Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 100-101 (16.12.1927)
- Date
- 1927-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 100/101, 16. XII. 1927 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 715 Das neue Palästina ־ Geld Links: Ein-Pfund-Note, Vorderseite \MwauumiKnm1m ■ ") Ä030379 חפמטנעי#שיח כי* סכום שחוא •־י«* —ך .יי— ) ■ Einhalb - Pfund - Note, Vorderseite mESSjp’. ■ ■ ,׳״1׳ 5ג|»יmi mm . $<1! P'äii ItSil/S 't£m ׳§׳ <äiS;tl־1 WJ‘Ss‘‘v;4«Äs< ׳- *■#)*■ ־-■ *' ' - ~ Rechts: Ein-Pfund-Note, Rückseite /ÄÄ??,PxNf Einhalb - Pfund - Note, Rückseite '0,# ,"■'J׳ . i / / i?\1 ... -.__ '״0*4■ ü!1׳\l »>.! ... >v r^’y tSj*•!:, U4&,-: iHBBS DNE PALESTIN E POUNO s׳ * 5־^ י äiSfei 'zW . * A 20 Mils (= 40 Pfennig) Neue Palästina-Nickelmünze Nach 18 Jahrhunderten Das letzte Geld mit hebräischer Inschrift: Bar Kochba- Münzen Oben: Vorderseite: שמעון (Simon) Das Tor des Tempels Rückseite : שב לחר(ות> ישראל (Zweites Jahr der Befreiung Israels), Ethrog und Lulaw. Unten: Vorderseite: שמעון (Simon, sc. Bar- Kochba), mit Palmbaum Rückseite: ״ לחרות ירושליםZur Befreiung Jerusalems“, Weinblatt. Judengeld Von Dr. E. M. Zweig, Jerusalem. Einer der derbsten Prügel, mit dem man die heimatlosen Juden zu allen Zeiten und in allen Ländern der Zerstreuung schlug, war der Vorwurf, daß sie Geld zusammenseharren, um eine ungebührliche und verderbliche Macht über die Nichtjuden auszuüben. In jeglicher Sprache wurde das ״Judengeld“ verflucht und verfemt. Und doch trug dies Geld, das durch jüdisehe Hände floß und das bisweilen gar von jüdischen Münzmeistern geprägt war, nicht jüdisches Gepräge, sondern war nach Inschrift und Wappen das Symbol uns fremder Herrschaft. Hier brüsteten sich im Namen und Zeichen jene Staaten und Herrscher, welche sich für ihre Zwecke gerne jüdischer Hilfe bedienten, solange es ihnen Vorteil brachte, und welche den Helfer bedenkenlos preisgaben, wann ihnen das so besser paßte. Mit einem Ruck war dann durch landesherrliches Dekret oder auch durch einen kleinen Pogrom das Judengeld den Händen der ״Kammerknechte“ wieder entwunden und floß ins allgemeine Reservoir des Herrenvolkes zurück. AH das schoß einem durch den Kopf, als es hieß, daß in Palästina demnächst eine neue Währung herauskomtne als Spiegelbild von Wesen und Eigenart jenes Mandatsgebietes, das bestimmt ist, zum Jüdischen Nationalheim zu werden. Weit und hart ist der Weg zu diesem Nationalheim, und manch ein Jude fiebert vor mißmutiger Ungeduld. Die Betreiung des Landes vom Tiirkenjoch hatte, unter britischer Flagge, das ägyptische Expeditionskorps gebracht. So kamen in Palästina zunächst ägyptisches Geld wie ägyptische Brief- und Stempelmarken in Verwendung. Später wurden diese Marken mit ״Palästina“ in den drei Landessjarachen: Englisch, Arabisch und Hebräisch, überdruckt und vor ein paar Monaten erschien die erste Ausgabe eigener Palästinamarken, welche wieder eine hebräische Inschrift ״Palästina, E(rez) I(srael)“ tragen. Und nun ist auch das neue Geld da. Erst schrieb mir mein Barmizwah aus Talpioth, der ragenden Vorstadt Jerusalems, und schilderte die neuen Münzen und Noten mit feierlichem Ernste haargenau.׳ Und gestern in der zionistischen Versammlung reichte ein Kaufmann einen leibhaftigen Halbpfundnotenschein, der bis Wien vorausgeflogen war, voll Stolz herum. Wer könnte sich auch an diesem bunten Blatt Papier satt sehen! Das erste wahre Judengeld — nach 2000 Jahren nationaler Erniedrigung, Verbannung und Knechtschaft. Unser erstes eigenes Geld seit jenen ruhmreichen Tagen der Schilderhebung unter Bar Kochba. Freilich ganz das Gleiche ist es nicht. Damals hatten wir einen Judenstaat pure et simple, der, wenn auch klein und von feindlichen Nachbarn umringt, in sich geschlossen war und seine Münzen nur in lauterem Hebräisch prägte: ״Lecheruth Jeruschalajim!“ Zur Freiheit Jerusalems. Nur zu bald aber erlag diese Selbstherrlichkeit.... Heute ist Palästina durch Mandat des Völkerbundes England anvertraut, das Frieden und Harmonie wahren soll zwischen der arabischen Mehrheit des Landes und der aufstrebenden jüdischen Minderheit. Der treuliche Ausdruck dieses Uebergangsstadiums sind nun die neuen Palästina-Münzen und -Noten. Wer diesen halben Pfundschein aufmerksam betrachtet, nimmt förmlich einen Kursus politischer Weisheit, ahnt etwas von den Geheimnissen britischer Staatskunst. t Auf den ersten Blick muß die Aehnlichkeit dieser Note mit dem bisher in Palästina kursierenden ägyptischen Papiergeld auffallen. Sachte, ganz sachte soll die Bevölkerung aus dem Gestern nach dem Morgen hiniibergeleitet werden. Und mit welcher Sorgfalt sind die natioiialen Gerechtsame und Eitelkeiten abgewogen und ins Gleichgewicht gebracht! Schon der Bildschmuck der Noten ist bedachfsam gewählt. Die in Rosa und Grün grundierte Vorder- Seite mit dem kräftigen braunen Aufdruck zeigt links unten das Grab Rachels bei Bethlehem und auf der in Violett bedruckten Rückseite, das Mittelfeld beherrschend, prangt der Ml i gd a 1 David, der die Zitadelle Jerusalems krönende Davidsturm. Das Grab unserer Stammutter Rachel, welche ihre verbannten Kinder beweint und für sie vor Gottes Thron um Gnade fleht, ist zugleich den muslimischen Palästinensern als das einer Patriarchin so heilig, daß Fellachen und Beduinen ihre letzte Ruhestatt gerne im Schatten seiner Mauern wählen. Und wenn Ort und Name des Davidsturms uns Juden auf die stolze Zeit der Königsherrschaft hinweist, so ist er den Mohammedanern als Feste des siegreichen Türkcnsultans Soliman lieb und wert. Dem Juden und dem Araber sollen so diese vertrauten Sinnbilder sagen, daß es ein gemein s a m e s Vaterland ist, das sic birgt und nährt. Wie in den Bildern drückt sich das Streben der Mandatsmacht, beiden Völkern gerecht zu werden, auch in der Beschriftung jener Noten aus. Aui der Aversseite unter dem bloß in Englisch gehaltenen Schriftband ״Palestine Currency Board“, d. h. die von der Regierung zum Schutz der Palästinawährung eingesetzte autonome Kommission, steht in allen drei Landessprachen zuerst, daß dieses Papiergeld die gesetzliche Währung zur Zahlung eines jeden Betrages darstellt, und daun der Geldwert selbst, oben Englisch und darunter rechts Arabisch und links Hebräisch: ״Chamesch Meoth Mil.“, d. h. 500 Millicmes. Auch hier behutsames Vorwärtstasten! Die Regierung hat es sich versagt, die von der Kommission empfohlenen althebräischen Münzbezeichnungen von Dinar, Schekel und Pruttoth autzunehmen, und blieb einstweilen bei den alteingebürgerten Namen Pfund und Milliemes. Palästina und mit ihm seine Bewohner sind konservativ, darum wäre es unklug, ihnen zuviel Neuerung auf einmal zu/umuten. Am Fuß der Note folgen das Datum der Ausgabe, wieder nur Englisch, ״Jerusalem, den 1. September 1027“ und dann die faksimilierten Unterschriften von drei Mitgliedern der Währungskommission. Auf der Rückseite in den Ecken, welche das Bild des Davidsturms freiläßt, ist mit Ziffern und Worten der Wert der Note wiederholt. Die Schriftbiinder in Arabisch und Hebräisch wurden hier zur Abwechslung über das Englische gerückt. Dafür sind die Ziffern Engländern und Juden gemeinsam und, kurios genug, sind es die in Europa sogenannten arabischen Ziffern, während die Araber im Laut der Zeit neue Ziffernzeichen entwickelt haben. Warum ich so beim Detail verweile? Das ganze Zusammenleben von Volk zu Volk, von Juden und Arabern, baut sich aus tausend und abertausend solcher Details auf. ״England, das freie England, das große England, das über die Meere schaut“, um ein Wort Herzls aus der Eröffnungsrede des Londoner Kongresses zu variieren, versteht das und geht Schritt für Schritt vorwärts, um dies Zusammenleben nicht zu stören, um das lneinandcrwachsen der beiden Brudervölker zu voller Harnionie zu ermöglichen. Mag der und jener Jude wie!nein Söhnchen es beklagen, daß in der neuen Palästinawährung das Iwrith nicht vorherrscht, wer Sinn für historische Perspektive hat und wer weiß, daß die mächtigsten Bäume langsam wachsen, wird sich angesichts des neuen Judengelds aufrichtig freuen, daß wir, aus dem Höllenptuhl der ukrainischen Pogrome wie aus dem Schmelztiegel Nordamerikas befreit, endlich in Erez-lsrael eine Stätte der eigenen Art gefunden haben. Nicht nur in der Zionsfahne, die Herzl in seinem Judenstaat vorschwebte, sondern auch in den neuen Marken und Münzen Palästinas grüßen uns die Symbole des nach 2000 Jahren Cialuth wiedererstchendeu jüdischen Gemcinwesens. Und das ״Judengeld“ wandelt sich aus einem Schimpfwort zum Ehrennamen.