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Jüdische Rundschau · 1934-11-09 · Heft 90 (9.11.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
39 (1934)
Issue
Heft 90 (9.11.1934)
Date
1934-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite S i#**״ 9 XI. 1934 .י^4י' " ך־זי n \י**׳ * O י י ‘ ' iH ft Am JO, November feiert das deutsche Volk den 175. Geburtstag eines seiner größten Cehtcr. Die &*ante Kullurwclt neigt sich vor Friedrich Schiller. Das Jüdische Volk hat für bchdler stets eine besondere Verehrung gehabt. Dies besieht sich nicht ettva nur auf die deutschen Juden, sondern die Tatsache, *daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes cm vom Deutschen abgeleitetes Idiom sprach, hat dazu geführt, daß dcutsehe Klassiker viel stärkeren Eingang bei den jüdischen Massen fanden als andere. Das edle Pathos Schillers fand eine Resonanz in den jüdischen Herzen, die in dem Verhün• Jer des ״Wahren, Guten und Schönen" einen bilhrer zu höherem Menschentum und einen Befreier sehen mußten. Diese Anhänglichkeit von Millionen Juden für den deutschen Geist - so schrieben wir an dieser Stelle am 7. April 1933 — i!;t ein weltgeschichtliches Fahtarn, ‘las schwerer wiegt als manche Zerwürfnisse. Auch das nationale Judentum jüngereu Datums hat Schiller so manches zu danken. Der Dichter des ״Alle Menschen werden Bruder" isi auch der Schöpfer des Wortes ״Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre". Beides haben wir auf genommen, beides lebt in uns fort und hat als ein für alle geltendes Mahnwort auch unsere jüdische Haltung mitgestaltet. Wir können heute' nicht mitfeiern, aber ein Wort der Verehrung für Schiller und der Dankbarkeit für das, was er uns gegeben hat, sei hier gesagt. Und nun gehen wir unseren Mitarbeitern das Wort, die einiges aus dem Komplex jüdischer Beziehungen zu Schiller mitlcilen. Der Gedanke eines Judenstaates bei Schiller Von Dr. Willy Colin, Breslau Gern niimit man immer wieder Schillers ״Räuber“ zur Hind und erfreut sich au dem ungeheuren Schwung des «ndlicliei! Feuerkopfs. Da füllt der Blick schon in der weiten S/eiic des 1. Aktes auf eine eigenartige Stelle, kirl von Moor und Spiegelberg sitzen in einer Schenke u der Grenze von Sachsen. Beiden ist die ganze Zeit, in ier sic leben, gänzlich über, und sie ergehen sich in den schärfsten Kraltausdrückcn gegen ihr Jahrhundert. Oft zitiert vurden die Worte von Karl von Moor: ״Mir ekelt vor diesem Mtcnkleckseml 11׳ Säkulutn, wenn ich in meinem Plutareh kse von grollen Menschen“. Aber die Antwort Spicgelbergs: ,Den Joseplms mullt du lesen“, gibt zu denken. Der junge Friedrich Schiller hat also auf der Militärihdcmic in Siuttgart, die später den Namen ״Hohe Karls-!,hule" führte, nicht nur Plutareh gelesen, das möchte inner- Wb der huin.-aiistischen Ausbildung jener Zeit nicht weiter erstaunen, sondern auch den ״Jüdischen Krieg“ des Flavius joseplms kcnncngclcrnt und damit offenbar ein Interesse an ier Geschichte des Judentums gewonnen. Daß er überhaupt viel von der Thora wußte, geht daraus hervor, daß schon :«das Jahr 173ל — damals war er 14 Jahre alt — der Ent- *urf eines epischen Gedichtes ״Moses“ fällt. Doch zurück 1« den ״Räubern'‘. Wie stark Joseplius offenbar auf Schiller gewirkt hat, erhellt daraus, daß Spiegelbcrg, als Moor über ganz andere Dinge spricht, noch einmal die Anregung energisch aufnimmt und sagt: ״Lies den Josephus, ich bitte dich ifum.“ Als Moor und Spiegelbcrg gar nicht mehr wissen, was eigentlich beginnen, da springt Spiegelberg auf und ruft: Jen will dir was ins Ohr sagen, Moor, das schon lang mir umgeht, und <111 bist der Mann dazu — sauf Bruder, sauf!;«־ic wär's, wenn wir Juden würden und das Königreich nieder aufs Tapet brächten?“ Nun dürfte es aber den meisten Menschen, außer den «(׳entliehen Literaturhistorikern, nicht bekannt sein, daß der *eitere Text in allen Ausgaben der ״Täuber“ nicht der ur- «prünglich von Schiller verfaßte ist. Während des Druckes ttf ״Räuber“ entschloß sich Schiller, nicht nur die Ursprung- M!e Vorrede zu unterdrücken, sondern u. a. die Fassung ta zweiten Bogens gänzlich zu verwerfen. In dem früheren Jext also — man vergleiche ihn mit der jedem Zugangwen Ausgabe der ״Räuber“ — heißt es weiter: , M״״r: llahaha! Nun merk ich, warum du schon gegen Drey• ,*«d Jahr eine hcbräi-chc Grammatik hcrumschleifst- , Spiegel ticrp: S—sskerl! Just deswegen. Aber sag, ist das **,h ein mblauer und bcrzballer Plan? Wir wollen sic im Thal «aphat wieder versammeln, die Türken aus Asien scheuchen, und Wsileni v-leihr auibauen. Alle allen Gebräuche müsset! wieder ls'«lern llohbiigel hervor. Die llumlcslade wird wieder zusammenp'ml■ Ih.iiideplcr die schwere Meng. Das neue Testament wird «»votiert. Auf den Messias wird noch gewartet, oder du, oder oder einer von beyden — — Moor: lluhahat Spiegeln erg: Nein! Lach nicht. Es ist hol mich der Teufel ׳5'י1'•־* ""ו Wir setzen dir eine Taxe aufs Schweinefleisch, das 'i3r״'. wer zahlt, und das muß horrend abwerfen. Mittler-; "זי hv.cn wir uns Zedern hauen aus dem Libanon, bauen Schiffe, »lijrlicrn mit allen Borden und Schnallen, das ganze Volk. Moor: Saubere Nation! Sauberer König! ,fbie fei be fg: Drauf kriegen wir dir die benachbarten Orth- 'c״l Amuri'ier, Moabiter, Rti.scn, Türken und Jethitcr, ohne fifp,klrrll!l: m1,t'r den l’antolfel. Dann, must du wissen, wir sind ''S im Leid, und der Würgengel reutet vor uns her, und mäht (1r ni. clcr wie Spizgras. — Und haben wir erst ums uns herum er! »cml gemacht, so kommen wir uns selbst zwischen Jerusalem ■ '"'',r'a m die Haare — du König Moor von Israel, ich König >n nähere Verbindung zu treten, abgesehen von der schon erwähnten sehr gründlichen Kenntnis der Thora; außerordentlieh zahlreich sind, wie überall, besonders auch in den ״Räubern“ die Stellen, die an die Bibel aiikliiigcn und die wörtlichen Zitate. Schiller von den! damaligen Zustand Palästina* wie die meisten Menschen nichts wußte, geht ja schon aus der eigenartigen Zusammenstellung der Völker hervor, die man dort bekriegen will. Neben den zeitgenössischen Russen und Türken werden biblische Völker wie die Amoritrr und Moabiter genannt. Es ist also eben doch nur das Bild, das atts Bibel und Flavius Josephus der junge Phantast sich gemacht hatte, dessen Gehirn eine ganze Welt ins Wanken bringen wollte. Schiller in der Judengasse des Ostens Von S. M e ä s e 1 si j)1c״ell. 1?hni lcrk v0>1 Juda, und hauen einander wacker herum im Wald T r״,\׳nd!vcr s־״ger bl, geht her, läßt die Dächer abdecken k * ,1111 *,״י Kcbxwcibcr dis andern, daß da Zugaben alle zwölf; *'1’inlicli ausführliche Unterhaltung wurde in der Sr1^״ Fassu״R >״ die folgende ״־ Rede Spicgelbergs in Wrängt•'*5 ״Uf Vorangchende Worte Moors zusammen■ *%krp 1*Jcrf»s Daß Dich, BärenhäuterI Mi bin freilich Ulan,, ur5•'1'״״ schon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein illc u1j, herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgelien, in 5?:liwf;!,סיי . c״. der Welt und citieren nach Talästinu, was kein iitroj«' 1*'*5ין j®1• Ba beweis’ ich nun durch triftige Dokumente, bt, <cr, Vierfürst, sei mein Großahnherr gewesen, und so Ier« fior(,,״'»ä, Wlrd «in Victoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder ins "״)11 יי T°n!"'cn u״d Jerusalem wieder aulbauen dürfen. Itzt frisch a _ c״ Bus Asien, weil's Eisen noch warm ist, und Zedern *Den je ,u' df־n Libanon und Schiffe gebaut, und geschachert mit;n und Schnallen das ganze Volk. Mittlerweile —“ ^״Unen u3?*, sic*b wie Schiller auf diesen Gedanken ge» ,!ן‘ Schillers Lehrer und Freund, Prof. Abel, berichtet, Mfüjni•411_ ״ Spicgelbergs, nach Palästina zu wandern, ein?°lt im,! *t'w,:scn ist, mit dem einer der Kameraden Schillers ׳ankc ״״!!!,&־ £er>ral'lt hatte״ Denn unmittelbar wird der »Miuier kaum Gelegenheit gehabt haben, mit Juden Sie schauten zu ihm empor wie zu einem Oottesmann und huldigten ihm wie einem König. Sic bewunderten in ihm den Genius der Menschheit und der Menschlichkeit. Was dämmernd noch in ihrem Geiste webte, was ahnungsvoll ihr Herz bewegte — in seinen Werken fanden sie cs in wundervollen Tönen und mit einem an die Propheten gemahnenden Pathos vorgetragen. Nicht sein Wort hatte in ihren! Herzen einen Widerhall gefunden, sondern um gekehrt, Schiller war wie das Echo ihrer eigenen Gedanken und Gefühle. ״Sire, geben Sic Gedankenfreiheit!“ — dieser Schrei lag latent in ihrem Innern verschlossen, zitterte wortlos in iiirer Brust: Schiller hat ihn, aus seiner stummen Ohnmacht ihn erlösend, mit Donnerstimme durch die Welt brausen lassen. ״Seid umschlungen, Millionen I“, das hätten sie der ganzen Welt zurufen mögen, aber sie fanden das Wort nicht; er fand’s, der einzige, unvergleichliche, gottvolle Schiller! ״Durch die Straßen der Städte, vom Jammer gefolgct, schreitet das Unglück.“ Wie oft sahen sie das Unglück, vom jüdischen Jammer gcfolgt( durch die Straßen der Städte schreiten. So fanden sie bei Schiller für jeden ihrer Gedanken das passende Wort, für jeden Schicksalsschlag ihres Lehens einen tröstenden Ausspruch. Der gute Büchmann hätte seinen Zitatcnschatz um das Doppelte vermehren müssen, batte er alle geflügelten Schillerschcn Worte, die im Ghetto kursierten, aufgeiionmicn. Die grenzenlose Schiller-Verehrung veranlaßte sehr bald die hebräischen Schriftsteller, die Werke des Dichters in das ״Gewand der heiligen Sprache“ zu hüllen. Und als die ersten hebräischen UÜbersetzungen der Schillerschcn Gedichte und Dramen erschienen waren, da lasen die ״Aufgeklärten“ im Ghetto zumeist das Original mit der Uebersetzung in einem Atemzuge, und cs ist schwer zu sagen, ob sic das Original als Kommentar zu der Uebersetzung oder die Ueber- Setzung als Kommentar zu dem Original benutzten. Bereits im Jahre 1817 finden wir in der Berliner hebräischen Zeitsclirift ״Jedidja“ eine Uebersetzung des Sclüllcrschen Gedichtes ״A n die Freud c" von Moses Büschcnthal. Schillers Gedicht ״Die Bürgschaft“ übersetzte lsak Kandia (abgedruckt als Anhang zu dem vom Uebersetzer verfaßten zweiaktigen Moses-Drama ״Toleloth Moscheh“, Warschau 1829). ״Die Zerstörung von Troja“ wurde von dein bekannten hebräisclicn Lyriker Micha Josef ha-Kohen Lebensohn übersetzt (Wilna 1849). Zum hundertsten Geburtstag des Dichters hat Mattithjnhu Simcha Rabener eine größere Sammlung Schillerscher Gedichte aus der zweiten und dritten Periode unter dem Titel ״Eth hasamir“ (Die Zeit des Gesanges) erscheinen lassen. Aber schon ein volles Jahrzehnt vor Rabener hat Max Letteris eine Sammlung Scliillcrscher Gedichte in einer gelungenen hebräischen Uebertragung hcrausgegeben (1852). Das ״Lied von der Glocke“ ist nicht weniger als sechsmal ins Hebräische übersetzt worden; größere Teile dieser Dichtung sind bereits 1820 im Hebräischen erschienen, der Uebersetzer ist kein Geringerer als der berühmte Prager Oberrabbiner Salomo Juda Rapoport, der sich als Mitbegrtincler der modernen jüdischen Wissenschaft einen unvergänglitimi Namen im Judentum erworben hat. Es verdient angemerkt zu werden, daß in der erwähnten Rabenersehen Sammlung das Gedieht wörtlich ,״Schir hapaamon“ (Das Lied von der Glocke) heißt, dagegen in einer von demselben Uebersetzer 1 SOS veröffentlichten Nachdichtung den gut gewählten Titel ״Scliir hachajjim“ (Das Lied vom Leben) führt. Eine hebräische Uebersetzung der ״Kindesmörderin“ von Dr. Daniel Ehrmann erschien in Prag 1863 als Sonderdruck. Von der ״Resignation" gibt cs zwei hebräische Uebersetzungen; die eine ״Scliir hajcusch“ von Isidor Briistiger (1884), die andere ״Amarti jesch li tikwah“ von Konstantin Schapiro (Jahrbuch ״Haassif“, Bd. III). Von Schillers Dramen wurde bezeichnenderweise als erstes ״Die Braut von Messina“ ins Hebräische übersetzt; der Uebersetzer, Jakob Lev in, gab dein Drama den im Hebräischen wie ein Schlager wirkenden Titel ״Medanim ben ach im“ (Hader unter Brüdern). Diese Uebertragung erschien 1808. Drei Jahre später folgte als zweites Schillers Erstlingswerk ״Die Räuber“, übersetzt von Moses Schulbaum. Das Jahr 1879 war das eigentliche Scliillerjahr in der neuhebrätschen Literatur; in diesem Jahre erschienen nacheinander ״Wilhelm Teil“ (übersetzt von David Radner), ״Don Carlos“ (von demselben), ״Maria Stuart“ (von Salomo Kownet) und ״T uranaot“ (unter dem Titel ״Tirzah“ von Osias Atlas). Ferner sind in hebräischen Ueber- Setzungen vorhanden: Fiesco, die Schillersche Bearbeitung des Macbeth, Phädra; einer späteren Periode der hebrä-!sehen Literaturentwicklung gehört die neue Uebersetzung des Robb! Mosthe Leib (der Sassower) ertlhlle: Wie man die Menschen lieben soll, habe Ich von einem Bauern ge* lernt. Der »ah mit anderen Dauern ln einer Schenke und trank. Lange schwieg er wie die andern alle, als aber sein Herz vom Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: .Sag du, liebst du midi oder liebst du midi nicht?*׳ Jener antwortete: .Ich Hebe dich sehr." Aber er sprach wieder: «Du sagst: Ich liebe dich, und weifst doch nicht, was mir fehlt. Lieblest du midi in Wohrhell, du wördest es wissen." Der andere vermochte kein Wort zu erwidern, und auch der Dauer, der gefragt hatte, schwieg wieder wie vorher. Ich aber verstand: das Ist die Liebe zu den Menschen, Ihr Bedürfen zu spüren und Ihr Leid zu tragen. Martin Buber Aus «Hundert Chassldische Geschichten" Teil von Oi.ijim Nachm,in Bialik an. Von Schillers Prosaschrifteil sind zu erwähnen: die ״Philosophisclicn Briefe", übersetzt von dem philosophischen Schriftsteller Dr. Salomo Rubin (erschienen unter dem Titel ״Ben Otii“ 1851), der ״Spaziergang unter den Linden“, übersetzt von Kalman Schulmann (abgedruckt in der Schulinantischcn Essaysammlung ״Saplia berura“). Von der Abhandlung ״Die Sendung( Moses“ liegen, allerdings mit Kommentaren versehen, zwei hebräische Uebersetzungen vor. (Schillers Hauptwerk, die Wallcnstcin-Trilogic, habe ich vergebens in der neuhebrä• isclicn Literatur gesucht!) Fast ein Jahrhundert lang beherrschte Schiller die ״aufgeklärten" Geister im Ghetto. Sic lasen den Schiller nicht, wie man gemeinhin Dichter liest, sie suchten in seinen Werken keinen Kunstgenuß. Schiller — das bedeutete eine Kopfarbeit, ein hartes, ernstes Studium. Sie versenkten sich mit amlachtsvollem Ernst in die geistigen Tiefen seiner Werke und holten zuweilen aus diesen mehr heraus, als mancher Schillerforscher von Beruf darin zu finden in der Lage wäre. Schiller galt in der ludengassc als ein Weiser, den Gott mit einem feil seiner Weisheit ausgestattet hat. Das jüdisehc Rcligionsgesetz schreibt vor, daß mau beim Anblick eines Weisen den Scgenssprucli spreche: ״Geloht seist du Gott, der einen Teil seiner Weisheit einem Menschen von Fleisch und Blut geschenkt hat“. Wäre Schiller irn Ghetto erschienen, sie hätten dort sicherlich den Segensspruch über ihn gesprochen. Die große Verehrung, die man im Ghetto dem deutschen Dichter entgegenbrarhte, hat Karl Emil Franzos in seinen Novellen ״Die Juden in Baranow“ ebenso wahr wie meisterhaft geschildert. Schillers Werke gehörten zu den Büchern, die man in der Abemldämmcrstumle ungehindert lesen durfte. Die Schriften Mendelssohns standen sozusagen auf dem Index, aber Schiller war frei. Merkwürdigerweise gestatteten fromme Eltern das Lesen des deutschen Originals viel eher als die hebräischen Uebersetzungen. Gegen ״Maria Stuart“ hatte man nichts einzuwenden, aber ״Mirjam Stuart“ zu lesen schien doch etwas bedenklich. Als jedoch später Lessing, Goethe und andere deutsche Dichter in die Judengassc eindrangen, brachte das im Kopfe manches Glicttojünglings einige Verwirrung hervor. Namentlieh Schiller und Goethe wußte mancher Scheinaufgeklärter nicht recht auscinanderzuhaltcn. Von einem solchen pflegte man im Ghetto zu sagen: ״Er liest Schillers Glocke von Ooethe“ oder ״Er liest Schillers Räuber von Kotzebue“. —< Bezeichnend ist cs, wie anschaulich sich mancher Jude im Ghetto Schillers Größe verstellte. In einer Kleinstadt im Osten' spazierte ich einmal mit einem ״aufgeklärten“ Herrn. Natürlich kamen wir bald auf Schiller zu sprechen. Mein Begleiter hielt mir einen eingehenden Vortrag über Schiller den Weisen. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen. Um auch etwas zu sagen, bemerkte ich: ״Schiller war ein großer Kopi“. ״Was heißt, ein großer Kopf“, erwiderte jener rasch, ״ein Kopf wie ein Rathaus!" Das Rathaus war nämlich das größte Gebäude in diesem Städtchen. Eine arge Entgleisung In der ״C. - V. Z c i t u n g“ vom 8. November veröffent» lieht der Schriftleiter Alfred Hirschberg einen Leitartikel ״Der gemeinsame Weg“, der mit folgendem Absatz beginnt: ״Von der Straße, auf der jüdi.rhc Menschen durch die deutsche Gegenwart gehen, zweljt sich an einer bestimmten Stelle der Weg nach draußen ah. Das ist keine neue Erscheinung. Bloß ihre Bedeutung hat sich gewandelt. Heute heißt nach draußen den Weg in fremde Länder, vor allem nach Palästina, wählen. Früher war es drr Weg aus der jüdischen Gemeinschalt hinaus durch Taule oder Austritt. Zwang und Wille wirkten heute wie damals zu solcher Entscheidung zusammen.“ (Sperrung von uns. — Red. ״J. R.") Diese überraschende Formulierung fordert zum schärf« sfen Widerspruch heraus, und wir sind überzeugt, daß sie nicht nur bei Zionisten, sondern bei allen denkenden Juden entschiedene Ablehnung finden wird. Es ist zumindest originell, die Juden, die nach Palästina gehen, um dort die Voraussetzungen für ein volles Judentum zu schaffen, mit denen zu vergleichen, die durch die Taufe sich von der jüdischen Gemeinschaft lossagten. Die Taufe war die Krönung der Assimilation, ein Verrat am Judentum, im besten Falle die Frucht innerer Gleichgültigkeit. Wer nach Palästina geht, sagt sich nicht von der Gemeinschaft los, sondern stellt sieji in ihren Dienst, arbeitet (ur sie, auch für die Juden, die nicht in Palästina lebet!, und so mancher Jude in Deutschland und anderen Ländern kann leicht in die Lage kommen, den Menschen dankbar zu sein, die als Pioniere in Palästina den Weg bahnten. Mit den ahgefallcnen Juden verbindet das Judentum nichts mehr, Palästina aber ist in immer steigendem und von allen Juden immer starker anerkanntem Maße das — zumindest moralische — Zentrum des jüdischen Lebens. Wir erwarten, daß Herr Alfred Hirschberg seine beleidigende Bemerkung, die wir zunächst nur als eine Entgleisung betrachten wollen, zurücknimmt, und wir sind überzeugt, daß wir hierbei im Namen der großen Mehrheit der deutschen Juden sprechen. Anerkennung der indischen Minderheit in Estland Talin n, 4. November. (JTA.) Durch ein Dekret des Staatspräsidenten wurde bestimmt, daß in Estland jede Natio* nalität, die mindestens 3000 Seelen stark ist, als Minder*, heit offiziell anzuerkennen ist. Die Bevölkerungszahl der‘ Juden in Estland beträgt 3500. Sie werden somit von nun an zu den offiziell anerkannten Minderheiten des Landes gerechnet. Zwei Redakteure der Salonikler antisemitl« sehen Zeitung ״Eicutheros Typos“ sind wegen Aufreizung zu Feindseligkeiten zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung zu,, je, vier Monaten Q^jängnis v<r< urteilt worden.

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