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Jüdische Rundschau · 1928-11-23 · Heft 93 (23.11.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 93 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 650 J UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 93, 23. XL 1928 Pro Paläsflna'Komitee in Dresden Die vierte öffentliche Kundgebung des Deutschen Pro Palästina-Kohiitees fand — nach Berlin, Köln und Breslau — unter Vorsitz von Regierungspräsident Dr. Hausstnann, Stralsund, am 20. November im großen Saal des Logenhauses zu Dresden statt. Den Einladungen, die vom Präsidium, den sächsischen Mitgliedern des Komitees (Dr. Kurt Arnhold, Geh. Justizrat Bondi, Kreishauntmann Buck, Reichsminister a. D. Dr. Gradnauer, Ministerpräsident Heidt, Ministerialdirektor Dr. Poetzsch und Prof. Dr. Thomson), sowie von einem vorbereitenden Komitee (Dr. John Levy, R.-A. Salinger, Direktor Schapira, Prof. Dr. Winter, Hofrat Dr. Zucker) ergangen waren, hatten fast 900 Personen Folge geleistet, die den großen Saal des Logenhauses bis zum letzten Platz füllten. Regierungspräsident Dr. Httussmann legte in seiner Eröffnungsansprache die Ziele der Arbeit des Deutschen Pro Palästina-Komitees dar, begrüßte sodann Herrn Kreishauptmann Buck als offiziellen Vertreter der sächsischen Regierung, den Vertreter des Polizei- Präsidenten von Dresden, die Vertreter der großen politischen Parteien, der Presse, des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes und der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden, verschiedener Vereine und Organisationen, und insbesondere die Vertreter der Zionistischen Organisation und des Jüdischen Palästinawerkes (Keren Hajessod). Er würdigte sodann die Persönlichkeit des Hauptreferenten des Abends, Herrn Nahura Sokolow, Präsident der Zionistischen Exekutive In London, und hob dessen Verdienste um das Zustandekommen der Balfour- Deklaration und deren offizielle Anerkennung durch Frankreich, Italien und andere Mächte hervor. Dr. Haussntann verlas sodann das Schreiben des Herrn Staatssekretär Dr. Pünder an das Jüdische Palästinawerk, in dem kürzlich von neuem die Stellungnahme der deutsehen Regierung zum Jüdischen Palästinawerk ln warmen Worten zum Ausdruck gebracht wurde, sowie ein Schreiben des Vorsitzenden des Komitees, Graf Bernstorff, der lebhaft bedauerte, durch Besprechungen im Auswärtigen Amt verhindert zu sein, der Dresdener Kundgebung persönlich beizuwohnen und sein Schreiben mit den Worten schließt: ״Mögeauchdiese Kundgebung wesentlich dazu beitragen, das große soziale Werk des Wiederaufbaus von Palästina zu fördern, dem ich mich aus voller Ueberzeugung widme.“ Namens der sächsischen Regierung und in Verfretung des sächsischen Ministerpräsidenten D r. H e fd t, der an diesem Abend dienstlich auswärts weilte, überbrachte Kreishauptmann Buck in eindrucksvoller Rede die Grüße imd Wünsche der obersten sächsischen Behörden für einen guten Verlauf des Abends und für das Gelingen der Arbeit des Deutschen Komitees Pro Palästina. Er schilderte, wie er schon vor einigen Jahren, nachdem ihm ein Palästinafilm starke Eindrücke vom Leben und der Arbeit der jüdischen Bauern in Palästina vermittelt hatte, zu einem überzeugten Anhänger der Idee von der Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina geworden sei. Rechtsanwalt Salinger, der Vorsitzende des Sächslsehen Israelitischen GerneVndeverbandes, überbrachte die Grüfef'der. erklärte in seiner Ansprache, es sei selbstverständliche Pflicht aller deutsehen Juden, am Werke des Palästina-Aufbaus mitzuarbeiten unbeschadet aller sonstigen Meinungsverschiedenheiten und politisehen Differenzen. Er hoffe, daß gerade die Arbeit des Deutsehen Komitees Pro Palästina, das sich programmatisch von jeder Stellungnahme in innerjüdischen Streitfragen fern halte, dazu beitragen werde, die heute noch vorhandenen Meinungs- Verschiedenheiten auszugleichen und eine einheitliche Front des deutschen Judentums herzustellen. Dr. John Levy begrüßte namens der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und der Zionistischen Ortsgruppe Dersden die Versammlung und dankte mit warmen Worten insbesondere Herrn Präsidenten Sokolovv, der sich große Verdiensie um die Bildung von Pro Palästina-Komitees in anderen Ländern erworben hat, für sein Erscheinen in Dresden. Mit stürmischem Beifall begrüßt, ergriff sodann Nahum Sokolow das Wort, um in mehr als einstündiger Rede, die von der Ver- Sammlung mit größter Aufmerksamkeit angehört und mehrfach durch lebhaften Applaus unterbrochen wurde, die Bedeutung des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina nicht nur für die Judenheit, sondern auch für die ganze zivilisierte Menschheit darzulegen. Wie die jüdische Arbeit im Lande schon heute nicht nur den Juden selbst, sondern der ganzen Bevölkerung zugute kommt, so werde ein wiederaufgebautes Palästina von größter zivilisatorischer Bedeutung für den ganzen vorderen Orient sein, und wie die Ausstrahlungen eines jüdischen Zentrums in Palästina das Judentum in der ganzen Welt befruchten und der Gesamtjudenheit ein neues Gepräge verleihen werden, so wird das jüdische Palästina, erfüllt von einer Synthese jüdischen Geistes und europäischer Kultur, die Brücke schlagen zwischen Okzident und Orient. Darum das Interesse und die Sympathie der wohlmeinenden und fortschrittlichen Führer aller Völker und Parteien, aller Rassen und Religionen für das Werk, das die Juden in Palästina begonnen haben; darum die Entstehung der Pro Palästina-Komitees, in denen die besten Männer der Politik, der Wirtschaft und des Geisteslebens vereinigt sind. Der Besiedlung Palästinas, der Rückkehr der Juden zur Mutter Erde, wohnt eine starke moralische friedenstiftende und völkcrversöhnende Kraft inne; der Judenhaß, zum Teil auf Mißverständnis beruhend, weil die Juden in ihrer heutigen Existenz wirklich ein kompliziertes Thema sind, wird seine Schärfe einbüßen, sobald das normale jüdische Leben in Palästina den Juden im Bewußtsein der Völker als eine weniger rätselhafte Gestalt erscheinen läßt. (Stürmischer Beifall.) Schlußwort Dr. Hatmmann Als die Balfour-Deklaration gegeben wurde und der Aufbau Palästinas in großem Maßstab begann, wurde von mancher Seite, insbesondere auch von jüdischer Seite, der Befürchtung Ausdruck gegeben, das Entstehen einer nationalen jüdischen Heimstätte in Palästina könnte unerwünschte Rückwirkungen auf den Status der Juden in den übrigen Lindern haben. Aber heute hat sich wonl überall und bei allen Völkern die Erkenntnls durchgesetzt, daß wer seiner Herkunft die Treue wahrt sie auch dem Staate bewahrt, dem er angehört, und daß der Dienst am eigenen Volk weder zu der getreullchen Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten, noch auch zu der Inneren Verbundenheit mit dem zur Heimat gewordenen Vaterland In Irgendwelchem Widerspruch steht. Die Juden haben in ihrer historischen Vergangenheit durch die Kraft ihres Geistes der ganzen abendländischen Welt einen Teil der Grundlage ihrer Religion und damit ihrer Kultur gegeben, ln der Zeit der Emanzipation und im ganzen 19. Jahrhundert trat die Wechselwirkung ein, indem abendländischer Geist in das jüdische Volk eindrang und sich mit jüdischer Kultur vermählte. Wenn die Juden heute in friedlicher Arbeit Palästina wieder erobern, dann ist das der Beginn für die zweite welthistorische Aufgabe des Judenturas, ihre abgeschlossene abendländische Sendung in einer morgenländischen Mission fortzusetzen, eine Brücke zu bilden zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa. Wer in Palästina mit offenen Augen gereist ist, weiß, daß dieses Und' wirklich neue Menschen auf alter Erde geschaffen hat. Menschen, die in Europa ängstlich und gedrückt gelebt haben, aus physischen oder psychischen Gründen, sind in Palästina zu bewußtem und sieghaftem Ä|«schentum erwacht U«d völlig verwandelt worden. Wer die gewaltigen FörtschrftMer Siedlungen in Palästina in den letzten zwei Jahren beobachtet hat, der weiß, daß hier Kräfte am Werke sind, die nicht nur die Bestimmung haben, ein wirtschaftliches Rechenexempel zu lösen, sondern daß hier eine heilige Begeisterung glüht, deren Ausstrahlungen hineinwirken in die Gestaltung der Welt, eben des Verhältnisses von Asien zu Europa, und die schließlich das Wesen des künftigen Europäers und Asiaten in gleicher Weise mitbestimmen werden. Hinter diesem Werk muß freilich, wenn es gelingen soll, die ganze geeinte Judenheit stehen. Wenn ich zu meiner großen Freude gelesen habe, daß sich jetzt in Amerika zionistische und nichtzionistische Juden endgültig verbunden haben, um in gemeinsamer Arbeit das Palästinawerk zu fördern, so hoffe ich, daß man im Interesse des Gelingens der gewaltigen Aufgabe diesem Beispiel in allen anderen Ländern und auch bei uns in Deutschland folgen wird. Möge sich die Ueberzeugung festigen und vertiefen, daß die Schaffung der jüdischen Heimstätte eine Aufgabe ist, der die Zukunft gehören muß und gehört, und daß, wer ihr hilft, einer großen und guten Sache dient. (Stürmischer Beifall.) IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItlllllllllllllllllll1n1IIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIItlllllllllMlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllHIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIHIIIIII)llllllllllllllll»lllllllllllllllllllllllll1m1llllllllllllll sehen von den prinzipiellen Einwendungen, die wir gegen die Pflege eines pseudo-faschistischen Geistes in der jüdischen Jugend zu erheben haben. Das Benehmen der Jabotinsky unterstellten militärisch organisierten Jugendverbände nach Art des ״Brith Trumpeldor“ bietet in der letzten Zeit Anlaß zu schweren Besorgnissen. Wenn es möglich ist, daß eine irregeleitete Jugend, die wohl aus guten, aber geistig führerlosen Elementen besteht, einen Feldzug gegen einen jiddischen Vortrag oder gegen einen Arbeiterklub in Tel-Awiw unternimmt, wobei man sich mit dem Rufe ״Es ist süß, für unser Vaterland zu sterben“ zur Demolierung des Hauses und Verpriigelung politischer Gegner anschickt, dann ist das bereits ein Grad von Entartung, der uns erinnert an jene Banden, die mit dam Gesang ״Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ gegen den ״inneren Feind“ rüsten. Die Ergebnisse der von der Stadt Tel-Awiw eingesetzten Untersuchungskommission über diesen Zwischenfall sind erschreckend, wenn man bedenkt, daß eine solche Bewegung die Tendenz in sich hat, immer weitere Kreise von Jugendliehen an sich zu ziehen. Ueber diese Vorgänge wird innerhalb des Zionismus noch sehr ernsthaft zu sprechen sein. Aber es erhebt sich die Frage, was eigentlich Jabotinsky bezweckt, denn ein faschistischer Vorstoß kann doch nur dort Sinn haben, wo es Machtpositionen zu ergreifen gibt. Würde es sich z. B. um die Regierung Palästinas handeln, könnte man auch verstehen, was mit einer eigenen Vertretung Palästinas gemeint ist. Eine Vertretung des Jischuw aber wäre nichts anderes als die Repräsentanz einer Gruppe von 160 000 Einwohnern Palästinas, und es ist kaum anzunehmen, daß eine solche Vertretung ein besonderes politisches Gewicht in London hätte. Man stelle sich nur vor, daß auch aus anderen der Verwaltung des britischen Reiches unterstehenden Gebieten derartige Minderheiten eigene Vertretungen nach London schicken. Die Bedeutung des Jischuw liegt nicht in seiner eigenen Stärke, sondern in der Tatsache, daß er der Vorposten des jüdischen Volkes und der zionistischen Weltbewegung ist. Löst er sich von der Zionistischen Organisation los, dann hat er seine eigene politische Position preisgegeben. Es war stets ein Axiom der zionistischen Politik, daß wir das Nationalheim in Palästina nicht für das palästinensische Judentum verlangen, sondern für das gesamte jüdische Volk, dessen auf Palästina gerichtete Kräfte in der Zionistischen Organisation politisch zusammengefaßt sind. Die Zionistische Organisation ist befugt, im Namen des Volkes zu sprechen, soweit es sich um Palästina handelt. Sie vertritt die Forderungen aller Juden, die Palästina als Jüdisches Nationalheim wollen, auch wenn sie selbst nicht in Palästina sitzen, und die ihre Ansprüche herleiten aus der — übrigens aach Völkerrechtlieh anerkannten —‘ historischeh Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Erez-Israe] und aus dem Willen, das Nationalheim in Palästina aufzubauen. Auch dissentierende Gruppen müssen sich der Einheit der Zionistischen Organisation beugen, denn wenn diese zerstört wird, ist das politische Instrument des jüdischen Volkes zerbrochen. Viele Einzelgedanken des zionistischen Programms sind heute auch von früheren Oegnern des Zionismus akzeptiert. Weite Kreise des nichtzionistischen Judentums stehen der jüdischen Kolonisation in Palästina freundlich gegenüber, andere wieder haben die vom Zionismus erhobene Forderung der Renaissance der hebräischen Sprache, der Verlebendigung jüdischer Geschichte, ja sogar der Wiedererweckung des jüdischen Würdebewußtseins ganz oder zum Teil übernommen. Was uns Zionisten bis heute von allen diesen Gruppen unterscheidet, ist die Idee der Verantwortlichkeit, die zugleich ein politisches und ein sittliches Prinzip ist. Aus der Einsicht, daß eine Lösung der Judenfrage nur durch das Bekenntnis zur nationalen Einheit des Judentums und durch Schaffung eines organisierten Machtfaktors möglich ist, folgt auch die Unterordnung separatistischer Triebe unter das Wohl des Ganzen. Separatistische Neigungen sindeinvor-zionistischerZustand. Wir haben ein Gefühl der Ueberlegenheit gegenüber all den genannten nichtzionistischen Gruppen aus dem Bewußtsein, daß diese zu den von uns übernommenen Programmpunkten in einem unverbindlichen Verhältnis stehen, während Zionismus Uebemahme der Verantwortung bedeutet, mit all den schweren und manchmal schmerzlichen Konsequenzen. Wir appellieren an Menschen, die, an der Peripherie des Zionismus stehend, sich dort wohlfühlen, in die Zionistilche Organisation einzutreten, weil wir wissen, daß nur hier das volle Bewußtsein der Verantwortung für die Sache erwacht, und weil es moralisch nicht unanfechtbar ist, sich der Verantwortung für die Sache, die man für gut hält, zu entziehen. Sogar die Menschen, denen manches im Zionismus nicht paßt, müßten um so mehr hereinkommen, um mit den ihnen gesinnungsverwandten Zionisten zusammen innerhalb des Zionismus für ihre Auffassung zu kämpfen. Es wird im Zionismus stets einen Ideenkampf geben. Viele Schattierungen laufen hier zusammen, weil eben ein Volkstum den ganzen Reichtum menschlicher Differenzierungen umfaßt. Aber dieser Kampf darf niemals zur Gefährdung der Einheit führen, ln der letzten Zeit mehren sich allenthalben separatistische Tendenzen. Sie sind eine schwere Bedrohung unserer politischen Existenz. Der Gedanke aber, daß der Jischuw selbständige Politik machen sollte, ist von allen separatistischen Bestrebungen der absurdeste und gefährlichste, und man kann nur hoffen, daß er von dem gesunden Instinkt des Volkes bald zu Grabe getragen sein wird. R, W. Der jüdische Dichter in der modernen deutschen Literatur Vortrag von Prof. Fritz Strich In München. (Von unserem Berichterstatter.) Auch wenn man es noch so sehr leugnen möchte; die Sonderstellung des jüdischen Dichters in der deutschen Literatur wird von jedem, der sich mit diesem Gegenstand beschäftigt, deutlich erkannt und sie wird um so schärfer gekennzeichnet, je tiefer die Kenntnis der Dinge geht, um die es sich hier handelt. Kein Zionist hätte so besser die Vergeblichkeit der Bemühungen etwa Jakob Wassermanns um die Verleugnung des Jüdischen darstellen können, als es Professor Fritz Strich von der Münchner Universität in zwei im Rahmen der Lehr* kurse der Israelitischen Kultusgemeinde München veranstalteten Vorträgen über ״Die jüdischen Dichter in der modernen deutschen Literatur“ getan hat. Ja, Strich (dessen Kolleg über die deutsche Romantik zu den immer am stärksten besuchten in München gehört) ging so weit, die Bewertung von literarischen Leistungen deutscher Juden sehr wesent• lieh danach zu bemessen, wie sie sich zu dem verhalten, was er die ״jüdische Sendung“ nennt. Diese jüdische Sendung definiert Strich ganz ähnlich wie Martin B u b e r, von dem er offenbar sehr stark beeinflußt ist und den er die vielleicht reinste Erscheinung des europäisehen Judentums überhaupt nennt, als die Aufgabe, Gott in der heiligen Gemeinschaft zu verwirklichen. Vom jüdischen Dichter, der trotz vieler und tiefer Beziehungen zwischen Deutschtum und Judentum nicht ein deutscher Dichter wie jeder andere sein könne, verlangt Strich nicht nur die Erkenntnis, ■sondern auch die Verwirklichung solcher Sendung; im Gegensatz zu dem westlichen Prinzip der Kunst um der Kunst willen, sei es jüdisches, östliches Prinzip, alles, auch die künstlerische Leistung, um eines Zieles willen zu vollbringen. Schon der Versuch sich dieser Sendung zu entriehen, ist für Strich ein Anzeichen des Verfalls, wie er sich am stärksten ausprägt in den Angehörigen des Wiener Kreises um Hoffmannsthal und in Rudolf Borchardt einerseits, in Karl Stemheim andererseits. Die wahren jüdischen Repräsentanten sind für Strich, der nahezu alle jüdischen Dichter Revue passieren ließ, auch in ihrer Eigenart charakterisierte, neben Martin Buber vor allem Richard Beer-Hoffmann, der in seinem ״Jaakobs Traum“ die entscheidende Stunde des jüdischen Volkes dargestellt und sich als erster voll und ganz zu seiner Sendung bekannt habe, und Max Brod — der zionistisch-aktivistische Dichter, dessen Loslösung von Europa, dessen Auffassung von jüdischer Zukunft ihm für den Weg des jüdischen Dichters symbolisch erscheint. Daß Strich nach alledem dem Aufbau einer neuen jüdischen Gemeinschaft in Palästina mehr als nur Sympathien entgegenbringt, daß er ihn ausdrücklich als eine Notwendigkeit für die Erneuerung des Judentums bezeichnet, wenn er auch mit der heutigen palästinensischen Wirklichkeit nicht einverstanden Ist und eine Verwirklichung im wahren jüdischen Geiste der Ablehnung jeder Gewalt und des Kapitalismus verlangt, ist nicht mehr als eine innere Konsequenz seiner Anschauungen — wenngleich solche Forderung aus diesem Munde wohl allen Hörern sehr unerwartet kam. Freilich glaubt Strich, wie er zum Schluß ausführte, daß man die Sendung des Judentums überall erfüllen könne; ob aber auch dies noch ein Resultat seiner ihm vielleicht selbst noch neuen Gedanken war, oder nicht vielmehr der letzte Rest überwundener •Theorien, — das wird er in der Zukunft sich selbst und uns noch zu erweisen haben. Dr. Ignaz Emrich. Ein deutscher Chemiker In Palästina. Ende November wird Prof. Dr. R. Billing von der Universität in Frankfurt zu einem zweiwöchentlichen Besuch in Palästina eintreffen. Der Zweck seines Aufenthaltes besteht in wissenschaftlichen Untersuchungen tropischer Krankheiten. Prof. Billing wird in Jerusalem, Tel- Awiw und Haifa Vorträge über neue Erfindungen aut dem Oebiete der Heilsera und praktische Demonstrationen vorführen.

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