Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 81-82 (11.10.1933)
- Date
- 1933-10-11
- Page
- Seite 633 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Doppclnnmmcr RM 0,40 Die heutige Nummer ist St4 Seiten stark (Inhalt siehe Mittelspalte) JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienatag und Freilaj. Bezugspreia bei der Expedi monatlich 2.— RM, »ierieljährlich 5.75 RM. Bei Nichicrechei infolge Streike oder höherer Cewelt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung c Währune der einzelnen Linder berechnet. Anreigenprefa: 8 gespalten* Nonpare teile 0.50 RM. Stellengesuche 025 RM. ßmel ■Anzeigen nur gegen Vorauazahl Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m.b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telefon: J 1 Bismarck 716570־. Anzeigenschluß: Dienstag - Nummer: Freitag nachmittags 3 Uhr f Freitag-Nummer Dienstag nachmittags 3 Uhr. Poetscheck- Konten: Abonnements-Abt. (atilSer Grofi-Berlin): Berlin 17392, Abonnements-Abt. für Berlin: Berlin 715 73, Buchverlag: Berlin 71576, Inseraten. Abteilung: Berlin 716 18, Basel V 9355, Belgrad 650 32, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140470, Prag 59410. 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Ihr Gemeinwesen, durch dessen Existenz auch die bereits im Altertum zerstreuten Teile des Volkes ein Zentrum und einen Rückhalt hatten, wurde zerstört, und seitdem sind sie von L and zu Land gezogen, oftmals innig und dankbar verwachsen mit der Kultur und Struktur ihres Wirts- Volkes, dann wieder vertrieben, durch verschiedene Schicksale getroffen, aus alter Erfahrung mißtrauisch gegen den Augenblick des Wohlstandes, und geübt im Leiden und Wandern. In diesem Zustand der Unsicherheit ist es selbstverständlich nicht gelungen, den Rhythmus eines normalen Volkslebens wiederzugewinnen. Die Juden waren häufig Objekte der Ausnahmsgesetzgebung anderer Völker, ihre Einordnung in das Völkerleben war weniger von ihrem eigenen Interesse, als vielmehr von Nutzervvägungen Anderer bestimmt. Wenn — aus vvirtschaftlichcn, sozialen, politischen Erwägungen — die Mitarbeit der Juden erwünscht war, dann wurden sie begiinsligt; wendete sich das Blatt, dann mußte der Jude weichen. Zwar ist es im Verlauf der Geschichte in manchen Ländern Juden gelungen, auch den Zugang zum Boden sich zu erarbeiten, aber diese Existenz als Bauer war häufig nur von kurzem Bestand nicht weil der Jude kein Bauer sein wollte, sondern weil durch Vertreibungen, Gesetze oder andersartigen Zwang sein Zusammenhang mit dem Boden unterbrochen wurde. So kommt es, daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes vom Boden losgelöst ist, meist in leicht bewegliche Berufe vermittelnder Art wie Handel u. ä. gedrängt wurde. Vollends in unserer Zeit sind die Juden ein Volk von Städtern, hauptsächlich von Großstädtern, geworden. Und dennoch Und dennoch ist die jüdische Gesamtheit in eigentümiieher Weise mit der Erinnerung an Boden und Natur verbunden geblieben. Uebcr zwei Jahrtausende hinweg, während aller Wanderungen, in all den wechselnden Lebenslagen, haben sich die Gebräuche erhalten, die den lebendigen Zusammenhang mit Boden und Natur herstellen. Wohl sind wir kein Bauernvolk mehr, die meisten Juden merken in ihrem Leben kaum etwas von (kn Marksteinen des bäuerischen Jahres. Aber die Juden, die ihre Feste feiern (viele westliche Juden tun es nicht mehr), begehen seit Jahrhunderten alljährlich zu Beginn des Herbstes das Erntedankfest, eine Woche, die noch heute die ״Zeit unserer Freude“ heißt. Die vier Zweige und die duftende Fracht werden gesegnet zum Ruhm Gottes, des Herrn über die Urkräfte der Natur. Und zugleich mit dem Dank wird der Ruf um Hilfe ausgestoßen, das große Hosiana, denn es beginnt in Palästina die entscheidende Zeit für das Keimen der neuen Saat Die jüdische Liturgie bewahrt bis auf den heutigen Tag für das ״Schlußfest“ (Schemini azereth), den achten Tag des Sukkoth-Festes, die innigen und flehenden Gebete um Regen, um den Segen des Wassers, das belebt und wachsen läßt. Es ist ein echt palästinensisches Gebet, das wir mitgenommen haben und wieder zurückbringen. Das Erntedankfest und das Regengebet, sie verbinden uns mit der Zeit, wo wir ein bodenständiges Volk waren, und sie beweisen deutlich, daß wir nie die Hoffnung aufgegeben haben, es wieder zu werden. Die Festwochen, in denen wir Juden das neue Jahr beginnen, sind in ihrem großartigen inneren Aufbau eine Norm des Lebens. Am Anfang steht der Tag der Selbstbesinnung, des Gedenkens und der Rechenschaft; nach zehn Tagen der Umkehr kommt der große Tag des Ringens um die Entsühnung, um die menschliche Wiedergebürt. Nach diesen Tagen der inneren Läuterung verlangt die ״Welt“ wieder ihr Recht. Wir feiern das Fest des irdischen Segens, das Erntedankfest, das zugleich auch an die Wanderung und au das unstete Wohnen in Hütten erinnert. Und schließlich findet die Festzeit ihren Ab• Schluß in dem Tag, der der ״Freude an der Lehre“ (Simchas Thora) gewidmet ist. Denn Israel ״freut sich“ nicht nur an der Ernte, sondern auch an der Lehre. Das Leben der Arbeit, des Säens und Erntcns, und auch der Segen der Erde und der Fruchtbarkeit ist unvollständig, wenn nicht das geistige Leben hinzutritt. Es soll kein Gegensatz sein zwischen dem Bauer, der die Früchte segnet, und dem Lehrer, der das kostbare Gut eines unsterblichen Buches verwaltet. Die Juden wurden oft das ״Volk des Buches“ genannt, und die Unlöslichkeit ihrer Beziehung zu diesem Buch wird am Simchas Thora besiegelt. Selbst die Kinder sollen an diesem Tag die Bedeutung dieses Buches erfahren — eine lebendige Garantie der Kontinuität von Geschlecht zu Geschlecht. Aber die einseitige Geistigkeit kann uns nicht frommen. Die Woche vom Erntefest bis zur Gesetzesfreude lehrt uns, daß wir beides brauchen: Natur und Geist, die Frucht des Feldes und das Buch der Lehre. In ihrer Synfliese nur kann unser Leben, das auseinanderzufallen drohte, neu begründet werden. ״Das Jüdische Nationalheim in Palästina ein großer Erfolg“ Referat in der Völkerbundsversammlung Genf, 9- Oktober. (J.T. A.) Der Rapporteur für das Palästina-Mandat, Lange, hielt anläßlich der Vorlage seines Berichtes in der Völkerbundversammlung eine Rede, in der er u. a. erklärte, er beglückwünsche sowohl die Mandatarmacht als auch die beteiligten jüdischen Organisationen dazu, wie im letzten Jahre die Einwanderung nach Palästina erleichtert wurde. Diese Einwanderer und das von ihnen ins Land gebrachte Kapital hätten zweifellos dazu beigetragen, die Prosperität Palästinas zu fördern. Die finanzielle Lage im Lande sei höchst zufriedenstellend. Das Jüdische Nationalneim, das man in Palästina errichtet habe, könne als großer Erfolg bezeichnet werden. Es käme ihm jetzt eine besondere Bedeutung im Hinblick auf die zahlreichen jüdischen Auswanderer zu, die Deutschland verlassen und dauernde Ansiedlung suchen. Im Berichte selbst wird darauf hingewiesen, daß zahlreiche Delegationen die Bedeutung des Aufbaus des jüdischen N'ationalheims in Palästina mit Rücksicht auf die besonderen Umstände dieser Zeit unterstrichen haben. Die sechste Kommission sei der Ansicht gewesen, daß der Völkerbund sein Vertrauen zur Mandatarmacht Palästinas aufs neue zum Ausdruck bringen sollte. Dieser sei heute wie in der Vergangenheit die Aufgabe gestellt, ihre bezüglich der Errichtung des Jüdischen Natronalheims übernommenen Verpüichtungen mit den Rechten der eingeborenen Bevölkerung einerseits und mit der Aufnahmefähigkeit des Landes andererscits in Einklang zu bringen. Der französische Vertreter Hubert erklärte, das jüdischc Volk habe unmittelbar nach dem Krieg seine Konzentration in Palästina in Erwägung gezogen. Es sei daher ein richtiger Gedanke des tschechoslowakischen Außenminister* Benesch gewesen, wenn er in seiner Rede vor der sechsten Kommission zum Ausdruck gebracht habe, daß das Problem der jüdischen Auswanderung aus Deutschland mit der Frage der Mandate im Zusammenhang stehe und von den zuständigen Stellen in Verbindung mit den Besprechungen über das Jüdische Nationalheim in Pa- *äst in a erörtert werden solle. Allerdings müsse auch in Betracht _ gezogen werden, daß einer großen Einwanderung nach Palästina gewisse Schwierigkeiten entgegenstehen, denn Palästina sei ein kleines Land und die Heimat dreier großer Religionen. Die Völkerbundsversammlung nahm sodann den Bericht des Rapporteurs mit der in ihm enthaltenen Vertrauenskundgebung für England an. Koordinierung der Hilfsaktionen London, 6. Oktober. (J.T. A.) Im Namen des Joint Foreign Committee, der Alliance Israelite Universelle, des American Jcwish Congress und des Camite des Delegations Juives haben die beiden Vorsitzenden des Joint Foreign Committee Ncviile Laski und L.eo!1ard Ci. Monte fiore die repräsentativen jüdischen Körperschaften der ganzen Weit zur Teilnahme an einer jüdischen Welthilfskonferenz eingcladen, die am 29. Oktober im Gebäude des Jewish Board of Dcputies in London eröffnet werden soll. Die Konferenz wird die Aufgabe haben, die Hilfsaktion für deutsche Juden in wirksamer Weise zu' koordinieren. Die genaue Tagesordnung der Konferenz soll erst von einer durch sie zu wählenden Kommission festgelegt werden. Die Einberuter schlagen die Einsetzung einer Reihe weiterer Kommissionen vor, die das Material für die Beratungen der Plenarversammlung vorzubereiten haben werden, und zwar einer Palästina-Kommission, einer Wirtschaftskommission und einer Kommission für die Akademikerhilfe. Die Wirtschaftskommision soll in vier Unterkomrnissionen geteilt werden, und zwar für Aufbauhilfe in Deutschland, für Auswanderungsfragen, für Hiifsarbeit außerhalb Deutschlands und für Finauzen. Die eingeiadenen Organisationen wurden ersucht, außer ihren Delegierten auch Sachverständige für die ־zur Besjtrechung kommenden Fragen nach London zu entsenden. Für die einzelnen Komitees wurden provisorisch Rapporteure bestimmt, die schon jetzt das Material für die Verhandltingen sichten sollen. An ihre Steile treten nach dem Beginn der Konferenz die von dieser zu wählenden Kominissions- Vorsitzenden. Aus dem Inhalt: Judenrepublik — und der Ausweg. Die Vorschläge eines Strafgesetzes gegen Rasseverrat. Berichte aus Genf. Von jüdischer Jugend. Jüdische Wissenschaft, Feiertagsbeilage{ Der Tod Mose’s (Legende) — Der 126. Psalm (Deutsch von Martin Buber) —. Neuerscheinungen jüdischer Musik« ln aller Kurze Wie aus den soeben veröffentlichten amtlichen Auf- Stellungen hervorgeht, sind im Juli 1933 2807 Personen, davon 2703 Juden, nach Palästina eingewandert. Von den Einwanderern gehörten 437 zur Kategorie der ״Kapitalisten“ mit einem Eigenvermögen von mindestens 1000 Pfund. Wie die Histadnith Haoudiin mifteilt, wurden bis zum 15. September in Palästina für den Fonds zur Errichtung einer A r 1 o s o r o f f - G e d ä c h t n i s k o! o n i e £ 1 (> 000 von 23 800 Personen aufgebracht. Die Sammlung wird fort, gesetzt und anläßlich eines Massenmeetings im Emek Jezreel, auf dem Beschlüsse über die Durchführung des Kolonicplans gefaßt werden sollen, abgeschlossen werden. Herr Sjdney Keit.h aus Melbourne hat dem Hauptbüro des Keren Hajessod in Jerusalem einen Betrag■ von 4000 Pfund für die Errichtung von 25 Häusern auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds im Fiaifa Bav-Geländc für Einwanderer aus Deutschland überwiesen. Die Häuser werden den Namen des Spenders tragen. Auf Drängen der interessierten Kreise hat die Leitung des arabischen N a t i o 11 a I f o n cf s, der dazu bestimmt ist, den Uebergang arabischen Landes in jüdische Hände zu verhindern, die bisherigen Sa tnmelcrgcb nissc veröffentlicht. Insresamt wurden in Palästina und im Ausland 2180 Pfund aufgebracht. Der größte Teil des Sammeiergebnisses wurde als Anzahlung für den Kauf von 10t)Ü Dunam Land bei Gaza verwendet. Die Handelskammer von Jerusalem, die einzige Handelskammer Palästinas, die Angehörige aller drei großen Bekenntnisse des Landes umfaßt, hat beschlossen, dem internationalen Verband der Handelskammern beizutreten und an dem nächsten im Jahre 1935 .staufindenden Weltkongreß der Handelskammern tcilzunebmen. Die Kaiserin von Aclhiopien stattete Palästina einen Besuch ab und weihte ein ahessinisches Kloster am Jordan-Ufer in der Nähe von Jericho ein. Bei der Zeremonie waren gemäß ״Times“ auch Vertreter der Zionistischen Exekutive anwesend. Ein professioneller J ou rn a li s t cn v e r ein für Palästina ist in Jerusalem gegründet worden. Seine Satzungen sind von den zuständigen Behörden registriert worden. Die Beirut er Ha'fengesellschaft bemüht sich, eine Anleihe von 30 Millionen Franken aufzunehmen, mit deren Hiife die Hafenanlagen von Beirut so ausgebaut werden sollen, daß der Hafen der Konkurrenz des Hafens von Haifi gewachsen sei.