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Jüdische Rundschau · 1938-03-25 · Heft 24 (25.3.1938) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 24 (25.3.1938)
Date
1938-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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24 ־*יי / Jahrgang 43 Prei* 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion, Verlag and AnzelxanvarwaUnngt Berlin W IS, Mainokoatr. 10 Fernruf 91 ו MSI, Telegramm-Adreaaei Orghlp. — In Fällen höherer Gewalt beateht kein Anrpruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gerahlter Bemgsgebuhren. Bezugspreis eirwcblieSHch Bestellgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75; bei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einsehliefllich Postzeitungsgebfihr von 10,72 Rpf je Monat). — Postscheck - Konten der Vertriebs-Abteilung für Groß-Berlin: Berlin 713 73, f&r das übrige Reich: Berlin 17393 BERLIN כ״ב אדר ב׳ תרצ״ח FREITAG, 25, MÄRZ 1938 Erscheint jeden Dienstag and Freitag. Gültig ist die Anzelgenprelillste Nr. S vom 1. April 1936. Die zwölfgespaltene mm-Zeile 20 R״f, für Familien- Nachrichten IS Bpf. Keine Gewähr für Aufnehme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bnr Montng his Freitag 9—18 Uhr. Annalimeschluß für die Dienstag ■ Ausgabe : Montag 10 Uhr, für die Freitag . Ausgabe 1 Mittwoch 15 Uhr. Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt fQr das IQdlsche Volk die Schaffung einer Sffenfllch - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Appell zur Sammlung Neuer Aufstieg in Palästina — Jüdische Volkskräfte und Judenstaat Die Bedeutung der Juden Amerikas — Hilfe für unsere Jugend ״... ich gebe euch ein Herz von Fleisch“ Während das jüdische Volk noch unter dem Eindruck der tiefgehenden Erschütterungen stellt, die in den letzten Monaten über sein Gefüge hinweggegangen sind, und während auch in der Palästina-Politik die letzten Entscheidüngen über die Zukunft des Landes noch nicht gefallen sind, scheint sich doch eine fühlbare Erleichterung in der konkreten Situation der jüdischen Arbeit in Palästina anzubahnen. Diese kommt zunächst auf dem Gebiete der Einwanderung deutlich zum Ausdruck. Gewiß ist cs noch nicht gelungen, das in der Mandatspraxis verankerte Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit Palästinas für die Zulassung neuer Einwanderer wieder durchzusetzen — und die verantwortlichen jüdischen Instanzen in London und Jerusalem vertreten auch jetzt mit Nachdruck diese Forderung —, dennoch bedeutet die Regelung der Einwanderung für die kommende Arbeitsperiode einen erheblichen Fortschritt gegenüber dem Zustand der letzten Monate. Wir haben hierauf bereits hingewiesen und finden unsere Ansicht auch durch die Ausführungen bestätigt, die ein so kompetenter Sachkenner wie Dr. R u p p i n bei seinen Vorträgen machte, die er in den letzten Tagen in Deutschland hielt. Die Worte dieses intimen Kenners der Palästinawirtschaft waren gewiß sehr vorsichtig gewählt, wem! er zum Ausdruck brachte, man könne in der neuen Schedule ״den Beginn einer neuen Linie des Aufstiegs erblicken“. Dabei muß man gewiß das Dokument zu lesen verstellen, in dem das britische Kolonialministerium die Richtlinien für die Zulassung der neuen Ein- Wanderer bekannt gab. Es ist in einem diplomatisch-juristischen Stil geschrieben, der leicht zu Mißverständnissen führen kann, die in der Tat nicht ausgeblieben sind. Insbesondere muß an dieser Stelle nochmals hervorgehoben werden, daß die Einwanderung von Frauen und weniger als 18 Jahre alten Kindem der bereits im Lande befindlichen oder neu ins Land kommenden Einwanderer nicht dem Zertifikatszwang unterliegt, so daß also im Gegensatz zu den jetzt abgelaufenen acht Monaten die Zertifikate der verschiedenen Kategorien nicht für Einzelpersonen gelten, sondern — wie cs auch früher der Fall war — für ganze Familien. Es leuchtet ein, daß dadurch die Zahl der auf Grund der Zertifikate sowohl in der Arbeiterwie in der Kapitalisten-Kategorie ins Land kommenden Personen um ein Vielfaches erhöht wird. Wir müssen bei der Betrachtung des Stiles und überhaupt bei der Bewertung derartiger politischer Dokumente, wie es Ormsby-Gores Erklärung über die Einwanderungs-Regulierung ist, stets bedenken, daß sie ein Produkt der jeweiligen politischen Situation sind, unter deren Eindruck sie enfstanden sind, und daß nicht nur verschiedene Auffassungen, die in England selbst vorhanden sein mögen, in ihnen zum Ausdruck kommen, sondern auch die Kräfte, die auf dem Felde Palästinas selbst in Erscheinung treten. Dabei kann nicht übersehen werden, daß der gegenwärtige Kolonialminister Ormsby-Gore, dessen grundsätzliche Stellungnahme zur Frage des Zionismus gewifi in der Erinnerung des jüdischen Volkes aufbewahrt wird, gegenüber den Angriffen, denen er im Unterhaus ausgesetzt war, das Festhalten der britischen Regierung am Teilungsplan erneut betonte und in allen Situaticmen der letzten Zeit, die auch unter englischen Gesichtspunkten nicht immer einfach waren, sich als loyaler Vertreter der von ihm ursprünglich in dieser Frage eingenommenen Position erwiesen hat. Es tut not, unserem Bewußtsein dies einzuprägen, besonders in einer Zeit, in der Verbundenheit mit den zionistischen Zielen gegenüber dem Ansturm der Gegner nicht hoch genug von uns geschätzt werden sollte. Dennoch kann nicht übersehen werden, daß der Himmel der Palästina-Politik noch außerordentlich umwölkt ist. Niemand kann wissen, welche internationalen Verwicklungen im Schoße der Zukunft ruhen und welche Einflüsse von ihnen auf die Zukunft Palästinas ausstrahien werden. Gewiß ist die reale Position des jüdischen Volkes in Palästina durch die 450000 Menschen, die heute den Jischuw bilden, unvergleichlieh stärker als etwa in der Zeit vor dem großen Kriege, dennoch aber soll man nicht verkennen, wie kompliziert die Lage dadurch geworden ist, daß heute in dem um Palästina gebildeten Kraftfeld auf der einen Seite eine wache arabische Nationalbewegung steht, die beträchtliche organisatorische Kräfte zu entwickeln vermocht hat, und auf der anderen Seite der Vanderungsdruck vieler Millionen Juden, die nicht wissen, wohin sie in der Welt sollen, während vor 25 Jahren dem jüdischen Volke, das auch damals nicht ohne Sorgen war, die Tore der großen Uebersee-Einwanderungsländer offen standen. U«n so mehr gilt es, in dieser entscheidenden Periode die vorhandenen Kräfte des jüdischen Volkes zusammeitzufasien, um sie bei der Auseinandersetzung um die Zukunft Palästinas voll in die Waagschale zu werfen. Besonders wuchtig ist in diesem Zusammenhänge der Einfluß derjenigen Teile unseres Volkes, die nicht unter der Last der Tagessorgen seufzen, deren materielle Kräfte es ihnen erlauben, mit freierem Sinn an der nationalen Zukunft des Volkes zu ihrem Teile mitzubauen. In erster Linie sind es die Juden Amerikas, auf denen heute eine schwere Verantwortung ruht; sie sind vielleicht nicht weniger als in der Zeit des Weltkrieges bei der ersten Entscheidung über das Schicksal Palästinas wiederum dazu berufen, durch ihre einmütige Stellungnahme, durch die Kraft und die Würde ihrer Forderung und auch durch ihre materielle Leistung die Zukunft des Landes zu beeinflussen. Die Schaffung einer Zent r a I s t e II e für diese Arbeit in Amerika, die von Dr. W e i zmann bei der letzten A.-C.-Sitzung gefordert wurde, gewinnt in diesem Zusammenhänge besondere Bedeutung, und man kann nur die Hoffnung aussprechen, daß ihre Arbeit erleichtert, ja überhaupt erst ermöglicht würde, indem die Judenhcit Amerikas den Ernst, aber auch die Chancen der Stunde erkennt und ohne Rücksicht auf Bedenken, die vielleicht verständlich sind, wenn man in die Vergangenheit blickt, alle Kräfte zusammenfaßt, um die Möglichkeit zur Schaffung des Judenstaates in dieser so bewegten Zeit zu erhalten. Heute gilt es ja, über alle Schattierungen und Differenzierungen hinweg diese Gelegenheit zu ergreifen, die gewiß nicht die letzten Hoffnungen des jüdischen Volkes für seine Zukunft erfüllt, aber ihm dennoch im stürmischen Meer der Zeit einen Ankerplatz verheißt. Die Bedeutung Palästinas für die Lösung der dringendsten Tagessorgen des jüdischen Volkes kommt im gegenwärtigen Augenblick insbesondere für die jüdische Jugend voll zum Ausdruck. Die durch die neue Einwanderungsverordnung gegebene Möglichkeit, Jugendliche in solcher Zahl nach Palästina zu bringen, wie es unsere eigenen finanziellen Kräfte erlauben, ist in der Tat eine Chance von einzigartiger Bedeutung, werden doch hierbei jene beiden früher gelegentlich in der Diskussion umstrittenen Prinzipien in beispielhafter Art miteinander verbunden, nämlieh Rettung und Erlösung — Rettung jugendlicher Menscheu aus dem Chaos der Golah und Erlösung ihrer jungen Seelen durch ihre Einwurzclung im jüdischen Lebensbereich. Ohne Zweifel wird diese Aktion, von der wir hoffen, daß sie für die Judenheit Deutschlands eine besondere Bedeutung gewinnen wird, auch auf andere Teile des jüdischen Volkes ausgedehnt werden, nicht zuletzt auch auf die Juden Oesterreichs, deren Schicksalsgeineinschaft mit uns selbst in diesen Tagen angebahnt wurde, ln Palästina wurden bereits die ersten Maßnahmen eingeleitet, um die Einwanderung österreichischer Juden vorzubereiten. Wenn auch das Land heute nicht in dem Maße fähig ist, als Asyl zu dienen, wie in den Jahren nach 1033, als die erste Welle von Juden aus Deutschland nach Palästina kam, so wird die Bereitschaft zu helfen und die Juden aus Oesterreich brüderlieh aiifzunehmen, gewiß nicht geringer sein. Auch die Frage der Ausdehnung der Hilfsarbeit des Londoner Council for German Jewry auf die Juden Oesterreichs gewinnt in diesem Zusammenhänge große Bedeutung, können doch gerade mit Hilfe der Mittel des Council junge Menschen für Palästina vorbereitet und im Lande in erheblicher Zahl produktiv eingeordnet werden. Die nächsten Wochen und Monate werden auf diesem Gebiete eine Fülle von Entscheidungen bringen, die von größter praktischer Bedeutung sind. Bei all diesen Aktionen, deren Durchführung vor uns steht, gilt es eines zu beachten: Nicht nur die täglichen Sorgen der Juden sollen durch sie erleichtert werden, sondern in der Arbeit selbst liegt bereits ein Element des Trostes und der Hoffnung, deren der Mensch sosehr bedarf, wenn seine altgewohnte Welt zusammenbricht. Das jüdische Volk hat diesen Trost immer aus seinen Zukunftshoffmmgen bezogen, aus den Verhei- Bungen, die den oft so dunkeln Weg seiner Geschichte beleuchten. Wir lesen gerade in diesen Tagen die Worte Jecheskels: ״Und ich gebe euch ein neues Herz, und neuen Geist setze ich in euer Inneres, entferne das Herz von Stein aus eurem Leib und gebe euch ein Herz aus Fleisch.“ Fürwahr, ein fühlendes Herz braucht der Jude in den Tagen der Zukunftssorgen, nicht nur um vor sich selbst und der Welt zu bestehen, sondern auch um den Kinde, n den Weg in die Zukunft zu bereiten. Diese Zukunft ist uns verheißen, aber sie muß auch erworben werden. Die Wandlung unseres eigenen Lebens, die Rückkehr zu uns selbst, zu dem, was in uns durch die Jahrhunderte schlummerte, ist der erste Schritt; die Tat für das Judentum, die zugleich die Rettung unseres eigenen Geschlechtes ist, ist der weitere, dessen Stunde in unserer Generation gekommen ist. Wenn das ״Herz von Fleisch“ in uns im rechten Takte schlägt, wenn es sich eingliederi in den Rhythmus des Volkslebens, fühlend und antreibend, werden wir einig, füreinander strebend, auch miteinander die Nöte des Lebens besiegen. K. L. Dei Weg der Selbstbesinnung Die Zukunft der Juden Oesterreichs An die Juden Oesterreichs sollen diese Worte gerichtet sein. Sie sind durch weltgeschichtliche Vorgange, die nichts mit ״Jüdischem“ zu tun haben, mit großer Plötzlichkeit, unerwartet und unvorbereitet, in eine neue Situation geraten, die alle ihre Lebensbe- Ziehungen und die Grundlagen ihres Seins mit einem Schlage radikal verändert. Niemand wird sich wundern, wenn sic dieser Sachlage etwas ratlos gegcnüberstchen. immer sind zumindest einige Tage des Uebcrganges erforderlich, ehe man sich in einer solchen neuen Lage zu recht finde t. Vor allem ist es schwer, sich ganz von alten M a ß s t ä b e 11 zu befreien, die nicht mehr gelten. Auch in Deutschland erging es den Juden ähnlich, als sie den Anfang des groben Umbruchs von 1933 erlebten. Erst allmählich begriffen wir, daß sich eine ganz tiefgreifende Wandlung aller politischen, geistigen und kulturellen Vorstellungen vollzieht, die wir als ein gewaltiges geschichtliches Phänometi zur Kenntnis zu nehmen haben. In Oesterreich aber ist die Veränderung noch viel gewaltiger. Denn liier ereignete sich nicht nur die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus, sondern hinzu kommt noch eine neue Souveränität, eine völlige Neuordnung der staatsrechtlichen Verhältnisse des Landes. Angesichts solcher Vorgänge gilt cs aber, andere M a ß s t ä b e an Einzelheiten und Einzelerlebnisse anzulegcn. Nicht jeder ist dazu imstande. Es ist ein schwerer Weg. Aber die österreichische Judenheit als Gesamtheit muß sich au dieser Erkenntnis durchringen. Das ist der Sinn der schweren seelischen Erschütterungen der ersten Tage. Die Juden Wiens bedürfen der Führung durch klarblickende, unabhängige Köpfe, die die praktisehen Maßnahmen abzuschätzen verstehen, die jetzt nottun, Die Stellung der Juden in solchen großen Auseinandersetzungen ist ja eine komplizierte. Als ein Bevöikerungseiement, das nie ganz unangefochten ist, sind sie noch mehr als andere bestrebt, sich innerhalb des Gemeinwesens oder Staates so zu verhalten, daß ihre Loyalität außer Zweifel steht. Niemand wird von ihnen etwas anderes erwarten, als eine strikte Erfüllung der Pflichten gegenüber der Obrigkeit. Wenn nun eine Neuordnung eintritt, dann haben die Juden insofern eine Sonderposition, als s i e ja niemals eine Wahl hatten, etwa einen arideren Weg zu gehen als den der Unterstützung der Staatsmacht. Nachdem aber ein Um- Schwung eingetreten ist, gilt es die neuen Tatsachen zu erkennen. Die Juden sind nun in einer anderen faktischen und moralischen Position. Sie haben ihr Leben demgemäß' einzurichten. Bringt dies (wie früher in Deutschland, so jetzt in Oesterreich) schwere Verzichte und Verluste mit sich, so gilt es angesichts so gewaltiger, nicht nur die Juden betreffender Ereignisse sich selbst zu finden, Haltung zu haben, Rückhalt im jüdischen Ethos und Geschichtsbewußtsein zu suchen. Es ist falsch, wenn Juden große Ereignisse nur vom ״jüdischen“ Standpunkt sehen und daher nicht objektiv werten. Dagegen ist es die Rückwirkung der Ereignisse auf die Juden, die tatsächlich als ein jüdisches Faktum gewertet werden muß, eingereiht in die Zusammenhänge der jüdischen Geschichte. In solchen Momenten kann nur die bewußte Bejahung des jüdischen Volkstums den Menschen einen seelischen Halt geben. Auch solche Juden, die bisher dem Judentum fernstanden, sich davon distanzierten, sind durch objektiven Zwang, wenn schon nicht durch ihre eigene Wahl, in die Schicksalsgenieinschaft des jüdisehen Volkes eingetreten. Sie können moralisch nur dadurch bestehen, daß sie diese Wendung ihres Lebens zum Keim eines neuen Aufbau s machen. Die großen hsle* Ue&et&UUc Die Jewish Agency hat in einem Memorandum an die Mandatsregierung zur Frage der Regulierung der Pa• lästina-Einwanderung Stellung genommen. ztn der palästinensischen Nordgrenze wurde eine neue jüdische Siedlung von Arabern überfallen; ein Jude wurde hierbei getötet. Ein zum Tode verurteilter Araber wurde in Akko hin* gerichtet. Die Palästina-Regierung hat gegen eine Reihe von Kadis und einen Beamten des Obersten M 0 sie mischen Rates scharfe Maßnahmen wegen Verdachtes der Unterstützung der Terroristen bzw. des Mufti ergriffen.

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