Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1933)
- Date
- 1933-05-16
- Page
- Seite 199 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653725-2653768--23723-2686623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Budapest 1× ep/1002374
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
Juden sehen dich an" —? Einzelnummer RM 0,25 JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstagu. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Reichsmark, vierteljährlich 5,75Reichsmark. AusUndsfthonnements werden in der Währung der einzelnen Länder berechnet, Anreigenpreis: S gespaltene Nonpacdllezeile 0,50 RM. Stellengesuche 0,25 RM Der ZkMiigWHW /er»<rel>t «Or da« JQdleche Volk die Redaktion, Verlag und Anzeigen - Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H-, Berlin W15, Meinekestr.IO. Telefon: J 1 Bismarck 7165-70. Anreigenschluß: Dienstag und Freitag nachmittags 4 UH r Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck - Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355, Belgrad 680 32, Brüssel 394 33, Budapest 596 93, Dan/ig 1973, Haag 140 470, Prag 59410. Riga 4155, Straßburg 164 30, Warschau 190 708, Wien 156 030. Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurlürstendamm 52; Rumänische Kreditbank, Cerruiun (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haiia, Jerusalem, Tel-Aviv. כ, אייר תרצ״ג| xxxvm. Jahrg. Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Ja-Sagen zum Jude Dfe deutsche nationale Revolution ist noch nicht abgeschlossen, ihr Ziel ist, wie stets proklamiert wird, eine völlige Durchdringung des gesamten deutschen Lebens in allen seinen Verzweigungen mit nationalsozialistischem Geist. Da der Nationalsozialismus gleichzeitig die Parole der Ausschaltung der Juden aufrecht erhält, so muß das deutsche Judentum der kommenden Entwicklung mit schweren Sorgen entgegenschen. Viele jüdische Menschen sind auf der Höhe ihres Lehens vollständig aus ihrer Bahn geworfen worden, sie haben ihren Beruf verloren, sehen sich materieller Not entgegengehen, der moralischen Stütze beraubt, ihre ehrliehe Arbeit geschmäht, ihre Ehre den schwersten Angriffen ausgesetzt. Ihre Weltanschauung ist ins Wanken geraten. Lebensgrundlngen, die man für unabänderlich hielt, schwinden dahin. Die ungeheuren Umwälzungen der letzten zwanzig Jahre, die die alte europäische Gesellschaftsordnung vollständig verändert und ungeheure Massen in Bewegung gebracht haben, dringen erst jetzt auch in das Bewußtsein des bürgerlichen Judentums in Deutschland ein. Solche Zeiten sind hart und unerbittlieh. Die Gemeinschaft, der die deutschen Juden sich eingegliedert glaubten, hat sie ausgestoßen. Nun stehen viele Juden, die ihren Zusammenhang mit dem Judentum längst verloren hatten, haltlos da. Es wird ihnen das Wort ״Jude“ zngerufen, von außen her wird der Einzelne in die jüdische Gemeinschaft zurückgestoßen. Niemand wird so ungerecht sein zu verkennen, daß dieser Vorgang für zahlreiche Juden eine außerordentliehe Tragik hat. Entwicklungen sind nicht auszulöschen und in den letzten Jahren hat der deutsche Jude soviel von deutschem Leben, deutscher Kultur und deut- Sehern Geiste in sich aufgenommen, so sehr alles Deutsche mit Liehe umfangen, und, da Liebe blind macht, die geschichtliche Schranke, die einer vollen Identität seines Daseins mit dem deutschen Volk entgegenständ, nicht sehen wollen, — daß der plötzliche Rückstoß ihn mit dem Gefühl, schwerstes Unrecht zu leiden, erfüllt. In der Stille spielen sich persönliche Tragödien ab; mancher scheint die Kraft nicht zu finden, unter so veränderten Bedingungen sein Leben weiterzuführen. Wer gibt ihnen Kraft? Werden dl- Menschen, die jetzt richtungslos sind, den Weg zur jüdischen Gemeinschaft finden? Wir alle, die wir im jüdischen Leben stehen und uns seit Jahren bemühen, unsere jüdische Lage zu begreifen, müssen bereit sein, den Menschen zu helfen, die jetzt wie Irrende im Dunkel sind. Viele Juden, die ahnungslos sich über ihre jüdischen Bindungen hinwegzusetzen glaubten, werden jetzt erkennen, daß sie zu den Müttern hinabsteigen müssen. Ihr Leben muß eine neue Orientierung bekommen. Sie haben viel verloren, wer könnte es leugnen, aber — sie haben auch viel z u g c w i n n e n. Das Gemeinschaftsgefühl der Juden ist in dieser Zeit stärker geworden. Jüdische Menschen, die noch vor kurzem achtlos und womöglich unerkannt aneinander vorbeigingen, sind einander näher gekommen. Man e!npfindet den Juden als Schicksalsgenossen, als Bruder. Jüdische Menschen können wieder miteinander sprechen. Etwas von der Wand, die im Alltagsleben Mensch vom Menschen trennt und den Zugang zur Seele versperrt, ist abgebröckelt. Ein solcher Moment ist ein fruchtbarer, ein heiliger Moment, der Herzen erheben, Gemeinschaft stiften kann. Die Gemeinsamkeit uralten Erbes von Blut und Geschichte, von Schicksal und Sendung, kommt wieder als wesentlich in unser Bewußtsein. Sie zu bejahen, mit ganzem Herzen und wachen Sinnen, das allein ist die würdige Antwort des Juden auf diese Stunde. Läßt er sie vorübergehen, hegniigt er sich mit Ressentiment und mit Klagen über das ihm angetane Unrecht, tröstet er sich mit der Er- Wartung auf spätere Besserung, begreift er nicht den tieferen Sinn dieses Geschehens, dann wird eine einzigartige Situation der jüdischen Geschichte schmäh- Heb vertan sein. Schon hört man im jüdischen Lager Stimmen, die sehr bedenklich machen. So bringt es ein jüdisches Organ zuwege, seine Leser davor zu warnen, Zugeständnisse zu machen ״an Ideen des Selbstausschlusses von der Umwelt“, zu warnen vor ״spontaner jüdischer Grupnen-Isolation“ (das Wort ״spontan“ ist besonders gut); und dann heißt es: ״Jüdische Gemeinschaft kann sich vertiefen auch außerhalb der Pflege religiösen Güterbestandes, aber nur weil und wenn cs uns aufgezwungen ist.“ Hier muß einem verderblichen Gedarikengang mit aller Schärfe entgegen getreten werden. Der Verfasser dieses Artikels ist sicherlich im guten Glauben; er meint wohl, durch solche Haltung sein Deutschtum besonders wirksam zu unterstreichen. Iri Wahrheit ist hier nichts anderes proklamiert, als jene Maxime, die das Judentum in Deutschland in eine immer ausweglosere Situation gedrängt, zu einer verachteten Gruppe gemacht hat, die sie aber auch das Deutschtum und die deutsche Kultur nicht richtig, nicht von innen heraus und unbefangen, erleben ließ. Wir Juden, die wir die jüdische Gemeinschaft nicht als ״aufgezwungen“ betrachten, sondern als eine natürliche geschichtliche Gegebenheit, zu der wir innerlich ja sagen und aus der heraus wir unser gesamtes Leben gestalten wollen, nehmen für uns in Anspruch, die deutsche Bildüng und Kultur, in der wir aufgewachsen sind, als unentwindbaren Besitz zu behalten und als deutsehe Bürger für das Ganze einzustehen. Wir tun es ehrlich, mit offenem Visier, als Juden, die wir sind, und niemand wird von uns erwarten, daß wir uns als etwas anderes geben. Trieben wir Selbstverleugnung, wären wir in der Tat schlechte deutsche Bürger. A1 s Juden kämpfen wir auch für das Prinzip der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, das auch von andern, z. B. zuletzt von den deutschen Bischöfen in ihrer Kundgebung, verfochten wird; aber wir sehen ein, daß dieser Kampf nur darin von dauerhaftem Erfolg sein kann, wenn wir als Juden Verhandlungspartner sind, nicht aber wenn wir uns hinter dem Deckmantel Zur Außenpolitik Die Einberufung des deutschen Reichstages hat in der ganzen Welt ein lebhaftes Echo gefunden, und man sieht den angekiindigten Erklärungen des Reichskanzlers mit gespanntcr Erwartung entgegen. Die außenpolitische Situation wird allgemein als .äußerst gespannt betrachtet. Die Versuche, die großen europäischen Nationen für ein neues Weltsystem des Friedens zu einigen, sind bisher nicht gehingen. Wenn wir Juden, die von der Lage ebenso beunnihigt sind wie die anderen deutschen Bürger, hier noch ein spezielles Wort dazu sagen, so geschieht dies aus toigendem Grunde: In früheren Stadien wurden von einem Teil der deutschen Presse die außenpolitischen Schwierig- Leiten des Deutschen Reiches mehr oder minder offen auf eine ״jüdische Hetze“ zurückgeführt. Wir haben uns stets gegen diese Unterstellung gewehrt, und wir konnten sogar darauf liinweisen, daß in manchen früher feindlichen Landern gerade führende Juden zu den Leuten gehörten, die für eine Revision des Friedens von Versailles und für die Gleichberechtigung Deutschlands eintraten, eine Tat- Sache, die kürzlich erst von der Londoner ״Times“, also einer wirklich maßgebenden Stelle, in einem ihrer revisionsfeindlichen Artikel angedeutet wurde. Daß die deutschen Juden hinter den außenpolitischen Forderungen der deutsehen Regierung in bezug auf Gleichberechtigung stehen, ist eine Selbstverständlichkeit; daß aber auch in anderen Ländern gerade Juden für diese Gedanken empfänglich waren, beruht darauf, daß Juden ein besonders feines und empfindliches Organ für die moralische Kränkung haben, die in einer Verweigerung der Gleichberechtigung liegt. Die Gegnerschaft gegen Deutschland, die sich jetzt im Ausland enthüllt, beruht auf politischen und sachlichen Erwägungen und ist nicht durch jüdischen Einfluß entstanden. Auch die maßgebenden Stellen der deutschen öffentlichen Meinung müssen dies in der letzten Zeit erkannt haben. Daß die deutsehe Judenfrage im Ausland eines der Argumente ist, das im politischen Kampf gegen Deutschland benützt wird, wird von den deutschen Juden am meisten bedauert. Auch Herr Rosenberg, der während seines Londoner Aufenthaltes mehrfach (so z. B. von Lady Oxford) wegen der Judenfrage interpelliert wurde, wird zweifellos fcstgestcllt haben, daß die Juden keine ״Hetze“ betreiben, sondern die Behandlung dieses Punktes seitens der Engländer gänzlich unabhängig von jüdischer Einwirkung ist. Die Juden haben kein Interesse an einer Verschärfung der internationalen Situation. Sie erhoffen vielmehr eine Beruhigung der europäisehen Atmosphäre, die es möglich machen wird, auch die jetzt so verwickelte und zugespitzte Judenfrage in ihrer ganzen Breite und Lösungsbedüritigkeit aufzurollen. allgemeiner Ideen verbergen und dann erst als Juden ״entlarvt“ werden. Die Situation der Juden ist im nationalsozialistischen Staat ein brennendes Problem geworden, an dem niemand mehr voriibersehen kann. Aber das Problem als solches best a 11 d s c h ״ n f 1־ ü h e r, und wir hätten gewünscht, daß es in anderer Weise, ohne die furchtbaren Verzerrungen und eiu-citigcn politisch.cn Akte, /um Aus trag gekommen wäre. Dazu aber war die große Mehrheit der deutschen Juden nicht bereit. Sie fühlte sich sicher, wenn sie sich auf formale Rechte stützte. Die eminente Bedeutung von Instinkten und Volksgefühlen wurde nicht erkannt. Aber das Problem war da. Es ist kein Zufall, daß es schon vor fünfzig Jahren, vor vierzig Jahren, von sch,arfsehenden Juden selbst formuliert wurde. Die schwere seelische Not der deutschen Juden ist dadurch verursacht, daß sie nicht rechtzeitig erkannteil, daß ihr Platz in der jüdischen Gemeinschaff ist und ihr Zusammenleben mit anderen Völkern nur dann in innerer Wahrheit gestaltet werden kann, wenn sie von dem Boden des jüdischen (iemeinschafts- Bewußtsein^ her an die Frage tierangcheii. Und in diesein kritischen Moment können wir nur dann widerstandsfähig sein, wenn wir mit dem uns ״aufgezwungenen“ Judentum auch die Freude am Jude-Sein wiederfinden. Manche empfinden es schon, daß es ein beglückendes Gefühl ist, gerade in schwerer Zeit zur Gemeinschaft zu stehen und mit ihr zu arbeiten. Uni dieses inneren Lohnes willen kann man sich mit dem Verlust materieller Güter abfinden. Die Aufgaben, die vor dem deutschen Judentum liegen, sind fast unübersehbar. Für jeden klaren Kopf, für jede energische Hand, für jeden Spezialisten und vor allem für jeden Menschen mit warmem Gefühl und innerer Lebendigkeit ist Arbeit genug vorhanden. In der nächsten Umgebung, in Familien und Verbänden, in Institutionen und Beratungsstellen, überall braucht man echte Menschen und aufrechte Juden. Man denke nur an den ungeheuren Komplex von Aufgaben, der sich aus der unvermeidlichen Beruf sum- Schichtung der deutschen Juden ergibt. Berufsum- Schichtung ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein seelisches Problem. Es gehört dazu nicht nur eine entsprechende Ausbiklungsmöglichkcit, sondern eine neue Bewertung der Arbeit, des Berufs und des Lebens. Die Uebersehät/ung des Intellektuellen muß aufhören, der Wert einfacher, handwerklicher und mechanischer Arbeit muß neu erkannt werden; wenn es in Deutschland mit der Prozentual-!!! ernst ist und man nicht die Juden zum Hungertod verurteilen will, dann weiden wir jene Kategorien von Berufen, in denen der jüdische Prozentsatz nicht erreicht ist, ausfindig zu machen und zu beanspruchen haben. Diese Umstellung des jüdischen Bewußtseins, das in Deutschland vor allem großbürgerlich orientiert war, kann schwer dem isolierten Einzelnen gelingen, wohl aber der Gemeinschaft, die bewußt diesen Weg geht. Und was an geistigen Gütern durch den Verzicht auf ״höhere“ Bildung verloren geht, muß aufgewogen werden durch eine neue jüdische Bildung, die — wie es im echten Judentum stets war — Geistes- und Herzensbildung ist. Die Gemeinschaft ist es, die Kraft hierzu gibt. In diesem Geist muß auch die Schulfrage angepackt werden, die jetzt ein jüdisches Problem allerersten Ranges geworden ist. Wehe uns, wenn jene heute schon wieder erkennbaren Tendenzen durchdringen, die darauf ausgehen, aus unseren Kindern ״Deutsche jüdisehen Glaubens“ zu machen, das heißt innerlich gebrochcne Menschen mit Ghetto-Mentalität, die ihre Maß- Stäbe von außen nehmen und immer nur ängstlich danach schielen, was die Umwelt zu diesem oder jenem sagen wird, statt innerlich gefestigte Juden, die zu ihrem Jude- Sein ja sagen und in voller Loyalität und Offenheit, aber auch im Bewußtsein ihres eigenen Wertes und ohne innere Verängstigung an die Umwelt herantretea. Eine wahrhaft jüdische Erziehung ist heute bei Gott keine ir.nerjüdische ״Parteisache“, sondern eine elementare Lebensnotwendigkeit des gesamten deutschen Judentums. Wenn die Alten