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Jüdische Rundschau · 1928-11-23 · Heft 93 (23.11.1928) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 93 (23.11.1928)
Date
1928-11-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer 0,23 Goldmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Redaktion und Verlag Berlin W 15, Meinekeetraße 10. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldmark, vierteljährlich 5,75 Goldmark. AatlandialxmiiciaenU ward«! ta der Wlbniad der eiaselaea Lieder berechnet Anzeigen -Verwaltung Jüdisch« Rundschau G.m.b.H., Berlin W15, Meinekestr. 10 Telephon: Amt Bismarck 7165—70. Telephon: Bismarck 7165—70. Postscheckkonto: Berlin Nr• 17392 Für Oesterreich: Petteperketieeemt Wien, Konto Nr. 156030. FürTicbecbeslowzkei: roeisparkaaseoamt Free. Koste Nr. 59410. För Polen: Poatsperkeizeneait Warzcheu, Konto Nr. 190708. Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Nummer 93 | Berlin, 23. XI. 1928 Anzeigenpreis: SgeipaltNottpareilleieiU 0.50U־M.Stelieagt««ci1*0)7ö(j.*M, AnzeigeoacblnB: Dienstag und F1׳ctUgn»ebmitt*g14Ubr. י׳ כסלו׳ חרס״ט | xxxm. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk dl« Schaffung einer eigentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm.“ Haifa Bay nationaler Besitz Der Keren Kajemeth erwirbt 22000 Dunam Gelände an der Bucht Haifa-Äkko Wie aus Jerusalem telegraphiert wird, ist dort soeben eine Mitteilung des Hauptbüros des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kajemeth) veröffentlicht worden, wonach dieser die Option auf die Erwerbung von 22000 Dunam Boden an der Haifa-Akko-Bucht erlangt hat. Da der Nationalfonds bereits im Jahre 1926 11000 Dunam dieses Geländes erworben hat, beträgt sein gesamter Grundbesitz an dieser Stelle nunmehr 33000 Dunam« Die Verhandlungen wegen der Uebertragung dieses Bodens auf den Nationalfonds schweben bereits zwei Jahre. Wir haben auch wiederholt an dieser Stelle berichtet, daß die Palestine Economic Corporat i 0 n in New York, die sogenannte Flexner-Gruppe, für das Projekt der Haifa Bay großes Interesse gezeigt hat. Vor längerer Zeit bereits brachte die Presse Meldungen über den Erwerb der Haifa Bay durch die P. E.C. und deren Entwicklungspläne. Diese Meldungen waren jedoch insofern verfrüht, als die P. E. C. nur die Option auf die betreffenden Böden erlangt hatte und von verantwörtlicher zionistischer Seite darauf gedrängt wurde, diesen wichtigen Boden für den Jüdischen Nationalfonds zu sichern. Es wurden nun Bemühungen angestellt, um eine Kombination zu ermöglichen, wonach die P. E. C. einen Teil des Bodens übernimmt, der Rest jedoch dem N.-F. zufällt. Diese Bemühungen haben nun zu einem Erfolg geführt. Von den 27 000 Dunam, die insgesamt hält die P.E.C. 5000 Dunam, wovon jedenfalls ein feil dem Kernland (״Zone I“) angehört Ein Teil des Bodens, etwa 9—10000 Dunam, in der äußeren (4.) Zone, für vorwiegend landwirtschaftliche Zwecke, wurden bereite früher von der Haifa Bay-Company an verschiedene Privatpersonen verkauft. Die Erwerbung dieses Bodens in der Haifa-Bucht durch den Jüdischen Nationalfonds ist gerade in diesem Moment von außerordentlicher Bedeutung. Denn in Kürze soll der Hafenbau in Haifa beginnen, und dies wird zweifellos das Signal zu gesteigerter Spekulation geben. Schon jetzt wird aus Haifa berichtet, daß Interessenten aus Syrien, Aegypten usw. das Terrain sondieren. Man rechnet mit einem schnellen Aufschwung von Haifa als Hafenstadt, sobald nur der Hafen In Funktion tritt Um so wichtiger ist es, daß der Jüdische Nationalfonds die Möglichkeit hat durch seinen großen Bodenbesitz im Falle einer um sich greifenden Bodenspekulation regulierend einzugreifen. Der Erwerb der Haifa-Bay durch den Nationalfonds bedeute! eine grundsätzliche ׳ in der Bodenpolitik dieser InsWurion, da aamit werden kann, daß der N.-F. aus diesen Böden später auch nicht unbeträchtliche Einnahmen an Pacht beziehen wird. Sokolows Arbeit in Deutschland Sokolow hat seine Propaganda-Aktion in Deutschland in dieser Woche fortgesetzt. Montag abend sprach er in L e i p z i g in einer öffentlichen Versammlung. Dienstag war er der Hauptredner bei einer Kundgebung des Deutschen Komitees Pro Palästina in Dresden, über die wir an anderer Stelle ausiührllch berichten. Mittwoch war Sokolow in H a 11 e, wo er bei einer Keren Hajessod-Veranstaltung mitwirkte. Das Wochenende verbringt der Präsident der Exekutive in Berlin, von wo er sich Sonnabend nachts in Begleitung von Dr. Alfred Klee und Dr. Martin Rosenblüth nach Oberschlesien begibt. Die Wahlen in Rumänien Bukarest, 18. November. (J.T.A.) Aus Kreisender Union rumänischer Juden wird mitgeteilt, daß die Union sich entschlossen hat, ein Abkommen mit der Regierungs- 3 a ז t e i wegen eines Zusammengehens bei den kommenden Parfamentswahlen zu treffen. Es finden noch Bejprechungen bezüglich der Zahl der der Union auf der Rcjierungsfiste einzuräumenden Mandate statt. In Bukarest fand eine Beratung statt, an der Vertreter der?.ionisten in Siebenbürgen und Bessarabien, ferner der radikalen?ionisten (Renasterea), der Zeire Zion und der Revisionisten Mtrumäniens teiigenommen haben. Gegenstand der Beratung war die Frage der Gründung eines jüdisch-nationalen Blocks für ganz Rumänien aus Anlaß der kommenden Pariamentsxvahlen. Obwohl im Prinzip Uebereinstimmung über das Ziel herrschte, mußte man dennoch feststellen, daß es p r a k ־ tisch unmöglich sei, einen jüdisch-nationalen Block für das ganze Reich zu schaffen. Es stellt fest, daß sowohl die transsylvanischen als auch die bessarabischcn Zionisten ein Wahlbündnis mit der Regierung schließen werden. ln Regierungskreisen verlautet, daß der Ministerrat am 1. Dezember ein Dekret wegen Amnestie für politische Verbrechen sowie alle Kriegszeit-Verbrechen erlassen wird. 30000 schwebende Prozesse sollen niedergeschlagen werden. Der größte Teil dieser Prozesse betrifft Juden, die bekanntlich wegen angeblicher Paßvergehen (viele tausende Juden werden noch immer als ״Ausländer“ und ״Staatenlose“ behandelt) und als ״Deserteure“ (alle im Kriege vermißten jüdischen Soldaten, mögen sie auf den Schlachtfeldern gefallen oder in Gefangenschaff geraten sein, werden als Deserteure behandelt) besonders verfolgt wurden. Die neoen Zertifikate Der Sekretär des Immigrations-Departments der Zionistisehen Exekutive, Herr Barlas, ist nach Europa abgereist, um dort persönlich die Verteilung der von der Regierung be-;tätigten Einwanderer-Zertifikate vorzunehmen. Er wird Polen, Galizien und Rumänien besuchen und sich auch mit der Frage der Reorganisation der P al ä s 11 n a ä m t e r in diesen Ländern befassen. (Ziko.) L Jalle beim polnischen Premier Der polnische Ministerpräsident Prof. Bartel empfing am J5. d. M. den Bevollmächtigten der Zionistischen Exekutive und des Keren Hajessod, Herrn L. Jaffe, und ließ sich von ihm über die jüdische Arbeit in Palästina, die wirtschaftlichen und kulturellen Erfolge des Aufbauwerks informieren. Auch die Tätigkeit der Pro Palästina-Komitees in den verschiedenen Ländern wurde besprochen. Ein besonderes Interesse bewies der Premier für die von den polnischen Juden in Palästina begründeten Kolonien, wie z. B. ״Magdiel“, ״Bne Berak“ usw. Zum Schlüsse des Gesprächs erklärte der Premier: ״Wir haben tiefstes Verständnis für Ihre Sache. Ich versichere Sie unserer Sympathie und unsere Bereitschaft, an dem Werke des Aufbaus Palästinas mitzuwirken.“ Rothschild-Kapital für Palästina-Kolonien Jerusalem, 15. November. (J.T.A.) Baron Edmond de Rothschild hat den der Pica nahestehenden jüdischen Kolonisten große Kapitalien für die Anlage neuer großer Plantagen und Weingärten im Umfange von 1000 Dunam, sowie zum Bau von Bewässerungsanlagen im Kreditwege zur Verfügung gestellt. Ein Denkmal des unbekannten jüdischen Soldaten Aus Jerusalem wird uns berichtet: Anläßlich des zehnten Gedenktages des Friedensschlusses fand in Jerusalem eine Parade der im Lande ansässigen ehemaligen Mitglieder der Jüdischen Legion statt, die im Weltkrieg an der Seite der indischen und der britischen Truppen Jerusalem nahmen. Boi diesem Anlaß wurde beschlossen, in Jerusalem dem gefallenen unbekannten Soldaten jüdischer Nationalität ein Denkmal zu setzen. Da es in diesem Be- Schluß ausdrücklich heißt ״den jüdischen Soldaten, gleichviel an welcher Front sie fielen lind gleichviel an welcher Seite sie kämpften“, wird dieses Denkmal das erste internatio- 11 a 1 e Kriegserinnerungszeichen in der Welt sein, das dem Gedächtnis von Soldaten aller einander bekämpfenden Armeen gewidmet ist. Es ist noch nicht fcstgestcllt, welcher Art dieses Denkmal sein soll, ob es einfach ein Gedenkstein oder aber ein Nutzbau in großartigen Dimensionen zum Nutzen der den Krieg Ueberlebenden werden soll. Der aus Wien stammende Architekt und Maler Leopold Krakauer hat den Auftrag erhalten, einen Plan vorzubereiten. Krakauer ist ein junger Künstler, der, vom Expressionismus kommend — seine Portraits im Wiener Künstlerhaus nach der Revolution sind noch in Erinnerung — vielleicht der erste Künstler ist, der die Landschaft Palästinas in ihren spezifischen Formen und Farben darzustellen vermochte. (Die Wiener Albertina hat übrigens einige bedeutsame Blätter dieses Künstlers angekauft.) Als Architekt gehört er heute zu den führenden des Landes. Bei sämtlichen öffentlichen Preisausschreiben der letzten zwei Jahre errang er den ersten resp. den zweiten Preis. b,־g. Zionistische Politik und Jisdiuw Der Zionismus ist der große historische Versuch, ein zersplittertes, über die ganze Welt zerstreutes, durch ein schweres Schicksal innerlich zermürbtes Volk zu einem einheitlichen Wollen und einheitlicher Aktion zu sammeln. Das jüdische Volk war des politischen Handelns entwöhnt, und es ist ohne weiteres verständlich, daß es nicht mit einem Schlage zur höchsten politischen Reife gelangen kann. Zu tief noch sitzt die innere Unfreiheit und die Kleinmütigkeit in den Knochen, und wenn auch die zionistische Erkenntnis eine Revolution im jüdischen Bewußtsein bewirkte, so ist es doch das Wesen aller Revolutionen, daß sie den wirklichen Tatsachen voraneilen und oft später der alte Zustand, den man überwunden glaubte, sich wieder bemerkbar macht. Auch Politik ist eine Aufgabe der Erziehung, und wenn wir oft über Erscheinungen unseres jüdischen politischen Lebens enttäuscht sind, so müssen wir verstehen, daß wir erst im Anfangsstadium einer Entwicklung des politischen Denkens stehen. Die Schwierigkeiten unserer wie jeder Politik liegen darin, Gegensätze zu vereinigen, die Interessen und Meinungen verschieden gerichteter Gruppen doch auf ein gemeinsames Ziel hinzulenken. Eine demokratische Politik ist nur dann möglich, wenn jeder weiß, daß im Rahmen des Ganzen seine eigene Anschauung nicht hundertprozentig zur Geltung gebracht werden kann, sondern daß er um des größeren Zieles willen auf das geringere eigene Interesse verzichten muß, da sonst alles auseinanderbricht Ob eine jüdische Politik überhaupt möglich ist, hängt von der Frage ab, ob auch bei fortschreitender Verwirklichung des Zionismus und der damit zusammenhängenden Konkretisierung der Interessen die Einheit des Ganzen gewahrt werden kann. Wer im Sinne des Zionismus eine Erneuerung des Judentums will, der muß alles, darf« setzen» 4« Ja .!.der i&d ‘ . sittliche und aufrichtende Macht dieses Gedankens der Verantwortung ist das kennzeichnende Merkmal des Zionismus. Besonders schwierig ist die Führung jüdischer Politik heute bereits in Palästina, wo die Menschen mit großen persönlichen und sozialen Schwierigkeiten kämpfen und eine Fülle ungelöster politischer Probleme dauernd Material für Reizung der Nerven und für Entfachung der Leidenschaften bietet. Wir haben in Palästina die ersten Anfänge des Gemeinwesens, das zum jüdischen Nationalheim werden soll. Es vollzieht sich dort eine große Umgestaltung, die mit allerlei Trägheitsmomenten zu kämpfen hat, und die Ersten, die Pioniere einer künftigen Zeit, sind immer in einer schwierigen Position, da von ihnen mehr Verzichte verlangt werden als Menschen im allgemeinen zu tragen bereit sind. Denn begreiflicherweise lebt ein Teil des Jischuw in Vorstellungen, die bereits vorwegnehmen, was einmal erreicht werden soll, und die durch die Tatsache, daß die Wirklichkeit ihren Forderungen nicht oder noch nicht angepaßt ist, verbittert werden. Das jüdische Palästina ist heute noch klein, und in diesem engen Kreise drängen sich vielerlei politische Konzeptionen und viele eigenwillige Persönlichkeilen zusammen. Dieses Durcheinander kann nur dadurch gemeistert werden, daß die politischen Führer des Jischuw die Rolle des Jischuw als eines Vorpostens der zionistischen Bewegung begreifen und auf die durch den Tageskampf mitgenommenen Menschen mäßigend und erklärend einwirken. Der Jischuw ist ja nicht nur die wichtigste zionistische Gruppe, sondern auch der gefährdetste Teil der zionistischen Front; was dort verdorben wird, kann seine Rückwirkungen auf die gesamte zionistische Bewegung haben. In der letzten Zeit ist der Gedanke in Palästina propagiert worden, der Jischuw solle sich von der Zionistischen Organisation unabhängig machen und eine eigene politische Vertretung in London nnd Genf schaffen. Diese Forderung wird vor allem von Jabotinsky propagiert, dem man gerade eine solche gefährliche Irrmcinung kaum zugetraut hätte. Er scheint aber in Paiästina seit dem ersten Moment danach gestrebt zu haben, eigene Machtpositionen zu erwerben. Dies ist ihm jetzt auch gelungen. Er wurde Chefredakteur des ״Doar Hajom“, der größten palästinensischen Tageszeitung. Man darf aber wohl annehmen, daß er auch an dieser Stelle die Idee einer separatistischen Aktion des Jischuw vertreten und auf diese Weise zur Schwächung des ohnedies nicht allzu starken zionistischen Einheitsbewußtseins im Jischuw beitragen wird. Jabotinsky geht von falschen Voraussetzungen aus und verkennt die Proportionen. Die Art und Weise, wie er seine Anhänger — besonders die jugendlichen — organisiert, steht nicht in Einklang mit den Gegebenheiten Palästinas. Wir wollen hier einmal ganz ab-

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