Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIX (1924)
- Issue
- Heft 59 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J Seite 421׳ 1UEDISCHE KUNDSCHAU Nr. 59 zu unterbände!״, drückte die Rentabilität inelir, als man aiutc Urnen sollte. So gibt cs noch eine ganze Reihe von Verlusten, die aus diesem System der Finau/gcbaning erwachsen und die unpnxluktivcn Ausgaben im Ver- Iiältsus zu den eigentlich produktiven dauernd vergrölkni. Cs ist daher kein Wunder, daß!teilte bereits einzelne Siedlungen über dieses System Beschwerde (iilireu. Sie weisen an( Grund ihrer Berechnungen nach; daß nur ein Teil der ihnen übergebenen Gelder wirklich investiert werden konnte. Sie verlangen, daß nicht sic, sondern die Exekutive die Verluste, die ihnen erwachsen sind, trägt, und diese Verluste erreichen unter Umständen ׳ 0/01 25 Der dritte Punkt wird dadurch charakterisiert, daß fast keine unserer Siedlungen bisher wirklich Wirtschaftlieh selbständig geworden ist. Nahalnl z. B. sollte in den zwei ersten Jahren seines Bestehens rund 000 £ pro arbeitende Familie erhalten und hat in den drei ersten Jahren n.vid 500 £ bekommen. Wie sehr die Rentabilität darunter leidet, daß die Konsolidierung nicht programm* mäßig durehgeführt wurde, daß es noch heute an Produktionsiuittcln jeder Art fohlt, ist klar. Aber Nahalal ist eine der Siedlungen, die relativ am besten gestellt und die daher auch die besten Resultate liefert. Viele andere Siedlungen sind schlechter daran. Wenn man Bodcnpreis, Amelioration usw. abzieht, so hat z. B. paganiah A. noch heute nicht die Summen erhalten, die notwendig wären, um die Investitionen zu machen, die den Aufbau einer gesunden und lebensfähigen Wirtschaft ermöglichen. Daganiah erhielt bis heute, also in den 14 Jahren seines Bestehens, 12 000 £. Geradezu grotesk werden die Dinge aber in den großen Siedlungen. 111 E11 Charod sind für die endgültige Ansiedlung eines arbeitenden Paares zirka 450 £, in Tel Josef (Gdud) zirka 550 £, in Beth Alpha etwa 600 £ notwendig. Die Ansicdlmig von nur 400 Menschen würde also bei den durchschnittlichen Kosten von 500 £ pro Paar die Summe von 100 000 £ ausniachen und es kann natürlich keine Rede davon sein, daß auch nur eine der großen Siedlungen diese Stimme bisher erhalten hätte oder in abschbarcr Zeit erhalten wird. Will man all dieses zusammeufassen, so kann man sagen, daß wir bisher unser Siedlungswcrk auf Kosten seiner Konsolidierung immer mehr ausgedehnt haben. Dieses System hatlc zur Folge, daß wir vielfach unsere Mittel mit einem geringen Nutzeffekt verwandten und daß fast alle Siedlungen noch Zuschüsse für neue Investitionen brauchen, noch nicht von sich aus lebensfähig sind. Sie alle sind noch in einem provisorischen und noch nicht in einem definitiven Zustand. Wird dieses System fortgesetzt, so erhebt sich die Frage, was daraus eigentlich werden soll. Man kann nicht bei beschränkteil Einnahmen das Siedlungswerk dauernd vergrößern. Das heißt doch, daß immer neue Siedlungen mit Kapitalien für Investitionen bedacht werden müssen, während noch nicht einmal die ältesten aus unserm Budget ver- Schwinden. Das heißt, daß jeder einzelnen Siedlung ein immer geringerer Prozentsatz der notwendigen Kapitalien zugeführt, daß der Nutzeffekt unserer Ausgaben und die Rentabilität unserer Siedlungen immer geringer werden. Die Lebenshaltung in den Siedlungen, die — und zumal wieder in der großen Kwuzoth — heute schon so unsagbar schlecht ist, daß hier eine ernste Gefahr unseres Werkes droht, muß noch weiter sinken. Kurz cs muß über kurz oder lang eine Konstellation cintrelen, in der das ganze Siedlungswcrk zusammenzubrechen droht, weil seine Bedürfnisse im Verhältnis zu unseren Mitteln zu groß geworden sind. Diese Gedanken sind es wohl vornehmlich, die zu der Losung dos Konsolidierungsbudgets geführt haben. Dem stehen die Verfechter des bisherigen Systems gegenüber. Sie sagen, daß es aus vielen Gründen nicht möglich ist, die Aiijali zu stoppen, und die Gründung neuer Kolonien zu unterlassen. Hier äußert sich wieder jene charakteristische Wivtschaftsauffassung, die in weiten Kreisen des Jisduiw herrscht und die letzten Endes nichts anderes besagt .als: ״Lallt uns nufangen, was später kommt, können wir später überlegen. Bisher ist es gut gegangen, Gott wird schon helfen." Diese Meinung ist für palästinensische Verhältnisse nicht so absurd, wie sie zuerst anmuten könnte. Aber in diesem speziellen Fall haben sich die Dinge so zugespitzt, daß dies ernste Besorgnisse hervonufen muß. Wir wollen nicht auf die einzelnen Gründe, mit denen gegen die Konsolidienuigsp-olitik argumentiert wird, ausführlich ein* gehen. Wir glauben nicht, daß die Verkleinerung des Budgets, das schon so oft verkleinert wurde, einen Rückgang der Einnahmen zur Folge haben muß. Wir glauben nicht, daß diplomatische Rücksichten uns zwingen könneu — nicht nach .außen, sondern im Bereich unserer wirklichen Finanzgebarung — mit einein fiktiven überhöhten Budget zu arbeiten. Zweifelsohne wird ein Budget von 381000 £ sehr viele berechtigte Wünsche nicht berücksichtigen. Von den verschiedensten Seiten her wird man im A. C. zusätzliehe Anträge stellen. Der eine wünscht eine stärkere Berücksichtigung der Universität, der andere die Aufnähme der Arbeiter-Gartenstadt ins Budget usw. Naturlieh steht dein A. C. das Recht zu, nach eigenem Ermessen über die Verwendung der Gelder zu disponieren. Nur eines 1111111 im Interesse einer gesunden Finanzpolitik gefordert werden: die Grenze der voraussichtlichen Einnahmen darf nicht überschritten werden. Wer die Aufnähme eines neuen Postens ins Budget verlangt, muß den Mut haben, für die Streichung eines entsprechenden anderen zu stimmen. — Wird eine neue inncrjüdischc Konstellation uns neue Mittel erschließen, so ist cs gewiß richtig, wenn wir uns heute bereits auf ein Koiisolidicrungsbudgct einigen, das den Kern eines größeren bilden und vorzüglich behandelt werden kann. Bekommen wir aber diese neuen und größcren Mittel nicht, so scheint allerdings der Ucbcrgang zu einer gesunden Finanz- und Wirtschaftspolitik erst recht eine Forderung zu zcin, die im Interesse unserer ganzen zukünftigen Arbeit liegt. Auf jeden Fall wird das A. C. hier Entscheidungen zu treffen haben, *die unter Umständen weitaus wichtiger als alle politischen Resolutionen werden können. R. S-I. Die Beratungen Eber die Jerusalemer Universität Am 21. Juli wurde in London die vom Komitee zur Gründung der hebräischen Universität in Jerusalem einberufeiic Sitzung eröffnet. Die Sitzung hatte sicli vor allem mit der Frage der Eröffnung einer geisteswissen• s c 11 מ f 11 i c 11 c n Fakultät zu beschäftigen. An der Sitzung nahmen Vertreter der Londoner, Pariser, New Yorker und Jerusalemer-,. Universitäts-Komitees-., tqil, , außerdem -eine Anzahl von Sachverständigen. ״■ Folgende Personen waren anwesend: Chief Rabbi Dr. Hertz (London); Dr. Büchler (London); Dr. Weizmanii, Sokolow, Dr. I. L. M n g 11 c s (Jerusalem); Grand Rabbiner Lcvy (Paris); Rabbi Lieber (Daris); ODerrabbincr Dr. C 11 a j c s (Wien); Dr. Martin Bub er (Heppenheim); Dr. Hugo Bergmann (Jerusalem); D. Y e 11 i 11 (Jerusalem); M. M. Ussisclikin (Jerusalem); Dr. L. Mayer (Jerusalem); Zlatopolski (Paris); Jiidgc Mack (New York) und Dr. Eder (London). Ztim Vorsitzenden der Kontcrcnz wurde Chief Rabbi Dr. Hertz gewühlt. Nach einleitenden Erklärungen Sokolows und Dr. l.'ders sprachen die einzelnen Vertreter der Komitees und brachten die Anschauungen ihrer Gruppen zum Ausdruck, Für das Pariser Komitee sprach Grand Kabbin Lcvy, für das Londoner Komitee Chief Rabbi Hertz, für das amerikanischc Komitee Dr. M a g n e s und für das palästinensische Komitee U s s i $ c h k i n. Ferner beteiligten sich au der Debatte Dr. B u b e r, Dr, C h a j c s und andere. Schließlich wurde ein Komitee eingesetzt, das die Einzelheiten des Organisatioiisptancs, sowie Pcrsonalvorschläge vorbereiten und dem Plenum der Konferenz Vorschläge machen soll. Das engere Komitee besteht aus den folgenden Herren: Dr. Hertz, I. Levi, Dr. Magncs, Dr. Cliajcs, l>r. Büchicr, Sokolow und Dr. Huber. 0 Mai Nordau Zu seinem 75. Geburtstag: 29. Juli 1924 Von Heinrich L o c w c. Wenn nicht dev unerbittliche Tod uns vor fast zwei Jahren die reine Seele Max Nordnus fortgenommen hätte, so würden wir jetzt in Vereitrung den 75. Geburtstag des Mannes feiern, dessen gewaltige Beredsamkeit wie Hammerschläge den Takt zu dem grollen Werke Theodor Her/ls schlug. Um Max Nordau würdigen zu können, muß man ihn erlebt haben. Der eigenartige Zauber, der von seiner liebenswürdigen Persönlichkeit ausging, der feine Geist, der dauernd im leichten Gespräch jede Umgebung entzückte, die lautere und reine Gesinnung, die sich durch ein gewisses unsichtbares Fluidum jedem rnitteiltc, der in irgendeine Berührung mit ihm kam, muß erlebt sein, um zu l>cgrctfcn, welche einzigartige Personliclikeit dieser Mann war. Wer ihn nicht so persönlich erleben konnte, dem wird kein Erzählen und keine Schilderung auch mir einen annähernden Begriff von dem geben, was Max Nordau gewesen ist, Aber ein Nachc-rlebcn ist möglich. Es existieren Denkmäler von ihm, die bleibender als Erz und Stein sind, die er sich selbst gesetzt hat, und die ein Nacherlebcn dieser Persönlichkeit gestatten. Es sind das die Bücher, die er geschrieben, cs sind das vor allem die Zionistischen Schriften, die bei seinen Lebzeiten vor 15 Jahren vom Zionistischen Aktionskomitee hcrausgcgcbcn wurden, als ein Geschenk zu seinem 60. Geburtstage, und die nunmehr zu seinem 75, Geburtstage in neuer und vermehrter Auflage vorlicgcn.*) Wenn das Aktious- Komitee damals ״dem machtvollen Tribun, der, ein ncuerstandem-r Jeremias, mit herzerschütternder Kraft die Klagen unseres Volkes verkündete, dem sprachgewaltigen Anwalt unseres Rechts, dem Herold unseres Zkmsidcals Max Nordau zu Ehren seines sechzigsten Geburtstages in tiefempfundener ׳) Max Nordau, Zionistische Schriften. 2. erweiterte Auflage. Jüdischer Verlag, Berlin. Protest gegen die arsMsri'.e Exekutive Wie die Pal. Tel.-Agentur erfährt, ist der a r ״ bi s c 11 e n nationalen Partei ein von mehreren Stamlcspersoncii unterzdehnetes Memorandum zugegangen, das gegen die arabische Exekutive und die vor! ihr nach iledjas entsandte Abordnung Einspruch ׳ erhebt, ln dem Memoiaiidmn wird gesagt, daß die Exekutive die Angelegenbeiten des Volkes nicht zu Recht vertritt. Die erwähnte arabische Delegation soll auch an dem allgemeinen mohammedanischen Kongreß, der in Kairo stattfinden wird, teilnehmen. öle Einwanderung bcmlllcllcr Personen nach Paläslina Von über 100 jüdischen Immigranten, die Ende Juni an einem Tage in Palästina cintrafen, steht fest, daß sie durchscluiittlich 7000 Dollar per Kopf mitbrachte״. Die Zahl der jetzt in Palästina cintreffcndcn Männer und Frauen mit mäßigem Vermögen kommt ungefähr der Zahl der Chaluziin gleich. Mit dem Dampfer ״Rumänien“ sind vor kurzem 184 Chaluzim auf Grund der Immigration,?- qiiotc der palästinensischen zionistischen Exekutive in das Land gekommen. Unter diesen Ankömmlingen befand sich eine Gruppe von 60־ Pionieren aus der Ukraine, die sich schon in ihrem EmigratioiishwuJ für die Ansiedlung in Palästina landwirtschaftlich vorbereitet hatten. Ferner eine Gruppe sep bardisch er Chaluzim aus Bulgarien. Der Touristenverkehr in Paläslina Das ״Commcrciai Bulletin“ teilt mit: Folgende Aufstellung zeigt das wachsende Interesse, das dem Heiligen Lande ciügegengebradit wird. Im Jahre 1011 kamen 5700 Touristen nach Palästina; 1012: 4ODO Touristen; 1913: 3900 Touristen; 1922: 13556 Touristen; 1023: 15 501 Touristen. Außerdem kamen kleinere Gruppen von Juden ins Land, um hier die Möglichkeiten einer Ansiedlung zu erforschen oder eine Handclsvcrbindung mit ihrem Hcimatlandc lierzustcllen. Der Touristenverkehr bedeutet also für Palästina die Förderung der wichtigsten Industrien. Die Souvcnierindustricn des Landes, sowie die Perlmutlcrarbciten, die Oiivenholz- und Tcppicliimhistrie, der Detailhandel im allgemeinen, ferner die Hotels, Führer, Kraftwagen- und Garagenbesitzer usw. machen während der Touristensaison ein gutes Geschäft. Die Touristensaison beginnt Ende Februar und währt bis zum Juni. Das Klima ist während dieses Zeitraums sowohl auf den Bergen, wie in den Tälern ideal. Die Saison 1924 war ausgezeichnet, da die Zahl der von Unternehmungen gcfünrtcn und allein reisenden Touristen die der vorigen Jahre über traf. Ein intcrcssautcs Symptom dieser Saison war die Wiederkehr der Pilgerfahrten nach Palästina- Einige von kirchliehen Würdenträgern geleitete, meist katholische Gesellschäften besuchten das Land. Ein anderes interessantes und erfreuliches Symptom war die Ankunft vieler jüdischer Kauf teilte aus Polen und Oesterreich nach Palästina. Sic erwarben Boden und vermittelten den Handel' zwischen ihren Ländern und Palästina. Die Aguda nnd Herbert Samuel Der ״Jcwish Croniclc" bemerkt im Anschluß an den Bericht, den die Agudas jisrocl über den Besuch ihrer Abordnung bei Herbert Samuel der Presse zur Verfügung stellte, daß er aus anderen Quellen Kenntnis erlangt hat, daß die Behauptungen der Abordnung hinsichtlich der Versprechungen Herbert Samuels übertrieb c n seien. Der Uberkommissar war in seiner Antwort sehr höflich, aber, ausweichend und die Antwort kann keineswegs als ein Versprechen autgetaß{ werden, die geplante Qcnrclndcordnung auf• zuheben. Die Tätigkeit des Misrachl in Ercz Israel Von der Begründung der neuen Misr.iclü-Kolonie ״Ncwc Jakob“ (7 km von Jerusalem an der Straße nach Nablus) haben wir bereits berichtet. Die Anwesenheit des Führers der amerikanischen Misracitisteu, Rabbi Meyer Berlins, in Palästina hat die Tätigkeit des Misrachi stark belebt. Neue m i s r a c 11 i s t i s c!1 c Siedlungen sind im Nordwestteil Jerusalems bei R o tn c rn a und im B u c 11 a r i s c h c 11 Viertcl geplant. Auch wird nunmehr das Haus der T a c 11 - k c m o n i s c 11 u 1 e in T c 1 - A w i w gebaut werden. Rabbi Berlin soll für den B.aufond, der 15.000 C erfordert, einen 1 cträchtlic! en Betiag ven Amerika mitgebracht haben. Die Grundsteinlegung für das neue Schulgebäude ist für den Juli bestimmt. Rabbi Berlin ist, in Begleitung des Rabbi Fish m a zur Zeit auf einer Rundreise durch die jüdischen Kolonien begriffen, wobei er natürlich sein be* solideres Augenmerk den misrachistischen Niederlassungen zuwendet. So weilte er auch in Chittin, das bekamt :lieh vor kurzem auf Nationalfondsbodcn aus Mitteln des Keren Hajcssod errichtet wurde. Anerkennung seiner unvergänglichen Verdienste, diese Volksausgnbe seiner zionistischen Reden und Schriften, den Zeit* genossen ein vom Lieht des Genius umsirahltcn Leuchtturm, der Nachwelt ein glorreiches Denkmal“ in seinen eigenen Werken setzen wollte, so hat es diesen Zweck erreicht. Kein getreueres Bild des Mannes und kehl besseres Denkmal kpnntc ihm errichtet werden, als die Herausgabe der Schriften und eines sehr kleinen Teiles der gewaltigen Reden, mit denen er der Prophet des neuerstehemicu jüdischen Volkes wurde. Diese Schriften und diese Reden waren der Ausfluß einer überaus starken Persönlichkeit. An der Spitze der neuen jüdischen Volksbewegung steht ein Dl-oskiircn-Paar, das sicli nicht bloß durch seine dichterische Kraft, durch den Schwung der Worte, durch die hingebungsvolle Aufopferung für die Idee, sondern ganz besonders durch eine ungeheure und unbeugsame Willenskraft auszckhnctc. Solche starke Persönlichkeiten sind es, die Geschichte machen, Willensmenschcn, wie Luther, Crom well, Napoleon, Bismarck. Was Nordau vor anderen solchen Männern der Willenskraft auszeiclincte, war, daß diese starke Persönlichkeit, ihrer vollen Kraft bewußt, niemals nach Macht strebte, während doch sogar kleinere und oft recht kleine Persönchen sich diesem Streben nicht entziehen können. Im Gegenteil, er hatte eine Scheu davor, daß er selbst eine führende Rolle cinnehmcn sollte, und fürchtete direkt, daß er irgendwie zur Macht berufen werden könnte. Er war und blieb initiier rein und lauter, immer frei von Ehrgeiz und Eitelkeit. Es gibt viele, die der Meinung waren und sind, daß Nordau die größere Persönlichkeit neben Theodor Herzl war. Er selbst war anderer Meinung und ordnete sich freiwillig dem großen Freunde unter und wollte nur der Gehilfe seines großen Führers bleiben. Aber mehr «11s das: Jedermann wußte daß er der berufene Nachfolger Theodor Ffcrzjs war. Niemand' zweifelte daran, daß er der Präsident des Aktionskomitees, und der Führer der Bewegung sein würde. Bescheiden trat hinter David .WoMfsohn zurück, den er selbst für den geeigneteren hielt und dem er Gehorsam leistete und treu bis in den Tod blieb. Die gewaltige Beredsamkeit, die ihn zum größten Redner »einer Zeit machte, verbunden mit einer aus antikem Stoffe geschmiedeten' Persönlichkeit, ließ ihn erscheinen, wie einen Propheten des Altertums in der neuzeitlichen Umgebung. Dieser Mann, der ehe tiefste Bildung des neunzehnten Jahrhunderts in sich aufgenommen und zu etwas Neuem gemacht hatte, geglättet mit der feinsten Politur neuzeitlicher Kultur, war erfüllt von einer glühenden Leidenschaft, die 111 kleinen Dingen durch eine Sclbstcrzichung 01111c Gleichen verschwand, die aber in gewaltige Erscheinung trat, wenn er In erschütternden Reden dem Volke und der Wetl ihr eigenes Konterfei cntgegcnhiclt. Diese gewaltige, zitternde Leidenschaft war echt jüdisch. Sic war die Feuersglut, die unsere großen Propheten begeistert ‘hatte. Denn diese Leidenschaft glühte nicht für irgendwelche äußerliche Dinge, sondern sic galt der Gerechtigkeit. Nicht einer abstrakten Forderung, nicht einem philosophischen Postulate, sondern jenem Verlangen nach ausgleichender Gerechtigkeit, die dem Wesen des Judentums immanent ist und hcrvorquitlt aus den tiefsten Gefühlen, die die Ungerechtigkeit der Welt in ihm hervorrief. Max Nordau gehörte zu den feinsten Geistern, die das neunzehnte Jahrhundert hcrvorgebmclu hatte. Seine ״Paradoxe“ oder seine ״Entartung" waren nicht bloß elegante und starke Ausführungen eines geistreich beobachtenden Kulturmenschen, sondern sie waren, in der Richtung wie seine ״Konventionellen Lügen der Kulturmenschhcit“, Anklagen gegen die mcn&chliehe Natur . und gegen ihre falsch geleitete Kultur. Sic waren und wirkten wie eine Revolution im Geiste, die bckanntlich jeder politischen und materiellen Revolution vorausgeht, ln diesem Sinne war er einer der großen Revolutionäre des neunzehnten Jahrhunderts, deren Wirksamkeit Im zwanzigsten sichtbar wurde. Max Nordau war in hohem Maße gedankenreich. Er besaß eine selten lebhafte Phantasie. Die wunderbare Heit* ץ