Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 18 (5.3.1937)
- Date
- 1937-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■8 3. 1937 O J ") <j s fit. 18 / Jahrgang 4Z/ Preis 25 Rpt JUDISCHE RUNDSCHAU gAri'tleltong,Verlag n. Aozelgenvorwaltungi Berlin W1S, Mcinekeitr.10 Fern«-»'« Samraal - Nnmmer J 1 (Biamarck) 9031. — Bezugspreis einschließlich Beirtellifld 1« MoMt RM 2-~• V> Vicrtcliahr RM 5,75, bei Abholung RM 1.88 bzw RM 5r"- ~ Postscheck . Konten der Vertrieb» - Abteilung' Berlin 71573 (fr,r GroB - Berlin), Berlin 173 92 (für da» nbrijro Reich). In Fällen hiilicrer Gewalt beliebt kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bejuipjebüliren. — Eruchelnt Jeden Dien »tag and Freitag. BERLIN T*snn ns 20 FREITAG, 5. MÄRZ 1937 Gttltlfft Anxcigonprelsliste Nr. 5. Die V2 jjespaMcnc mm - Zeile 20 Rpf„ für Familien - Nnehricfitcn 15 Rpf. Für dies Aufnahme von Anzeigen in he=timmt«o Aussahen oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenhettsanr.eipen nur ^«"g^n Vormiszahlunvr mif Postscheck - Konto Berlin 71t> 18 oder bar Montnsr his Freiing 9—18 Uhr. AnnnhrneschiiiB für «iia Dienstag - A u sgabe Montnjj 10 Uhr, für ih'e Freitag - Ausruhe Mittwoch 13 U hr. (Für Familien - Anzeigen am Tay vor Krscheinrn 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt fOr das jüdische Volk dPe Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) ^^___BB-B->B>IeeJ>BjjIBJejeBee««jBa« Selbstvertrauen trotz Sorgen Streiflichter durch die judische Welt Die Tragödie der jüdischen Wanderttngsnot hat sich im letzten Halbjahr am deutlichsten in Südafrika manifestiert, Südafrika, ein prosperierendes Land von großer Ausdehnung' und einer relativ dünnen Bevölkerung von Weißen, war eines der Länder, auf das viele Juden in Deutschland ihren Blick gerichtet hatten. Es erschienen Broschüren und Reiseberichte, und in den unter den Juden Deutschlands häufig gewordenen Debatten über Auswanderungsziele war Südafrika eines der Länder, dessen Vorzüge dem kleinen Palästina entgegengehalten wurden. Als die Gefahr von Beschränkungen am Horizont erschien, wurde in großer Eile ein Auswandererschiff ausgerüstet; diese Episode der „Stuttgart" war einer der großen Momente in der Organisierung der Auswanderung von Juden aus Deutschland. Aber das „Gesetz der Judenfrage" erfüllte sich prompt. Die Ankunft der „Stuttgart" gab der Bewegung des Widerstandes, der schon vorher schwelte, den letzten Anstoß, und es folgte die neue Gesetzgebung, die sich — im Gegensatz zu den Forderungen der nationalen Opposition — nicht als „antisemitisch" bezeichnete, sondern, im Gegenteil, im Interesse der Verhütung der weiteren Ausbreitung des Antisemitismus den Zustrom von Juden stoppen will. Daß die jüdischen Abgeordneten im Parlament für das Gesetz, stimmten, spricht Bände; auch dies zeigt uns das Wesen der judenfrage ungeschminkt wie es ist. Nach Inkrafttreten des Einwunderungsgesctzcs am 1. Februar sind aber neuerlich etwa 300 Einwanderer in Südafrika gelandet. Wir haben bereits eine Warnung des Hilfsvereins der Juden in Deutschland veröffentlicht, der dringend von einem Versuch der Einwanderung ohne Permit nach Südafrika abrät. Nun wird gemeldet, daß die Ankömmlinge eine Aufenthaltsgenehmigung nur bis höchstens 30. April erhalten haben und daß 93 "V, der Gesuche um dauernden Aufenthalt abgewiesen worden sind. Die an Land gegangenen Reisenden werden also das Land in wenigen Wochen w i e d e r v e r 1 a s s e n müssen. Da sie in den meisten hälfen wohl nicht in ihre Ausgangsländer zurückkehren können, müssen sie ihre Wanderschaft fortsetzen. Wohin? In dieser Frage liegt die ganze Tragik der jüdischen Gegenwart eingeschlossen. Gäbe es (was man einst vom Völkerbund erhoffte) eine aktiousfiihige internationale Instanz im Völkerleben, die die Angelegenheiten der Humanität verwaltete, ihr könnte gar nicht eindringlicher als durch diese Vorgänge zum Bewußtsein gebracht werden, daß auch die Juden einen Ort haben müssen, wohin sie — mag es ihnen dabei persönlich besser oder schlechter gehen — wenigstens nicht als bloß Geduldete kommen. Die von einer amerikanischen Zeitung veröffentlichte und von anderen Zeitungen (auch in Deutschland) übernommene Nachricht, daß in einem der vornehmsten und bedeutendsten amerikanischen Kurorte, auf den B e r - muda-Inseln, fünf große Hotels den Ausschluß von Juden verfügt haben, ist ein Zeichen der Zeit. Immer schon hat es in amerikanischen Kurorten Hotels gegeben, in denen Juden nicht aufgenommen wurden; man würde aber fehlgehen, wenn man diese Form des Antisemitismus mit dem europäischen in eine Linie stellen wollte. Es handelt sich vielmehr um eine soziale Erscheinung, um einen aus der Mentalität gewisser amerikanischer Kreise gerade in diesem demokratischen Land entstandenen Wunsch nach Exklusivität. Einen Antisemitismus politischer Art gibt es in Amerika nicht. Die politische Gleichberechtigung der Juden ist unangefochten. Aber schon für die Wirtschaft (besonders so weit Arbeitnehmer in Betracht kommen) gilt das nicht. Und in sozialer Hinsicht ist das freie Spiel natürlich am vielfältigsten. So wie manche jüdischen Kreise auch in Amerika den Wunsch haben, unter sich zu bleiben, so gilt dasselbe auch für a n d e r e amerikanische Gruppen. Besonders in einem Land des schnellen Aufstiegs und eines häufiger damit verbundenen Snobismus, der sich in dem Bestreben äußert, durch Geld sich auch Zutritt zur sogenannten höheren Gesellschaft zu verschaffen, sind derartige Maßnahmen Gesten der sozialen Abwehr, die uns freilich besonders peinlich dünken, da sie sich ausgesprochenermaßeu gegen Juden richten. Man muß bedenken, daß in diesen fashionablen Hotels der Bermuda-Inseln wohl nur die jüdische Oberschicht zu Gaste kam, meist aus Kreisen bestehend, die sich selbst völlig assimiliert dünken. Ob diese Kreise sich nun auf den Bermudas amüsieren können oder nicht, ist eine für das jüdische Volk in seiner Gesamtheit relativ u n w i c h t i g e Sorge. Aber wichtig ist etwas anderes: Auch diese Menschen werden gezwungen, sich ihres J u d e n t u m s b e w u ß t zu werden. Auch s i e begegnen da und dort bei Dingen, die sie tun (oder gern tun möchten), einer Barriere, die den Zugang „für Juden" sperrt. Auch diese Kreise, die im allgemeinen in äußeren Dingen wenig Unannehmlichkeiten haben, werden gezwungen, sich auf die S c h i c k s a 1 s g e m c i n s e h a f t mit dem ganzen jüdischen Volke, auch mit den elenden, wandernden Massen, denen ganze Länder ihre Tore verschließen, zu besinnen. Den einen sperrt man die ersehnte Vergnügungsstätte und gesellschaftliche Freizügigkeit, den anderen die Möglichkeit des bescheidensten Broterwerbs. Eine eigentümliche, wenn auch ungleiche Solidarität! Das Nachdenken darüber muß die jüdischen Magnaten zu der Erkenntnis bringen, daß sie wie alle anderen Juden an dem zentralen Problem der jüdischen Existenz mitzuarbeiten haben, an der Erneuerung d e s jüdischen Volk e s, au der Gewinnung von Boden unter den Füßen, an der Schaffung einer nationalen Heimat, an der Normalisierung des jüdischen Lebens und Schaffung der Voraussetzungen für eine schöpf«ische Entfaltung in innerer und äußerer Freiheit. Ob ein jüdischer Millionär, dein ein Bermuda- Hotel eine Abweisung schickt, nur eine verärgerte Stunde hat oder ob er sich, erregt durch diesen Anlaß, zu dem b e g 1 ü c k e n d e n B e w u ß t s c i n einer großen Volksau f gäbe durchringt — dies ist einer der vielen Aspekte, in denen die Judenfrage heute in Erscheinung tritt. Wir Juden sind ein kämpfendes Volk, wir haben überall zu ringen, um uns durchzusetzen, und wir haben unsere der Lebeiisortinung der Neuzeit entsprechende Stellung unter den Völkern noch nicht errungen. In einem solchen Kampfe gibt es ein Aui und Ab, Fortschritte und Rückschläge, und wir wären unserer tnehrtausendia'hrigen Geschichte nicht würdig, wollten wir uns durch Rückschläge entmutigen lassen. Wir sind uns bewußt, daß manche trüben Ereignisse, auch im persönlichen Leben, sehr schwer zu tragen sind, wir wollen auch nicht einem billigen Optimismus das Wort reden, aber Böses und Gutes kommen selten allein. Das, gilt überall, wo Juden wohnen, es gilt auch in Palästina. Als Volk kennen wir die Gefühle echter Trauer, und in den letzten Tagen haben zwei neue an Juden begangene Morde im östlichsten Winkel des Emek Jesreel uns tief erschüttert. Es wird berichtet, daß bei dem Begräbnis des aus Deutschland stammenden Arztes Dr. Lohrs, der als einziger lüde in dem arabischen Städtchen Beisan (das Das PUueste in ItiUze Der vor einiger Zeit auf Li suchen des Kolonienministers O r in s Ii v - (i o r e in London eingetroffene liigh Commissioner für Palästina, Sir Arthur W a u c Ii o p e, soll, wie auf Grund zuverlässiger Informationen versichert wird, angesichts der Lage in Paliistina in nächster Zeit wieder auf seinen Posten zur ü e k k e h r e n. Dr. Chaiiu W e i z m a n n. ist von seiner Reise nach Frankreich und in die Schwei/ wieder nach London zurückgekehrt. Wie ..llaarez" berichtet, soll I )r. \V e i / m a n n v ahrein! seines Pariser Aufenthalts auch mit den s y r i s e Ii e n M i n i st e rn, die (s. ,,J. R." Nr 10) in Paris waren, zusammengekommen sein. Felix W a r b ti r g, der Vorsitzende des Joint Distribution Ccmmittee und Mitglied der Jewish Agencv, trifft Mitte März in London ein und wird sieh mehrere Wochen in Europa aufhalten. Vladimir J a Ii o t i n s k y ist nach S ii d a f r i k a abgereist und beabsichtigt im Mai zurückzukommen. Der ehemalige Leiter der jüdischen Schule in Rom, Dr. Aldo L a 11 e s, der nach dem Tode von Prof. Angelo Saeerdoti eine Zeitlang die Geschäfte des Oberrabhinats von Rom geleitet hat, ist vom Verband der jüdischen Gemeinden Italiens zum Oberrabbiner von Tripolis bestellt worden. Mit Rücksicht auf die in Tripolis kürzlich wegen der Schabbatruhe entstandenen Schwierigkeiten ist seine Aufgabe besonders wichtig. _ biblische Beth-Schan, wo die Philister die Leiche des König Sauls schändeten) unzähligen leidenden Menschen Trost und Heilung gespendet hat, viele arabische Teilnehmer geweint haben. Wir empfinden dabei das vergiftende Unheil der Politik, die sich über das Filiere im Menschen himvcgNctz.t. Denn daß politische Motive die Morder zu ihrer furchtbaren Untat bewogen haben, kann kaum bezweifelt werden: sie wollen auf diese Webe zeigen, daß der iiaihmahstische Gchcimbuiid in Palästina keine Juden dulden will. Wahnwitziger Versuch, der nur Blut kostet, ohne sein Ziel zu erreichen, denn die Jtidenheit Palästinas und darüber hinaus die aktivsten Teile des jüdischen Volke-, werden durch solche Provokationen nur zu größerer Entschlossenheit und nationaler Kraft zusammengeschweißt. Die echte Trauer um solche Opfer ändert nichts an dem Bewußtsein, durch den Aufbau des Jüdischen Nntionalheims in Palästina eine geschichtliche Notwendigkeit zu erfüllen. Palästina in diese in Frühling ist \ oll bezaubernden Reizes der Landschaft und erfüllt von gehobener Stimmung der zum Fest rüstenden Menschen. So oft wurde in den letzten vier Jahren darauf hingewiesen, welch tröstlichen Lichtblick gegenüber der dunklen Nacht der osteuropäischen Gallith Palästina bietet, daß man darüber beinahe die Warnung der Weiterblickenden überhörte, die wußten, daß die mit so großer Geschwindigkeit entstandene jüdische Massetisiedlung auch Gegenstand schwerer So rge n ist. Die Sorgen tr:ücn dann deutlicher zutage, politisch während der Unruhen und in der im Dunkeln tappenden Erwartung des Komtnissionsberiehtes, wirtschaftlich in der s c h I e i c h c n el e n K r i s e, die nach einer Periode großer Prosperität notwendigerweise eintreten mußte und jetzt gerade gewisse Schichten des Mittelstandes in den Städten bedroht. Diese Erscheinungen erinnern daran, ein wie fein n e r v i g es G c b i I d e jede Wirtschaft mit ihren vielen Abhängigkeiten ist. Die Erkenntnis, daß jüdische Industrie in Palästina den Landesbedingimgen angepaßt sein muß und in ihrem Absatz vor allem auf die arabische Umwelt angewiesen ist, leitet auch auf das politische Gebiet hinüber, zum Verständnis dafür, daß ein derartiger wirtschaftlicher Aufbau die jüdische und arabische Bcuilkcning umfassen muß. Es genügt nicht, wie es /. IL J a b o t i n s k y vor der Uiiterstichitngskoinniission tat, die Forderung zu erheben, da IS eine jüdische Massrncinv. auderung auf die Gründung von Industrien gestutzt werden uitis-e, wenn mau nicht gleichzeitig sagt, wer die Produktedieser Industrie kaufen soll. Die Schwierigkeiten, in denen viele Geschäftsleute in Palästina jetzt sind, werden die größte Aufmerksamkeit der zuständigen In-oittitioneu finden müssen, vor allem wärd durch Kredite und sonstige Stützing; eins 1 ebensfäliigc erhalten werden müssen. Wir sind überzeugt, daß sow eit Einwanderer aus I ieulschland in Frage kommen - - die sogenannte ..deutsche Abteilung" der Jewish Agencv alle Anstrengungen macht und weiter machen wird. Die E r h a 11 u u g der Exis ten / nt ö g 1 i c h k e i t je d e s e in/ein e u Li n w a nderers ist in Palästina nicht nur eine private Angelegenheit, sondern ein jüdisches öffentliches Interesse. Aber was auch an Schwerem in einer solchen Periode des Rückschlags durchzumachen ist (man denke an die verwüstenden Wirkungen der Wirtschaftskrise von 1929 in Amerika), für die auf lange Sicht gelichteten Hoffnungen ist dies kein Grund zur Enttnutig u n g. Menschen mit Energie und Selbstvertrauen werden imstande sein, sich ihr neues Leben aufzubauen, und dieses ikcc Leben gibt ihnen und ihren Kindern die Aussieht, iura.rhalb der sich neu gruppierenden Welt in Ehren besu den >u können. * Es war leider /u befurchten, daß die Rede, die jabotinsky vor der Kommission in London gehalten hat, von seinen Anhängern zur internen Propaganda benutzt werden wird. Wir haben uns in der Kritik dieser Rede, die sicher eine rhetorisch bedeutende Leistung war und auch viel richtiges, von zionistischer Seite oft vorgebrachtes Material cuthielt, der größten Zurückhaltung befleißigt, um sozusagen nicht in ein schwebendes