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Jüdische Rundschau · 1933-05-12 · Heft 38 (12.5.1933) · p. Seite 189

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 38 (12.5.1933)
Date
1933-05-12
Page
Seite 189 (sequence 1)
Language
German
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Kultur - Autonomie als Lösung? Einzelnummer RM 0,25 SCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Di enstagu. Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Reichsmark, vierteljähr 1 ich 5,75Reichsmark. Auslandsdhonnemcrm werden in der Währung der eimeinen Länder berechnet, Anzeigenpreis8 ־ gespalten* Ncmparetilezeile 0,50 RM. Stellengesuch« 0,25 RM Redaktion, Verlag und Anzeigen -Verwaltung: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15, Meinekestr. 10. Telelon: J 1 Bismarck 716570־. Postscheck - Konten: Berlin 173 92, Basel V 9355» Belgrad 680 32» Brüssel 3933 4־, Budapest 596 93, Danzig 1973, Haag 140 470, Prag 59410. Rigi 4155, Straßhurg 164 30, Warschau 190708, Wien 156030. Bank-Konten: Dresdener Bank, Depositen - Kasse Berlin, Kurfürstendamm 52, Rumänische Kreditbank, Cernauti (Rumänien); Anglo Palestine Co. in Haifa. Jerusalem, Tel-Aviv. Nummer 38 f Berlin, 12. V. 1933 Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. ט״ז אייר תתנ״ג I XXXVIII. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich -rechtlich gesicherten Heimstätte In Palfistlna. ״Baseler Programm." Fanal und Besinnung Die abgelaufene Woche stand im Zeichen kuHurpolitischer Kundgebungen. Nachdem der Nationalsozialismus seine politische Herrschaft im Staate gesichert hat, wendet er sich mit dem Elan, der diese Bewegung auszeichnet, der Umgestaltung des geistigen Lehens in Deutschland zu. Kunst und Wissenschaft, Theater und Presse, Film und Zeitschriftenwesen, vor allem aber das gesamte Schulwesen, sollen von dem neuen Geist durchdrungen werden. Denn Macht, so hat Minister Goebbels in einer seiner Reden sehr schön formuliert, kann sich nur durchsetzen, wenn sie mit Geist gepaart ist: Am Anfang steht die Idee. Jedes politische ist vor allem ein pädagogisches Werk. Wer das nicht weiß, wird seine politische Macht auf Sand gebaut haben. Die neuen Männer in Deutschland haben bewiesen, daß sie es wissen, und nun soll das Bewußtsein einer geistigen Wende auch den Volksmassen eingeprägt werden. Stürmisch verlangt diese Umwälzung nach symbolischen Akten. Der Ueberschwang einer Stunde, in der ein langersehntes Ziel erreicht ist, will seine Flammenzeichen weithin sichtbar machen. Dieser Einsicht dürfte es zuzuschreiben sein, daß der Gedanke eines Autodafes von Büchern in allen Kreisen des nationalen Deutschlands Verständnis und Zustimmung fand; mancher Bedenkliche mochte sich dabei von der Ueberzeugung leiten lassen, daß in so revolutionärer Stunde gerade jungen Menschen eine festliche Demonstration des Triumphes nicht verwehrt werden darf. Auch für uns Juden ist dies eine denkwürdige Nacht. Die großen Scheinwerfer auf dem Opernplatz leuchten auch in die Verschlungenheit unsere r Ex׳istenz und unseres Schicksals hinein. Nicht nur Juden, auch Männer rein deutschen Blutes wurden angcklagt. Sie werden einzeln nach ihren Handlungen beurteilt. Lei Juden aber bedarf es keiner individuellen Gründe; da gilt der alte Spruch ״Der Jude wird verbrannt“. Die Beseitigung repräsentativer Symbole der gestürzten Macht ist ein Vorrecht jeder Revolution. Aber die Aktion ״wider den undeutschen Geist“ erklärt den Juden den Kampf. Man bezeichnet vielfach das Judentum oder das ״Jüdische“ als Symbol der vergangenen Epoche in Deutschland und das Tribunal der Revolution bricht den Stab über den Begriff ״Jude“ schlechthin. Hier müssen wir Einspruch erheben. Denn an dem deutschen Liberalismus hatten Juden zwar Anteil, sie waren genau wie andere Bürger davon ergriffen und wurden in dieser Epoche eingegliedert in die deutsche Welt, aber darum sind die (an allen Zeitgenossen haftenden) Merkmale dieser Epoche nicht identisch mit dem Judentum. Gerade dies aber versucht man jetzt zu konstruieren. Darum verwirft man alles Jüdische und darum fragt man bei Werken jüdischer Schriftsteller nicht nach ihrem Wert und Inhalt, sondern nach der Abstammung des Verfassers. Nach der von der deutschen Studentenschaft ausgegebenen Proklamation sind alle Büeher, die von Juden in anderer als hebräischer Sprache geschrieben wurden, verfemt und werden als Gefahr für den deutschen Geist bezeichnet. Kein Jude leugnet, daß die weitaus wichtigsten und größten Werke jüdischen Geistes hebräisch geschrieben wurden; unsere hebräisehe Literatur wirkte sogar — dank Martin Luthers Bibelübersetzung — indirekt bei der Entstehung der deutschen Schriftsprache mit. Aber bei aller Anerkennung der IJeberlcgenheit unseres hebräischen Schrifttums innerhalb der von Juden stammenden Literatur muß doch auch behauptet werden, daß es viele wissenschaftlichc und dichterische Bücher jüdische! Autoren in nichthebräischer Sprache gibt, die keineswegs unter die Kategorie ״Schmutz, und Schund“ eingereiht werden können. Wir haben keinen genauen Einblick in die von den Studenten ausgegebenen schwarzen Listen gehabt; aber wir wollen hoffen, daß die Durchführung nicht so rigoros war, wie man nach jener Proklamation und nach verschiedenen Einzelakten lokaler Studentengruppen annehmen könnte. Wir wissen nicht, ob die Namen, die bei der Verbrennung auf dem Opernplatz genannt wurden, das vollständige Verzeichnis der verbrannten Autoren bedeuten, oder ob nur einzelne hervorgehoben werden sollten. Aus der Namensnennung hatte man den Eindruck, daß. auch die Veranstalter sich des symbolischen Charakters des Autodafes bewußt waren. Die Aktion ist weit ruhiger und gemäßigter verlaufen, als nach den Ankündigungen vermutet wurde. Vielleicht waren Gegenkräfte am Werk, die mäßigend einwirkten. Nach manchen Berichten scheinen im Aus- 1 a n d übertriebene Vorstellungen vom Umfang der Vernichtung verbreitet gewesen zu sein; die Resonanz des Ereignisses war dort anscheinend stärker als in Deutschland selbst. Aber für uns Juden .ist gerade die Symbolik des Vorgangs bedeutungsvoll. Sie ist ein Fanal, das uns zur Besinnung aufruft. Jude, besinne dich auf dich selbst — das ist für uns in Flammenschrift auf den Himmel dieser Nacht geschrieben. Das Problem des jüdischen Anteils in der deutschen Literatur darf nicht einseitig betrachtet werden. Wenn wir als jüdisches Organ die einheitliche Verdammung alles Jüdischen in der Literatur nicht mitmachen können, so bedeutet das natürlich nicht, daß wir uns mit allem identifizieren, was von Juden in Dichtung und Publizistik geschrieben werden ist. Unser Zeitalter hat für alle das Schreiben zu billig, zu sehr zu einer Sache der Fertigkeit gemacht. Gerade als Juden haben wir manches gegen von Juden Geschriebenes auf dem Herzen. Denn häufig benützten Juden ihre Schreibgewandtheit, um in echter Parvenühaltung ihre eigene Gemeinschaft preiszugeben, um ihre Abstammung vergessen zu machen. Aber trotz allem, was wir gegen solche Menschen einwenden müssen, trotz allem, was gerade wir vom Renegatentum zu leiden hatten, ist für uns der Tag, an dem auf großen Scheiterhaufen verbrannt wird, was von jüdischen Menschen zu deutscher Literattir und Wissenschaft beigetragen wurde, ein Tag der Trauer. Wir sehen hier nicht nur eine ungeheure menschliche Tragödie sich abspiclen, indem Schriftsteiler größeren oder kleineren Formats von der Gemeinschaft, für die sie wirken wollten, gebrandmarkt werden, sondern wir betrachten diesen Vorgang auch als die Tragödie einer ganzen jüdischen Generation, die aus den objektiven Voraussetzungen und Gegebenheiten ihres Lebens nicht anders als zu starker innerer und äußerer Assimilation kommen konnte und nun gerade an jenem Punkt, den sie für den Gipfelpunkt der ge- Iungenen Verschmelzung hielt, am empfindlichsten und unbarmherzigsten zurückgestoßen wird. Wir müssen aber auch allssprechen, daß auch durch dieses Feuer die Verbindung der Juden mit deutscher Kultur nicht zerstört ist. Mit der Verbrennung der Bücher jüdischer Autoren ist das Problem der Teilnahme jüdischer Menschen an Kunst und Dichtung nicht gelöst. Die jüdischen Dichter sind aus der Dichter-Akademie ausgeschieden und der alte Max Lieber mann, der fast ein halbes Jahrhundert der Repräsentant deutscher Malerei war, vor kurzem noch in Deutschland hochgeehrt, trat im Alter von S7 Jahren aus der Akademie der Künste aus. Liebermanns persönliche Erklärung, er habe in der Kunst niemals Politik und Abstammung gelten lassen, wird man akzeptieren können; es gibt wohl solche Grenzfälle, aber der Fehler lag darin, daß man sie vcrallgemeinerte. In der vergangenen Epoche hat man auf Grund der Leistungen von schöpferischen Persönlichkeiten, die gewiß mindestens ebensosehr dem Deutschtum wie dem Judentum verbunden waren, eine Theorie konstruiert, wonach schlechthin die Unterscheidung zwisehen Deutschen und Juden als nicht vorhanden betrachtet wurde. Man zählte alles zum Deutschtum. Jetzt schlägt das Pendel ebenso radikal nach der anderen Seite aus: inan rechnet alles von Juden Stammende dem Judentum an. Wir Juden könnten mit Befriedigung die großen Männer als ״unser“ hinnehmen, aber wir sind ehrlich genug, zu wissen, daß sie in Wahrheit nur sehr bedingt dem Judentum zuzuzählen sind. Wir sind unter den Völkern, denen wir assimiliert wurden, in noch höherem Grade als andere Völker — in Wahrheit sind es alle — eine kulturelle Mischung; das soziale Material der kulturellen Betätigung stammt aus der deutschen Welt, und auch die Imponderabilien des gestaltenden Geistes können nur teilweise als ״jüdisch“ bezeichnet werden. Und dennoch: diese Kiilturmischung ist fühlbar, und wenn wir Juden sie nicht empfanden, kam sie uns aus der Reaktion der Nichtjuden zum Bewußtscin. Wir waren Zeugen des wechselnden IJnbeh a g c n s, das durch die Funktion jüdischer Künstler und Dichter im deutschen Volke• erzeugt wurde. In vielen Aeußerungen führender deutscher Schriftsteller ist uns dies dargelegt worden. Wir erwähnen aus letzter Zeit nur zwei charakteristische Beispiele, mit denen sich die ״Jüdische Rundschau“ beschäftigt hat, die Aufsätze von Paul Fechter in der ״Deutschen Rundschau“ und von Josef Nagler im Judenheft der ״Europäischen Revue“. Das assimilierte Judentum, getäuscht durch die Literatur- und Theater-Kritik der liberalen (meist von Juden gcschricbcnen und gelesenen) Presse, glaubte diese Gegensätze bagatellisieren zu können. Nun wird die Ausstoßiing der Juden aus der deutschen Literatur im 10dernden Feuer gewaltsam vollzogen. Aber was hier ausgesondert wird, ist nicht positives Gilt des Judentums. Wir wehren uns dagegen,# daß aus rein negativen Erwägungen, weil etwas ״nicht deutsch“ ist, von einer jüdischen Literattir gesprochen wird. Denn —- mit wenigen Ausnahmen - schrieben deutsch-jüdische Schriftsteller nicht aus jüdische m Bewußtsein und jüdischer Verantwortung. Hatten doch die meisten dieser Juden bisher das Judentum nicht ernst genommen! Nur aber, wenn auf beiden Seiten das eigene Stammes- und Volksgefii 111 lebendig ist, kann die detn nationalen Deutschtum erwünschte klare Trennung fruchtbar werden. Die Entstehung des jüdischen Selbstbewußtseins Ist unsere Sache, nicht die der uns ablehnenden Nichtjuden. Es geht dabei nicht utn formelle Dinge. Reichsminister Goebbels äußerte sich in seiner Rede über die Aufgaben des deutschen Theaters am Montag abend auch zur Judenfrage; er erklärte, in revolutionären Zeiten habe auch der Künstler nicht das Recht, unpolitisch beiseiie zu stehen, und fuhr fort: ״In diesem Zusammenhang ein paar Worte über die Judenfrage. Ich glaube, man braucht den Juden aus der deutschen Kunst gar nicht gesetzmäßig hi 11 auszusftif n, sondern ich meine, daß das Volk ihn seihst allmählich ausschciden wird. Je stärker wir das volksmähigc Denken in den breiten Massen verankern, um so weniger wird das Volk einen ihm fremden Menschentyp als Vertreter dieses Volkstums annehmen können.•' Diese Erklärung, so glauben wir, bedarf einer Ergänzung von der jüdischen Seite her. Was Dr. Goebbels ablehnt, wird mit dauerndem Erfolg nur dann zu verhindern sein, wenn auch dem Juden künftig gestattet ist, ohne Odium als Jude ohne Mimicry aufzutreten, so daß Mißverständnisse weder auf deutscher noch auf jüdischer Seite mehr möglich sind. In verschiedenen Ministerreden der letzten Zeit wurde erklärt, daß die revolutionäre Phase des Umsclnvungs als beendet anztise'nen ist und der weitere Ausbau des neuen Staates sich in der Balm ordentlicher Gesetzgebung vollziehen wird. Einzelaktionen, auch auf dem Gebiet des Kulturlebens, werden nicht mehr zugelassen. Wir wissen nicht, ob die Aeußerung Minister Goebbels׳ dahin zu verstehen ist, daß den freischaffenden Juden nun mehr wieder erlaubt werden soll, sich ungehindert zu betätigen, sofern sie nicht als Vertreter deutschen Volkstums erscheinen wollen. Hier läge in der Tat der einzige Ausweg. Wenn der jüdische schaffende Künstler sich stärker als bisher auf sein Judentum besinnt, dann könnte, wenn erst die Wogen der Erregung sich geglättet haben, viel Konfliktstoff beseitigt werden. Jedes Volk schätzt in der Kunst vor allem die Werke, die aus den Quellen des eigenen Volkstums entstanden sind. Aber kein Volk ist so engherzig, auf künstlerischem Gebiete nicht auch andersgeartete Sc Impfungen zu würdigen und zu genießen. Wenn schaffende Juden als Juden erkannt werden, dann ist dem Einwand von Minister Goebbels Rechnung getragen; wer sich dann mit jüdischen Werken beschäftigt, weiß auch in Deutschland, daß er es hier mit Schöpfungen Andersstä in in i g e r zu tun hat. Deutschlands Dichtung und Kunst ist, wie die aller Völker, zu allen Zeiten von anderen Völkern in steter Wechselwirkung beeinflußt worden. Die von Juden geschriebene Literatur wird — freilich in etwas anderer Weise als z. B. englische oder chinesische Literatur — eine Schöpfung eigener Art darstellen, an die man ohne Voreingenommenheit herantreten kann. Und dazu bedarf es eben einer Wandlung auf jüdischer Seite. Wir haben auch in deutscher Sprache bereits Ansätze zu jüdischer Dichtung. Man braucht nur an Beer- Hofmanns ״Schlaflied“ und ״Jakobs Traum“ zu denken.

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