertsiebenundzwanzig Familien)*), von denen sich ungefähr zwei Drittel mit Landwirtschaft befaßten. Heute wohnen in den jüdischen Siedlungen rund fünfzigtausend Seelen, von denen gleichfalls wohl zwei Drittel sich in der Landwirtschaft betätigen. Wenn auch diese Zahl viel größer ist, so macht sie doch nur einen kleinen Teil der jüdischen Gesamtbevölkerung aus. Schätzt man diese mit dreihundertdreißigtausend ein, so macht die landwirtschaftliche Bevölkerung nur 15 bis 16 o/o aus. Dieser Prozentsatz zur gesamten jüdischen Bevölkerung ist gewiß höher als in irgendeinem anderen Lande, wo Juden in Breiteren Massen wohnen, aber das Verhältnis ist nicht befriedigend, da wir ja die Landwirtschaft als Basis unseres gesamten Siedlungswerkes betrachten. Interessant ist ein Vergleich der Zahl der Siedlungspunkte von damals mit heute. Nach einer aus dem Jahre 1898 stammenden Zählung der jüdischen Kolonien gab es damals siebzehn Punkte, davon dreizehn in Judäa und vier in Galiläa. Die uns geläufigen Kolonienamen, wie Petach-Tikwah, Kischon-lc-Zion, Oederah, Rcchowoth, Ekron, Wadi-Chanin (das heutige Ness-Ziona), Chederah, Sichron-Jaakow, Rosch-Pinah, Jessod-Hamaaleh, Mischmar-Ha jarden und Metullah existierten bereits damals. Heute ist die Zahl der Kolonien, Kwuzoth, Moschawim usw. an Jiundertundfünfzig. •) Gemäß dem Berichte des Agr. A. J. Ettinger an die Cfiowewe Zion vom Jahre 1905. Wirtsdiafts- Zu den Wirtschaftstypen übertypen gehend, muß man sich vor Augen halten, daß die Kolonien vor vierzig Jahren im Zeichen der überwiegenden Monokultur standen. Damals drückte sich diese in Form von Weingärten für Weinproduktion aus (nicht für Tafeltrauben!). Waren doch von knapp hunderttausend Dunam vierundzwati/igtausend Dunam mit Weingärten bepflanzt. Die damaligen Kolonisten hatten außerdem etwa je fünfzehnhundert Dunam Mandel-, Oliven- und Maulbeerbäume. Letztere sind längst verschwunden, und Mandel und Olive haben heute «ehr geringe wirtschaftliche Bedeutung. Der Weinbau hat bekanntlich schwere Krisen durchgemacht, — in der Hauptsache durch den Anbau unpassender Sorten, Schwierigkeiten des Absatzes und die Prohibition in Amerika. Von diesen Schlägen hat sich der Weinbau bis jetzt noch nicht erholt. An Orangengärten gab es damata etwa achthundert Dunam. Die Flache wuchs langsam bis zur gegenwärtigen „Boorn"-Pcriode an, die in den Jahren 1926/27 Degann. Wiederum befinden wir uns in einer Periode der Vorliebe für Monokultur. Es ist wichtig zu betonen, daß im Laufe der vierzig Jahre zweimal bedeutende Anläufe zur Verbreitung der gemischten Wirtschaft gemacht wurden. Der erste Versuch stammt aus der Zeit, wo nach den etwa fünfzehn Jahren der Wein-Monokultur ihre negativen wirtschaftlichen Seiten klar zutage traten. Damals unternahm es Baron EdmoiKi de Rothschild, Kolonisten aus Sichron-Jaakow nach neuen Punkten in der Nähe des Tiberiassees Hammah, Mescha usw.) zu versetzen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, den Gefahren der Monokultur zu entgehen und Getreidebau und Viehzucht zu betreiben. Die zu jener Zeit gegründeten Kolonien haben sich nicht den Erwartungen gemäß entwickelt, weil keine rationellen Methoden in den Betrieben eingeführt waren, so wie es im modernen zweiten Versuch mit Erfolg geschah. Die zweite Periode des besser gelungenen gemischten Wirtschaftstypus fällt zusammen mit der zionistischen Kolonisation nach dem Kriege, wo die neuen Siedlungen im Emek Jesrecl und Emck Hajarden angelegt wurden. Die Kolonisten am Ende des vorigen Jahrhunderts hatten außer den praktischen Kenntnissen im Weinbau, die sie von den französischen Weingärtnern d«s Baron übernommen hatten, keine Praxis in anderen landwirtschaftlichen Zweigen. Als Milchkühe wurden die wenig produktiven lokalen arabischen Kühe gehalten. Eigenes Gemüse zogen die Kolonisten gar nicht (so wie die alten Kolonien auch heute noch keins haben). Von Geflügelzucht war auch noch Demgegenüber haben in den letzten Jahren Milchwirtschaft, Gemüsebau und Geflügelzucht außerordentliche technische Ergebnisse erzielt. Beinahe alle neuen Kolonien haben diese Zweige in ihr Arbeitsbereich gezogen. So kommt es, daß heute, bei dem abkühlenden Verhältnis zur einseitigen Orangenkultur, die Blicke neuer Siedler — mit Aussicht auf gute Erfolge — zu diesen wichtigen Zweigen sich wenden können. Dazu kommen noch die vielversprechenden Kulturen der Tafeltrauben, die letzthin sich so schön entwickeln, und die „nördlichen" O b s tbäume (Acpfel, Birnen, Pflaumen, Pfirsiche usw.) als auch die Bienenzucht usw. Siedlung*- Aber noch viel wichtiger als die techformen nischen Errungenschaften ist im Vergleich mit den ersten Jahrzehnten der Kolonisation das heute Erreichte auf dem Gebiete der Siedlun gs f o r m en. Es gab anfangs nur die in der ganzen Welt verbreitete individuelle Wirtschaftsform. Das letzte Jahrzehnt aber hat allen Zweiflern die Durchführungsmögikhkeit und ökonomische Vollbcrechtigung der genossenschaftlichen Siedlungsformen vor Augen geführt. Aus der Entwicklung der zionistischen Bewegung, ihrer besonderen Lage und den Schwierigkeiten, die sich im Lande jeder Besiedlung entgegenstellten, ergaben sich die besonderen Lebensformen, die ein Teil der Einwanderer für sich fand. AUe Bedenken der Efficiency-Lcute der Nachkriegsperiode sind heute beseitigt. Viele landwirtschaftliche Genossenschaften haben heute Reineinnahmen aus ihren gemischten Wirtschaften. Teilweise zeigen sie bereits einen gewissen Ueberschuß auf, und ihre Lebens- und Entwicklungsfähigkeit können heute nicht mehr angefochten werden. Vor vierzig Jahren waren die Träger der Kolonisation die ersten Chaluzim, die „Bilu". Die Kolonisatoren waren einerseits die schwach bemittelten, dabei der praktischen Kolonisationsarbeit heiß ergebenden „Chowewe Zion", und andererseits der Baron Rothschild, der bereits damals mitten in seinem großen Experimente stand. Und bereits damals, nach solch kurzer Zeit jüdischer Kolonisationstätigkeit, waren manche Lehren aus der Praxis derselben zu ziehen. Meist negativer Art, aber doch sehr nützlich. So konnten gemachte Fehler weiterhin vermieden werden. Schon seinerzeit war es scharfen Beobachtern klar (Achad Haam), daß das Bevormundungssystem der Rothschildschen Administration sich schädlich auswirken mußte. Tatsächlich haben die ersten Kolonien lange an diesem Mangel gelitten, und noch heute sind in den alten Kolonien gewisse Merkmale dieses ehemaligen Systems erkennbar. Nur langsam haben sich diese Kolonien zur autonomen Selbstverwaltung entwickelt, während in den Siedlungen, die in den letzten eineinhalb Jahrzehnten begründet wurden, von vornherein jede Siedlung die Verwaltung ihrer allgemeinen Interessen und der öffentlichen Anstalten selbst Interessen und der öffentlichen Anstalten selbst übernimmt. Siedlungs- Vor vier Jahrzehnten herrschte die Methode methoden der philantropischcn Kolonisa. tion vor. Kurz vor dein Kriege kamen zu dieser Methode andere hinzu, die vielversprechend waren und sich tatsächlich mit Wiederbeginn der Kolonisation nach dem Weltkriege gut bewährt haben. Einige Jahre vor dem Kriege wurden die ersten Versuche der Genosscnschaftssicdlitng gemacht. Aus derselben Zeit stammen die Anfänge nationaler Kolonisation, als auch die Heranziehung der in Forin von Pflanzungsgesellschaftcn organisierten Privatinitiative. Letztere, wie sie in Poria, Sarona, Ruchama versucht worden war, ist nicht gelungen. — Gegenwärtig spielen bekanntlich die Pflaiizungsgcsellschaffen ihre bestimmte Rolle in der Entwicklung der jüdischen Landwirtschaft im Lande (Ganci-Hadar, Gan-Chaim, Tel-Mond; Jachin- und Manotca-biiternehmungen usw.). Die Siedlungen der Nachkriegsperiode weisen klar und deutlich auf, was geleistet wurde. Zugleich geben sie den Maßstab zu weiteren Leistungen. Der Weg ist vorgezeichnet durch die bisherige Kolonisation. Nationale, private, genossenschaftliche, individuelle Initiative — das wissen wir heute — gedeihen gut auf dem Boden Palästinas. Technisch schreiten wir rasch vorwärts. Auf den Gebieten der Siedlungsformen und Wirtschaftstypen ist bedeutende Entwicklung zu verzeichnen. Dagegen progressiert die territoriale Ausdehnung viel zu langsam. Unser Bodenbesitz wächst nur sehr schwach und gerade zu einer Zeit, wo die Anforderungen der Alijah nach Raum so groß sind. Nach den bisherigen Erfolgen sind vervielfachte Anstrengungen zur Vergrößerung unseres Bodenbesitzes und der landwirtschaftlichen Bevölkerung die wichtigste Forderung der zionistischen Bewegung. DER SCHOCKE* VERLAG HAT SICH ZUM ZIEL GESETZT, DER deutschlesenden Judenhcit Bücher von wirklichem Gehalt und dauerndem Bestand zu schaffen, die ihr zu geistiger Behauptung und sittlicher Erneuerung Richtung weisen können. Das Kernstück des Verlags ist nach wie vor die von Martin Buber gemeinsam mit Franz Ilosenzweig unternommene Verdeutschung der Schrift. Der Verlag betreut das Gesamtwerk Martin Bubers. Wichtige Werke von Franz Rosenzweig, Leo Hacek und Hermann Collen gehören zu seinem Bestand. Von den dichterischen Verlagswerken sei die Gesamtausgabe der Schriften Franz Kafkas hervorgehoben. Besondere Aufmerksamkeit wird der jüdischen Wissenschaft zugewendet. In seiner hebräischen Abteilung pflegt der Verlag die klassische hebräische Dichtung und ihre Erforschung; die zeitgenössische hebräische Dichtung ist durch das Gesamtwerk S.J.Agnont vertreten. Die Bächerei des Schocken Verlags will mit ihren jedermann zugänglichen, in rascher Folge erscheinenden Bänden ein Gebäude jüdischer Bildung errichten.

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