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Jüdische Rundschau · 1937-12-14 · Heft 99 (14.12.1937) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 99 (14.12.1937)
Date
1937-12-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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JÖDISCHE RUNDSCHAU Nr. 99, 14. DEZEMBER 1937 ״Zwischen Gestern und Heute“ Karl Escher: Zwischen Gestern und Heute. Roman. — Jüdlsche Buch-Vereinigung E. V., Berlin, und Jüd. Bucliverlag Erwin Löwe. Frau Wiener hat ein Restaurant, in dem es prachtvolle Speisen gibt. Damit fangt Karl Esthers Roman an, und das Wasser läuft einem im Munde zusammen. In der ersten Hälfte des Buches wird noch öfters und immer gut gegessen, und der Appetit des Lesers, der nur Zusehen, aber nicht mitessen bann, wird zum Heißhunger wenigstens auf den Rest des Romans. In dessen Mitte aber bekommt auch das Schicksal einen bösen Heißhunger, einen glück- und menschenfresscrischen Appetit, und Frau Wiener gibt das Restaurant auf. Später muß sie wieder von vorn damit anfangen, aber es ist nicht mehr das gleiche. Frau Wiener'stirbt, und der Roman ist zu Ende. Frau Wiener hat eine lebenslang uncingestandene! iebe zu einem Armendoktor, der ihr Seelenarzt ist, aber nu ׳ im Notfall, denn er muß für alle Bedrückten leben, Schlichtheit, Edelmut und Menschenliebe in einer Person. Frau Wiener wiederum ist die reizendste und selbstloseste Mutter eines Sohnes Achim, der komponiert, und zweier Töchter. Die eine, sie ist ebenso schön wie selbstsüchtig, heiratet ihren Chef, einen Repetitor, einen Koloß an tolpatschiger Liebe und teddyhafter Bonhornniie, der Geld errackert hat, nur der Frau lebt und, als er ihr nach einer ehelichen Szene Schmuck kaufen will, überfahren wird. Nun liebt sie den Toten, verschwendet sinnlos für sein Andenken, wird Mutter, als sein Oeld vertan ist, und widmet sich fortan mit gleichermaßen rasendem Eifer detn Kind. Frau W'icners zweite Tochter wird das Opfer eines genialen Virtuosen des Klaviersniels und des Frauenverhraucluus, der auch sie bald sitzen läßt. Der alte, fromme Vater eines trüberen Opfers — diese Dame verübt Selbstmord — nimmt sie quasi an Tochter Statt, lenkt sie behutsam zurück ins tätige Leben, und zwar vermittels der Tröstungen einer Religion, die offenbar das Judentum ist. Diese Figuren sind nicht durchweg Tugendbolde, aber rührende Menschen. Sie sind nicht vollkommen gut, aber es gibt keine bösen Leute bei Karl Escher, und man kann keiner von seinen Gestalten böse sein. Einigen Nebenfiguren aber ist man sogleich gut, besonders einen putzigen Herrn Glücksmann, Fricdhofsgärtner aus Neustadt, der typische Kleinstadt- Jude, der, kaum in Berlin, schon das Glück hat, sich die Beine zu brechen, von jenem Edelarzt kuriert und bei Frau Wiener Kellner wird, Derartige Typen mit der tragikomischen Dissonanz von glücklichem Gemüt und sclilemihligem Geschick stellt Karl Escher nett und natürlich auf die Beine. Die Helden und Heldinnen geraten ihm nicht so glücklich und natürlich, denn sie geraten manchmal in ein nebliges Pathos. Leider hat das Buch eine ambitiösere Vorrede. In der Vorrede nennt Escher den Roman ״historisch“, die Schicksale und Gestalten seien aber erfunden. Was ist dann das Historische daran? Die Luft, die Atmosphäre, die Stimmung ״der ersten Jahre unseres 20. Jahrhunderts“? Aber das ist nicht einmal die Atmosphäre Georg Hermannscher Romane aus der gleichen Zeit, um nur ein nächstes Beispiel zu nennen, sondern es ist die liebenswürdig undichte, unbestimmte Atmosphäre der netten, zeitlosen Unterhaltungsgemütlichkeit; seihst ein Anflug von Lokolkolorit und Zeithintergnind fehlt, und die Sprache, die Ausdrucksweise im Dialog, das wesentliebste Kriterium, ist von 1935 statt von 1905. Ferner erklärt Karl Escher: ״Es ist ein jüdischer Roman.“ Zweifellos, wenn man bedenkt, daß der Autor Jude ist, daß seine Figuren meist jüdische Namen führen wie Wiener und Gold- Schmidt, daß Herrn Olücksmanns Skurrilität jüdisch ist und daß fast alle anderen Personen (vielleicht ist eben das auch das Historische?) beinahe entjudet sind, ln der zweiten Hälfte des Buches taucht allerlei Jüdisches auf, aber Escher hat eine seltsame Sehen, tlas Kind beim Namen zu nennen. Frau Wieners zweite Tochter wird von zwei Männern zum Gott der Väter und zum Land der Söhne bekehrt, und dabei fällt weder das Wort Jude oder Judentum, und die Zionisten werden nur ..junge“ oder ״neue Idealisten“ genannt. Ob das jüdisch oder historisch sein soll, bleibe dahingestellt, und das Unangenehme dabei ist, daß in dieser mystischen Verbrämung die verschwommenen umschriebenen Begriffe von jüdischer Religion und Zionismus ineinander übergehen. Selbst die sinnfällige Vorstellung der Religion ist wirr. Da gibt’s einen Freitagabend mit Kiddusch und Hecht (nicht gefüllt allerdings), soweit com nie il fallt, allerdings ohne Semirot und Benschen, aber auch mit einer Entgleisung, indem die junge Bekehrte erst Licht zündet und dann, als der Bai- Habajit eintritt, das elektrische Licht anknipst. Dafür darf sie auch beim Kiddtisch sitzen bleiben. Das sind gewiß Kleinigkeiten, aber — in einem ,.jüdischen“ Roman... L. H. Die Gestalt der jüdisdien Frau Bertha Bad! Strauß: ״Jüdinnen“. ־— Verlag Joachim Goldstein, Berlin 1037. Es ist ein kleines Büchlein, das die Verfasserin (die wir unserem Leserkreis ja nicht mehr vorzustellen brauchen) vorlegt — aber mit einem weiten Thema und, wie man hinzufügen kann, einem weiten Horizont. Von den Stammüttern an, über die Frauen des sefardischen und aschkenasischen Ghettos, über ctie Salondamcn der Romantik und die sozialen Arbeiteinnen der letzten Jahrzehnte bis zu den Frauen Erez Israels, bis zu Rachel Rhnvsteiti und Henrietta Szold ist cs ein weiter Weg, auf den! das jüdische Volk und die jüdische Frau gar mancherlei Wandlungen erfahren haben. Bertha Badt-Strauß weiß ihn uns mit Sicherheit zu führen und die Brücke über die Jahrtausende zu schlagen. Ganz abgesehen davon, daß eine Fülle von Material m diesem Buch zusammengetragen ist, ist es auch schon deshalb interessant, weil hier so etwas wie ein erster Versuch zu einer jüdischen Typologie gemacht wird. Sicht man das Buch von diesem Standpunkt aus, so ergibt sich die Frage: inwieweit ist eine bestimmte Frau tatsächlich als typisch fiir ihre ganze Generation zu betrachten? Gibt es nicht neben Rahe! Levin und Henriette Herz die Masse der jüdischen Frauen, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit im Judentum verharren, wie jene sich von ihm lösen? Aber solche Probleme zu entscheiden, lag nicht in der Absicht der Verfasserin; sie stellt uns eine Reihe packend geschilderter Schicksale vor Augen, die nicht unvermittelt nebeneinander stehen, sondern in ihrem innersten Wesen durch eine mystische Grundkraft verbunden sind, die selbst in der abtrünnigsten Jüdin an irgendeinem Punkte ihres Lebens wieder offenbar wird. Der Kunst der Verfasserin ist es zu danken, daß diese Einheit den! Leser deutlich wird, ohne daß es vieler Worte hierfür bedarf. N. Judtn und Jüdische» im Rundfunk. X Am Mittwoch. ]5 Dezember: Straliburg (349), 13: U. a. Ilcbriiisehes Lied von Tomasi. — Kaschau (259), 17.40: Vortrag über Morris Roscnfcld. — Brüssel (484), 21: ,.Großherzogin, von Gerolstein“, von Ottenbach. Mendales 1״ Mendale Mocher-Sfarim: Die Fahrten Binjamins des Dritten. Eine Erzählung. — Schocken Verlag / Jüdischer Bucliverlag, Berlin 1937 (Bücherei Nr. 85). ״Die Fahrten BkFamius dos Dritten“ sind vor etwa sechzig Jahren entstanden. Dreißig Jahre hat cs gedauert, bis der Name des Dichters bei uns im Westen bekannt, und dann wieder ein Mcnschenaltcr, bis uns diese seine klassische Erzählung übersetzt wurde. Sie ist dramatisiert und hebräisch und jiddisch in aller Herren Länder anfgefiihrt worden, und was man über sie geschrieben hat, könnte Bände füllen) Und cntEich haben auch wir sic als Buch, cs ist so weit, man darf den Segen sprechen: ״.,. der es uns hat erleben lassen . .." Den Inhalt des Buches, das ein Kleinod der jüdischen Literatur ist,!)raucht man nicht nach/uerzählen; cs steht im Titel. Und man k a!1 n ihn nicht nacherzählen, denn das Nacherzählbare, die Fabel von der Reiselust und den komischen Fahrten Binjamins aus Tuncjadovvka und seines mitfahrenden Gesellen Scndcrl, genannt ״das Weib“, ist nicht das Entscheidende: das Wie der Erzählung, die Kunst des Er- Zählers, die Lust und Laune und Milde und Bosheit und Menschenkenntnis und Buntheit, der Humor davon ist das Wesentliche. Das Buch stammt aus Mendales mittlerer Periode, es ist sein bestgeschätztes, mindestens sein geschlossenstes, formal reifstes und reinstes Werk. Die Tendenz und Satire gegen alles Kleinjüdische und Kieinstinenscliliche des jüngeren Mendale, des moralistischcn, aufklärerischen Ghettostürmers ist darin, aber nur mehr als grollender Unterton, schon abgeklärt, schon zur reinen Kunst ausgcgoreti, nicht mehr Moral, schon Humor und ganz Lächeln. Und darüber die heitere Umsicht, die milde Schönheit des Alterswerks. Die beiden Orundfigurcn, Biiijamin und Scndcrl, sind mit Don Quijote und Sancho verglichen, das Ganze ist der jüdische Don Quijote genannt worden. Zu Unrecht, der ״Binjamin“ steht nicht neben noch über noch unter dem Don Quijote, aber über jedem Vergleich. Er ist original in seiner Konzeption wie diese Menschcnart von Juden und völlig original in der Ausführung, wie eben ein, wie das Werk von Mendale, dem eigentlichen Schöpfer des jüdischen Stils der neueren Zeit. mimmwmmmiiminwiiiimiimmmmimwmwmiiiimiwiiwiiiiiwimiminimmiiiimmmmim: Stefan Zweig über Herzl Zwei neue Bücher von Stefan Zweig ״Magellan“. — ״Begegnungen mit Menschen, •Städten, Büchern“. — Beide im Verlag Herbert Reichner, Wien. Das neue Buch Stefan Zweigs, eine Lebensbeschreibung des Weltumscglers Magelian, ist eine Reverenz vor dem menschlichen Forsclumgs- und Erobernugsdrang, dem wir die Entdeckung neuer Weltteile zu danken haben. Die Idee zu diesem Buche kam Zweig bei einer Schiffsreise nach Südamerika, auf der er mit einem Male der ungeheuerlichen Leistung inne wurde, die die Bezwingung der Ozeane bcdeutet. Diese Reise Magellans ist eine der Großtaten der Menschheitsgeschichte, und der Bericht darüber liest sicli wie ein spannender Abenteurer-Roman, zugleich aber wie ein Hohelied der menschlichen Kühnheit, die pionierhaft neue Welten öffnet. In dem anderen Buche hat Zweig eine Reihe von Oelegenheitsaufsätzen gesammelt, die sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren erstrecken. Er erweist sich darin als der einfühlende Beobachter und Betrachter von Welt und Dingen, die an Menschen nicht nur vorüberziehen, sondern ihm im wahren Sinne ״begegnen'‘, seine Seele berühren, über die bloße Erkenntnis hinaus eine Bereicherung seines inneren Wesens durch das Erlebnis bringen. Die Dinge, die liier angetroffen werden, sind mancherlei: Menschen, Städte, Bücher, Bilder, Musik, manchmal auch eine Zeit, deren Eigenart sich im äußeren und inneren Geschehen ausprägt. Unter den Menschen, über die Zweig schreibt, sind Dichter und Künstler; hervorzuheben ist sein schon von früher bckannter großer Essay über Vcrhaeren, dessen Gedichte Zweig bekanntlich übersetzt hat, ferner Aufsätze über Cicstalten, wie Rodin, Toscanini, Busoni, Bruno Walter und viele andere. In diesem Teil des Buches finden wir auch einen Essay über Theodor Herzl. Stefan Zweig ׳st kein Politiker, und seine Begegnung mit Herzl war nicht politischer Natur. Als junger Lyriker, der gerade 711 schreiben begann, näherte er sich dem damals allgewaltigen und respektvoll verehrten Feuilleton-Redakteur der ״Neuen I rcifi Presse“. Er charakterisiert in wenigen Strichen diesen ״anderen“ Herzl, der heute fast vergessen ist, den Mann von suggestiver persönlicher Wirkung und Menschlichkeit, mit dem ״Seelenaufschlag tausendjähriger Melancholie“. Zweig hatte nur wenige Begegnungen mit Herzl, und er hat, durch Erlebnisse in der Wiener Anfangszeit des Zionismus beeinflußt, auch kein rechtes Verhältnis zur zionistischen Be- 111n11m11m<n!n1111111m!111׳11!11:׳mmm1!11!11111m!1111M1111M1111111n!1m111n1!11M1m1!<1111111111nm1111M111111111mM11u1m1!״׳!״״ Aus der jiddischen Literatur Ein vierhundert Seiten starkes J, L. P e r e z - S 0!ו d e r - Heft der (iidilisHieii) ״Jiwo-Bliitter“ ist erschienen. Es ent• hält vor allem biographisches Material über Perez, Er innerungen an ihn und die Briefe an seinen Sohn Lucian und an seine zweite Frau, die jetzt achtzigjährig in Warschau verstorhene Erat! Helena Perez, die atu das Lehen und Schaffen des Dichters bedeutenden und woldtätigsten Einfluß batte; Perez’ Briefe aus der Brautzeit und den ersten Jahren der Ehe sind mm ein schönes Denkmal für die Tote, in der Korrespondenz mit Lucian, 6111 Kind aus der ersten Ehe stellt die ganze Vater-Sohn-Trapödie wieder auf: Lucian ist noch Gymnasiast in Warschau, Perez noch Advokat in Zamasz.cz, er schreibt immer zärtlich, rücksiehtsvoÜ, um die Liebe und das Vertrauen des geistig hochstehenden, seelisch nicht gesunden Sohnes werbend, ihn ermunternd: ״Den Menschen cn.flieht gewöhnlich, wer sich selbst entfliehen möchte“, ״Snielc nicht die Rolle eines wilden Menschen“, — aber alle väterliche Behutsamkeit und Klugheit hilft nichts und wenn cs je einen ״Ovdipuskomplex“ gab, so hatte ihn dieser hvpersctsible Sohn eines ihm allzu großen Mannes. — Die umfangreichste Arbeit des Heftes ist M. Waksers Studie über ein verschollenes Jugendwerk von Perez ״liaje ineschurror iw.i“ (Lehen eines jüdischen Dichters), das hebräisch geschrieben und 1877 in Warschau gedruckt worden ist ״Der Lebe di ״er“ (Der! ebrnd ־*׳'׳<■), zivil: Chnjim Outnian in New Yoik, f'iert sc1 ■׳ fiinf/i׳״: ■ ■:׳! (i:!!׳irtstag. Der Lchcdigcr ist eine der pop׳■; ’׳׳len Eiv.'iu imuigen der jiddischen Literatur und Presse in Amerika, ein Humorist, »in jamin III.“ Noch ein Wort zur Uebersetzung. Sie ist von Efraitn Frisch, und sie ist großartig. Es gibt wenig schwerer übersetzbare Autoren als Mendale, aber Frisch mit seinem, weiten deutschen Wortschatz und Sprachgefühl und seiner Einfiihl Fähigkeit wird dem Original noch daun prachtvoll gerecht, wenn er frei überträgt. Wozu ihn übrigens Menaale selbst posthum noch legitimiert: man fand kürzlich von einem hebräischen Text Mendales die wörtliche und gute, weil saubere Uebersetzung eines anderen ins Jiddische, die Mendale dann überarbeitet hat, frei, oder vielmehr der neuen Sprache, dem Jiddischen gerecht geinacht. Bei Frischs Uebersetzung ist etwas fraglich: Soll man. Hcbraismcn und hebräische Wörter in unserer Schrift sephardisch ■transkribieren? Oder so, wie sie im Jiddischen, also im Original ausgesprochen werden? Bei uns spricht alles für die scphardischc Transkription, aber liier ergibt sich ein charakteristischer Fall. Scndcrl fragt einen Bauern: ״Wo geilt der Weg nach Erez Israel?“ ״Was?“ rief der Bauer lind glotzte ihn verwundert an. ״Was für ein Srul? Nie einen Srul gesehen 1“ (S. 39.) Wer nicht weiß, daß Sender! in Wirklichkeit, nämlich im Jiddischen niemals ״Erez Israel“ sondern ״Erez Jisrul“ gesagt hat, versteht weder das Miß- Verständnis des Bauern noch den Witz des Dichters. Also, cs ist ein Problem. Aber wiederum, wie auch hier in der Uebersetzung Mendales Stil zutage tritt, wie die verschiedenen, schillerndere Schichten seines Ausdrucks auilchen, die Meli/a, die klassisehen Mustern ironisch folgende Schönrede: Biiiiamin ״ist wie die Sonne aus seinem Zeit getreten... stark wie ein Leu, leicht wie ein Adler...“, der sinnfälligste charmiercnde jiddische Realismus: ״Der Geiger probiert uml kitzelt die Saiten mit dem Fänger...“, der moralische Räsonierst!’! Mendales des Fisten, des Frühen: ,,Beim gemeinen Volk ist es (der Bettelsack) ein gewöhn!ieher Sack aus grober Leinwand. Bei eleu höheren Ständen nimmt er verschiedene Gestalt an, er erscheint als ein Kästchen, eine Abgabekasse, ein ״Heiliges Gerät“, ein Verein, eine Sammelbüchse, ein Knhalbentcl. eine l.lcinc Bank für zinslose I )arlclum, ein Autorriiplaudersack und dergleichen mehr", und endlich und am herrlichsten, wenn Mendale, wie er es in seinen spätere Schriften immer lieber tut, ganz hinter seine Figuren zurücktiitt und nur sie, jeden in seiner natürlichen Weise, sprechen läßt. Kurzum, es ist ein Kabinettstück, ein Kleinod, ״das er uns hat erleben lassen". L. H, weguttg gefunden. Er erzählt von einer Begegnung mit Herzl im Jahre 1904, als der kranke Herzl schon von trüben Ahnungen erfüllt war. Seiner Einladung, ihn zu besuchen, konnte er nicht Folge leisten, und sein nächster Besuch galt Herzls Begräbnis. Aus allen Teilen der Welt waren damals Juden herbeigeeilt. Zweig beschreibt cs folgendermaßen: ״Es war ein endloser Zug. Mit einmal merkte Wien, daß hier nicht nur ein Feuilletonist gestorben war, ein Schriftsteiler oder mittlerer Dichter, sondern einer jener Oestalter von Ideen, wie sie in einem Land, in einem Volk nur in ungeheuren Intervallen sich sieghaft erheben. Am Friedhof entstand ein Tumult, zu viele strömten plötzlich zu seinen! Sarge, weinend, heulend, schreiend in einer wild explodierenden Verzweiflung, es wurde ein Toben, ein Wüten fast; alle Ordnung war zerbrochen durch eine Art eicmen'arer und ekstatischer Trauer, wie iel! sie niemals vordem und nachher bei einem Begräbnis gesellen: und an diesem ungehenren, aus der Tiefe eines ganzen Million ctivolkes stoß- Haft arefstürmenden Schmerz konnte ich zum erstenmal ermessen, wieviel Leidenschaft und Hoffnung dieser einzelne und einsame Mensch durch die Gewalt eines einzigen Gedankens in die Welt getragen." Andere Teile ries Buches erzählen von Begegnungen mit Stäilicn und Land schäften (darunter Benares, New York, Brasilien) und das SGilußknoi' e! schließlich über Begegnungen mit Büfhern. Hier möchten wir einige Worte aus dom letzter! Kapitel ״Dank an Bücher" zitieren, weil sie einem Volke, das das ,.Volk des Buches“ genannt wurde, nahegehen und weil wir Juden in unserer heuiigen Situation häufig zu Büchern greifen uml dort sozusagen außerhalb unserer trüben Wirklichkeit 1׳Hebung finden. I )aller ist er sehr vielen von uns aus der Seele gesprochen, dieser Dank Stefan Zweigs, den er in folgenden Worten ziisanunenfaßt: ״Ihr Stunden,!einst(־, himvggtragendo aus dem Tumult des Tages, ihr Bücher, nilertreuesfe, schweigsamste Gefälirteii, wie euch danken für euer stets gegenwärtiges Bereitscin, für dies ewig Aufheben de, unendlich Beschwingende eurer Gegenwart! Was seid ihr gewesen in den finstersten Tagen der Sceleneinsamkei'.; in l.azarcttcn und Kriegslag,•rn, in Gefängnissen und an Sehmer/ensbetten, überall habt ihr, allzeit Wache, dem Menschen Träume geschenkt und eine Handbreit Stille in Unrast mul Qual! Immer ve-iuo eiltet ihr, milde Magnete Gottes, die Seele wegzuzieilen, wem sie im Täglichen verschüttet war, in ihr eigenstes Element, immer habt ihr in allen Düsterlingen den inneren Himmel uns wieder zur Ferne erweitert.“;;!111111!mn11111111111!m111m1m11111m!11111111111n11!(11M11111!11111m11!11111m11111n111m1111111111n11M11111111111n1m1mm1Mnmm1 von dem manches Witzblatt lebt oder doch Jehedig“ wird, ein Mann von Witz und nicht ohne ernsthaften Grund und tiefere Bedeutung. In seinem letzten Buch ״Juden auf der Waage“ steht so ziemlich aiies, was wir uns an den Spiegel zu stecken hätten. Ein paar Proben aus der Einleitung: ״Wir sind ein Volk des Zuviel. Zuviel Sorgen, zuviel Verstand, zaviel Enge, zuviel Wunderkinder, zuviel Schriftsteller. Wir schreien zuviel Gewalt, wir drängen uns zuviel. Medizinisch ausgedrückt, leiden wir an Hypertrophie.“ — ״Wären wir nur in Aegypten geblieben! Statt mit der Nadel ist es schon besser mit Ziegeln zu arbeiten. Und Aegypten wäre dann sicherlich auf unserer Seite geblieben. Pharao hätte die Piagen nicht aushaiteri können. Moses hat uns keinen Gefallen getan. Er hat uns zu einem Volk des Ruches, einem Volk von Schulbankdrückern gemacht. Das!.eben haben inzwisehen die andern Völker gehabt.“ — ״Unsere Reichen und andere: Nichtjuden wie Morgan oder Rockefeiler sind einfache Millionäre. Wenn bei uns aber einer für eine Talmud- Thora-Schule ein Almosen gibt, so nimmt er schon Einfluß auf die jüdische Kultur und krönt sich zu!1 nserm Vertreter vor der Welt.“ — ״Die Times brachte eine Artikelserie über den Durchschnittsmenschen in allen Völkern. Den einfachere. Durchachnittsjuden gibt es nicht; er muß etwas sein! Entweder ist er ein Großer in Israel oder er dreht sich um eitlere herum. Ist er nicht fromm, so ist er ein Ketzer, ist er nicht Zionist, so ist er Anti7.ionist.“ in der Art der gerichtlichen Schauspiele, wie sie u. a. irr Tel Aviv veranstaltet wurden, gab es kürzlich im Warschauer Nowoszci-Theater ein ״Gericht“ über den Schund in der jiddischen Belletristik.

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