Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1929)
- Date
- 1929-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653062-2653069--20525-2678515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer OJtS Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W15, MeinekestraiSe 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. Auslandsabminetnents werden in der Währung der einzelnen Linder berechnet. Anzeigen •Verwaltung Jüdische Rundschau G. m. b. H., BerlinW15, Meinekeetr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165-70. Telephon: Bismarck 7165 —70. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392 Für Oesterreich: PoMsparksaaenent Wien, Konto Nr 156030. Für Tscheche*!״ wskei ,־ jPoetspsrkae9ens1m Pr•*. Kan?© Nr. 59410׳ Für Polen: Poetsparkaseenamt Werschau. Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 6 | Berlin, 22.1.1929 Anzeigenpreis: 8 f««p NonpsreiUezeüe 0.50 G.־M״SteU«ngesnche 0.25 G--M. Anzeigensch'uS: Dienstag and Freitag nachmittag• 4 Uhr י״א שבט׳ תרס״ט | xxxiv. .!•brg. per Zionismus erstrebt fflr da» Jüdische VolK dl» Schaffung einer Öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte ln Palästina. ״Baseler Programm.*‘ Zum 200. Geburtstag G. E. Lessings In diesen Tagen feiert man in Deutschland den 200. Geburtstag non Gotthold Ephraim. Lessing. Dieser Mann, der mitgewirkt hat an der Befreiung des neuzeitr liehen abendländischen Geistes am dogmatischen Fesseln, ist auch für uns Gegenstand verehrungsvollen Gedenkens. Er ist eine jener großen Figuren der Geist esgeschichM, die, fest in ihrem Volkstum, wurzelnd, über die Schranken des Nationalen hinweg der Idee der Humanität — im edlen, nicht im banalen Sinne diesen Wortes — dienten, Er war ein Mann der Selbstkritik, voll Würde und Charakter, ein Feind aller Kriecherei. Noblesse des Herzens machte, ihn zum ,,Verkünder der Toleranz". Denn sie ist das Vorantworlungsbcwußlsein menschlicher Solidarität; wer selbst seiner sicher ist, frei von Min.dcrwcrligkcitsgc.f11h.len, vermag duldsam zu sein gegen Menschen anderer Art, anderen Typs, anderer geistiger, volldichcr, geschichtlicher Herkunft. Toleranz bedeutet Anerkennung fremder Art, nicht, aber Geltenlassen jeder Ansicht. Lessing ah leidensehaftlicher Polemiker, als Kämpfer gegen Real,■Hon und Verlogenheit, bewies, daß Toleranz nicht gleichbedeutend ist mit Schwäche und Indifferentismus. Die Huldigungen, die Lessing von jüdischer Seite in Deutschland bereitet werden, wirken etwas peinlich. Denn die Dankbarkeit gegen den Dichter der Toleranz darf nicht so weit gehen, daß der Eindruck entsteht, ah sei das ganze Judenproblem nur ein Problem des Toleriert-Werdens. Ist Toleranz eine edle Eigenschaft auf Seile des Gebers, so verliert sie diese Größe auf Seite des Empfängers, der sich ihrer freut. Lessings Bedeutung liegt nicht in seiner Behandlung des Judenproblems, das er in seiner Tiefe nicht erfaßt hat. Er sah das manifeste Unrecht, die UruitlUehJmt auf Seite seiner Volksgenossen, er geißelte mit dem ihm eigenen vorbildlichen Mute die Oberflächen-Erseheinungen des Antisemitismus; die pöbelhafte Gemeinheit verall* gemeinernder Werturteile und die überhebliche Dummheit des Rassenhasses war ihm zuwider. Aber zur wirklichen Lösung der Judenfrage vermochte er keinen Beitrag zu liefern. Unsere jüdische Aufgabe hat er um nicht abgenommen. Es war auch nickt seines Amtes. Lessing verteidigt die Juden, indem er zeigt, daß es auch edle Juden gibt. Seiner vornehmen Gesinnung war dies erlaubt; uns aber ziemt es nicht, uns dieser Edelmenschen zu rühmen. Wir sind verbunden mit all den. Geschlechtern der durch die Gohunacht gejagten, um ihr Leben bangenden, für Gott eifernden Juden, mit ihren guten und schlechten Talen. Unsere Verbundenheit mit dem Judentum und unserer Vergangenheit gibt uns den Stolz, der um leiden läßt unter dar Toleranz der andern. Für den Tolerierten ist nachsichtige Duldung (weil es ja auch anständige Juden, gibt...) eine Kränkung; sie ist nicht die Lösung, sondern ein Teil und Symptom unserer Judennot. Wäre Lessing tiefer in das Problem eingedrungen, er hätte für diese ״Undank* barhei(‘ Verständnis gehabt. Wir ehren das Andenken Lessings nicht als eines Schutzpatrons der Juden, stm« dem als eines Wahrheitskämpfers, an dem Menschen aller Völker sich ein Vorbild nehmen können, wenn sic für die eigene innere Freiheit gegen jede Art innerer Knechtschaft, kämpfen. R. W. Lessing und die füdisdie Geschichte Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Das Charakterbild des Lessingschen Juden, Nathan des Weisen, steht in unserer Geschichtsschreibung derartig fest, daß es lohnt, es ins Schwanken zu bringen. Selbst die nationalen Historiker, Grätz und Dubnow, können sich von der überlieferten Bewertung nicht freimachen, sondern sehen in Natliän, wie üblich, schlechthin das Vorbild edler Menschlich* jüdischem Gewände und mit 4«n Zügen Moses MendelselnfVi'dle,. .*!gl|»fltd<f Äf* lock“ (Dubnow, VII, %. 376). Diese Schablone, die sich in nichts vom üblichen Schema, der assimilatorischen Geschichte• schreibung.-spterscheldet, verwehrt den Einblick in das wahre Wesen des Lessingschen Nathan und versperrt die Möglichkeit zur Erkenntnis nicht nur der historischen Genesis dieser Gestalt, sondern ihrer wichtigeren historischen Wirkung. Deshalb sei der Versuch gemacht, den klaren und tapferen Mann Lessing, den Herrn einer ebenso schlagkräftigen wie schmiegsamen Prosa und den Kämpfer in so manchen ״Retfungen“ dadurch zu ehren, daß wir seinem Judenbilde eine ebenso unkonventionelle Deutung entgegensetzen, wie er sie dem üblichen Judenbilde seines Jahrhunderts entgegengesetzt hat Zu diesem Behufe müssen wir auch ein anderes Dogma der Literaturwissenschaft angreifen: daß Lessings erstes Judenstück, jenes genau dreißig Jahre vor dein ״Nathan“ erschienene Lustspiel ״Die Juden“ (1749), sich durchaus grundsätzlich von seinem letzten Schauspiel ״Nathan dem Weisen“ unterscheide. Das mag zutreffen für das Gebiet der formal-künstlerischen Maßsfäbe, für die Abhängigkeit von französischen Vorbildern, für den eigentlich dichterischen Gehalt — die alle uns im Augenblick nicht im Mittelpunkt stehen. Der historisch wirksamste Kern: der Judentyp, ist in beiden Stücken genau der gleiche. Die Fabel dieses ersten, im breiten Publikum ganz vergessenen Spieles muß man wohl in Erinnerung rufen: ein unbekannter Reisender hat einen Baron vor einem rauberischen Ueberfall retten können, gewinnt die Liebe von dessen Tochter und die Dankbarkeit des Barons, doch nicht die Hand der Tochter, da er sich als Jude bekennen muß. Im übrigen gehört er genau zu dem Typ, ״dem man gar nichts anmerkt‘': er ist in der glücklichsten Weise an den gebildeten Durchschnittsbürger des 18. Jahrhunderts assimiliert; schwärmt mit Roifsseau für die Natur und eifert gegen die Stadt, führt, als Merkmal seiner hohen Kultur, Bücher mit sich, schweigt aber zunächst bei einer antisemitischen Aeußerung des Barons, bis es denn schließlich zu diesem Dialog kommt: ,,R e i s e n d e*r: Ich bin ein Jude. Das Fräulein: Ei, was tut das? Li sette (die Zofe des Fräuleins): St! Fräulein, St! Ich will es Ihnen nachher sagen, was das tut.“ Wenn man überlegt, daß die Diener- und Chargenrollen im deutschen (und übrigens auch französischen) Lustspiel des 18. Jahrhunderts etwa die gleiche Funktion ausüben, wie der Chor im antiken Drama, nämlich die öffentliche Meinung repräsentieren, so wird Lisettes Aeußerung nicht ganz bedeutungslos erscheinen. In der Tat hält denn auch der Baron eine Mischehe für unmöglich, bietet statt dessen sein Vermögen an, das der edle Reisende natürlich zurückweist, aber jedenfalls läßt es Lessing selbst in jenem Jugendstücke, das im übrigen, nach und neben Gellerts ״Schwedischer Gräfin“, die erste edle und gebildete Judenfigur der deutschen Literatur geschaffen hat, nicht zu dieser engsten Verbindung kommen. Wir werden erkennen, daß er diese Grenze seiner aktiven Assimilationstendenz dem Judentum gegenüber auch noch im ״Nathan“ festhält. Und wie sieht nun der Lessing von 1779 den Typ des Juden? Nachdem er in der ״Erziehung des Menschengeschlechtes“ dem Judentum seinen Platz angewiesen hat, als erster Cffenbarungs-Religion — ״was die Erziehung bei dem einzelnen Menschen ist, ist die Offenbarung bei dem ganzen Menschengeschlecht“ —, nachdem er in Mendelsohn einen leibhaften, wenn auch erstmalig europäisierten Juden zu freundschaftlichem Umgänge gewonnen hat, nachdem er durch die Fragmente des Reimarus, die er teilweise herausgab, der scharfen Bibelkritik nahegetreten und um ihretwillen, sowie um der christlichen Dogmatik willen, mit dem Hauptpastor Golze und mit anderen positiven Theologen in jahrelange Kontroversen geraten war: wie gestaltet er nach all dem seinen Nathan, was ist wirklich jüdisch an dieser Figur? Uns scheint mancherlei, was den geistigen Habitus und seine Ausdrucksform^u angeht, in dir Tat auf glücklicher Ju#t1fcsebiijehf11a£f zu׳ herüben 1»4 hfc%«». fehle ■ löge zu BberliefCTn. $0 gleich im Anfang, wenn NÜfcan auf der treuen Dienerin Daja Ausruf, er sei nun Gott sei Dank endlich wieder da, analytisch' zvrückf~»gt: ״Ja, Daja, Gott sei Dank! Doch warum endlich?“ Dieses das Wort beim Worte nehmen — übrigens eine der Quellen des jüdischen Wortwitzes — hat Lessing seinem Nathan gegeben. Beinahe modern psycho-analytisch ist die Deutung von Rechas Traum, die meint, ein Engel mit weißen Fittichen habe sie in des Vaters langer Abwesenheit aus der Brandgefahr gerettet: ״.... weißen Fittich! Ja, ja! Der weiße vorgespreizte Mantel des Tempelherrn“. Aehnlich, doch schon ins Inhaltliche \ eingreifend, diese ״Fehlleistung": die Wunder ״bedürf.... verdienen, will ich sagen, Glauben!“ In den gleichen Zusammenhang gehört Nathans Rede gegen Wunder und Engel mit der schönen, von Lessing vielleicht antichristlich gemeinten Folgerung: ״Begreifst Du aber, wie viel andächtig schwärmen leichter, a's gut handeln ist“ Alhnfalls könnte man zu diesen positiven Kennzeichen noch jene Aeußerung Rechas über ihren Vater zählen, die ihn gleichsam als Parteigänger der ״mündlichen Lehre“ kennzeichnet: ״Mein Vater liebt die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich mit toten Zeichen ins Gehirn eindrückt, zu wenig.“ All das Gesagte aber, das sich kaum wesentlich vermehren lassen wird, betrifft nur die Aeußerungsformen der Nathanschen Geistigkeit, mit der einen Ausnahme der Stellung zu Engeln und Wundern, die ihm aber mit dem ganzen Aufklärungskreis genau so gemeinschaftlich ist wie dem Reisenden aus den ״Juden“ seine Naturschwärmerei. Um jedoch das wirklich substantiell Jüdische am ״Nathan“ festzustellen, wären zwei Wege möglich: eine Konfrontierung mit dem Judentyp zu Saiadins Zeit, der zu Ende des zwölften Jahrhunderts Herr von Aegypten, Syrien und Palästina war, und eine zweite mit dem’Judentyp zu Lessings eigener Zeit. Die erste Betrachtung ergibt zwar so.ort, daß im Jahrhundert der Palästinareisen Jehuda Halevis und des Maimonides, des zweiten und des dritten Kreuzzuges und der an diesen anschließenden Pogrome in England, daß etwa fünfzig Jahre vor der Ucbersiedlung des Rabbi Jechiel mit seinen vierhundert Schülern von Paris nach Jerusalem und dem dadurch eingeleiteten Beginn der Chalukka, ein solcher Aufklärungstyp wie Nathan völlig unmöglich war: aber das trifft Lessings Absicht nicht, der selbst einmal (in einer Anmerkung am Ende des Prosaentwurfs zum Nathan) über dessen Geschichtskleid geschrieben hat: ״In dem Historischen, was in dem Stücke zugrunde liegt, habe ich mich über alle Chronologie hinweggesetzt.... meine Anspielungen auf wirkliche Begebenheiten sollen bloß den Gang meines Stückes motivieren.“ Dem entspricht auch seine allgemeine theoretische Stellung zur poetisehen Freiheit der Geschichte gegenüber. (Dreiunddreißigstes Stück der ״Hamburgischen Dramaturgie“.) Anders dagegen steht es mit dem zweiten Beziehungspunkt, dem Judentyp des achtzehnten Jahrhunderts und dem angeblichen Vorbilde Moses Mendelsohns. Nicht einmal die Ring-Parabel hätte Mendelsohn, der ja gleichzeitig der Großvater des Taufjudentums und der deutschen Orthodoxie ist, von sich aus angewandt, wenn er sie vielleicht auch aus dem Munde eines Nichtjuden gelten ließ; beruht sie doch auf der Identität zwischen Religion und Ethik, die sich vollkommen decken müssen, um den Lessingschen Begriff der gleichsam austauschbaren Toleranz herzugeben. Mendclsohns Judentum war von der Aufklärung noch lange nicht genügend ausgelaugt, um das zugleich Meta-ethische jeder echten Religion, und also auch seiner, vergessen zu haben. Auf keinen Fall aber hätte er ein (selbst christliches) Pflegekind so unjüdisch erzogen, daß es sich offenbar über seine Religion nicht recht klar ist, daß Saladin voraussetzen darf, Rechas Mann brauche nicht Jude zu werden, oder wie Graetz es, ln offenbarem Einverständnis, formuliert: ״Nicht diese oder jene Religion und noch weniger die seinige flößte er ln Rechas oder Blankas junge Seele ein, sondern nur die Lehre von reiner Gottesverehrung, idealer Tugend und Sittlichkeit.*• Uni was Lessing selbst angeht, so will er die Juden zwar durch Asstiiijflereitiz eimleutsrUrp^n'tl e.nmenscl vn aher^t'v Mi-, omtliebes Mittel dazu: lieber läßt er Recha Christin und sogar des Tempelherrn Schwester sein, lieber erträgt er die (seiner unerotischen Seele vielleicht weniger empfindliche) Oedipus- Spannung der Schlußszene, ohne sie auszutragen, lieber läßt er das Tendenzdrama da schließen, wo eigentlich eine menschliehe Tragödie beginnen müßte, als daß er zu dem logisch und künstlerisch notwendigen Auskunftsmittel der Mischehe gegriffen hätte. Und da allerdings, gerade in diesem Negativ- Positiven, mag nicht nur eigener Zuchtwahlinstinkt, von dem er vielleicht frei war, sondern nun auch die Kenntnis wirklieber Juden und ihrer Abneigung gegen diese Lösung mitgesprochen haben. Im übrigen aber: viel eher ist Shylock ein Jude als Nathan. Shakespeare konnte in seinem England keinen Juden sehen und keinen Menschen zum Freunde haben; vielleicht hat er Venedigs Ghetto einmal besucht, aber jedenfalls ist ihm die ungeheure Nachtgestalt des Ghettojuden dichterisch groß aufgegangen, der den prophetischen Kampf ums Recht in der privat-kapitalistischen Form des Kampfes um sein Recht, verzerrt, aber jüdisch, führt. Wir sollten uns heute zu diesem tragischen Bruder Shylock bekennen, statt ihn apologetisch abzuschütteln — schon Heines ״Shakespeares Mädchen und Frauen“ nennen ihn die nach Porzia respektabelste Gestalt des Stückes und verteidigen ihn gegen die Tochter Jessica: die ״hat kein Gemüt, sondern abenteuerlichen Sinn“. Wir sollten verzichten auf Nathans blassen Judenschemen, den es im 18. Jahrhundert noch nicht gegeben hat, wohl aber im 19., als seine Maxime: ״So ganz Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht, und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder“ besonders in ihrem ersten Teile zu einem Leitsatz der jüdischen Geschichte Europas wurde. Denn dies ist der Schlüssel zu Nathans historischer Stellung: er hat keine adäquate Vergangenheit und Gegenwart gestaltet, aber eine ihn nach• ahmende Zukunft bewirkt. Die geradezu kanonische Geltung, die Lessings ״Nathan der Weise“ bei der deutschjüdischen Assimilation genießt, hat sein emanzipatorisches Zukunftsbild zum pädagogischen Vorbilde werden lassen. Kein lebendiger Jude hat den ״Nathan“, und sei es auch nur als Modell, mitgezeugt: aber Nathan hat, in Verbindung mit der sozialen, politischen und geistigen Entwicklung, hunderttausende von Scheinjuden nach seinem Ebenbilde gemacht Wir aber, die wir Lessings tapfere Humanität nur allzu sehr, gerade in unserer jungen Nationalbewegung, brauchen könnten, wenden uns dennoch von seinem blassen und blutlosen Juden* bilde ab und hören lieber mit Heinrich Heine in der Nacht des Jom Kippur Shylocks Stöhnen und Rufen: ״Jessica, mein Kind...!“ Lessing Im Ghetto Von S. M e i s e I s. Im Ghetto hat Lessing eine Wertung erfahren, wie sonst nirgend in der Welt. Die bedeutendsten und kraftvollsten Schöpfungen seines Geistes wurden dort völlig verkannt, weil den Gebildeten im Ghetto die Gebiete, auf denen er einzig geniale Leistungen vollbrachte, fast unerreichbar fern lagen. Dagegen haben sie das, was Lessing selbst als die schwächeren Seiten seines Könnens bezeichnete, himmelhoch erhoben, weil es ihnen handgreiflich nahe war. Im Ghetto war Lessing nur