Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 75-76 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- Seite 567 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 76/75, 20. IX. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 565 Die Hachscharah in Holland Aus Holland wird uns geschrieben: Viele Chawerim, die sich an uns wenden, sind nur mangelhaft über die hiesige Hachscharah orientiert. Zum Teil liegt es daran, daß sich bei einer objektiven Beurteilung keinerlei feste Angaben machen lassen, da das Leben und die Ausbildung der Chaluzim, die aut Einzelstellen bei Bauern in kleineren Betrieben untergebracht sind, vollkommen individuell beurteilt werden muß. Während der Ausbildungszeit, die ungefähr zwei Jahre dauert, da die ״Vereenigung“ von ihrem Prinzip nicht abgeht und von einer sogenannten Schncllausbildung, wie es heute in einigen Ländern’der Fall ist, nichts hält, ist es möglieh, daß der Chaluz sich mit jeder vorkommenden Arbeit vertraut macht. Die Arbeit ist sehr schwer, und die Arbcitszeit beträgt im Sommer oft bis zu 15 Stunden täglich. Speziell wird während der Heu- und Roggenernte bei außerordentlieber Hitze hart und andauernd gearbeitet. Der Chaluz. erhält bei seinem Bauern Wohnung und Verpflegung, auf den meisten Stellen nach einiger Zeit ein geringes Taschengeld. Die Lebensweise ist in den meisten Fällen sehr einfach, und das Essen ist nach städtischen Begriffen wenig schmackhaft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es für viele sehr schwierig ist, sich in dem bäuerlichen Milieu Hollands einzuleben. Fast jeder Chaluz wechselt nach einem Jahr seine Stelle, damit seine Kenntnisse nicht auf einen Betrieb zugesclinitten sind. In den Wintermonaten nehmen die Chaluzim an Landbau- und Melkkursen teil, um theoretische Kenntnisse zur Ergänzung ihrer praktischen Tätigkeit zu erhalten. Unsere Hachscharah-Zentren sind Arnhem, Deventer, Enschede, Lochern und Meppei. Ferner gibt es zwei misrachistische Zentren in Almelo und Ommen. ln der Handwerk er -Hachscharah, die von zwei Ingenieuren geleitet wird, sind die Chaluzim in verschiedenen Zweigen — als Schlosser, Automontcure, Möbeltischler, Bautischler und Buchdrucker — untergebracht. Im ganzen sind ungefähr 150 Chaluzim und Chaluzoth in Holland auf Hachscharah. Die Tarbutharbeit, die hier auf verschiedene Schwierigkeiten stößt, wird bis jetzt einigermaßen vernachlässigt. Die Gründe hierfür liegen 1. an der wenigen Freizeit der Chawerim, 2. an den Entfernungen, 3. an der unregelmäßigen Zusendung des informationsmaterials. Wir hoffen jedoch, daß zum Winter dieser Zustand behoben wird. Rudolf Schön. Landjudentum und Hachscharah Die Juden auf dem Lande und in den Kleinstädten fühlen sich verlassen und von den jüdischen Zusammenhängen ausgeschlossen. Auch an dieser Stelle sind vor kurzem Notrufe vom Lande erschienen, die dieses Gefühl zum Ausdruck brachten. Die Sorge um den Lebensunterhalt und die Zukunft der Kinder bedrückt die ländlichen Juden besonders stark. Dabei könnte all dies gemildert werden, wenn man nur den Weg beschreitet, der jüdischen Jugend aus der Stadt hilfreich zur Seite zu stehen. Der beste Teil unserer Jugend will Landwirtschaft oder Handwerk erlernen, um sich auf ein Leben der Arbeit in Erez-lsrael vorzubereiten. Die Schwierigkeit ist vielfach nur die, daß für die Jugend die erforderlichen Lehrer und das nötige Land fehlen. Hier kann nun das ländliche Judentum eingreifen. Es besitzt in zahlreichen Fällen selbst Land und steht auch heute noch in einem guten Verhältnis zu den Bauern, Gärtnern und Handwerkern in der Nachbarschaft. Die Jugendlichen, die aus der Stadt kommen, sollten daher von ländlichen jüdisehen Familien aufgenommen werden und hier arbeiten lernen. Wenn sie erst harte Hände, feste Muskeln und entschlossenen Sinn sich auf diese Weise erworben haben, dann sollen sie zu dem eigentlichen Lehrherm, d.h. dem Bauern, Gärtner oder Handwerker gehen. Als Entgelt für diese vorbereitende Erziehungsarbeit können die betreffenden ländliehen jüdischen Familien von den Instanzen des deutschen Judentums die Mittel erhalten, um ihren gärtnerischen oder landwirtschaftlichen Betrieb auszugestalten, damit er sie ernährt und sie selbst allmählich vom Handel loskommen. Auf diese Weise kann gleichzeitig die Hachscharah für Palästina gefördert und eine Umschichtung des ländlichen Judentums angebahnt werden. Was hier gefordert wird, ist keine bloße Theorie. Ich selbst habe diesen Weg praktisch beschritten und damit Erfolg gehabt. Man gewinnt zugleich Kontakt zum lebendigen Judentum, lernt zusammen mit den jungen Leuten Hebräisch, jüdische Geschichte usv. und überwindet so die bisherige Einsamkeit. Es gilt hier der Satz: Helft, so wird Euch geholfen werden! Siedlungsarchitekt Max Lewin, Seddin. Die Auswanderung von Landjuden Wir erhalten folgende Zuschrift, die für die Situation zahlreicher ländlicher jüdischer Familien, die nach Palästina auswandem wollen, charakteristisch ist: Bei den Maßnahmen, die für beträchtliche Teile des deutschen Judentums auf dem Gebiete der Auswanderung, insbesondere nach Palästina, ins Auge gefaßt werden, ist in aller Eindringlichkeit darauf hinzuweisen, welche Schwierigkeiten sich hierbei dem gewerblichen jüdischen Mittelstand auf dem Lande und in kleineren Städten entgegenstellen. Gerade diese jüdischen Bevölkerungsteile sind durch die Verhältnisse in ihrem Erwerb schwer getroffen und demgemäß ist die Neigung vorhanden, sich eine Existenz außerhalb Deutschlands zu suchen, wobei Palästina, auch aus ideellen Gründen, im Vordergründe steht. Ein Beispiel sei angeführt: An einem benachbarten kleinen Platze von 3000 Einwohnern leben ca. 90 jüdische Familien, von denen 7 bis 8 Familien noch ihre Existenz finden können, während alle anderen verarmt sind oder allmählich verarmen. Hier geht eine wertvolle Schicht zugrunde, wenn nicht schnellste Hilfe gebracht wird. Die besonderen Schwierigkeiten dieses Standes bei einer Auswanderung liegen darin, daß das Vermögen der Familien fast durchweg aus Hausbesitz, Liegenschaften und Außenständen besteht. So müssen diese Leute ohnmächtig zusehen, wie die Vermögenssubstanz Unter der Hand zerrinnt. Schnellste Hilfe ist hier am Platze! Die Nutzbarmachung brachliegender Energien, vor allem aber die Flüssigmachung derartiger Verinögensteile wäre ein nicht zu unterschätzender Gewinn für den Aufbau Palästinas. Es ist Sache der Finanz- und Wirtschaftsexperten, darüber nachzudenken, welcher Weg gegangen werden könnte, um die Frage der Flüssigmachung solcher Vermögensteile zu lösen. Mak Seliger, Bad Orb. Thüringer Jugend für den KKL. Bei einem Treffen in Wandersleben haben im mitteldeutschen Landesverband zusarmnengefaßte jüdische Jugendvereine sich in einer feierliehen Resolution zur Arbeit für die ״Erlösung des Bodens“ bekannt. Eine Arbeitsgemeinschaft wurde gebildet und ein KKL-Amt eingesetzt, das von Siegfried Rittberg, Ohrdruf, geleitet wird. Baufragen in Palästina Haifacr Wohnungsbau Von Reg.-Baumeister Dr.-Ing. Julius Pietrkowski. Der Aufsatz von Dr. Hans Jacobowltz über den Wohnungs- und Baumarkt in Haifa in Nr. 64 der ״Jüdisehen Rundschau1‘ veranlaßt mich zu einigen Ergänzungen, zumal das darin enthaltene Zahlenbeispiel ein zu günstiges Bild ergibt. Da der Bau oder Erwerb von Zinsgrundstücken eine der wichtigsten Alllagemöglichkeiten für einwandernde Kapitalisten bildet, und Haifa als gleichberechtigt neben Tel- Awiw hierfür in Frage kommt, so soll ein kurzer Abriß der Fragen gegeben werden, die hierbei zu beriieksichligen sind. Für den Erwerb von fertigen Häusern bietet die Rentabilitätsberechnung wie in allen Ländern die Grundläge für den Kaufpreis. Für den Bau von sofort tragenden Zinshäusern kommt in erster Linie das Gebiet des H a d a r Haearme 1, sowie die Stadtteile Mizpah und Herzlia in Betracht. Die Ausnutzung des Baugrundes ist im Hadar zu 33.3 0/0 festgesetzt (an den Eckplätzen 3,3 «> Zuschlag), die Höhe des Bauwerks neuerdings mit zwei Stockwerken begrenzt. Infolge der Lage am Bergabhang ist es fast immer möglich, außerdem noch an der talseitigen Front etwa das halbe Erdgeschoß als sogenanntes Basement auszunutzen. Die hierfür erzielbaren Mieten sind etwas (zirka 20°/o) geringer als die für die Hauptwohnungen. Der Preis für den Boden schwankt in diesem Gebiet für baureifes Gelände an fertiger Straße zwischen £ 1—2 pro pick8 (1,74 pick8 =1 ■־ qm). Solche Parzellen sind nur nocti spärlich vorhanden, ein größeres Angebot ist erst wieder im Osten nach Nahiah sowie im Westen nach Mizpah und Herzlia zu vorbanden, wo noch der endgültige Ausbau der Straßen und der Versorgungsleitungen zu erfolgen hat. Die Mieten sind gegenwärtig in diesen Gegenden etwas niedriger, namentlich in Nahiah, dafür der Bodenpreis etwas geringer, bis herunter zu £P 1/2 pro pick8, wodurch wiedeT ein Ausgleich der Rentabilität herbeigeführt wird. Als Wohneinheit kommt in erster Linie die Zwei- und Dreizimmerwohnung in Betracht. Bei einer Netto-Zimmerfläche von durchschnittlich 15 qm beträgt der Raumbedarf einer Zweizimmerwohnung ca. 50 qm, einer Dreizimmer- Wohnung 65 qm, alles unter Abzug der von den Wänden eingenommenen Flächen. Diese Raumgrößen sind ausgeführten Bauten entnommen. Es sei bemerkt, daß langjährig im Land befindliche Fachleute diese Zahlen für zu knapp halten, und, falls in Zukunft genügend anderer Wohnraum zur Verfügung steht, Unvermieibarkeit bzw. Sinken der Mieten für die nach vorgenannten Grundsätzen gebauten Wohnungen - prophezeien. Für absehbare Zeit ist jedenfalls mit diesen Voraussetzungen njeht zu rechnen, und es ist auch zu berücksichtigen, daß hier jede Wohnung über mindestens einen Balkon mit großen Abmessungen (bis zu 2,50 m Ausladung) verfügt, der den größten Teil des Jahres als gleichwertiger Wohnraum dient. Auch ist der Platz, den das Mobiliar beansprucht, hier kleiner als in Deutschland. Als Abzug für Mauerstärken sind, ebenfalls nach Ermittlungen an ausgeführten Bauwerken, ca. 17 ®fe der bebauten Grundfläche abzusetzen, dazu kommen noch ca. 12 qm für das Treppenhaus. Die Abzüge sfnd geringer als in Deutschland, da die Mauerstärken kleiner sind. Ein Durchmesser der Außenwand von 30 cm gilt im allgemeinen schon als reichlich, er wird sich bei der hier üblichen Betonbauweise noch weiter einschränken lassen, falls brauchbare und preiswerte Isolierplatten Sicherheit gegen die atmosphärischen Einflüsse bieten werden. Der Baupreäs beträgt neuerdings für gute Wohnbauten hier £P 5,5 pro qm bebaute Fläche und Geschoß. Auf Grund dieser Darlegungen soll das von Dr. Jacobowitz gebrachte Beispiel nachgeprüft werden. Bei einer angestrebten bebauten Fläche von 200 qm sind erforderlich 600 qm Bauplatz — ca. 1050 pick*. Bei einem mittleren Preis von £P U/s pro pick8 ergibt sich also folgende Rechnung: Bauplatz 1050x 1,5 ־־ £P 1575 Verschreibungskosten 3 0׳,״ £P 50 Leitungsanschluß, Zaun, Garten usw. £P 100 Baukosten 200x2,5x5,5 =־ CP 2750 Summa £P 4175 Als nutzbare Fläche in jedem Stockwerk ergibt sich: 200 X 0,83 — 12,0 154 =־ qm Es können also in jedem Stockwerk nur drei Zweizimmer- Wohnungen gebaut werden, und nicht, wie Dr. Jacobowitz annimmt, eine Drei- und zwei Zweizimmerwohnungen. Auch ein geringes Vorspringen im oberen Geschoß, das hier gestattet ist. kann hieran nichts ändern. Die Bruttoeinnahmen stellen sich bei einem monatlichen Durchschnittsmietpreis von £P 5 für die Zweizimmerwohnung, sowie £P 6 für die Dreizimmerwohnung im Basement wie folgt: 6x5 30 1x6= 6 £P 36x12 ־= £P 432 pro Jahr. Ein Unkostensatz von 10 ס/י muß in den ersten Jahren ausreichen, so daß sich die Verzinsung auf 0.9x432x100 8,7 «/» stellt. 4475 Mit einem Leerstehen der Wohnungen ist für absehbare Zeit nicht zu rechnen. Dagegen ist zu berücksichtigen, daß nach drei Jahren 12V» °/0 Steuer von den Mieteinnahmen bezahlt werden muß und daß mit der Zeit die Unterhaltungskosten wachsen. Nun ist heute für Einwanderer aus Deutschland ca. 9 keine schlechte Verzinsung. Trotzdem stellt diese in der letzten Zeit eingetretene Entwicklung einen Ausnahmezustand dar. Denn in jedem Lande steht normalerweise die Rentabilität des Hausbesitzes in bestimmten Beziehungen zum üblichen Hypothekenzinsfuß. Dieser beträgt gegenwärtig immer noch bei einer 1. Hypothek, die gewöhnlich bis zu 60 °/0 des Bauwertes ohne Berücksichtigung des Grund und Bodens gegeben wird, 9 0/0 effektiv (nominell vielfach 7!/2 ®/o). Zweite Hypotheken sind selten und kosten gewöhnlich 12 0/0 effektiv. Es fehlt also im Augenblick die Unternehmer- Prämie, und es liegt für den Kapitalisten die Versuchung nahe, sich nicht mit einem Neubau abzugeben, sondern sein Geld in einer Hypothek anzulegen. Zur Beurteilung der künftigen Entwicklung ist zu bedenken, daß der Zinsfuß im Orient stets wesentlich höher als in Europa war. Trotzdem ist es wohi sicher, daß Palästina, je mehr es sich modernisiert, immer mehr den Wirtschaftsgesetzen des Westens gehorchen wird. Die Verzinsung des normalen Wohnhausbesitzes wird daher wohl kaum wieder die alte Höhe erreichen. Der zweite für die Rentabilität wesentliche Faktor, der Bodenpreis, dürfte im ganzen gesehen, also ohne Berücksichtigung vorübergehender kurzer Krisen, kaum sinken, da Land nur im beschränkten Umfange zur Verfügung steht Die Höhe der Mieten endlich ist wohl kaum mehr wesentlich zu steigern. Zum Schluß sei noch auf einige Ausnahmen von der Regel hingewiesen, sowie ein kurzer Ueberblick über die anderen Stadtgegenden gegeben. Wir haben bisher nur den Fall eines gewöhnlichen Wohnhauses untersucht. Sowie die Möglichkeit besteht, im Erdgeschoß Läden auszubauen, ändert sich natürlich die Berechnung grundlegend. Für einen Laden von 3—4 m Frontlänge und gewöhnlicher Zimmertiefe weraen ie nach Lage £P 6—10 pro Monat gezahlt. Hierfür sind aber im wesentlichen nur die Herzlstraße und wenige besonders geeignete Punkte der übrigen Straßen freigegeben. Die Möglichkeit, im Rahmen eines Neubaues heute sofort Läden ausztihauen, ist im Gebiet des Hadar Hacarmel so gut wie ausgeschlossen. Es wird sich aber empfehlen, schon beim Projekt diese Möglichkeit für spater zu berücksichtigen. Ferner ist an einzelnen Stellen noch Platz für Spezialbauten, etwa ein sog. Jimggesellenhaus, eine Privatklinik, ein Kino usw. Für alle diese Fälle müssen natürlich Spezialuntersuchungen angestellt werden. Die östliche Fortsetzung von Hadar Hacarmel bildet Nave-Sliaanän, leider durch einen tiefen Bodeneinschnitt, ein sog. Waadi, abgetremit. Der Boden ist hier noch relativ billig, die Baukosten entsprechend den geringeren Ansprüchen der dort ansässigen Bevölkerungsschicht etwas niedriger, die Mieteinnahmen aber auch so, daß die Rentabilität sich nicht höher als auf dem Hadar stellt. Dies Gebiet dürfte eine Zukunft haben, sobald einerseits der Anschluß zum Hadar durch die längst projektierte, aber noch nicht finanzierte Brücke hergeslellt sein wird, und andererseits das Industrie• gelände an der Haifa-Bay besetzt wird. Es ist diejenige gute Wohngegend, die diesem am nächsten liegt. An Bebauung ist zulässig 25 0׳,״ und zwei Stockwerke. Architektenwettbewerb in Palästina Von Dr. Gretel Esther Carow, Tel-Awiw. Seit einiger Zeit beherbergt Tel-Awiw eine kleine, aber sehr interessante Ausstellung: im Arbcitcrkluh sind die Wände bedeckt mit Architcktcnpläncn und -zeichnungen, den von den Architekten Palästinas eingereichten Lösungen für ein Preisausschreiben der Histadruth. Es h«1ndelt sich um den Bauplan für einen großen Platz in der Frischmannstraße, den die Histadruth neuerdings erworben hat und für den Bau von Arbeiter Wohnungen verwenden will. Unter den eingereichten Lösungen bringt der Italiener Lurie einen sehr imposant wirkenden Bau auf dem ganzen, einem großen Trapez mit recht unregelmäßigen Seiten gleieilenden Raum. Dicke, quadrige Wände erinnern an floretitinische Palazzi; ein Gesamtgebäude ist in ziemlich glattem, die Unregelmäßigkeiten ausgjeichendem Rechteck vorgeschlawirkt. Sämtliche )Vohnungseingänge sind von innen her, also nur durch den Toreingang vom Hof und nicht von den umgrenzenden Straßen, zu erreichen. Der große Hof muß sehr dumpfig wirken, da er ja keinerlei freien und offenen Zugang hat. Ganz andere• Lösungen strebten Kuczinskl und Berler an: ihre Zeichnungen — sie haben mehrere Varianten eingereicht — erinnern an moderne Siedlungsbauten etwa in den Vororten von Berlin. Es sind lauter kleine, dreistöckige Häuser, in Reihe und Glied gerichtet wie Soldaten. Das hat sicher den Vorteil, daß den Häusern viel Luft zugeführt wird, aber die Sicht- und Nachbarschaftsverhältnisse sind ungünstig und die Aufteilung geht auf Kosten der ästhetischen Wirkung eines ruhigen, einheitlichen Gebäudes. In der Form sehr ähnlich sind die Entwürfe der Architekten Rubin und Herz und der des Preisträgers C11 a - ron, der den Bauauftrag erhielt. Beide zeigen zusammenhängende, einheitliche Gebäude in Form eines Rechtecks und eines angrenzenden, zum Rechteck offenen li, was scheinbar dem Boden besser entspricht als die anderen Vorschläge. Bei Charon ist das Rechteck vorn und hinten weit geöffnet, die Hofmitte ist als Garten gedacht, durch den Luft und Licht frei strömen können; bei Rubin-Herz ist aas Rechteck geschlossener. Die Wohnungen sind bei beiden auch von der Straße her zugänglich. Bei dem Entwurf besteht für Charon ein großer Vorteil darin, daß er die Bebauung des westlich vom Bauplatz der Histadruth gelegeneu Platzes ebenfalls durchführt, so daß seine Zeichnung die ganze Fläche umfassen kann: in der Mitte das offene Rechtcck und auf beiden Seiten zum Rechteck offene U-Fornien. Das Studium der von ihm eingereichten Skizzen und Berechnungen ist besonders aufschlußreich und interessant für palästinensische Bauprobleme: Eine seiner Tabellen zeigt in vergleichsform die verschiedenen Bebauungsmöglichkeitcn in ihren Vor- und Nachteilen vom Gesichtspunkt der Platzausnutzung, der Belüftung und Besonnung, der Weiträumigkeit und der Nachbarschaftsverhältnisse, Der Vorschlag für die beste Bauform ist daraus leicht zu entnehmen. Daneben hat der Architekt ganz: genaue Berechnungen über den Einfallswinkel der palästinensischen Sonne gemacht, indem er ein lahr hindurch den Winkel, den die Sonnenstrahlen mit der Erde bildeten, genau ausrechnete. Die Ergebnisse machen es ihm nun leicht, seine Wohnungen so zu bauen, daß sie nach den klimatischen Verhältnissen des Landes genau orientiert una dimensioniert sind. Charons Hauswände sind gewinkelt, jeder Wohnkomplex innerhalb des Ganzen ist ein Stück gegen den vorhergehenden zurückgebaut, was dem Bauplatz gut angepaßt ist. Es schafft auch gleichzeitig den einzelnen Wohnungen bessere Belüftung, weil ja ein solcher vorspringender Winkel den Winden von den beiden Hausseiten her Zugang läßt, die bei einer glatten Hauswand doch nur von vorn in die Zimmer gelangen könnten. Im Gesamtbild wirken dabei diese Winkel keineswegs unruhig, sondern lockern nur die Strenge der jetzt üblichen glatten Häuserfronten etwas auf. Für Zugluft und Zugwind garantiert dem ganzen Komplex die nach beiden Seiten hin offene Schmalseite des Rechtecks, während leichte Zugänge zu den Wohnungen ein solches Wohnviertel gesellig machen. Dabei ist doch auch die Abgcschlossenheit dieses Hättscrkomplcxcs innerhalb des großen Stadtgebildes gewahrt, wenn, wie es der Wille des Architekten ist, in die hintere, offene Seite des Mittelblockcs sich das kleine, einstöckige Gebäude eines Kindergartens einfiigt und der Bau selbst «inen kooperativen Laden, Lese- und Klubräume und eine gemeinsame Waschanstalt usw. erhält. Auf dem Gebiet des Har Hacarmel, wo fraglos die hygienischen und landschaftlichen Voraussetzungen für Wohnzwecke am günstigsten sind, ist eine Bebauung von 20 0/0 und drei Stockwerken zugelassen. Diese Zahl hat jedoch für absehbare Zeit nur theoretisches Interesse, da das Gebict bei den jetzigen Verkehrs- und ökonomischen Verhältnissen sich nicht für Vieifamiiienhäuser eignet. Die Ein- bis Zwcitamiiienvilla, vornehmlich zum eigenen Gebrauch, ist hierfür das gegebene. Die Verzinsung ’stellt sich etwas geringer als für den Hadar berechnet.