Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 97 (6.12.1927)
- Date
- 1927-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 690 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 07, 6. m t§27 Kolonisation und Aufbau tu Rufiland Von Dr. |. Lew in, IV. (Schluß.) Wie sieht nun das, was Herr Singalowsky ״die neue Welt“, ״der wirtsciiaftli he Wiederaufbau der jüdischen Massen“ nennt, in Wirklichkeit aus? Eine Antwort darauf Befert eine sehr gründliche Arbeit des bekannten jüdischen Schriftstellers una Statistikers Jakob Lestschinsky in Nr. 5 der ״Blätter für Demographie, Statistik und Wirtscnaftskünde der Juden“ (Be־lin 1925, jiddisch). Die Angaben Lestscblnskys stammen alle aus der jüdischen und russischen Sowjetpresse, er darf wohl als einer der besten Kenner der gegenwärtigen Lage des osteuropäbchen Judentums gelten. In dieser seiner Arbeit führt er aus, die jüdische Bevölkerung Rußlands habe sich vor dem Weltkrieg in einem Stadium fortschreitender mate ieller und moraischer Gesundung befunden. Es muß dabei vo-ausgeschl kt werden, daß aier.er Prozeß eine Begleiterscheinung der sehr schnellen wirtschaftlichen Entwicklung Rußlands in der letzten Periode vor dem Weltkrieg war. Nach der Ansicht hervorragender russischer Volkswirtschaftler hatte sich Rußland in der Zeitspacne zwischen der ersten russischen Revolution 1905 bis , zum Ausbruch des Weltkrieges wirtschaftlich in einem Tempo entwickelt, das ruhig neben das amerikanische gestellt werden kann. Infolgedessen konnte auch das russische Judentum trotz der zahlreichen schweren Rechtsbeschränkungen, sich immer höher entwickeln. Lestschinsky bestätigt auch diese Erscheinung, Indem er über die Lage vor dem Krieg schreibt: ״Das Absterben von Pächtern und Schankwirten, Luftmenschen und Nichtstuern, das schnelle Wachsen von Handwerkern einerseits, einer Berufne!telligenz andererseits; end- Uch das Erscheinen einer jüdischen Arbeiterklasse, — das alles bat die Physiognomie des jüdischen Volkes vollkommen geändert. Aus einem Vermittlervolk ist eine nach Klassen differenzierte Nation entstanden.“ Dieser Prozeß ist durch den Weltkrieg und die Revolution, welche auch die die {uden umgebende Bevölkerung auf einen tieferen Wirtschaftehen Zustand zurückgebracht haben, unterbrochen worden, daher Ist auch ״das jüdische Volk in seiner wirtschaftlichen Entwicklung auf einige Jahrzehnte zurück geworfen worden. . . . Die jüdische Bevölkerung ist gezwungen worden, sich noch mehr in den großen Städten zu konzentrieren, wo Schiebertum und Luftgeschäfte mehr boten und größere Erfolgsaussichten hatten als in den kleinen Städtchen.“ ״In der Ukraine und in Weißrußland (d. h. den beiden Teilen Sowjetrußlands. in denen die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung lebt) hat sich die Zahl von Luftmenschen, hoffnungstosen Bettlern, überschüssigen Menschen, Nichtstuern, stark vermehrt.“ ״Mehr als die Hälft« der ganzen jüdischen Bevölkerung der beiden obengenannten Republiken leben vom Handel und verschiedenen Luftgeschäften, in der Ukraine 54 «/#, in Weißrußland 60,7 «/o. Nach den Schilderungen der kommunistischen Zeitungen muß man zu dem Schluß gelangen^ daß diese Gruppe in folgende Teile zerfällt: ca. 5 0/0 der Händler und Krämer haben sich auch dem kommunisüsehen Regime angepaßt, machen gute Oeschäfte und erwerben ein kleines Kapital; ca. 20 ״/o der kleinen und mittleren Krämer verdienen soviel, um zur Not existieren zu können; 15 «/ס handeln auf dem Markt, verdienen sehr wenig, erhalten Unterstützung von Ihren Verwandten aus Amerika und hun- S׳ern noch aabei; der Übrige Teil, fast ein Fünftel der Qdischen Bevölkerung, hat fast keine eigenen Einkünfte, lebt von Almosen, von der Unterstützung der Regierungsorgane, ifhllt etwas ans Amerika, hauptsächlich aber hungert er.“ ÄT:Sftipf1KF vor der Revolution das jüdische Handwerk sich kapitalisiert hatte, ''\dle-lHjjW »litten im wachsen begriffen war, so daß sich auch 'unter dep Juden -ein wirklicher fndustriearbeiterstaad zu bilden begann, zwar langsam, aber in immer mehr steigendem discher Arbeiter, die in den Fabriken beschäftigt waren, Ist stark gefallen; die Zahl der in den größeren Werkstätten konzentrierten jüdischen Arbeiter ist katastrophal gesunken. Es ist geradezu schrecklich zu sehen, wie das jüdische Handwerk wiederum zerbröckelt wurde und wie stark sich wiederum auf der Jüdischen Gasse das Sweatingsystem ausgedehnt hat“ ״in der großen, verstaatlichten Industrie werden jüdische Arbeiter fast gar nicht beschäftigt, abgesehen natürlieh von den Angestellten in den Werken, unter welche nicht wenig Juden hineingelangt sind; das jüdische Handwerk ist in eine Masse kleiner Zwergwerkstätten zerbröckelt, der größte Teil der Jüdischen Arbeiter Ist ״Quartiemiks“, d. h. Heimarbeiter, welche zu Hause eine unbeschränkte Stundenzahl arbeiten unter den schwersten und unhygienischsten Bedingungen, außerhalb jeglicher Kontrolle der Arbeitslnspektion, ohne objektive Möglichkeiten, für bessere Arbeits» Bedingungen zu kämpfen.“ y Diese Zitate genügen, um zu zeigen, wie es mit dem ״neuen Leben“ des russischen Judentums aussieht Die Angaben Lestachiflskys stammen aus dem Jahre 1925. Es könnte vielleicht der Einwand gemacht werden, daß sie gegenwärtig nicht mehr zutreffen. Dal dem leider nicht so ist, beweist eine Schilderung der Lage einer Kleinstadt Paritschi (Kreis Bobruisk in Weißrußland), die in der oben schon mehrtach zitierten Sowjetjüdischen Zeitschrift ״Tribüne“ (Nr. 2) gegeben wird. Vor dem Krieg hat es hier — heißt es dort — etwa 10 reiche Holzhändler gegeben, das Städtchen beschäftigte sich hauptsächlich mit Holzhandel. Von diesen reichen Kaufleuten lebten wiederum eine Reihe von Angestellten, Maklern usw.' Im Städtchen gab es eine Taufabrik mit einigen Dutzend Arbeitern, es hat auch kleinere Gewerbetreibende gegeben, welche Hilfsarbeiter beschäftigten. Jetzt hat eine Untersuchungskommission die Ausgaben einiger Dutzende Händlertamiiien untersucht. Es wurde festgestellt, daß eine Familie von drei Personen zum Frühstück Kartoffeln mit Salzgurken ißt, zusammen für fünf Kopeken {zirka 10 Pf.), zum Mittag verzehrt sie 1/a Pfund Fleisch, ein *tund Brot und Zutaten zusammen für 20 Kopeken. Das Abendbrot besteht aus einem Pfund Brot und Aepfelti zusammen für eit Kopeken, d. h. der Ausgabenetat dieser dreiköpfigen Familie beträgt 38 Kopeken am Tag. Von solchen Luxusartikeln wie Zucker oder Tee ist keine Rede, ebensowenig von Fetten. Dabei müssen diese Händler ungewöhnlich hohe Steuern zahlen. Die Ladenbesitzerin Gordin, die während einer Stunde für 10 Kopeken Ware verkauft, muß in einem halben Jahr an Steuern zahlen: Patent II. Klasse 10 Rubel, Einkommensteuer 8 Rubel, eine weitere Steuer (Ausgieichssteuer) 12,75 Rubel, izn ganzen also 30,75 Rubel, während die ganze Familie für Nahrungsmittel im Monat 11,4 Rubel ausgibt Eine Hausiererin, die mit ihrem Korb durch die Dörfer zieht, dort Nähnadeln, Garn, Knöpfe usw׳. verkauft und Ihren tuberkulösen Vater wie auch eine alte nicht arbeitsfähige Mutter unterhalten muß, zahlt an Steuern: Patente 6 Rubel, Grundeinkommensteuer 8 Rubel, zusammen also 22 Rubel. ״Die Lage der Krämer in Paritschi — heißt es wörtlich — ist eine verzweifelte. Wie sich «ine Krämerin ausdrückt, sitzen sie in ihrem Laden» weil sie sonst nirgends sitzen können, man muß ja sowieso irgendwo sitzen.“ Die kleinen Gewerbetreibenden vermeiden es, Lehrlinge aufzu• nehmen, weil sie «ich vor dem Komsomol (Kommunistischer Vorkriegszeit weniger als halb so groß wie früher, vorher kamen aut jeden Handwerker durchschnittlich zwei Lehrling«, jetzt weniger als einer. Die Kommission stellt fest, daß sie ״eine beträchtliche Anzahl von Familien gesehen hat, die wohl in großen eigenen Häusern wohnen, aber buchstäblich vor Hunger sterben“. Dabei wird ausdrücklich betont, daß das keine Ausnahmezustände, sondern daß diese Verhältnisse für alle Klein- Städte Weißrußlands und der Ukraine typisch sind. Der Umfang des Artikels gestattet nicht mehr, auf die politische Seite der Frage der jüdischen Kolonisation in Rußland einzugehen, die von großer Bedeutung ist Es lag dem Schreiber dieser Zeilen nur daran zu zeigen, wie es ln Wirk- Uchkeit mit dem wirtschaftlichen Aufbau der jüdischen Massen steht, welcher nach Herrn Singalowsky ״in einem Umfang intensiv und zieibewußt durchgeführt wird, wie es noch in keinem anderen Lande je der Fall war“. Wenn sich immerhin Tausende von jüdischen Familien finden, die in die Kolonien übersiedeln und sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen bereit sind, die ihnen bisher ganz fremd war, so Ist das eine Folge der entsetzlichen Lage ln der Stadt und in der Kleinstadt, w% wie wir gesehen haben, ein so großer Teil der jüdischen Bevölkerung vollständig arbeitslos geworden ist. Sollten sich die Verhältnisse in der Stadt bessern, d. h. wenn das wirtschaftüche Sowjetsystem sich soweit geändert haben wird, daß Privateigentum und Privatunternehmer einigermaßen ruhig wieder existieren können, wird, aller Voraussicht nach, die Mehrzahl dieser Kolonisten wieder zu ihren alten Be- Schädigungen zurückkehren, wie es z. B. bei den obenerwähnten ״Kriegslandwirten“ im Gebiete von Wilna der Fall war. Die Kolonisation wäre auch in ihrem Jetzigen beschränkten Umfang unmöglich, wäre es nicht zum entsetzliehen Verfall der jüdischen Stadt gekommen. Diese Lage nennt Herr Singalowsky die ״äußeren günstigen Umstände für die Agrarisierung bedeutender Teile der jüdischen Massen“ in Rußland. Es gehört schon ein bedeutender Geschmack dazu, eine derartige Lage als ״günstig“ zu bezeichnen, aber — sagt eine Person bei Tschechoff, die tu lateinischen Aus- Sprüchen nicht sehr firm ist — de gustibus aut nihil aut bene. Palästina-Regierung and Arbeitslosigkeit Der Chiefsecretary der Palästina-Regierung Col. Sy in es, empfing dieser Tagfe eine Abordnung der Allgemeinen Organi- »ation der Jüdischen Arbeiter Palästinas (Hlstadruth), die ihm den Stand der Arbeitslosigkeit in Tel-Awiw und die zu erwartende Arbeitslosigkeit in anderen Städten schilderte und auf die Notwendigkeit verwies, daß die Palästina-Regierung öffentliche Arbeiten mit Energie in Angriff nehme und dabei eine größere Zahl der jüdischen Arbeitslosen beschäftigte. Der allgemeine Eindruck der Antwort des Chefsekretärs war der, daß in diesem Jahre keine besonderen Arbeiten der Regierung zwecks Beschäftigung der Arbeitslosen zu erwarten seien, da das Budget d.er Regierung für das kommende fahr bedeutend reduziert worden ist Es kommen haöptsächlich nur Bauarbeiten in Betracht, die nicht aus den regelmäßigen Budgetgeldern, sondern aus besonderen zur Verfügung der Regierung stehenden Mitteln ausgeführt werden wie der Bau der beiden landwirtschaftlichen Schulen aus dem Nachlaß von Kadaorie, das Gebäude für den High Commissioner, für das ein besonderer Fonds vorhanden ist, der Bau de״ Museums aus der Spende von RockefeUer, der Hafen in Haifa d<jr: Arbeiten dez Yerbessening der Wcge iMd de& ljAues der Chaussee von Afulei nach “Klar Tab«•/ #r der«*! .*«pten .•TW von Kfar Tabor and weiter die PICA sich beteiligt, kommen. An den hier erwähnten Bauarbeiten soU eine beträchtliche Zahl jüdischer Arbeiter beschäftigt werden. Die Verirrter der Histadruth lenkten die Aufmerksamkeit Colonel Symes׳ auf die Arbeiten derStadtverwaltungen und die Eisenbahn, bei denen die Juden nur in sehr geringer Zahl beschäftigt werden. Der Chefsekretär merkte sich diese Angelegenheit vor. (Ziko.) Jerusalem, 30. November. (J-T.A.) Lord Piumer hat eine Kommission ernannt, die binnen kurzer Zeit Vorschläge( über die Beschäftigung von jüdischen und arabischen Arbeitern an den von der Regierung aufgeführten öffentlichen Arbeiten zu unterbreiten hat. Leiter dieser Kommission ist der Gouverneur des Süddistriktes J. E. F. Campbell, Beisitzer sind ein Jude und ein Araber. Es ist bekannt, daß die jüdische Arbeiterschaft Palästinas wiederholt Klage darüber geführt hat, daß die Regierung bei öffentlichen Arbeiten das jüdische Arbeitsangebot sehr wenig berücksichtigt In einer der letzten Sitzungen des Stadtrates von Jerusalem hat der jüdische Vizeburgermeister Hayro Salomoa Beschwerde darüber geführt, daß von dem Budget für öffentliche Arbeiten in Höhe von £ 12000 nichts für aie Beschäftigung jüdischer Arbeiter verwandt worden sei. Das Angebot eines jüdischen Unternehmers, der arbeitslose Juden beschäftigen wollte, wurde abgeiehnt, obwohl es nur um ein Geringes höher als das niedrigste Angebot war. Da die Juden die höchsten Städtesteuern zahlen, hätten sie ein Recht, daß ein Teil des Budgets für öffentliche Arbeiten auch zur Linderung der Arbeitslosigkeit unter den Juden Verwendung Findet Es kam zu stürmischen Szenen und schließlich wurde der Antrag Salomon abgeiehnt so daß keine Vorkehrungen getroffen wurden, jüdische Arbeiter noch in diesem Jahr bei städtischen Arbeiten zu beschäftigen. — Aehnlich liegen die Dinge auch bei Vergebung von öffentlichen Arbeiten der Regierung, da auch hier geltend gemacht wird, daß der Lohnstandard der Juden etwas höher als der der Araber Ist Nunmehr soll die neu ernannte Arbeitsverteilungs-Kommission hierin Wandel schaffen. Der bekannte jüdische Philanthrop Bernhard Baron in London wird aus Anlaß seines 77. Geburtstags diese Woche Spenden im Gesamtbeträge von £ 32000 verteilen. Erst vor einigen Wochen hat Baron £ 50 000 zur Erbauung eines jüdischen Settlement in Whitechapel gespendet ChanuhKali-Klnderfest der JDfllsch־NaUonaien Frauen•Vareinigung am Dienstag, den 20. Dezember 1927, nachm. 4 Wir im Logenhaua, Joadümsthaler Straße 13 Lebend« Bild*•», Aufführungen, Maaik, Schokolade and Kuchen, Eintrittskarten H.I.—• Bon für Schokolade u.Kuchen M Pf, Eintrittskarten bei fraa Leun Bernstein, Augustastr. 63 Telefon: Bismarck 7881, Zeit *Spiegel Oie Saal gehl aal Die ״Vossische Zeitung“ berichtet: Vor den» erweiterten Schöffengericht in Halberstadt fand eine Gerichtsverhandlung statt die das Interesse der Oeffentliehkdt beansprucht An• geklagt war der am Halberstldter Landgericht tätige Oerichtsreferendar Lange wegen Beschimpfung der Jüdischen Religionsgemeinschaft Dieter zukünftige Richter hatte im vergangenes Sommer anläßlich einet Demonstraiionszuges der ״Nationalsozialistischen Arbeiterpartei“ in Quedlinburg, Bilder aus einer völkischen Zeitschrift an einem Baum befestigt, die unter der Ueberschrift ״Ritual• mord“ die Abschlachtung eines Gymnasiasten und ähnliche geschmacklose Dummheiten darstellen. Der Angeklagte erklärte in der Verhandlung, daß das Bild ״Ritualmora“ zeigen sollte, wiedieJudensichdasBiutvouChristenzuihren Zw׳ecken verschafften und daß der Talmud den sittliehen Auffassungen des Christentums widerspräche. Man müßte schwerfällige Menschen mit scharfen Mitteln auf solche Sachen stoßen. Sein Verteidiger behauptete, eine ״Sekte im Judent u m“ fröne dem Ritualmord, was ein ״Sachverständiger“ aus Leipzig zu beweisen vermöge. Auch d’.e Erschießung Petljuras sei eine Art Ritualmord gewesen. Nach diesen Ausführungen beantragte der Staatsanwalt die äußerst müde Strafe von 200 M. bzw. 14 Tage Gefingnta. Dem Gericht war selbst dieser Antrag noch bei weitem zu hoch, und es erkannte aut 50 M. Geldstrafe oder dfei Tage Gefängnis. In der Urteilsbegründung erklärte der Vorsitzende, der anscheinend ein ausgezeichneter Kenner der völkischen Literatur zu sein scheint, daß die sittlichen Vorschriften des Talmuds ״tatsächlich“ mit den sittlichen Gebräuchen in Deutsch• land nicht zu vereinbaren seien. Dem Angeklagten sei weit• gehende Milde gewährt worden, weil er sich offenbar durch fortgesetzte Lektüre der Veröffentlichungen seiner Partei habe beeinflussen lassen. Außerdem habe er offenbar nicht die jüdische Religionsgemeinschaft, sondern die ganze jüdische Rasse treffen wollen. Dieser Referendar Lange scheint bereit» eine Frucht ne»- deutscher NachkriegserzieJjung an den deutschen Universitäten zu sein. In jüdischen Kreisen versucht man sich einzureden, die Hochflut der völkischen Bewegung 8$ abgeebbt und nimmt Es_ kommt nämlich nicht 80 sehr auf die Masse der zivilen Wähler als auf die Ueherzeugung der öffentlichen Beamten an. Und diese entstammen doch den deutschen Hochschulen. Wie es dort aussieht, lehrte die in den letzten Tagen an den preußischen Hochschulen vorgenommene Ab- Stimmung über das neue von Minister Becker vorgeschlagene Studienrecht Von 3! 243 Studentenwihiern sprachen sich 24017 gegen Minister Becker aus. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese 24017 jungen Damen und Herren als Rasse-Antisemiten schlrister Observ« n z bezeichnet. Aus diesen Kreisen wird sieb in Zukunft der Beamten- und Richterstand ergänzen. Diese zukünftige «Eilte“ Deutschlands wird dem Referendar Lange au» Halber- Stadt so ihn'ich sehen wie ein Ei dem anderen. Die schlimme Saat wird auf gehen und für uns Juden giftige Frucht tragen... Mi ein Hehler * ■. Eine wundervolle Illustration, wie die völkische Propaganda vergritend und vcrbtendend wirkE bfldet auch der P r o - zeö Erichsen. Die Hauptfigur dieses Prozesses interessiert «ns nichtj im Verlaufe des Verfahrens wurde festgesteBt. daß er griechisch-orthodoxer Christ ist und nichts mit Judentum zu tun hat Aber auch wenn er Jude wäre, wäre» die Erklärungen des Untersuchungsrichters nicht weniger skandalös. Dieser Beamte hat kein Hehl daraus gemacht, daS er mit seiner Strafverfolgung vor allem einen Juden treffen wollte und daß er in seiner Tätigkeit, wie es sich ausdrückt, ״zwischen Deutschen und Juden“ unterscheidet. Der Prozeß zeirte sinnfällig, auf welche Wege ein derartig eingestellter Geist gerät Diese Erscheinung, die besonders kraß in dem Magdeburger Fall Haas zutage trat, ist also gar nicht vereinzelt Der Richter, dessen höchste Tugend Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person sein muß, läßt Sich von per• söniiehen Antipathien leiten und sogar verführen, das Recht zu beugen. Wahrscheinlich weiß er gar nicht, was er ftit Der Antisemitismus ist eine so pathologische Erscheinung, daß seine Träger meinen, das Rechte zu tun, während m der schlimmsten Verirrung verfallen. So tief wird von Jugend auf diesem Teil der deutschen Intelligenz der Judenhaß eingepflanzt Presse-Schön Der Berliner ״Vorwärts“ bringt unter der Uefeerschritt ״Jüdische Proletarier werden ferngehalten“ den folgenden Eigenbericht aus Haifa, Ende November: ״Die britische Mandatregierung für Palästina hat wegen der sich immer mehr verschärfenden Wirtschaftskrise des Landes neue Bestimmungen für die jüdische Einwanderung erlassen, die praktisch auf ein völliges Verbot der Immizratfon von jüdischen Massen hinauslaufen. Hiernach werden Ms auf weiteres nur folgende virt Kategorien jüdischer Neuankömmlinge in das Land gelassen: 1. Frauen und minderjährige Kinder von bereits in Palästina wohnenden Persona». 2. Studenten und Schüler, wenn ihr Unterhalt von den Instituten, die sie besuchen, auf drei Jahre gewährleistet wird. 3. Personen mit barem Kapital, deren Betätigung nutzbringend für die palistinensische Wirtschaft ist, und 4. politische Flüchtlinge aus Sowjetrußland. Die Zulassung der Flüchtlinge ist lediglich eine politische Demonstration gegen die Sowje-tregierung und findet nur auf eine beschränkte Anzahl junger Leute Anwendung, die wegen ihrer zionistischen Betätigung in Rußland verfolgt werden. Es bleibt abzuwarten, ob so aje Genesung der patästinensischen Wirtschaft herbeigeführt werden wird und ob die Abwehr der Armen und die Zulassung von Reichen (die zurzeit gar nicht hingehen) den Aufbau des Landes fördern wird.“ — Wir sind sicherlich keine Verteidiger der englischen Etawanderungsbestimmungen, dennoch ist es wohl verkehrt, wenn der ״Vorwärts“ übersieht, daß in einem Zustand der Arbeitslos(»• keit die Einwanderung arbeitgebenden Kapitals der Zuwanderung neuer Arbeitnehmer Vorgehen muß. Nochmals ״Kumkum“. Herr Arthur Köstler •ende! on* zu der Notiz in Nr. 90 der J. R“ eine Zuschrift, in welcher er u. a. feststellt, daß seine Bemerkung bezgL das Schreies nach ״Zensur“ sich nicht auf Beilinsons Artikel bezog, sondern auf einen Artikel eines Charifai in ״Davit*•» der gefordert hatte, daß Programme von Veranstaltungen, die im Volkshaus — Beth Am — stattfinden, dem Zweck des Hauses, der Volksbildung und Erziehung, angepaßt seien. Ob freilich die* als Schrei nach Zensur aufzufassen ist» darüber können die Meinungen geteilt sein, es lohnt aber kaum, an diesen belanglosen Gegenstand noch eine Zeile xu wenden.