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Jüdische Rundschau · 1930-11-07 · Heft 88 (7.11.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 88 (7.11.1930)
Date
1930-11-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 88, 7. XI 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 581 nommen. Auch später hat die deutsche Regierung wiederholt dem Präsidium des Keren Hajessod ihre wohlwollende Stellung gegenüber seinen Bestrebungen zum Ausdruck gebracht. Im Dezember 1926 gründete eine Reihe bedeutender Vertreter der deutschen Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst, hoher Staatsbeamter und führender Parlamentarier aller Parfeien das ״Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der Jüdischen Palästinasied lun g“. Das Programm erklärt, daß ״der Aufbau der im Palästinamandat vorgesehenen Heimstätte für das jüdische Volk als ein Werk menschlicher Wohlfahrt und Gesittung Anspruch auf die deutschen Sympathien und die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat“. Vorsitzender des Komitees wurde der frühere deutsche Botschafter Graf Bernstorf f. Personlieh keifen aus dem Kreise des Kojnitees förderten bereitwilligst die Arbeit des Keren Hajessod, besonders Graf Bcrnstorff, Frau von Kardorff-Ohcimb, Regierungspräsident Dr. Haussmann, General von Schoenaich. Wir heben in diesem Zusammenhang auch mit aufrichtiger Dankbarkeit die Namen ausländischer Freunde hervor, wie des ehemaligen britischen Ministers Colonel Josiah C. Wedgwood, des früheren Chiefsecretary der Palästina-Regierung, Sir Wyndham Deeds, des ehemaligen belgischen Ministers Emile Vandervelde, die dem Deutschen Keren Hajessod wertvolle Hilfe geleistet haben. Ebenso schuldet der Keren Hajessod Dank den Führern der Jewish Agency, Prof. Chaim Weiz* mann, Nahum Sokolow, dem Präsidenten des Administrative Committee der Jewish Agency, Herrn Felix M. Warburg, und den zahlreichen anderen Persönlichkeiten, die sich für ihn eingesetzt haben, so Prof. Dr. Albert Einstein, Prof. Dr. Martin Buber u. a. Die Erweiterung der Jewish Agency hat naturgemäß zur Verstärkung der Keren Hajessod-Arbeit in Deutschland beigetragen. Im Juni 1929 fand in Berlin die Gründungsversammlung des ״Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutsch- 1 a n d“ statt, an der mehr als 100 Mitglieder teilnahmen und die nach Referaten der Herren Direktor Oscar Wassermann, Rabbiner Dr. Baeck, Dr. h. c. Max M. Warburg, Alfred Lisser (Hamburg) und Kurt Blumenfeld die deutschen Vertreter für die nichtzionistische Hälfte des Council der Jewish Agency wählte. Ausführlicher Bericht. Ueber die Bezirkskonferenz der Jewish Agency, die am 26. Oktober unter Vorsitz von Justizrat Dr. Blau ln Frankfurt abgehalten wurde, und bei der Direktor Oscar Wassermann das Hauptreferat erstattete, ist bereits kurz berichtet worden. Wir lassen heute einen ausführlichen Berieht über diese bedeutsame und interessante Tagung folgen, die die erste Veranstaltung der Jewish Agency in Deutschland nach der Veröffentlichung der englischen Regierungserklänmg gewesen ist. '“-5־׳Ke Tagung* war1 ausgezeichnet BeSUÄ;‘ iffeBen den MWgliedern der Jewish Agency- und des Keren Hajessod-Komitees aus Frankfurt, Aschaffenburg, Darin־ stadt, Fulda, Hanau, Karlsruhe, Kassel, Kreuznach, Liraburg, Mainz, Mannheim, Nauheim, Offenbach, Weilburg, Wiesbaden und Wü rzburg nahmen zahlreiche Gäste an ihr teil. Justizrat Dr. Blau begrüßte die Anwesenden und dankte besonders Herrn Direktor Oscar Wassermann und Herrn Dr. Adolf Friedemann für ihr Erscheinen. Er führte dann aus: Ehe ich Herrn Direktor Wassermann das Wort erteile, möchte ich mir erlauben, einige Bemerkungen zu machen. M. E. ist es die Aufgabe dieser Konferenz nicht, sich darüber zu unterhalten, ob, wie von einer Seite oft gesagt wird, durch Konzentrieren der ganzen Kraft der Judenheit, also in diesem Falle der deutschen Juden, in Palästina in der Verhältnismäßig kurzen Zeit von Jahrzehnten das tausendjährige Problem zu lösen sei, noch ob hierdurch überall in der Welt, wo Juden wohnen, die in größerem oder geringerem Maße bestehende Not zur Aufhebung wird gebracht werden können. Llnsere Aufgabe ist vielmehr, uns durch die Aussprache von neuem in dein Glauben zu befestigen, daß es ein gemeinsames Interesse der Juden aller Welt ist, Palästina aufzubauen, als Heimat für diejenigen Juden, die sich dort niederlassen wollen und können und uns, die wir dieses gemeinsame Interesse mit der überwältigenden Mehrheit der Juden in der ganzen Welt bejahen, über den Stand der Dinge auf dem Laufenden zu halten und uns die geistigen Mittel an die Hand geben zu lassen, damit jeder Jude unseres Bezirkes von der Riehtigkeit unserer Ideen und der Weltwichtigkeit unserer Ziele erfüllt werde. im Namen der Einladenden spreche ich den Wunsch aus, daß unsere Verhandlungen, getragen von der heißen Liebe zum Judentum, von Erfolg begleitet sein werden. Direktor Oscar Wassermanns Referat Wir Juden sind ein altes Volk, d. h. wir fühlen die Vermmdenheit mit unserer Vergangenheit. Nur darin liegt das Alter des Volkes und der Wert dieses Alters, und diese Verbundenheit mit unserer Vergangenheit führt uns immer wieder nach Palästina zurück. Gewiß, wir wollen nicht alle nach Palästina einvvandern, wir können es vielfach nicht, teils aus materiellen Gründen, teils aus Gründen, die in unserer Er- Ziehung, unseren Lebensgewohnheiten, Kultur und Zivilisation liegen. Aber jeder, der nach Palästina geht, sich dort ansiedelt, ist ein Stück von uns selbst. Nur dann haben wir die richtige Verbundenheit mit dem Land, wenn wir jeden Einzelnen. der hingeht, als unseren Vertreter betrachten, und nur das gibt uns den nötigen Rückhalt, Enthusiasmus, Impetus, um das Werk so vorwärts zu bringen, wie wir es vorwärts bringen wollen. Als die Konferenz einberulen wurde, hatte sie eine andere Absicht als die, die wir heute damit verfolgen müssen; wir wollten gemeinsam mit Ihnen überlegen, wie wir das Werk fördern können trotz unserer schlechten ökonomischen Lage, Irotz der Weltkrise, die überall die Juden in Mitleidenschaft zieht und doch nicht davon abhalten darf, was wir Vergangenheit und Zukunft schuldig sind, an Palästina zu erfüllen. Der Gegenstand unserer heutigen Aussprache ist ein anderer geworden. Wir konnten bei Berufung der Konferenz der Meinutig sein, daß die Erklärung der englischen Regierung anders aussehen würde, als sie tatsächlich aussieht. Alles was die letzten Jahre uns gebracht haben, sowohl hier in Deutschland wie auch in Palästina, wird überschattet durch dieses neue Ereignis. Noch bei der Sitzung des Administrative Committee Die Wahl fiel auf die Herren Stadtkäramerer Bruno Asch (Frankfurt/Main), Rabbiner Dr. Leo Baeck (Berlin), Justizrat Dr. Blau (Frankfurt/Main), Dr. Bernhard Kahn (Berlin), Kommerzienrat Gerson Simon (Berlin), Rabbiner Dr. Isak Unna (Mannheim), Direktor Oscar Wassermann (Berlin). Als Ersatzmitglieder wurden gewählt: Prof. Georg Bernhard (Berlin), Dr. Friedrich Brodnitz (Berlin), Willy Dreyfus (Berlin), Rabbiner Dr. Hahn (Essen), Jakob Heckscher (Hamburg), Ministerialrat Dr. Otto Hirsch (Stuftgart), Rabbiner Dr. Jakob Horovitz (Frankfurt/Main), Berthold Israel (Berlin), Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer (München), Leo Simon (Berlin), Prof. Dr. M. Sobemheim (Berlin), Dr. Albert Sondheimer (Frankfurt/Main), Dr. Ludwig Tietz (Berlin), Frau Margarete Tietz (Köln). Der Deutsche Keren Hajessod hat durch eine Reihe von Publikationen den Gedanken des Palästina-Aufbaus in weite Kreise des deutschen Judentums getragen. Die von den Mitgliedern der Jewish Agency und dem Präsidium des Keren Hajessod in Deutschland herausgegebene Zeitschrift ״Unser Werk“ erscheint im 2. Jahrgang. Sp hat die Entwicklung des Keren Hajessod gezeigt, daß er deutsche Juden aller Parteirichtungen in einer Überparteiliehen Organisation zur ideellen und materiellen Förderung des jüdischen Kolonisationswerkcs in Palästina vereinigt. Von Jahr zu Jahr konnten die Eingänge des Keren Hajessod in Deutschland gesteigert werden, trotz der Wirt- Schaftskrisen, die seit der Gründung des Keren Hajessod auch das deutsche Judentum betroffen haben; besonders das Jahr 1929, das Jahr der Unruhen in Palästina, zeigte'eine merkliche Aufwärtsbewegung. Insgesamt hat der Keren Hajessod in Deutschland bis zum 30. September 1930 6 39S148 M. aufgebracht. Das deutsche Judentum steht mit dieser Summe in der vorderen Reihe der zum Palästinawerk Beitragenden. Es nimmt die dritte Stelle ein, nur durch die Eingänge aus Amerika und aus Südafrika übertroffen. Die Verbundenheit mit dem Gedanken des jüdischen Palästina wird durch persönliche Beteiligung am Keren Hajessod manifestiert. Der Keren Hajessod nimmt für den Aufbau Palästinas keine Almosen entgegen. Er erwartet von allen seinen Mitgliedern und Freunden Beitragsleistungen nach Maßgabe ihrer materiellen Verhältnisse, die der Größe und Bedeutung seiner Aufgabe Rechnung tragen. der Jewish Agency Anfang September konnte Felix War bürg erklären, daß der englische Kolonialminister ihn nach London hat kommen lassen, um ihn zu einer Erklärung bei den Beratungen der Jewish Agency zu ermächtigen, daß dem Werk kein Hindernis seitens der englischen Regierung drohe, daß es so weiter gehen könne, wie wir glaubten und wollten. Mit Recht beklagt sich daher Felix Warburg darüber, daß er durch die englische Regierung zum Werkzeug einer Irreführung der jüdischen Oeftentlichkeit geworden ist. Ich möchte dabei erkllffB! daß di# Demissionen •Von W«!zth an n; War1 bürg, Lord Melchett nicht bedeuten, daß sie sich von dem werk zurückziehen. Sie erklären laut und deutlich, daß sie mit der Arbeit für und in Palästina nach wie vor sich auf das engste verbunden fühlen und daß ihr Rücktritt lediglich Protest ist. Sie werfen der englischen Regierung mit größtem Recht vor, daß sie diese Erklärung abgegeben hat, ohne mit der jüdischen Vertretung irgendwelche Fühlung zu nehmen. Sie werfen ihr auch vor, daß sic dasselbe den Arabem gegenüber verabsäumt hat. Dieses Ereignis überschattet alles andere, und ich glaube daher, daß es nur Sinn hat, heute über diese Dinge und ihre Zusammenhänge zu sprechen. Seit dem unvergeßlichen Tage von Zürich sind wir, ist Palästina, sind unsere Brüder dort vom Unglück verfolgt. Wenige Tage nach Abschluß der Sitzung ereignete sich der Ueberfall aut die friedliche jüdische Bevölkerung, die schrecklichen Massakers in Hebron, S a f e d und die mannigfaltigen Verbrechen in allen Siedlungen Palästinas, soweit sie nicht durch ihre eigene Stärke, ihren Zusammenhang, durch die Anzahl der Siedler verschont blieben. Es muß daran erinnert werden, nachdem jetzt die englische Regierung die Bodenfrage in den Vordergrund schiebt, daß die Hauptunzufriedenheit der Araher nicht in den ländlichen Bezirken zutage trat, sondern in Städten, die mit der Landverteilung sehr wenig zu tun haben. Die Unruhen wurden wirksam niedergeschlagen, aber es hat sich in der Lage dadurch nichts gebessert. Die Unzufriedenheit bei den Arabern sowohl wie bei den Juden war ersichtlich, sie dauerte an und veranlaßte nun die verschiedenen Eingriffe. Sie veranlaßten den Völkerbund, der ja für das Mandat mit verantwortlich ist, sich der Sache anzunehmen. Der Völkerbund hat die Mandatskommission mit Untersuchungen betraut, und es haben dann Verhandlungen darüber stattgefunden, aut die ich noch zu sprechen kommen werde. Die englische Regierung ihrerseits hat eine Kommission nach Palästina geschickt, die einen Bericht gegeben hat, der Unwillen bei den Juden erregen mußte, wen er über das, was festgcstellt werden sollte, weit hinausging. Die Aufgabe dieser Kommission war lediglieh, die Ursachen der August- und September-Unruhen des Jahres 1929 zu ergründen. Die Kommission ist aber darüber hinausgegangen und hat Vorschläge für die Politik der englischen Regierung gemacht. Die englische'Regierung hat zwar erklärt, daß sie sich an diese Vorschläge nicht gebunden fühlt; immerhin hat sie Anlaß genommen, aut Grund dieses Berichtes einen neuen Sachverständigen nach Palästina zu schicken. Hier geschah schon die erste Handlung der jetzigen englischen Regierung, die bei uns die herbste Kritik auslösen mußte. Man konnte annehmen (es waren auch bestimmte Zusagen in dieser Hinsicht gemacht worden), daß diese Untersuchung von einer Kommission vorgenommen würde, die in Fühlung mit der Jewish Agency stände. Statt dessen wurde die Jewish Agency durch, die Mitteilung überrascht, Sir John Hope Simpson hätte den Auftrag bekommen, nach Palästina zu gehen. Wir haben der Regierung mitgeteilt, daß wir überrascht seien und es für untunlich halten, daß die Zukunft Palästinas von dem Urteil einer einzelnen Persönlichkeit, so sachverständig sie auch sein mag, abhängig gemacht würde. Nichts half. Die englische Regierung entsandte diesen Sachverständigen. Man muß sagen, daß er sich seiner Aufgabe in Palästina mit Gewissenhaftigkeit und Sachverständnis entledigt hat und daß sein Bericht die Grundlage bieten könnte, um für eine ganze Reihe von Fragen zu einer Verständigung zu kommen. Aber es ist nicht zu verwundern, daß bei aller Sachkenntnis und, wie ich annehmen möchte, bei allem guten Willen, dieser Mann, der dem Judentum, Palästina una der Geschichte vollkommen fern stand, der nur ein ganz vorzüglicher landwirtschaftlicher Sachverständiger ist, in den wenicn Monaten, die ihm zur Verfügung standen, in alle die robleme nicht eindringen konnte und daß daher manche seiner Aussagen ziemlich schief sind, so daß sie sich in der Diskussion leicht widerlegen ließen, wenn eine solche möglich gewesen wäre. Das war aber nicht der Fall und wir stehen nun vor dem fait accompli dieses Berichtes und der Folgerung, die die englische Regierung daraus gezogen hat. Nicht übersehen werden darf aber, daß für den Ausbruch der Unruhen in Palästina im Jahre 1929 nicht 50 sehr Ökonomische, nicht so sehr politische Gründe, wenigstens dem Anschein nach, maßgebend waren, als vielmehr religiöser Fanatismus. Nur dadurch, daß die arabischen Führer erklärten, der Klagemauerstreit bedrohe den Islam, er zeige, daß die Juden in Palästina Anspruch erheben auf die muselmanischen!!eiligtümer, nur dadurch konnten sie die Bevölkerung Palästinas zum Fanatismus entflammen. Während in Palästina die jüdischen Kinder vom zartesten Alter ab ausnahmslos lesen und schreiben lernen, ausnahmslos Schulen besuchen, sind es nach dem Bericht Sir Simpsons unter den 95 000 arabischen Kindern nur 13,2 ״׳״, nie die Schule besuchen, und wir können annchmen, daß die Araber in den letzten zehn Jahren intellektuell und kulturell große Fortschritte gemacht haben und daß, wenn heute von den Kindern nur 13,2 <n> lesen und schreiben lernen, bei der älteren Bevölkerung der Prozentsatz ein noch niedrigerer ist. Diese primitiven Klassen sind politischen Einflüssen, Volkswirtschaftlichen Erwägungen schwer zugänglich, um so leichter aber der Beeinflussung vom Islam her. Hier lag eine große Gefahr. Der Völkerbund, der reine Verantwortung für die Ausfiihrung des Mandates wohl gefühlt hat, hat eine Kommission eingesetzt, um den Klagemauerstreit, losgelöst von den Fragen des Schutzes der heiligen Stätten in Palästina, zu schlichten. Diese Kommission unter dem Vorsitz eines Schweden hat sich große Mühe gegeben, eine Einigung herbeizi^ühren, bisher ist es ihr nicht gelungen; gerade jetzt ist sie wieder in Stockh o I m zusammengetreten, um ihre Entscheidung zu treffen. Hoffentlich erfüllt ihr Spruch nicht die Hoffnungen gerissener Extremisten, denn es wäre gut, wenn hier eine Beruhigung der Araber wenigstens soweit eintritt, daß ihnen die Möglichkeit genommen wird, außerhalb Palästinas mit dieser Gefahr, die ihnen angeblich droht, zu werben. Die Erklärung der englischen Regierung hat einen so niederschmetternden Eindruck auf uns und, wie ich annehmen möchte, auch auf weite Kreise der Juden gemacht, die bisher der Palästina-Arbcit vollkommen fernstanaen, weil sie das Mandat der Schaffung einer Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk aus dem hohen Niveau einer internationalen Verpflichtung und Bedeutung auf ein rein lokales, auf Zweckmäßigkeitsgründen rein lokaler Natur beruhendes Problem herabgedrückt hat. Alles das, was der Bericht Simpsons, was die Erklärung an Gründen aufführt, war bekannt, und mußte bekannt sein, bevor das englische Volk die Verpflichtung des Mandats übernahm. Die englische Regierung erklärt, sic habe keine Verpflichtung überpommen, einen ״Judenstaat“ zu gründen, sondern die beiden Bevölkerungsklassen, Juden und Nichtjuden, ganz g’eich zu behandeln. Wenn man es so ausdrückt, kann man nicht sehr viel dagegen sagen. Aber der Sinn war ein anderer. Die Schaffung eines Jüdischen Nationalen Heims in Palästina mußte und sollte auch heißen, daß hier den Juden die Möglichkeit gegeben werden soll, planmäßig im Rahmen des ihnen Möglichen, im Rahmen des Ausführbaren, die Besiedlung Palästinas aus eigenem Recht vorzunehmen. Jetzt sagt man: das soll alles so bleiben, aber es kommt nicht darauf an, wie ihr euch in Palästina einrichtet, ob eure Siedlungen, ob eure Städte neue jüdische Siedler aufnehmen können, sondern es kommt darauf an, ob nicht Araber beschäftigungslos sind, die ihr statt neuer jüdischer Siedler für die Arbeiten, die ihr ausführen wollt und » Könnt, heFUHzMten könntet, lind nut wenn unfir dien Kralfera keine Leute für euch zur Verfügung sind, könnt ihr wieder Juden ins Land bringen! Das ist das Ende jeden planmäßigen Arbeitens. Wir alle sind bereit, trotz der eigenen Nöte Geld zu geben, Arbeit zu leisten, unsere Mitwirkung zu leihen, um ein jüdisches Heim in Palästina, ein Zentrum jüdischen Geistes und Lebens, dort aufzurichten. Wir sind nicht bereit, die Gelder zu geben, damit sie manchmal Arabern und manchmal auch Juden zugute kommen. Das ist es aber, was die Regierung erklären will, und wenn Simpson in seinem Bericht als eine Ausnahme zugibt, daß, wo das Geld von Juden und nur für Juden gegeben wird, es selbstverständlich sei, daß man jüdische und nur jüdische Arbeiter heranziehen könne, so ist das kein Ausnahmefall, sondern die Totalität. In den Beratungen der Mandatskommission vom August 1930 vertrat diese die Ansicht, daß die Politik der Mandatarmacht auf wirtschaftlichem Gebiet nicht genügend aktiv war, sonst hätte die Solidarität zwischen Arabern und Juden gebessert werden müssen. Die englische Regierung hat dagegen Einwendungen gemacht. Ihre Aufgabe bestehe nicht nur darin, die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims zu fördern, sondern auch die Rechte aller Bewohner zu schützen; sie fügt .hinzu, daß dies sogar das Hauptproblem darstelle. Wie weit diese und andere Einwendungen Eindruck auf die Mandatskommission gemacht haben, ergibt sich aus ihren Schlußfolgerungen. Sie erklärt, daß die Unruhen in Palästina durchaus nicht geeignet sind, auf den Völkerbund einen Druck auszuüben, die Interpretation des Mandats zu ändern. Die Mandatskommission erklärt weiter, daß der im Mai erfolgte Widerruf der Einreisezertifikate, wenn er aufrecht erhalten bliebe, geeignet wäre, die jüdischen Befürchtungen zu rechtfertigen. Wenn die englische Regierung nämlich versuchen wollte, die Zahl der jüdischen Siedler zu verewigen, dann würde ihre Politik mit Recht kritisiert werden. Die Aufgäbe der mit der Durchführung betrauten Macht sei wohl schwierig, aber das sei sicherlich auch den Verfassern der Balfour-Deklaration nicht entgangen. Sie sehen, die Mandatskommission hat in ihrer letzten Tagung Erklärungen abgegeben, die sie eigentlich heute verpflichten würden, die neue englische Regierungserklärung in Grund und Boden zu verdammen. Die englische Presse, darunter auch die mehr als offiziöse ״Time s“ erklärt, wenn man die Regierungserklärung unvoreingenommen liest, bringt sie nicht mehr zum Ausdruck als die Absicht, die jüdische Einwanderung in Einklang mit den Erfordernissen eines armen Landes zu bnngen. Diese Bemerkung der ״Times“ ist natürlieh der Versuch der englischen Regierung, um den Eindruck, den sic sich wohl etwa vorgestellt hat, zu dämpfen und die Mißstimmung zu besänftigen. Es wird ihr das schwerlich gelingen, denn von den bedeutendsten Führern beider Oppositionsparteien sind unmißverständliche Erklärungen abgegeben worden. Demnächst wird die Palästinapolitik der Regierung Gegenstand der Debatte im Unterhaus sein. Ich bin nicht ganz überzeugt, daß im Unterhaus die Konservativen und Liberalen einheitlich für die Rechte der Juden, für die Ausführung des Mandats in dem Geiste, wie es beabsichtigt war, eintreten werden. Es wäre eine merkwürdige Entwicklung, wenn die Konservativen und Liberalen für das neue jüdische Palästina wären und nur die sozialistische Regierung der Gegner, aber das sind Dinge, über die man nicht prophezeien soll. Prophezeiungen sind nur zulässig, wenn der Prophet annehmen kann, daß er die Erfüllung der Prophezeiung nicht mehr erleben wird. Ich habe versucht, Ihnen als Referent die Punkte darzulegen, die als Grundlage der Beratungen und als Grundlage Agency-Konferenz ln Frankfurt a. Main

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