Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 87 (1.11.1938)
- Date
- 1938-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653622--32829-2684579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ftr. / Jahrgang 43 Preis 25 Hpl. JÜDISCHE RUNDSCHAU bei Abhora n 10 Rpf {envorw»ltn»1jf1 BerllnW 15, Hetgekeab.l( -Adreilei Orghlp, — In Fellen höherer Gewalt lieferen!{ oder ErlUttunsr etwa »chon getnhlter .chlieBlich ßeetelljeld je Monel RN 2,—, je Viertel• .biw. RN 5,39 (einschließlich PoilMihin**■ «tschedr Konten der Vertriebs ■ AbteilunJ Für dam übrige Reich! Berlin 17392 BERLIN ו׳ מרחשון תרצ״ח DIENSTAG, 1. NOVEMBER 1938 Ersdtelnt Jeden Dienetag sind Feeling. Gültig ist die Anzclgenprelsllste Nr. S vom 1. April 1936. Die iwölfgeipaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Familien- Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anreigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einrclonrcigen nur gegen Vorauszahlung auf Pos tschedr - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bi, Freitag 9-18 Uhr. AnnahmeschluB für die Dienstag-Ausgabe: Montag 10Uhr, für die Freitag-Auignbe: Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen IC Uhr Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer eigentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Das Erbe Balfours Zum 2. November Am Donnerstag-, dem 27. Oktober, ist im Amtsblatt der palästinensischen Regierung die Eimvanderungs- Schedule für das Winterhalbjahr 1938/39 bekanntgegeben worden. Die zahlenmäßigen Begrenzungen, die die Sehedule für die einzelnen Kategorien der Einwanderer vorschreibt, erinnern daran, daß der Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes auch diesmal bei der Bemessung der Einwanderungsquote nicht zugründe gelegt worden ist. Daß sie gegeben wurde, bekündet jedoch die Entschlossenheit Englands, dem arabischen Druck nicht nachzugeben und die grundlegende Verpflichtung, die mit dem Versprechen der Förderung eines Jüdischen Nationalheitns unabdingbar verbunden ist, zu erfüllen. Welche weiteren Vor- Stellungen die englische Regierung über Palästina hat, wird möglicherweise in den nächsten Tagen die Unterhausdebatte lehren. Es ist ein eigentümlicher Zufall, daß die fundamentale politische Entscheidung über die Zukunft Palästinas zeitlich in die unmittelbare Nähe des Tages rückt, an dem vor 21 Jahren die Balfour-Df ütration verkündet wurde. Besonders in den letzten Jahren ist von dieser Deklaration oft und oft die Rede gewesen. Was immer Ihre aktuelle Absicht war, wie immer ihr Inhalt formuliert worden ist, eines ist deutlich: sie entsprang dem Strom eines starken und aufrichtigen M i tgef ü hl s mit dem verstreuten Volke der Juden, das in seiner alten Heimat wiederherzustellen bedeutende und anerkannte Geister die englische Nation seit Jahrhunderten aufgerufen hatten. Das war es, was der Deklaration den ungewöhnlichen Widerhall unter den Juden erweckte; und obwohl man wußte, daß man es immerhin mit einem diplomatischen Dokument zu tun hatte, durfte man doch hoffen, daß die sittlichen Mächte über der Ausführung eines Versprechens wachen würden, an dem sie selbst einen solchen Anteil genommen hatten. Seit jener Zeit gibt es, mit dem Ziele der Verwirklichung der Deklaration, in Palästina eine Zusammenarbeit von Engländern-und Juden. Idealvorstellungen, die mehr durch geschichtliche Lektüre als durch lebendige Kenntnis bestanden, haben in diesen einundzwanzig Jahren aus der Wirklichkeit gegenseitiger Nähe ihre Korrekturen erfahren. Ueber die mannigfachen Gründe der Reibungen, die sich in der Zusammenarbeit fühlbar machten, sind zahlreiche Erklärungen beigebracht worden. Zum Jahrestage der Balfour-Deklaration soll nur von einem dieser Gründe die Rede sein; dem freilich, der, besonders in den letzten Jahren, der sichtbarste gewesen ist. Es klingt paradox, aber es ist die Wahrheit, daß der Politik der Balfour-Deklaration von keiner Seite so viel Abtrag geschehen ist wie von der, die eigentlich ehrlich bemüht war, sie durchzuführen. Es gab in Palästina Immer Militärs und Beamte, die in der Tiefe ihres Herzens den Zionismus als unangenehme Erschwerung einer sonst einfachen Verwaltuugsaufgabe betrachteten und nach Möglichkeiten suchten, die Mandatsbestimmungen über das Nationalheim einschränkend auszulegen. Aber nicht jene, sondern Persönlichkeiten, die durch Herkunft und Einfühlungsvermögen das Mandat auch mit seiner ״zionistischen Komplikation“ verstanden, waren für diejenigen Handlungen und Unterlassungen verantwortlich, die sich als die folgenschwersten Irrtürner erwiesen haben. Man werfe uns nicht vor, wir reduzierten das arabische Problem künstlich auf die Person des ehemaligen Mufti. Wir ermessen seinen vollen Umfang, aber wir wissen auch, welch zentrale Bedeutung der Stellungnähme gegenüber dieser Persönlichkeit zukommt. Wir wissen, daß in den ehemals ottomanischen Ländern, in denen Staat und öffentliches Leben niemals anders als in einzelnen Menschen sichtbar waren und begriffen werden konnten, diese Bedeutung kaum zentral genug eingeschätzt werden kann. Die Vorstellung, gegen eine solche Persönlichkeit unter Benutzung aristokratischer Familienfehden so etwas wie eine parlamentarische Op- Position großziehen zu können, war immer irrig. Man glaubt in England häufig, es müßten alle anderen Völker des Erdballs so gut wie die Engländer selbst imstände sein, die gleichen Formen politischen Denkens und Handelns zu entwickeln, die das Parlament von Westminstcr verkörpert. Der Glaube an die Einheit des Menschengeschlechtes, aus der Religion erwachsen, stützt als starker Träger das Gebäude der englischen politisehen Gedankenwelt. Das geschichtliche Vers tä n d n 1 s jedoch für die gewordenen Unterschiede der Völker wird dadurch anscheinend etwas erschwert. Man vergißt offenbar sehr leicht, daß die Begriffe von Diskussion und Kompromiß in England selbst erst nach Kolonialregime für Palästina? Vor einer Unterhausdebatte Nach Meldungen aus London wird bei der Wiedereröffnung des britischen Parlaments am Dienstag im Rahmen der angekündigten Debatte auch eine Aussprache über die Paiästinafrage stattfinden. Wie der Londoner ״Ob- Server“ hierzu mitteilt, ist der Wood head -Bericht bereits unterzeichnet und befindet sich in den Händen der Regierung. Seine Publikation wird In den nächsten vierzehn Tagen erfolgen. Auf Grund des Berichtes und der allgemeinen Umstände dürfte von der Regierung über ihre Haltung in der Palästinafrage mitgeteilt werden, daß die Minister zu dem Schluß gelangt seien, ein gerechter und durchführbarer Plan zur Teilung des Landes, wie er von der Peel-Kommission in Aussicht genommen sei, sei unmöglich. Man erwartet, daß unter der Voraussetzung der Billigung seitens des Parlamentes und der Mandatskommission des Völkerbundes die Regierung eine Form der Kolonial-Regierung in Palästina aufrechferhalten will, so lange bis die Gewalttätigkeiten verschwinden und die Bewohner im Interesse der Entwicklung des Landes willens sind, zusammenzuarbeiten. Für die gleiche Zeit soll eine Begrenzung der jüdischen Einwanderung festgelegt werden. Syrien vor der Mandatskommission Genf, 29. Oktober. (Palcor.) Die Mandatskommission des Völkerbundes befragte den Vertreter der Mandatarinacht von Syrien über verschiedene Einzelheiten bezüglich der internationalen Beziehungen Syriens zu den Nachbarländern und besonders über die Maßnahmen, die von den Behörden ergriffen wurden, um die Verstärkung der Rebellen in Palästina von Syrien aus zu verhindern. Der Vertreter der Mandatarniacht wurde ferner über die Schritte befragt, die sic ergriffen hat, um die antibritische Betätigung des früheren Mufti' von Jerusalem, die von seinem Zufluchtsort im Libanon aus geführt wird, zu verhindern. Das amtliche Coinnmiiique enthält keinen Hinweis über!be Antwort des französischen Vertreters. Britische Lösungsvorschläge zum Emigrationsproblera Wie aus London berichtet wird, wird mich Zusammentritt des britischen Parlaments am 1. November eine E r RI ״ - r »1 n g d e r R 1־ g i e r 11 n g u her die P r ״ g oder Emigia nten in Zcntralenropa abgegeben werden und die englische Regierung wird V orse 111 ä g e zur L ö s u n g dieser Frage machen. Die Frage der Fmigrauieii war auch einer der Beratungsgcgenstände der Sitzung des britischen Kabinetts am letzten Mittwoch. Sir John 11־ o p e Simpson appellierte in einer Rundfunkansprache an England, '1 bis 3 Millk)1־?n Pfund im lntercsse der Einordnung der Emigranten aufzubringen. Die neue Einwanderungsschedule Ueber die neue Einwanderungsschedule sind z. T. Zahlen veröffentlicht worden, die von den in unserer letzten -Nummer bekannt gegebenen Zahlen abweidifcn, Die Abweichungen erklären sich dadurch, daß die höheren Zahlen diejenigen für die n i c,h t j ii d i s c h e Einwanderung mit umfassen. Wir stellen unter diesem Gesichtspunkt sämtliche bekannten Ein- Wanderungsziffern folgendermaßen zusammen: I. An Kapitalisten (A 1; Besitzer von £P 1000) dürfen 2020 ins Land, davon 2000 Juden. Die Inhaber dieser Zertifikatc dürfen Frau und Kinder bis zu 18 Jahren mitnehmen. II. An Rentnern (A4; Bezieher einer Rente von £P 4 monatl.) dürfen 20 ins Land. Es ist nicht bekannt, wieviel hiervon auf Juden und wieviel auf Nichtjuden entfallen. Die fnhaber dieser Zertifikate dürfen ihre Angehörigen ins Land bringen, vorausgesetzt, daß die Rente pro Kopf £P 4 beträgt. Diese Zertifikate werden nicht durch die Palästina-Aemter, sondern von der Palästina-Regierung direkt verteilt. Ilf. An Kleinkapitalisten (A5; Besitzer von £P 500) dürfen 20 ins Land. Näheres über die Voraussetzungen, unter denen ein solches Zertifikat ausgegeben werden darf, ist nicht bekannt. IV. An Schülern u 11 d J u g e n d 1 i c 11 c n (B 3) darf eine Anzahl ins Land, die nicht ziffernmäßig; bestimmt ist, sondem von dem Nachweis geeigneter Unten־ ciitsplät/c abhängt. V. An Arbeiter (Kategorie C) dürfen 1150 Zertifikate verteilt werden, davon 1090 an luden und 153 an Xiditjuden. Es wird angenommen, daß diese Zcitifikate, wie die Zertifikatc der Kategorie A 1 zur Mil nähme der Ehefrau und der Kinder unter 18 |ahren hcrechtieen. VI. An abhängigen Angehörigen (Kategorie D) dürfen 800 jüdische und 50 nidnjiidIsche 1 Vrsoiieii ins Land. Diese Zertifikate werden in der Praxis mir an Angehörige über 55 Jahre ausgegeben, für deren Unterhalt durch Verwandte gesorgt ist. Auf 'Grund des Ormsbv Gore-Briefes vom März 1938 ist ferner anzunehnien, daß leg.ule Unwamlerer das Recht haben, ihre Frau und ihre Kinder unter 18 (;ihrem außerhalb jeder Quote iiaclwufordtrii. Sämtliche' /;!!!111־ ־ beziehen sich nicht auf Deutschland, sondern auf die ranze Welt. einer langen Reihe schwerer innerer Kämpfe als heilsam erkannt und als verbindlich angenommen worden sind. Die Erinnerung an den Abfall der nordamerikanischen Kolonien, an den Zusammenbruch des ״ersten Empire“, ist sicher von Bedeutung, wenn für das Mutterland die Beziehungen zu den Dominions auf der Tagesordnung stehen. Aber nicht für alle gilt das gleiche, und ein Volk, dessen Vorstellung vom Wesen des Staates durch vier Jahrhunderte ausschließlich von der Hohen Pforte in Konstantinopel bestimmt war, kann Nachgiebigkeit nicht. in der gleichen Weise verstehen, wie es die Bewohner von Kanada und Australien vermutlich tun würden. Wir hatten in Palästina nicht selten das Gefühl, daß Engländer dazu neigen, die Erfahrungen beim Aufbau ihres Weltreiches unterschiedslos auf alle Probleme zu übertragen, auch wenn sie mit ganz anderen geschichtlichen Voraussetzungen verbunden sind. Aus englischen Aeußerungen zum Palästinaproblem klang nicht selten ein Ton des Zweifels und der inneren Unsicherheit, der fraglos aus diesen Analogie- Schlüssen herrührt. Wenn wir uns oft mit Verwunderung fragen, weshalb den Engländern in Palästina die prompte Wirksamkeit in der Praxis des Regierens, das, was man auf Englisch ״effectiveness“ nennt, so häufig fehlt: hier liegt die Erklärung. Es ist, alles in allem, dieser Mangel an effectiveness, der die Unruhen von 1936 so lange andauern ließ. Es gibt zahlreiche Engländer, die das selber zugeben und bedauern. Im Laufe dieses Monats wird sich vermutlich zeigen, ob diese Einsicht und dieses Bedauern zu einer neuen Haltung führen. Keinesfalls könnte man den Eindruck jenes Mangels dadurch beseitigen, daß man die Aufgabe beseitigt, bei deren Erfüllung er so peinlich in Erscheinung getreten ist. Es ist nicht vorstellbar, daß England, vom Völkerbünde mit dem Mandat betraut, selbständig sich bescheinigt, es habe die treuhänderische Aufgabe, wenigstens was ihren auf die Jüdische* Heimstätte bezüglichen Teil anlangt, bereits erfüllt. Und es ist ebensowenig vorstellbar, daß man sich einer Aufgabe entledigt, weil sie zu einer Zeit übernommen wurde, als man noch andere Verpflichtungen festlegte. Fngiand mag heute Grund finde״, die Weisheit seiner Politik der Kriegs/iek• mul der Friedens- Schlüsse erneut zu überdenken: das Versprechen der Balfour-Deklaration kann davon nicht berührt werden. Es war ein Versprechen, das nichts mit irgendeiner politischen Gruppierung zu tun 11a 1ie. Fs erwuchs aus einer langen Reihe pro/hm istischcr Kundgehangen und Handlungen der Vorkriegszeit — man denke nur an das U ga n d a - A n g e b o t! — und stellte nichts anderes dar als den englischen Beitrag zu einer Frage, die viele Völker in ihrem inneren Leben als Problem empfinden und zu deren Lösung alle aufge rufen sind. Die Verankerung der Balfour- Deklaration im Palästina-rWandat war vielleicht die einzige Leistung jener Jahre, die wirklich dem Frieden aller Völker dienen wollte. Die nächsten Wochen werden lehren, oh die Eiben Balfours den Grundgedanken seiner Deklaration verstehen. Ist dieser Grundgedanke heute weniger aktuell als vor 21 Jahren? Dig Judenfrage ist so aktuell wie nie zuvor. Die Balfour-Deklaration ist nicht Historie; die Wirklichkeit des Lebens erhärtet die Notwendigkeit eines jüdischen Nationalheims. Wir hoffen und erwarten, daß ״die größten Anstrengungen, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern“, von Seiten der englischen Regierung nicht fehlen werden. W. G. Sbsiet. Uefot&tick Der britische Außenminister Lord Halifax empfing eine britisch-jüdische Delegation. Präsident Roosevclt erörterte mit dem britischen Bolschafter in Washington die Frage der jüdischen Palästina-Kirn minder urig. Bei den Terrorakten der letzten Tage <Paren in Palästina s c c h s j ü di sehe Tote zu beklagen. Unter den Toten befindet sich der jüdische Bürgermeister von Tiberias, Zahl m Uadeff.