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Jüdische Rundschau · 1924-03-07 · Heft 19 (7.3.1924) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 19 (7.3.1924)
Date
1924-03-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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.? $;■» L. ä i *U■ I f י; 1 ü 4 f V § | 1 i I נ ij;' r i t 4 י '4׳ < % 1 s I i I Nr. 10 dem Abg. Dr. Oskar Colin und dem Generalsekretär des Jüdischen Arbeiterfürsorgeamtes Herrn S. Rudel geschildert. 1/ie schwierige Lage der litk'tk'ktucHcn wurde von Monn Lmie״ C a s p n r y und Herr״ Dr. i'ines dargelegt. Oberrahhiner Dr. C 11 a j e $ - Wien schihlertc die Lebensmittel- und Rmdcraklion in Wien, Herr J u s t i z- Zürich die Versorgung süddeutscher Gemeinden durch die Schwei7. Ministerialrat W i e s m c y c r - Prag pah einen Ucbcrblick über eine Reihe von Aktionen der Tschechoslowakei. Frau F rohnknecht und Herr Dr. Pol n k-Amsterdam sprachen über die I10Iländische Hilfsaktion und Herr T r; 1 ugot t -Stockholm über die in Stockholm. Dr. J o c 11 c 1 m a n n - London berichtete iibcr die bisherigen Anfänge einer Hilfstätigkeit in England. Ute Systematisierung der bisher zersplitterten Hilfsaktionen in den einzelnen Landern, die Schaffung von Zentralstellen daselbst usw. wurde von Dr. Klee dnrgctan. Eine Reihe wichtiger _ Fragen, z. B. Kindcrvcrschickung, Liebesgabenpakete, die internationale Allgemeinhilfe u. a. wurden in der Diskussion durch Dr. Hildesheimer, Anitta M ü 11 c r, Bertha P a p p c n h e i m Frau Frohnknccht, Advokat bl iosberg- Petersburg, Zwi A b c r s o n •Genf zu klären versucht. Das Gesamtergebnis der sehr gut besuchten Versammlung wurde in der nachstehenden, einstimmig angenommenen R e - Solution zusanuuengefaßt: ״Die anwesenden Vertreter der \X'elthilfskonfere117 auswärtiger und deutscher Hilfsorganisntioneu haben aus den vielseitigen und eingehenden Referaten zur Kenntnis genommen, daß die deutsche Judcnheit alle Anstrengungen gemacht hat und macht, um der in Deutschland herrschenden Not Herr zu werden. Die auswärtigen Vertreter haben aller die Ucbcrzeuguiig gewonnen, daß die tatkräftige umfassende Unterstützung des Auslandes weiterhin dringend erforderlich ist, damit die Anstrengungen der Juden in Deutschland vollen Erfolg haben sollen. Eine Orgnnisierting dieser Wohlfahrtsfürsorgc des Auslandes usw. in Verbindung mit dem Reichsausschuß der jüdischen Gemeinden Deutschlands zur Verteilung von Auslandsspendcri und dessen Ausführungsorgan, die Zcntralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, ist jedoch unbedingt notwendig.“ Gcmclndctagung des preußischen Landesverbandes Am 25. Juni 1922 ist der preußische Landesverband der jüdischen Gemeinden gegründet worden. Er umfaßt zurzeit rund 450 G c m e i n d c n mit schätzungsweise etwa 450 000 Seelen. Wenngleich der Landesverband seine Tätig, keit sofort aufgenommen und tatsächlich die Ancrk c n!1 u 11 g der Behörden, sowohl des Reiches wie auch Preußens gefunden hat, so steht seine formelle Arierkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechtes, die bei der preußischen Staatsrcgicrung beantragt ist, zurzeit noch aus, da die Staatsregicrung, bevor sic mit einem entsprechenden Antrag an den Landtag hcrantritt, die Klärung einer Anzahl von Zweifelsfragen alnvarten will, die sich bezüglich der Auslegung des Artikels 137 der Reichsverfassung ergehen haben. Diese Klärung soll anläßlich der Beratung der’dem Landtag zurzeit vorliegenden Vcrfassungsgesctzc der cvangelischen Landeskirche herbeigeführt werden. Bei dieser Sachlage war cs bisher nicht möglich, die in der Verfassung des Landesverbandes vorgesehenen Wahlen zum ersten Verbandstag auszuschreiben. Auf der anderen Seite hat sich das Bedürfnis hcrausgcstcllt, cinep erneuten Zusammentritt der Gemeinden nicht länger hinauszuschieben, einmal, weil die vorläufige Geschäftsführung den Wunsch hat, den Gemeinden über ihre bisherige Tätigkeit Rechenschaft abzu- .legen, sodann, weil angenommen werden darf, daß auch die Gemeinden Wert darauf legen, in gemeinsamer Beratung mit der Geschäftsführung des Verbandes sich über eine Reihe wichtiger Fragen auszusprechen. Der Landesverband hat deshalb die Abhaltung eines Gemeindetages in Berlin für Sonntag, den 16. März, beschlossen und entsprechende Einladungen an seine Mitgliedsgemeinden ergeben lassen. Die Tagung soll lediglich dem Zweck einer freien Aussprache dienen, von deren Ergebnis die Gesehäftsfühnuig wertvolle Anregungen für ihre weiteren Arbeiten erwartet. Mit Rücksicht auf den Zweck und Charakter der Tagung sollen die Mitgliedsgemeinden nur durch Mitglieder aus ihrer eigenen Mitte vertreten werden. Von der Ucbertragung der Vertretung an Auswärtige soll diesmal abgesehen werden. Die Keren Bajcssod Delegation in Skandinavien Die Keren Hajcssod-Dclegation, die die skandinavischen Länder besuchte und von der Herr Dr. Apfel inzwischen nach Berlin zurückgekchrt ist, während Dr. Hcifmann die Reise fortsetzte, hatte weitere Erfolge zu verzeichnen. Allerdings mußte Dr. Hcifmann auch ein Abenteuer überstehen. Aus M a r i e 11 a in n telegraphierte er auf der Rückreise von Finnland wegen Schiffbruch. Der Dampfer ״Nordsteril“, auf den! sich Dr. Hcifmann befand, wurde durch das Eis zusammengepreßt und leck. Die Passagiere retteten sich, indem sic einige Kilometer über das Eis gingen und zu einem kleinen Boot kamen, das sic nach den Atandsinscln brachte. Dort verbrachte Dr. Hcifmann vier Tage, abgeschlossen von der Außenwelt, und nur mit Hilfe des größten finnischen Eisbrechers, der zu Hilfe kam, traf er am 25. Februar wieder in Stockholm ein. Auch das Gepäck, das auf dem Dampfer Zurückbleiben mußte, bekamen die Passagiere bald wieder Die Zeitungen sprachen schon über das Schicksal der Reisenden bereits die schlimmsten Befürchtungen aus. Von Stockholrn geht Dr. Hcifmann nach Kristiania, um auch dort noch für den Keren Hajessod zu wirken. Ucber die Keren Hajessod-Aktion in Finnland ist zu berichten, daß sic trotz der ungünstigen Zeit (die Saisonzeit in Finnland ist Mai-Juni) erfolgreich war. Der Anfang wurde in Wiborg gemacht, wo Dr. Helfmann ein warmer Empfang von den sämtlichen jüdischen Organisationen mit dem Gcmcindcvorstand an der Spitze bereitet wurde. Das Ergebnis der Sammlungen waren 150000 finnische Mark, wovon fast die ganze Summe in bar oder in Wechseln, die sofort zu diskontieren sind, gezahlt wurde, ln Hclsingfors hat die Jüdische Gemeinde die Aktion in die Hände genommen. Vorläufig gelang es Dr. Helfmann, an einem Teeabend beim Vorstande der Gemeinde mehr als 100000 finn. Mark zu erhalten. In der nächsten Zeit sollen weitere 100000 finn. Mark nach London überwiesen werden. Auch in Abo war der Erfolg groß. Die ganze jüdische Bevölkerung mit Frauen und Kindern war bei der Keren Hajcssod-Versammfung zugegen und im Anschluß daran haben sämtliche Mitglieder der Gemcindc die Beträge für das Jahr 1923 bezahlt. Auch Erhöhungen der früheren Zeichnungen waren hier, wie in den anderen Orten, zu erreichen. Es wurden außerdem weitere Zahlungen noch in diesem Jahre zugesichert. '70000 finn. Mark werden schon in den nächsten Tagen nach London überwiesen. Vom 28. Februar bis 1. März tagte in Berlin eine Voll- Sitzung des Waad Poel der ״H i t a c h d u t h“. Im Mittelpunkt der Tagung stand die Beratung über die Probleme der A. C.- Sitzung in London. Nach den Referaten der Herren Eliescr Kaplan und U. Friediand wurde die Stellungnahme der Hitachduth zu den einzelnen Fragen festgelegt und allgemeine Direktiven für die Bitachduth-Fraktion des Großen A.-C, auagaarbeiteL , JUEDISCHE RUNDSCHAU Die ״AeMrJr Dem in diesen Tagen erschienenen Februarheft der Monatsschrift ״Der Jude“ entnehmen wir mit Genehmigung des Verlags folgende Ucbersicht: Aus den jüdischen Wochenschriften ist bereits bekannt geworden, daß unter dem Namen ״Aelidutli“ eine Vcrcinigung gcsetzcslrctier Juden Deutschlands gegründet wurde, die — das liegt bereits im Worte ״Achduth“ (Einheit) bcgründet — alle gesct/cstreiien Juden unbeschadet der jüdischpolitischen und taktischen Einstellung des Einzelnen zusammenfassen will und nicht nach dem Bekenntnis ihrer Mitglieder zur Agudali oder zum Misrnchi, zum Zcntralvcrcin oder zur Separatgemciudc fragt. Gleiche Reditc, gleiche Pflichten sind eine selbstverständliche Voraussetzung für eine Vereinigung, welche die praktische Lösung der brennenden Gcgcnwartsnufgaben entpolitisieren will. All das wird bereits in dem Zwecknaragraplien des'Statuts mit den Worten zum Ausdruck gebracht: ״Zweck der Vereinigung ist die Zusammenfassung aller auf dem Boden der jüdischen Gemeinschaft stehenden geset/esircncn Juden Deutschlands zur gemeinsamen Lösung der dem tlioratrcueii Judentum erwachsenden Aufgaben.1‘ Ferner darf als bereits bekannt vorausgesetzt werden, daß diese neue Vereinigung, die den ernsten Wunsch hat, friedlich ihres Weges zit gelicn und sich, wo es nottut, mit anderen Organisationc.n zu gemeinsamer Arbeit rusammenzufinden, trotzdem aber bereits heute von einer heftigen Gegnerschaft bedroht wird. Deslialb sollen hier die wahren Beweggründe, die zur Begründung der AchduHi geführt haben, in historischer Linie dargclcgt worden. ln einem die Begründung der Achdufh würdigenden Ariikcl der (Wiener) ״jüdischen Presse“ unter dem Stichwort ״Was geht in Deutschland vor?“ befinden sich die bcachtenswerten Worte: ״Geschichtlich ist fcstzustellcn, daß eine Etappe erreicht ist, die als logische Notwendigkeit von Anfang an vorhanden war.“ Von Anfang au, das heißt, von dem Augen• blick ab, als eine Differenzierung in der deutschen Orthodoxie cintrat. Die alte Kehiliah, wie sie aus den Zeiten des Ghettos hinüberrcichte in das Emanzipationsaltcr, hatte nicht mehr den festen Halt, bildete nicht mehr das unerschütterliche Dollwerk, an dem zersetzende und negierende Bestrebungen zerschellen mußten. Ztj unvorbereitet hatte die Emanzipation die deutsche Judcnheit getroffen. Wie es müßig ist, heute die Frage aufzuwerfen, ob die Emanzipation ein Danaergesehen!* war oder nicht, ob Moses Mendelssohn oder aber die ihn befehdenden Rabbiner Recht hatten, deren Weitblick man nicht unterschätzen soll, so nebensächlich ist heute die Frage, ob es nicht besser, ob es möglich gewesen wäre, den Ausgleich zwischen jüdischer Ucbcrhefcrung und Kultur der Umwelt freiwillig vorznberciten. War auch zur Zeit des Ghettos durch die Tendenz des Rcligionsgcsctzes und der politischen Gesetzgebung eine Absperrung der Juden von den anderen Völkern hervorgemfen: die Mauer, welche trennte, war nicht lückenlos. Ganz abgesehen von dein täglichen Wirtschaitsverkehr, der Juden und Nichtjuden miteinander in Vorbiiidurig brarhtc — es gab unter den Juden genug Wissensdurstige Kopte, die sich hinausschnten nach der unerkannten Welt. Wie das Licht die Motten anzicht, so übte die Kultur der europäischen Nationen eine fast magische Anziehungskraft aus auf die in ungebrochener geistiger Kraft im Ghetto Lebenden. Bald sollte sich zeigen, daß die Emanzipation den Juden in eine unhaltbare seelische Situation gebracht hat, deren Auswirkungen die folgenden Jahrzehnte durchgehend becinflußteti. Es entstand die Assimilationsepoche init all ihren Auswüchsen. Die alte Kehiliah ging in Trümmern. Die Orthodoxic, in ihren Grundfesten bedroht, griff in Preußen zu einem äußerstem Mittel: man trennte sich von den jüdischen Brüdern wo der Zwang einer unjüdisch eingestellten Mehrheit unerträglich wurde und wo man Kraft und Mittel zur Verfügung hatte. S. R. Hirsch verschaffte mit ziclbcwußtcr Energie gesetzmäßig die Möglichkeit des Austrittes aus der örtlichen Synagogengcmcändc ohne gleichzeitigen Austritt aus dem Judentum. Uin dieses Austritlsgcsctz entspann sich ein zwiefacher Kampf. Waren die einen der Meinung, der Austrittsgedanke sei Selbstzweck, man dürfe bei numerischer Minderheit nicht in einer Einheitsgcmcindc verbleiben, selbst wenn für die religiösen Bedürfnisse der auf dem Boden der Ucbcrliefcrung Stehenden in jeglicher Weise gesorgt sei, weil man durch Vcrbleiben in der Gemeinde die sogenannte liberale Anschauung als gleichwertig betrachte gegenüber der eigenen, so erklärten die anderen, unter scharfer Betonung des eigenen Stand- Punktes, daß man auch für die das Rcligionsgcsetz nicht in jeder Form als verpflichtend Anerkennenden sorgen müsse, sie nicht ihrem Schicksal überlassen dürfe, für sie eine Vcrantwortiing trage, daß also der Austrittsgedanke nur als Mitte! zum Zweck in äußersten Fällen, wo eine Vergewaltigung der religiösen Gewissensfreiheit zu befürchten sei, ebenen solle. So ungefähr setzte die Entwicklung der deutschen Ortho* doxic unter einem anelcreu Aspekt ein. Um gleich das Ergcbt'is vorwegzunchmcn: die Austrittsidcc hat sieh in Deutschland nicht durchgesetzt. Außer in Frankfurt a. M. tmd Berlin sind die noch bestehenden Austritisgemcindcn von nicht allzugroßer Bedeutung, und in den beiden Großgcmcindcn Frankfurt und Berlin gehören sehr viele orthodoxe Juden beiden Gemci.ndcn an, der Einhcitsgcnrcindc und der Austritt.sgcmeinde, was doch zweifellos dafür, spricht, daß diese Elemente die Austrittsidcc nicht als Selbstzweck betrachten. Dazu kam eine theoretische Auseinandersetzung über die Idee. Und hici ist der Angelpunkt für die gesamten Probleme, die den HLstoriker bei der Darstellung der neuesten Phase in der Geschichte der deutschen Orthodoxie zu beschäftigen haben. S. R. Hirsch und S. O. Bambe.rgcr kreuzten die Waffen. Beide brachten triftige Gründe vor. Die Geschichte hat Bamlicrgcr recht gegeben, Es war aber etwas Unerhörtes, in der gesamten jüdischen Geschichte nicht Nachweisbares, daß die Einheit des Judentums zugunsten einer Theorie von den zwei Judentümern geopfert wurde, die vielleicht den Kampf um das religiöse Selhstbcstiminungsrccht im Zeitalter der Reformation auf jüdisches Gebiet übertragen sollte. Man kamt aber das Wirken S. R. Hirschs und die Probleme der Zeit nicht ganz würdigen, wenn man nicht die von ihm begründete ״Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“ und das jüdische Bildung*- ideal des großen Meisters in den Kreis der Betrachtung zieht. . Die ״Freie Vereinigung“ hat ihre Geschichte und Ent- Wicklung. In der ersten Auifordcrung'zu ihrer Begründung hat Hirsch es ausgesprochen, daß sie au die. alten Clicwroth und ihre Bedeutsamkeit, die U1nc.11 alle Zeit für die Erhaltung lind Erstarkung des Judentums bei den jüdischen Zerstreuten innc. wohnte,;mknüpfen solle. Mit der Zeit trat eine Verengung dieses Standpunktes ein, so daß im Jahre 1906 die ״Freie Vereinigung“ auf eine ״breitere Grundlage“ gestellt werden mußte. Trotz dieses Versuches sind zwei Tatsachen in die Erscheinung getreten. In Norddeutscliland hat die Vereinigung keinen festen Boden gehabt, sie wurde vielmehr als ״stkideutsche Institution“ mit Frankfurter Lokalkolorit betrachtet, und dann zeigte es sich, daß die ״Freie Vereinigung“ den Behörden gegenüber die Auffassung von Judentum vertrat, wie sie von S. R. Hirsch, dem Begründer, und seinem Nachfolger im Amt — das Statut bestimmt, daß der jedesmalige Rabbiner der Frankfurter ReUgionsgcsellschaft zugleich den!Vorsitz m de? JErcica Vereinigung fuhrt י־׳ io lehre und Seite 127 Leben fcstgelcgt Ist. Daraus erklärt cs sieb, daß weite Kreise in der thoralitreiien judcnheit nicht den Weg zur ״Freien Vereinigung“ fanden, cs kam nach hinzu, daß der durchaus!(!!demokratische Vcrwallungsgcist einer anders eingestellten Auffassung nicht gerecht werden konnte. Irtcs mul» :msgesprachen werden, um die Tatsachen 711 erklären; daß damit kein Werturteil über die geradezu hervorragenden Leistungen unserer ״Freien Vereinigung“ in der Kriegsz.cit verbunden sein kann, versieht sich von selbst. Und nocli ein drittes ist in diesem Zusammenhang zu sagen. Für die geistigen Bedurfnisse weiterer Kreise wurde nicht gesorgt, und was für die auf dem Lande und in kleinen Orten wohnenden Juden an literarischen Werten gegeben wurde, wirkte zu »»Spruchslos, als daß es eine ernsthafte Würdigung verlangen könnte. Seit Jahren vollends ist die ״f reie Vereinigung“ in ihrer Bedeutung geschwächt, da der Landesverband der Agudath Jisroel und der ״Verband gesetzestreuer Syiiagogengcmein• den“ wertvolle Funktionen der ״Freien Vereinigung“ übernoiiimcn haben. Der Zwiespalt in der Orthodoxie war durch die Tätigkeit der Freien Vereinigung nicht beseitigt, er wurde vielmehr in Permanenz erklärt. Man liairtc sehnsüchtig des Augenblickes, wo die alte jüdische Einheit wieder liergcstellt werde. Dieser Augenblick seinen im Jahre 1912 gekommen, als der große Sammelnd zur Gründung des ״Agu.laih Jisroel“ erging. Mit welch großen Erwartungen gingen wir nach Knttovvitz! Es war ein großer Augenblick, aber er fand ein kleines Geschlecht. Der separatistische Vorstoß, der darin bestand, daß man den orthodoxen Mitgliedern der Einhcits. gemeinden das passive Wahlrecht nicht gestatten wollte, wurde zwar zuriickgcwiescii, doch die Stimmung war verdorben, eine grolle Enttäuschung griff Platz tmd viele, die zur tatkräftigen Mitarbeit bereit waren, blieben abseits tnul nicht mit Unrecht, denn das Damoklesschwert schwebte noch immer über denen, die den Austritt als Selbstzweck nicht anerkennen wollen. Sowohl auf dem Dclcgicitentag in 1 lalbersladt (1921) als auch vor den Wahlen zu der Kcnessio G'dauloli tauchte dieses Gespenst einer Klassifizierung von Juden und Juden, die in 99 Punkten einig sind, in einem taktischen aber — und um nichts anderes handelt cs sich, denn die Versuche, aus dieser taktischen Frage eine Wcltanschauungsfrngc zu machen, sind schmählich gescheitert — auseinandergehen, wieder drohend auf. Trotzdem wurde der Versuch minier wieder von neuem gewagt, den separatistischen Strömungen entgegenzutrden und sie in die gebührenden Schranken zurückzuweisen. Es ist ungerecht, der Agudali den Vorwurf zu machen, sie sei ein Instrument der Separation — die meisten Agudistcn stehen nicht auf diesem Standpunkt — wohl aber muß inan ihr den Vorwurf machen, daß sie die Monopol- Stellung der separatistischen Richtung innerhalb der Orthodoxie und die geistige Diktatur, die von ihr ausgeht, schweigend geduldet hat. Und damit komme ich zu der traurigsten Erscheinung ln diesem Bruderzwist, zu den Auswirkungen des separatistischen Gedankens auf geistigem Gebiete. Zu den schöpferischen Leistungen S. R. Hirschs gehört auch die in seinen grandiosen Werken immer wieder von ihm geforderte Verbindung von Thora und allgemeiner Bi klung ah sich gegenseitig!ordernde und in einheitlicher Durchdringung zu pflegende Gebiete, Diese Verbrüderung von Thora und allgemeiner Bildung führte er unablässig aut das Wort der großen Weisen zurück: ״Schön ist das Studium der Thora im Verein mit der allgemeinen Bildung“. Es ist hier nidit der Ort, über dieses Prinzip an sich zu schreiben. Sicher ist eins; Hirsch hat für seine Zeit das Problem restlos gelöst imd gezeigt, daß wir nidit, obwohl, sondern weil wir überzeugungstreue Jchudim sind,׳ auch die gesamte moderne Bildung in uns aufnehmeu. Seine Nachfahren denken darüber anders. Seit Jahren eignet der deutschen Orthodoxie eine auffallende Bildungsfeindlichkeit. Fast keine unserer Tagungen war frei von dieser bildungsfeindlichen Einstellung. Sowohl in dem so segensreich wirkenden Esra als auch im B. J, A. (Bund Jüdischer Akademiker) hat diese Strömung sich breit gemacht und sich leider auch durchgesetzt, denn daß in letz.ier Zeit die Kultur, debatten nidit mehr auftauchen, ist die Bestätigung dafür. Da diese LHngc sogar *n der jüdisdien Tagcsprcssc behandelt wurden, ist cs keine Indiskretion, sic hier nodi einmal zu streifen. Auf dem letzten Bundestag des B. J.A. hat diese Ucbertragung des Austrittsgedankcns auf das geistige Gebiet zu einem Bruch innerhalb des Bundes geführt, und es waren nicht die schlechtesten unter den Mitgliedern, welche die Konsequenzen zogen und sich schweren Herzens trennten. (Damit soll natürlidi nicht gesagt sein, daß alle die, welche diese Konsequenz, nicht zogen, nun der Gegenseite recht gaben. Diese Tatsadic ist festzustellen um der Klarheit willen.) Es entbehrt natürlich nicht des Reizes, den Gedankengängen dieser Bildungsfeindlichen nachzugehen, schon deshalb, weil diese Kreise ohne die moderne Bildung, die sie pcrliorrcszicren, gar nidit imstande wären, ihre schweren Geschosse abzufeuern. Gesammelt ist diese Literatur in den vor einigen Jahren eingegangenen ״Jüdischen Monatsheften“. Der Chronist unseres Zeitalters wird die dankbare Aufgabe haben, diesen Arbeiten den Nekrolog zu halten. Dort wurde von höchster Warte über Juden und Judentum geschrieben, geschah aber nach Form und Inhalt gleich angreifbar. Dann existiert noch eine exegetische Literatur von gleichem Format, die uns in den Augen der gesamten wissenschaftlichen Welt lächcrlieh gemacht hat und schließlich sind Ansätze zu einer Romanlitcratur vorhanden. Aus letzter ein Beispiel. In ■dem Roman von J. Breuer ״Ein Kampf um Gott“ befindet sich an der entscheidenden Stelle (S. 164) folgende Bemerkung, die innerhalb und außerhalb des Zusammenhanges gleichen Sinn hat: ״Und wie es Tiere gibt, die zum Genüsse überhaupt verboten sind, so gibt es Gedanken, die nachzudenkcn der Sohn der Golteswelt sich nicht erdreisten darf. Z. B. die Bibclkritik. Denn sie ist unrein. Aber cs gibt noch mehr solch unreiner Ciedankcnsysteme...“ Teils Angst, teils Ueberhcblichkcit charaktcrisiercu solche Gedankengangc. Was auch immer die anders Eingestellten schrieben und sprechen, stets wurde es vom Zensorstabe dieser Selbstsicheren, von Fanatismus der Sicherheit Erfüllten, verurteilt. Und eigenartigerweise hat sieh die üepilogcnhcit heransgcbiklct, daß mau ängstlich hiuschnut nach diesen Wenigen, vor deren angeblicher Prinzipientnmc. die aber in Wirklichkeit eine neue Art Schlagwortpolitik und .Unkomplizicrthcit des Denkens darstellt, man sich beugt und verbeugt. Hier sollen nur die Auswirkungen dieses Tat- Bestandes, vor allem auf die Jugend, die für Extreme sich cm begeistert, gestreift werden. Die Gegensätze innerhalb er Orthodoxie verschärften sich zusehends, wohl auch unter dem Einflüsse lokaler Erscheinungen in der Gcmeindcpolitik. Waren in Kassel auf dem Jugendtag der Agudath Jisroel 1919 noch friedlich die verschiedenen Richtungen beisammen, so dauerte cs nicht lange, und zwischen Agudah und Misrnchi entspann sieh der offene Kampf. Mag cs aut beiden Seiten am guten Willen zur Verständigung gefehlt haben, sicher ist, daß die Entschlüsse der Agudali durch die geplante Kcnessio G'dauloli, wo Rücksichtnahme auf östliche Verhältnisse geboten war, bestimmt wurden. Dieser Kampf zwischen gleich strebenden Brüdern, denen dasselbe Ideal heilig ist, hat unendlich viele Gesinnungsgenossen abgestotien, er hat vor allem die Stoßkraft der Orthodoxie geschwächt. Ucber die Kcnessio G'datiloh kann nur der cm Urteil abgeben, welcher Augenzeuge dieser großen Versammlung gewesen, ist. Doch auch dem nicht Anwesenden haben sich dreierlei Momente scharf cingcprägt. Kein Problem geistiger Natur wurde in Wien behandelt, keine der modernen Kulturabgaben durchgreifend diskutiert, die geistige Not unserer Intellektuellen fand

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