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Jüdische Rundschau · 1933-03-07 · Heft 19 (7.3.1933) · p. Seite 93

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 19 (7.3.1933)
Date
1933-03-07
Page
Seite 93 (sequence 3)
Language
German
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Kr. 19, 7. in. 1933 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 93 ״Die Rahcl stirbt . . ״ Von Hans Rosenkranz. Am 7. März dieses Jahres werden die jüdischen und nichtjüdischen Zeitungen je nach ihrer Richtung jener merkwürdigen Frau gedenken, die jetzt vor hundert Jahren gestorben ist: Rahe! Varnhagen von Ense, geborene Rahel Levin. Sie werden von ihr erzählen als von der mütterlichen Freundin des Prinzen Louis Ferdinand, von der Vertrauten Schiegels und der Karoline Humboldt, von ihrem Salon und von ihrer Funktion in der damaligen Berliner Gesellschaft, und sie werden — ein wenig übertrieben — von ihr sprechen als von der großen Werberin für Goethes Glanz und Größe. Hier sei eine merkwürdige Episode aufnotiert, die wenig bekannt ist; einige Worte, die sie fünf Tage vor ihrem Tod in der schweren Qual ihrer Krankheit gesprochen hat, und die ihr Mann sich sofort notierte: ״Welche Geschichte!“ — so lauteten diese Worte — ״eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe und Pflege von Euch! . . . Mit erhabenem Entzücken denke ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechtes mit der neuesten Lage der Dinge . . . verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, als eine Jüdin geboren zu sei«, um keinen Preis möchte ich das jetzt missen .. .“ Man pflegt zu sagen, da8 in der Stunde des Todes das ganze Leben eines Menschen noch einmal vor dem inneren Blick des Sterbenden aufsteh e, daß die Urgründe seines Lebens dem Hinübergehenden aus <l«m Unbewußten herauf in der letzten Stunde begreiflich werden. — Vor hundert Jahren starb Rahel Varnhagen, eine Frau, die viel geliebt und nicht wenig Leid getragen hatte, die mit stürmischem Herzen die Erhebung Preußens mitempfand, die das magnetische Kraft- Zentrum der Berliner Gesellschaft war in ihrer Zeit. Vor hundert Jahren starb Rahel Varnhagen, eine einmalige Frau, die, begnadet von besonders günstigen Umständen, den Schritt aus dem Ghetto in die Welt getan, die sich restlos angeglkhen hatte, für die es eine persönliche Judenfrage wirklich nicht mehr gab, für die die Tatsache, ״als eine Jüdin geboren zu sein“, Leid und Schmach und den Alp einer schlimmen Erinnerung Bedeutete, W'enige Tage vor ihrer» Tod will sie dieses Leid und diese Schmach ״nicht mehr missen“. In jenen letzten Tagen des Hinübergehens dämmern dfe Grundlagen ihres Wesens in ihr zur Klarheit herauf; sie entsinnt sich der Wanderungen der Juden, und die Erinnerung wird so stark in ihr, daß sie selbst sich als ״eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete“ dünkt. In jenen letzten Tagen, in denen keiner mehr lügt, stand die Stimme des Blutes auf in dieser Frau, die Stimme ihres Volkes, die ein Leben lang in ihr geschwiegen hatte ... ״Die Welbnlsslon des Jndenlums“ Vortrag eines ungarischen Bischofs. Budapest, 2. März. {J.T,A.) Im Rahmen einer Kundgebung des Ungarischen Pro Palästina-Bundes sprach der weit über die Grenzen Ungarns hinaus in hohem Ansehen stehende protestantische.,htacheflfürst Bischof Dr. Desider Baltazar über das Thema.: ״Die Weltmission des Judeniums mit und ohne Landu. Dem Vortrage wohnten neben führenden jüdischen Persönlichkeiten Notabilitäten des reliiösen Lebens in großer Zahl bei. Hunderte Gäste konnten einen Einlaß in den überfüllten Saal mehr erhalten. Bischof Baltazar wurde beim Betreten des Saales von begeisterten Ovationen des Publikums und Klängen der ״Hatikwah“ empfangen. Professor Dr. Ignaz Pfeiffer hielt die Eröffnungsrede, woraufhin Chefredakteur Dr. Josef Patai Dr. Baltazar als Priester de* Gerechtigkeit und als Freund der Zions-Idee begrüßte. Bischof Desider Baltazar führte u. a. aus: Die Judenfrage ist eine jener weltgeschichtlichen Fragen, deren Verständnis eine hochragende Höhe des theoretischen, prakiisehen, geschichtlichen und religiös-ethischen Wissens erfordert. Es war eine Zeit, wo ich selbst das Bestehen einer Judenfrage verneinte. Aber es gibt eine Judenfrage und es wird sie immer geben. Judentum Ist eine Weltanschauung. Das universal-menschlich Geistige Im Inhalt der jüdischen Weltsicht findet seine Sanktion Iw Ausspruch Gottes an Abraham: ״In deinem Samen werden gesegnet alle Nationen der Erde.“ Das Judentum ging ohne Land an die Erfüllung seiner Weltmission. Es grenzt an Wunder, was für unantastbare, furchterregende Macht die riesige Ueberlegenheit der Weltanschauung des Judentums unter den übrigen orientalischen Völkern aus sich herausstrahlte. In den Propheten ist nicht der in die Zukunft schauende Feuergeist das Imponierendste, sondern der Mut, womit sie die ihnen von Gott anvertraute Wahrheit gegen eine ganze feindliche Welt verteidigen. Sie wollen eher dm Tod als die Treulosigkeit. Die Gesetze Mpses’ bilden einen riesigen Goldschatz, den alle Völker der Erde in Jahrtausenden nicht auseinanderzutragen vermochten, Das durch Weltanschauung einheitliche Volk bekam sein Land Kanaan nach den strengen Gesetzen der Staatseinheit. So wurde cs dem jüdischen Volke ermöglicht, seine Mission auch mit Land zu erfüllen. Zions nationale und religiöse Bedeutung konnte den Gefangenen an den Wassern Babels, den Unterdrückten in den Ghettos der Zerstreuung die Quelle des erhebenden Trostes bieten. Ein Stück Erde Kann durch zwei Faktoren zum Vaterland erhoben werden: durch Ruhm und durch Leiden. Das Judentum bekam durch den Willen Gottes von beiden seinen Teil. Durch die internationale Regelung der Paiästina-Frage wurde die geschichtliche Forderung Zions in theoretischem und praktischem Sinne auf die richtige Fährte gelenkt. Möge Israel vollbringen seine Weltmission ohne Land, bis die Treue der nicht verdorrenden Hände Jerusalem wiedererkaut. Die Worte des Bischofs Dr. Baltazar wurden von den Anwesenden, Juden und Mchtjuden, mit Enthusiasmus aufgenommen. Dr. Ignaz Friedmann sprach Dr. Baltazar im Namen des Pro Palästina-Bundes den Dank aus. Bluttat ln Beutheti. V.T.B. meldet aus Beuthen: Der 53j|hrige Altwarenhändler Joseph Steiner wurde hier hinter der Eingangstür seiner Wohfiung mit einem Kopfschuß gestern früh tot aufgefunden. Die Titer sind unbekannt entkommen. Nach einer anderen Darstellung soll — nach ״Berl Tagebl.“ — ein Trupp von Leuten in S.-A.-Uniforo1 in Steiners Haus eingedrungen sein. Steiner habe nachts um 1 Uhr seine Tür auf wiederholtes Läuten und Pochen geöffnet; er sei von einem Mann durch einen Kopfschuß getötet worden. Die Täter hätten dann sofort das Haus verlassen. IJeber die Motive der Tat herrscht völliges Dunkel, da Steiner weder politisch noch tonst henwigeirets»» *rar. Was der ״Völkische Beobachter" berichtet Der ״Völkische Beobachter“ vom 4. d. M. bringt einen Londoner Bericht unter folgender lieberschrift: Chaim Weizmann und ״Daily Harald" ' hetzen gemeinsam Freche Lögen Ober angebliche Pogrome in Deutschland Ben Text des Artikels des ״Volk. Bcob.“ geben •wir nachstehend wörtlich wieder, mit getreuer Beibehalt un g aller Sperrungen, Fettdruck •und Interpunktionen. London, 3. März. Der marxistische ״Daily H e r a I d“ hat sich zum Sprachrohr der Propaganda gegen die Nationalsozialisten gemacht, indem er eine große angeblich aus hoher Stelle stammende — aber selbstverständlich frei erfundene — Sensationsmeldung über ein bevorstehendes Judenpogrom (1!) in Deutschland bringt. Es handele sich nur noch um Stunden oder einige Tage, daß das große Schlachten elnsetzcn werde (!!). Zehntausende von Juden ständen bereits auf der Schwarzen Liste, angeblich, weil sie Kommunisten oder Marxisten seien. In London seien volle Beweise (!!) für die Absichten der Nationalsozialisten cingcgangen. Die ganze Angelegenheit sei bei hohen Stellen erwogen worden. Eine Intervention stehe unmittelbar bevor. Aber welche Form sie annehmen werde, das sei noch eine äußerst delikate Angeiegenheit. Nur der vereinigte Druck der Weltmeinung könne eine Katastrophe verhindern (!!). Dies gehe nicht nur das jüdische Volk (!1), sondern auch das englische und jedes andere Volk an, das noch einigermaßen Achtung für die Heiligkeit menschlichen Lebens und freier Gedankenbetätig&mg habe. Hitler habe zwar seit seiner Amtsübernahme noch keine unmittelbaren Angriffe gegen die Juden erhoben, wohl aber sei dies seitens nationalsozialistischer Zeitungen geschehen. Die englischen Juden beobachteten die Lage mit wachsendem Schrecken und Besorgnis. Sie seien aber machtlos, denn sie wüßten, daß irgendeine Geste ihrerseits das Signal für die Ermordung ihrer Glaubensgenossen sei» würde. Die Juden in Deutschland sähen keine Rcttungsmögliclikeit. Es scheine, daß die Gefühle in der ganzen Welt so lebhaft aufgepeitscht werden, daß selbst Hitler sie nicht mißachten dürfte. Im Rahmen dieser jüdischen Propaganda gegen die neue Reichsregierung erklärte der Präsident des englischen zionistischen Verbandes Chaim Weizmann auf einer Versammlung ״der Freunde Palästinas im englischen Parlament“ sein ״Mitgefühl“ für die Juden in Deutschland. Auf der Versammlung waren 100 Abgeordnete, darunter der liberale Führer Satnuei und der Landwirtschaftsminister Eil io t anwesend. Weizmann sagte u. a.: ״In der Stunde der Not sollen unsere Mitjuden in Deutschland wissen, daß sie nicht allein stehen, sondern daß das volle Gewicht der erleuchteten Meinung in allen zivilisierten Ländern und besonders in England in ihrem Kampf gegen die Kräfte der Reaktion hinter ihnen steht.“ * Zu diesen Meldungen aus London Bf festzustellen, daß sowohl der marxistische ״Dailv Herald“, wie der bekannte Zionistenführer Weizmann für ihre Behauptungen auch nicht den Schatten eines Beweises haben. Es handelt sich somit um eine unverantwortliche Hetze, die nicht niedrig genug gehängt werden kann. Es wird unseres Erachtens aber nunmehr höchste Zeit, daß die Politiker des Auslandes sich offiziell von dieser eindeutigen Hetze distanzieren. (Wir nehmen zu dieser Veröffentlichung des ״V. B.“ im Leitartikel der heutigen Kummer Stellung.) Br. Roleisen blclbl Von unserem Korrespondenten. h. 1. Prag, 5. März 1933. Wie wir in Nr. 5 der ״T. R.“ mitteilten, hatte Dr. Josef Rufeisen und der übrige Landesvorstand der tschechoslowakischen zionistischen Organisation seine Demission überreicht. In der Sitzung des Landeskomitees, die in der vergangenen Woche in Prag stattfand, wurde dieser Leitungs• Konflikt bereinigt, und zwar bleibt der bisherige Landes- Vorstand auch weiterhin bis zum nächsten Delegiertentage im Amt. — Das Landeskomitee nahm auch zu den bedauerliehen Exzessen in Munkacz (siehe ״J. R.“ Nr. 17) Stellung und verurteilte in einer einstimmig angenommenen Resolution die Einführung von Gewalttätigkeiten im innerzionistischen Kampfe. Auch die Leitung des Brith Trumpeldor in Karpathomßland versendet an ihre Gruppen ein Rundschreiben, in dem diese vor allen Gewalttätigkeiten gewarnt und aufgefordert werden, im innerzionistischen Kampfe in jedem Gegner den Zionisten zu sehen. Der Pogrom in Aden Bombay, 16. Februar. (J. T. A.) Die in Delhi tagende Gesetzgebende Versammlung Indiens befaßte sich in ihrer Sitzung am 15. Februar mit den im Mai 1932 in der Stadt Aden vorgekommenen Ausschreitungen gegen die dortige jüdische Bevölkerung. Auf eine Anfrage des Parlamentsmitglieds Jaya Prasad Singh schilderte der Regicrungsvertreter Metcalfe den Verlauf der Unruhen, die hauptsächlich von fluktuierenden Elementen ausgingen, die aus dem Landesinnern nach Aden kamen und nach vollbrachtem Werke in das Landesinnere wieder verschwanden. Es ist darum schwer, die Frage des Schadenersatzes zu klären. Die indische Regierung hat in Fäden von Unruhe unter der Zivilbevölkerung keine Verpflichtung zum Schadenersatz. Aut den Zwischenruf eines Deputierten, daß die Unruhen auf die Balfour-Deklaration zurückzuführen seien, erwjderte Metcalfe, diese Annahme sei grundlos. Der maßebende und ordnungsliebende Teil der Araber von Aden, er die Mai-Unruhen verurteilt, sei darauf bedacht, weitere Unruhen nicht zuzulassen. Die Juden gehen jetzt ihren Beschäftjgungen ungestört nach, die jüdischen Schulen sind geöffnet und jüdische Frauen sind Belästigungen nicht mehr ausgesetzt. Der abtretende amerikanische Staatssekretär Stints oh soll, wie aus New York gemeldet wird, auf Anfragen über angebliche Pogrome in Deutschland geantwortet haben, Im Jahre 1933 seien solche Dinge unmöglich. Ein Menschenleben Heinrich Braun und sein Schicksal. Von Julie Braun- Vogelstein. (Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen). Der Sozialist Heinrich Braun hätte sich zeitlebens das Wort Abraham Mendelssohns, des Sohnes von Moses Mendelssohn, — von dem er wahrscheinlich niemals gehört hat — aneignen können. Wie Abraham Mendelssohn sich lachend bcklagte: erst sei er der Sohn seines Vaters gewesen, jetzt sei er der Vater seines Sohnes . . so ist auch dieser vielseitig begabte und vielfältig wirkende Mann erst fast nur als Mann seiner Frau Lily Braun, der ״Sozialistin“, dann nur noch als Vater seines Sohnes Otto Braun, des ״Frühvollen• deten“, bekannt geworden. — Daß er daneben auch seine ganz eigene Bedeutung für die Geschichte des Sozialismus nicht nur als Herausgeber des ״Archivs“ und des ״Sozialpolitischen Centralblattes“, sondern auch als fähigster Erwecker junger Kräfte und als unermüdlich fördernder Helfer brachliegender Begabungen hatte, das zeigt das vorliegende Buch mit unwiderstehlicher Beredsamkeit. Zugleich aber auch deutet es — was uns hier besonders ang-eht — die Tragik dieses Menschenlebens. Niemals ist es Heinrich Braun gelungen, seine von allen anerkannten außerordentlichen Gaben zu dem Werke zu sammeln, das ihm vorschwebte. Der andern half — er konnte sich selbst nicht helfen. Es will uns scheinen, als ob diese in ihm wohnende Tragik in besonderem Zusammenhänge mit der Tragik einer ganzen jüdischen Generation stände. Heinrich Braun, der in Pesth 1854 geboren wurde, entstammt mütterlicherseits einem durch rabbinische Gelehrsamkeit hervorragenden Geschlechte, das in Offenbach und Frankfurt wirkte. Um so eigentümlicher berührt cs, wenn inan hört, daß seine spätere Frau Lily von Kretschman, die Tochter des Generals, trotz ihrer sozialistischen Uebcrzcugnngcn auch ihm eine hochadelige Geburt anzudichten pflegte — ein wenig Unehelichkeit nahm sie dabei gern in den Kauf . . . Wenn er ihrs auch ״lachend verwehrte“: Heinrich Braun war selbst keiner von denen, die ihrer Ahnen gern gedenken. So sehr er sich sonst verleumdeter Menschen anzunchmen pflegte: bei den Juden seiner Zeit störte ihn ״das Gemisch aus spitzfindigem Verstand und süßlicher Weichlichkeit“', obwohl er historisch geschult genug war, 11m diese Schwächen aus ihrer jahrhundertelangen Knechtschaft zu erklären. Merkwürdig ist nicht, daß er sich nicht taufen lassen wollte, wohl aber seine Begründung: das sei Ihm ״zu jüdisch“, — Hier liegt, so scheint es mir, der Schlüssel zur inneren Zerrissenheit seines Wesens. Der Kampf für die Verleumdeten und Entrechteten seines Stammes blieb ihm versagt; er wählte sich — wie es etwa Rosa Luxemburg in ähnlicher Gemütsverfassung tat — ein anderes Ziel: den Kampf für die Entrechteten aller Völker, für die Proletarier. — Aber das vergessene Judentum — ״vergessen hab ich’s und vergaß cs gern“ — ließ ihm keine Ruhe. Spät im Leben treten Ihm die jüdischen Mystiker im mittelalterlichen Deutschland entgegen; da ist’s ihm wie ein ,,Wiederfinden seiner Brüder im Geiste“. •— Gewiß, der rumänische Jude Solomon Schechter, dessen Arbeit Jewish Saints in Mediaeval Germany ihm fünfzig Jahre später ungeahnte Quellen erschloß — Juli Braun-Vogelstein nennt ihn nur der ״englisch schreibende Forscher", wir aber kennen ihn als den frühen Entdecker cliassidischer Frömmigkeit — weiß, da er seine Lehrjahre in Deutschland verbracht hat, kein anderes Wort für die Innerlichkeit seiner jüdischen Mystiker als das deutsche Wort ״Gemüt“. — Aber Julie Braun, die sonst so vorsichtig Abwägende, schließt zu rasch . . . ״dann waren jene jüdischen Mystiker Deutsche“ (S. 239). — Ebensogut könnte man schließen: dann war Meister Eckhart .. . Jude. — Jüdisches Vätererbe, das sich ln Rabbi Ascher ben Jechiel, in Elieser von Worms and ihren namenlosen Genossen offenbart, sah eben wesentlich anders aus als der rationalisierte und assimilierte Judentypus des 19. Jahrhunderts, dem Heinrich Braun zu begegnen gewohnt war. _ Bertha Badt-Strauss. Querschnitt durch die jüdische Philosophie unserer Zelt. Im Rahmen der Vortragsreihe ״Querschnitt durch die jüdische Forschung“, wo jüdische Gelehrte über Stand und Aufgaben ihrer Wissenschaft berichten, sprach am 1. März Prof. Julius Guttmann über gegenwärtige Theologie und Religions- Philosophie. Keinen Berufeneren hätte die Freie Jüdische Volkshochschule für dies Thema wählen können als Gottmann, der soeben ein bedeutendes Werk über die ״Philosophie des Judentums“ veröffentlicht hat, von dem an dieser Stelle noch ausführlich gesprochen werden wird. — An diesem Abend suchte Guttmann in klar abwägender und doch innerlich durchgiühter Form die Stellung der großen jüdischen Denker unserer Zeit darzustellen: Hermann Cohens, dessen Lebenswerk die Erkenntnis der Philosophie Kants fruchtbar machte für die Philosophie des Judentums; des allzu früh geschiedenen Franz Rosen zweig, der im Gegensatz zu Cohen nicht von der Vernunft, sondern von der Erfahrung der Welt und Gottes aus zu begrifflicher Form fortschritt; Martin Bubers, der von jüdischer Mystik genährt die Wendung zu einer Lebenslenrc fand, die sich auf reine Schau des Menschen gründet; endlich auch noch Max Brods, der die Kontrastierung des Judentums mit Heidentum und Christentum unternahm. — Ucberraschcnd ergab sich bei allen diesen auf ganz verschiedenen Wegen einherschreitenden Denkern eine letzte Einheit der Fragestellung. Neben Cohens ״Religion der Vernunft“ trat der Irrafionalisrniis Rosenzweigs; und die ideale Vereinigung beider Eiemente ergab die von ihnen allen angestrebte Ganzheit des Judentums. — Es war ein erlesener Genuß, mit zu erleben, wie dieser ausgezeichnete Kenner der Gegenwarts- Strömungen iin Judentum ״unterscheidet, wählet und richtet“ — und damit im tiefsten Sinne ״dem Augenblick Dauer verleiht“. Um so bedauerlicher, daß allzu wenige Hörer dieses Eindrucks teilhaftig wurden. Lag es an der Vortragsmüdigkeit dieser Tage? oder an der höhst ungenügenden Vorankündigung der sonst so umsichtigen Volkshochschule? Kaum eine jüdische Zeitung brachte eine Ankündigung dieses Vortrags — und doch war diese Selbstbesinnung auf unsere, höchsten Güter wichtig wie wenig anderes und tut uns in diesen Tagen des maßlosen Angriffs doppelt not. -bs. Am 2. März, mittags, besuchten Ministerialdirektor Dr. Trendelen bürg und vier weitere höhere Beamte des preußischen Kultusministeriums das Museum der Jüdischen Gemeinde Berlin in der Oranienburger Straße. Rabbiner Dr. Baeck und der Direktor des Museums, Dr. Karl Schwarz, gaben die notwendigen Aufklärungen. Die Besucher äußerten sich sehr befriedigt Wie aus Breslau mitgetcilt wird, ist im Falle des Professors Ernst Cohn noch keine Entscheidung gefallen, Prof. Cohn hat es abgelehnt, von sich aus ein Urlaubsgesuch einzureichen. Zu einer Zwangsbeurlaubung fehlt es jedoch an einer rechtlichen Grundlage, da die eingeleitete Untersuchung nichts gegen Prof. Cohn erbracht hat. Dr. Jacques S 6 g a I, Ritter der Ehrenlegion, ist zura Offizier der Ac a d £ m i e Fran^aise ernannt worden. Dr. S£gai, der in Palästina geboren ist, war vor dem Kriege Chefarzt am Rothschild-Spital und während des Krieges dem französischen Oberkommissariat attackiert. Er veröffent- Uchte namhafte medizinische Schriften und ist aktiven Zionist,

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