Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 45-46 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45/46 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 331 Lite ratur~Bl alt Die Festschrift des deutschen Misrachi Im Unterschied von der Zionistischen Öesamtorganlsatiqn hat sich der zionistische Sonderverband ״Misrachi44 bisher in seiner propagandistischen Tätigkeit etwas zu viel Zurückhai■ tung auf erlebt. Daher war es völlig berechtigt, wenn er kürz* lieh die Feier seines 25jährigen Bestehens zum Anlaß nahm, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich zu lenken, Ver* nünftigerweise begnügte er sich dazu nicht mit dem Mittel schnellverrauschenaer Festveranstaltungen, sondern wählte zugleich das nachhaltigere der Herausgabe von Zeitungs-Festnummern und besonderen Festschriften. Za den letzteren gehört das 204 Seiten umfassende Sammelbuch des deutschen Landesverbandes der Misrachi-Organisation1). Ein Drittel der 32 Beiträge früherer und gegenwärtiger politischer und geistiger Führer des Misrachi, ist — hebräisch geschrieben — an sich eine höchst erfreuliche und den deutschen Misrachi ehrende Erscheinung, aber im Hinblick auf die leider allzu geringe Zahl hebräischer Leser in Deutschland die propagandistische Wirkung der Schrift doch etwas beeinträchtigend. Und das Buch hat nun einmal sein Hauptabsehen auf die Propaganda gerichtet, dieses Wort freilich in seinem besten und vornehmsten Sinn verstanden. ״Die hier folgenden Aufsätze — sagen die Herausgeber ,Zum Geleit4 — sollen den Geist, der die misrachistische Arbeit erfüllt, veranschaulichen und die geleistete Arbeit zeigen.“ Sehen wir uns zunächst den ״Geist4‘ des Misrachi an, seine Theorie, soweit man darüber von einem derartigen Sammelwerk Aufschluß erwarten darf. Von welchen Voraussetzungen geht der Misrachi aus, was ist seine Problemstellung? Dazu äußerte sich schon sein eigentlicher Begründer, Rabbi I. I. R e i n e s in dem hier abgedruckten Aufsatz, der die erste hebräische Misrachizdtschrift ״Hamisrach“ einleitete (P׳ne Hamisrach). Nicht allein die tiefempfundene materielle Judennot erfordert dringend Abhilfe, sondern mindestens ebenso die geistige Not, die in der fortschreitenden Entfremdung der Jugend vom geschichtlichen Judentum am deutlichsten zum Ausdruck kommt Auch der Beitrag Aron Barths ״Wege zum Misrachi“ läßt die mehrfache Wurzel des Zionismus und also auch des Misrachi erkennen: politische, wirtschaftliche, kulturelle Nöte. Der Lösungsversuch des Misrachi muß vom allgemeinzionistischen offenbar irgendwie verschieden sein. Mit dieser das eigentliche Wesen des Misrachi betreffenden Frage setzen sich mehrere Beiträge auseinander. Schon das Geleitwort formuliert kurz: ״Ein Gott, ein Gesetz, ein Volk und ein Land... Diese vier Einheiten zu einem harmonischen Ganzen als Lebensanschauung zu verschmelzen, ist seine — des Misrachi — Aufgäbe.“ So war auch die Auffassung von S. lawetz und anderen Vätern der Bewegung. Freilich entsteht sofort die weitere Frage nach der Art der Verschmelzung jener vier Eiemente. Alle misrachistischen Denker kommen ungefähr zu dem gleichen Ergebnis: Die Thora bildet die Seele der jüdischen Nation, der Gesamtorganismus aber braucht Erez Israel zu vollem Oedeihen (Rabbiner D. Feuchtwang, E. Adler u. a.). Wie speziell die misrachistische Arbeiterschaft diese Art Synthese unter der Devise ״Thora Weabhoda“ praktisch durchführen will, suchen mehrere Beispiele darzutun. Es ist klar, daß der Misrachi gerade zur Verwirklichung seiner großen Synthese jedes einzelne unserer ״nationalen Heiligtümeri, unserer geschichtlichen Güter, im besonderen pflegen muß. Abgesehen von der Zionsliebe selbst, kommt dabei vor t *Wkm 41 e,<hel*#.ii sch e;,S,p-»r a oft*» 1».fifitraebt,4־.־ie!־flr ajjlc echte Jüdische Kultur grundlegend ist. Bedauerlicherweise fiat diese scheinbare Selbstverständlichkeit immer noch nach manchen Seiten hin eine Rechtfertigung nötig. M. D. Groß schreibt eigens darüber einen Aufsatz (Hamisrachi wehathnuah haibhrith), in dem er die unbedingt positive Stellung des Misrachi zur hebräischen Sprachbewegung betont. Unser Allerheiligstes aber bildet das Schul-und Erziehungswesen, das für die Diaspora nicht weniger als für Erez Israel zentrale Bedeutung hat. Während hier offenbar der Misrachi bereits mitten in der Verwirklichung begriffen ist, befinden wir 14ns noch immer im Stadium des Suchens und Experimentierens. Sehr beachtlich sind die ״Gedanken über jüdische Er- Ziehung in Deutschland“, die A. Blau entwickelt. Mit vollem Recht verlangt er, daß ״von der hebräischenSprache... eine Neubelebung jüdischer Geistesbildung an unseren Schulen“ ausgehen soll. Die hebräische Sprache, von Neuhebräern als lebendiges Idiom gelehrt, soll ,,der große Wegweiser sein zu einem Neubruch jüdischen Wissens und Lernens44. Der Einwand einer Profanierung der heiligen Sprache wird unter Hinweis aufAchad Haams ״klassischen Essay“ (״Heiliges und Profanes44) widerlegt, dessen Grundgedanke sich auch hier anwenden, lasse. Auch die Berücksichtigung der modernen hebräischen Literatur wird erfreulicherweise gefordert. Ich glaube, daß man diese Vorschläge noch sehr oft wird wiederholen müssen. Solange sie aber, in. der Hauptsache wenigstens, nicht durch geführt sind, scheint mir eine wirkliche Gesundung unseres jüdischen Sei״׳'.wesens tatsächlich unmöglich. Wieder anders behandelt Rabbi M. Berlin die Erziehungsfrage, wenn er sie in seinem interessanten Bericht über ״die jüdischen Problcme in Amerika“ als die Grundfrage des amerikanischen — und nicht nur des amerikanischen — Judentums hinstellt. Nicht allein die jüdische Erziehung, die jüdische Geistesk u 11 u r überhaupt beschäftigt sehr ernsthaft das misrachistische Denken. Das zeigen z. B. die gehaltvollen Ausfiihrungen Rabbi Amieis (Haproblemoth haruchanioth sehe! Hamisrachi). Der Misrachi hat niemals die ״Kultur‘4 bekämpft, vielmehr nur die vom Zionismus selbst wohl zu unterscheidende Ideologie des allgemeinen Zionismus, die mit der Assimilationstheorie in mehreren Punkten übereinstimmt, wenn sie auch zu anderen Folgerungen gelangt. Sie will nicht nur, wie es schon früher immer geschah, fremde Kulturgüter ins Judentum aufnehmen, um sie ihm zu assimilieren, sondern die jüdische Kultur im ganzen den fremden Kulturen angleichen. Diese Ideologie hat die neuere hebräische und jüdische Literatur völlig durchdrungen und ihr damit die Möglichkeit der Originalität genommen. Ebenso!nacht sich ihr Einfluß auf die allgemeinzionistische Praxis allenthalben entsprechend bemerkbar. Der Misrachi kann erfolgreich dagegen nur ankämpfen, wenn er eine eigene positive jüdische Kultur schafft auf der Grundlage des alten, geschichtlichen |11clentums, vor allem eine misrachistische Literatur, die alle Gebiete umfassend wirklich den Namen einer solchen verdient. Erst dann kann eine eigentliche misrachistische Ideologie, ein Misrachismus, allmählich entstehen. Weniger Politik und mehr Konzentrierung aut das ,,geistige Zentrum“ der Bewegung tut not — Man denkt bei den Darlegungen Amieis, wie übrigens bei mehreren Aufsätzen der Festschrift, häufig an Ach ad Haara. Irre ich nicht, so war es der orthodoxe Mannheimer Rabbiner Unna, der vor einiger Zeit im ״Jeschurun“ äußerte, vermutlich würde später einmal Achad Haam noch zur Orthodoxie gerechnet werden4 Die Bemerkung ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Es wird sich bald die Notwendigkeit heraussteilen, das Verhält- י) Misrachi, Festschrift herausgegeben usw. vom Zentral- Miro des Misrachi für Deutschland, Berlin 5687. (Broschiert Marie 2ßO.) nis des “Achad Haamismus“ zum Misrachismus einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Liegt enge Wesensverwandtschaft vor oder sind es umgekehrt Extreme, die sich berühren? Noch andere Beiträge haben das Kulturproblem zum Gegenstand. Wie nicht anders zu erwarten, der von Wolfsberg, ebenso eine Veröffentlichung von M. Michael. In beiden ausgezeichneten Aufsätzen finden wir eine durchaus positive Stellung zur allgemeinen Kultur und Wissenschaft. Im Grunde gehört zu dem ganzen Thema auch eine Frage, die dem Misrachi zwar von jeher zu denken gab, mit deren gründlicher theoretischer Erforschung aber noch kaum begonnen wurde: sein Verhältnis zur Orth 030xie. Immer schon fand man es befremdlich, daß ein großer Teil der Orthodoxie dem Misrachi ablehnend oder gar feindlich gegenüberstehe und suchte ihn eines Besseren zu belehren. Das tat gleich zu Anfang Reines, Olasner u. a., wovon die betreffenden Veröffentlichungen in der "Festschrift Kunde geben, das tut neuerdings wieder Lazarus Barth, wenn er in seinem Beitrag mit der ,,unab* hängigen“ Orthodoxie des Westens ins Gericht geht. Offenbar hat G ז ü n b e r g in seinem Aufsatz ״Hamidrasch wehamaaseh“ recht, wenn er meint, das alles wisse die Orthodoxie schließlich׳ selbst Der Folgerung, die er daraus zieht: also verlege man sich lieber auf die praktische Aufbauarbeit! könnte man an sich vielleicht zustimmen, indessen bleibt damit die ,alte Kasche4 eben doch. Mir scheint, daß der Gegensatz zwischen Misrachi und Orthodoxie in Wahrheit ein grundsätzlich ideologischer ist, was z. B. ln den erwähnten Abhandlungen Amieis, Wolfsbergs, Michaels, den Verfassern selbst wohl mehr unbewußt einigermaßen fühlbar wird. Es gibt, wie R. Am i el mit Recht betont, noch keine wirkliche Ideologie des Misrachi. Wird eine solche einmal ernstlich in Angriff genommen, so dürfte sich meines Erachtens finden, daß der Misrachismus eine durchausselbstlndigereligiöscRichtung bildet sowohl gegenüber dem Liberalismus wie der Orthodoxie. So mangelhaft die Theorie des Misrachi im Grunde noch sein mag, so bedeutend sind seine praktischen Leistungen und Erfolge, besonders wenn man um die Hemmungen weiß, die er von verschiedenen Seiten her erfährt. Zuerst ist sein Schulwerk in Palästina zu nennen. Ausführlich berichtet dessen Leiter selbst darüber, Rabbi J. Be r m a n n. Ueber 5000 Schüler besuchen die zirka fünfzig Schulen des Misrachi und erhalten eine gründliche jüdische Bildung, ohne daß die allgemeine darüber vernachlässigt wird. Zwei Drittel der Stunden sind an den Volksschulen den jüdjschen Fächern gewidmet. Ueber die Zahl der Schulen, Schülerfrequenz, Unterhaltskosten, Lehrplan usw. im einzelnen unterrichten eigene Tabellen. Man hat den Eindruck, daß dem Misrachi hier ein großer Wurf gelungen ist und möchte wünschen, daß er finanziell instand gesetzt wird, seine Schulen weiter auszubauen — das Wort ״bauen44 auch im buchstäblichen Sinn verstanden. Von großer Wichtigkeit für die Zukunft des Misrachi ist natürlich seine J u g e n d b e w e g u n g. Was die Festschrift darüber zu berichten weiß, erscheint sehr erfreulich. Der so- Zusagen in den palästinensischen ״H a p o e I Hamisrachi“ einmündende ״Hechaluz Hamisrachi“ umfaßt hiernach in den verschiedenen Ländern 14 000 bis 17 000 Mitglieder und leistet, hauptsächlich in Polen nach den Darlegungen E. M. Genachowskis, anscheinend vorzügliche ״Hachschara“- Arbeit. Schade, daß nicht auch über den ״Hamisrachi H a z a ü r44 Näheres zu finden ist, der in Palästina die mehr ״bürgerliche“ Jugendorganisation darstellt, ..;־־׳*AHfieriW«•־ erlMjlteti .wir*'4s»fcl1 -.eine־ Reihe* von Sonderberichten Einblick in die Arbeit der Landesverbände, des misrachistischen Immigrations-Departements, der Bank, während Prof. Pick eine allgemeine Uebersicht über die Tätigkeit des Weltmisrachi gibt. Gewissermaßen zur religiös-nationalen Zukunftspraxis des Misrachi gehört, was Prof. Baneth in seiner gelehrten Abhandlung über ״Kalenderreform und Synhedrion“ schreibt. Schließlich bringt die Festschrift noch zwei bioraphische Skizzen, von denen die E. Mayers über abbiner N. A. Nobel den deutschen Juden besonders interessieren dürfte. Es ist ein gutes Zeichen für eine Bewegung, wenn solche Edelmenschen erklären, daß sie ״in allem wesentliehen zu ihr stehen“. — Alles in allem erfüllt das Sammelbuch durchaus seine Aufgäbe, über den Geist und die Leistungen des Misrachi zu unterrichten. Die Misrachisten selbst wird es zweifellos zu gesteigerter Tätigkeit anregen. Aber auch den allgemeinen Zionisten, besonders denen, die wenigstens irgendwie dem historischen, überlieferten Judentum nahestehen, vermag es viel zu geben. Sie dürften den Eindruck gewinnen, daß man nicht unbedingt ״streng orthodox“ sein muß, um die Arbeit des Misrachi unterstützen und sogar — sich ihm anschiießen zu können. ,״Ich halte alle unsere Gesinnungsgenossen, vielleicht mit wenigen Ausnahmen, unserer Auffassung einer religiös-nationalen Basis unserer Bewegung, mit der Zelt durchaus zugänglich“, schrieb E. Adler, einer der ersten Führer des deutschen Misrachi (S. 48). Und in einer Vorbemerkung betont dessen heutige Leitung, daß die hier geäußerten Anschauungen noch die ihrigen sind. Ebenso schrieb Nobel: Die echten Träger des religiösen Gedankens sind nicht so furchtsam, unduldsam sein zu müssen.4•' Eine Organisation, deren Begründer und Führer von solchem Geiste beseelt sind, würde ihr innerstes Wesen ver• leugnen, wenn sie sich auf bestimmte religiöse Einzeldogmen festlegen würde und nicht auch die ihren Bestrebungen nur Nahestehenden an sich ziehen und in sich aufnehmen könnte. Ich wünsche dem Misrachi, daß er zur umfassenden historisch orientierten religiös-zionistisehen Bewegung überhaupt wird. Dr. A. Schlesinger. Von der hebräischen Universität-Bibliothek Unter den neuen Beständen der National- und Universitäts-Bibliothek befindet sich eine Serie von 27 wertvollen medizinischen Büchern, die von Dr. Liebmann aus dem ״Leo Bing“-Fonds gekauft wurden. Diese Bücher über Sozialhygiene, interne Krankheiten usw. haben eine Lücke in der medizinischen Abteilung der Bibliothek ausgefiillt. — Das Vermessungs-Dcpartment der palästinensischen Regierung hat der Bibliothek eine Reihe von Palästinakarten in 46 Rollen im Maßstab 1:2000 geschenkt. Ein anderes Geschenk ist der Katalog der National- Bibliothek von Frankreich in 88 Bänden vom Vorsitzenden des Warschauer Universitäts-Senates. Jerusalem, 3. Juni. (J. T. Ä.) Wie der Direktor der Jerusalemer Jüdischen Nationalbibüothck, Dr. H. Bergmann, soeben mitteilt, umfaßt die Bibliothek bereits 150000 Werke, unter ihnen 31000 hebräische. ״Judaica“ sind 1800 vorhanden. Die medizinische Abteilung zählt 14 000 Werke. Die orientalische Abteilung (arabisch und islamitisch) ist eine der reichsten im ganzen Orient. Mehr als 1000 Zeitungen und Journale liegen in der Bibliothek auf. Im letzten Jahre wurde die Bibliothek 58 000 Male von Büch ״־'ntleihrrn in Anspruch genommen, Juden, Christen und Moslems, Priester, j Lehrer und Schüler gehören zum Leserstab. Für das neue Gebäude der Bibiiothek sind £ 35000 veranschlagt Caesar, Rom, Judenschicksal Ein Volk wie die Juden, das seine nationale Existenz an historische Ereignisse knüpft, in dessen Weltgefühl und Religion der Begriff der" Geschichte eine entscheidende Rolle spielt und das vor allem heute in seinem nationalen Bewußtsein historisch orientiert ist, wird in seiner geistigen Entwicklung bestimmt von der Deutung überkommener Dokumente und Persönlichkeiten, die immer das zentrale Material seines Denkens bilden. Die Art, wie jedes Geschlecht diese Gestalten sieht, ist geradezu charakteristisch für seine geistige Haltung, ln diesem Sinne spielt auch die Frage der Geschichtlichkeit, d. h. des tatsächliehen Geschehenseins, eine untergeordnete Rolle, gemessen an der Realität der im Bewußtsein des Volkes wirkenden Gestalt, Achad Haam hat dies in einem bekannten Essay von Moses csagt; eine Darstellung der geistesgeschichtlichen Wandlungen er Moses-Auffassung besitzen wir freilich nicht. Wie sich Bild und Deutung, Vorstellung und Wertung einer Gestalt im Laufe der Geistesgeschichte wandelt, zeigt das grandiose Werk Friedrich Gundolfs über Caesar (1. Caesar, Geschieht« seines Ruhms; 2. Caesar im neunzehnten Jahrhundert. Beide bei Georg Bondi, Berlin. 5 und 3 M.), Gundolf breitet ein ungeheures Material vor uns aus, aber er gibt nicht einfach die Meinungen von Schriftstellern wieder, er ordnet sie ein in das gewaltige Gebäude einer Ideengeschichte und deduziert die jeweilige Caesar-Deutung aus dein geistigen Wesen der Zeit und der Deuter. So wächst das Buch weit hinaus über die ״Geschichte des Ruhmes“ einer Einzelpersönlichkeit, denn in Caesar sind die politischen Gedanken, die das Abendland seit 2000 Jahren beherrschen, verkörpert: Freiheit und Herrschaft, Kaisergedanke und Demokratie, Ordnung und Chaos, an ihm entzündet sich immer wieder der Ideenkampf. So zeigt uns Gundolf gleichsam im Fluge seinen Sinnwandel, auch seine Umstrittenheit (bis zu dem Kuriosum, daß der Pamphletist Ramfie im 10. Janrhundert ihn aus Haß zum — Juden stempelt). Das Werk ist über den Gegenstand hinaus, ganz zu schweigen von der künstlerischen Vollendung seiner Form, ein außerordentlicher Gewinn für jedermann, der Geschichte und Gestaltwandel verstehen will. Die gewaltige Wirkung Roms und des Rom-Gedankens auf die abendländische Welt verlockt auch den Laien zur Beschäftigung mit der römischen Geschichte. Die Brücke von der antiken Welt zur Gegenwart bildet das Mittelalter, dessen Zentrum unbestritten Rom w׳ar. Fedor Schneider hat in seinem Buch ״Rom und Romgedanke im Mittelalter44 (mit 32 Tafeln; Drei-Masken-Verlag, München) eine Darstellung der kulturellen und geistesgeschicntlichen Entwicklung gegeben, die die geistigen Grundlagen der Renaissance geschaffen hat ln Rom, so zeigt er, ist die Antike niemals gestorben, das römische Nationalgefühl bleibt schöpferisch, und das synkretistische Christentum verarbeitet die in Rom zusammenströmenden Eiemente des antiken Erbes. Neben diesem aufschlußreichen Buch ist die Neuausgabe eines älteren Werkes zu nennen, der ״Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter44 von FefdinandGreo r o v i u s (neue vollständige Ausgabe in zwei Bänden, mit 240 ichtdrucken nach alten Vorlage», einer Einleitung und Anmerkungen von Dr. Fritz Schulmann; 3079 S.; Verlag von Wolfgang Jeß in Dresden; 50 M.). Der Verlag Jeß hat dem Werk eine sorgfältige Ausstattung verliehen, es ist auf Dünndruckpapier sehr gut gedruckt und dadurch in zwei handliche Bände gepreßt, die Bilder sind sehr schön und biete» viel des Kultur- und kunsthistorisch Interessanten. Das W«tfc «B*t, Wetet eine unerifcltöpflfchi FtaBpübe des'Wlsstwr'iÄf'Ä^iielihie und anziehend geschriebene Lektüre, einen künstlerischen Wurf. Es ist natürlich unmöglich, an dieser Stelle auf den Gegenstand selbst einzugehen. Aber es wird für unsere Leser vo® Interesse sein, wenn wir eine Stelle aus dem Buch ötieren, die das Leben der Juden in Rom an der Schwelle des Mittelalters betrifft. Denn auch für unser Volk war Rom das Schicksal in mehr als einem Sinne. Die nachstehende Schilderung überrascht auch durch die Gleichartigkeit, die zu allen Zeiten und zu allen Orten die Judenfrage im Golus aufweist. Gregorovius berichtet : Die Juden im mittelalterlichen Rom. Die Hebräer, nicht erst seit Pompejus als Kriegssklaven nach Italien gekommen, sondern schon früher, gleich Syrern, teils als Gefangene, teils als freie Menschen aus Handelszwecken dort eingewandert, besaßen Synagogen in Genua und Neapel, in Mailand, in Ravenna und vor allem in der Weltstadt Rom. Hier waren sie unter Tiberius sogar auf mehr als 50000 Mensehen angewachsen, ihr Talent und ihre rastlose Betriebssamkeit machten manche von ihnen reich, während die Masse selbst in dürftigen Verhältnissen lebte. Dem Widerwillen der Römer gegen dieses wunderbare Volk, welches jeden Sturz jedes Reiches der Erde mit zäher Lebenskraft überdauerte, begegnen wir bei Dichtern und Prosaikern seit Augustus, welcher übrigens wie Caesar ihre Kulturfreiheit und ihre bürgerlichen Rechte vollkommen geachtet hatte. Ihre allen anderen Religionen feindliehe Abgeschlossenheit war den kosmopolitischen Römern unbegreiflich, und Tacitus nannte sie deshalb ein den Göttern verhaßtes Menschengeschlecht. Die Römer staunten trotzdem den tiefreligiösen Charakter der Hebräer an, und nicht wenige gerieten in den moralischen Bann des Judentums. Denn dieses machte Proselyten selbst unter dem römischen Adel, namentlich bei den Frauen. Die frevelvolle Poppäa, die Gemahlin Neros, war zur Synagoge übergetreten, und als Jüdin wollte sie begraben sein. Sobald sich nun das Christentum ausbreitete, wurden seine Anhänger als Judensekte von den Heiden verabscheut. Noch Rutilius hat diesen Haß der Lateiner gegen das semitische Wesen in seinem Abschiedsgedicht ausgesprochen, indem er beklagte, daß Pompejus Judäa unterjocht und Titus i" , Sieger besiegt. Das Judentum erscheint demnach schon in jener Zeit als eine ernste soziale Frage. Die älteste Synagoge zu Rom lag in dem seit Augustus von zahlreichen Juden bewohnten Trastevere, Die Nähe des Tiberhafens an der Ripa mochte die Veranlassung sein, daß Hebräer und Svret in jenem Viertel sich ansiedelten. Das ganze Mittelalter hindurch blieben sie dort, und die Trasteveriner zeigten dem Verfasser dieser Geschichte noch im Vicolo delle Palme den Ort, wo die erste Synagoge gestanden haben soll. Es ist möglich, daß die Hebräer in der vorchristlichen Zeit auch im Vatikan wohnten; noch im dreizehnten Jahrhundert wird die Hadriansbrücke, der Pons Aelius, im Buch der Mirabilien Pons Judaeorum genannt. Sie mochte indes deshalb so heißen, weil die Juden im Mittelalter auf dieser Brücke in Buden, m't dener sie besetzt war, Waren feilboten. In ihrer Synagoge, welche der! Libertinern oder den nach Pompejus Zeit freigelassenen Juden Sklaven den Ursprung verdankte, und neben der es während der Kaiserzeit noch andere Bethäuser gab, hatten die Hebräer ein Abbild des von Titus zerstörten Tempels dargestellt, und sie versammelten sich daselbst an Sabbat- und Festtagen beim Licht einer nachgebildeter! siebenarmigen Menora zu derselben Zeit, als der wahrhafte Lychnuchus und die Gefäße Jerusalems, ihr geschändetes heiliges Eigentum, noch im Friedenstempel auf bewahrt wurden, *hi