Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXVIII (1923)
- Issue
- Heft 108-109 (28.12.1923)
- Date
- 1923-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Nr. 108/109 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seife 623 liehe Vereinigungen dem König Hussein Telegramme mit dem Ersuchen, den Vertrag nicht zu unterzeichnen, wenn die Klausel bet 1 eilend Palästina in der Form bcibeha'ten winde, wie sie in dem von der Palästina-Regierung verölIcntlichtcn Text enthalten ist. Fs wird allgemein erwartet, daß die Fraee eines Panarabisclicn Staatenverbandes unter Einschluß Palästinas auch in Amman erörtert werden wird, im Hinblick auf die große panaiahischc Staaten-Konl reru, die in Jcdda am 26. Januar abgehnltcn werden wird. Bei dieser Konferenz wird auch der zweite Sohn König Husseins, König Feisul, anwesend sein. Aus zuveiliissigcr K'iidle wird dem J.T. A.-Vertreter versichert, daß die Idee der panarabischcn Staaten- Konföderation mit Einschluß Palästinas fortbcsteht und in politischen Zirkel« lebhaft erörtert wird. Die Spaltung unter den Arabern Palästinas J e r u s a I c in. (J. T. A.) ,,Meraat el Slicrk“ klagt in einem Artikel, daß unter der palästinensischen Bevölkerung so viele Spaltungen in Erscheinung treten. Viele der Mohammedaner, schreibt die Zeitung, wünschen, daß die Türken zuriickkehtcn. Sie sind arabisch nach ihrer Sprache, aber türk i sc h im Hrrzcn. Wieder andere wollen sieh unter die Herrschaft von Hedjas stellen. Im allgemeinen sind dies junge Leute, die unter König Feisul gedient haben. Wieder andere wollen das britische Mandat be!behalten, weil sie überzeugt sind, daß ohne die Briten Palästina in einen chaotischen Zustand geraten wird. Eine andere Gruppe will eine Vereinigung Palästinas mit Aegypten und es gibt auch solche, die Palästina unter das französische Mandat für Syrien gesteht sehen wollen. Auch die Christen sind gespalten. Die orthodoxe Gemeinde, die größte in Palästina, träumt von der russischen Restauration und von der Rückkehr der Zaren. Viele der Christen indessen ziehen das britische Mandat vor. In der lateinischen Gemeinde herrscht der Wunsc.1, daß Palästina unter französisches Mandat gestellt werden möge. — Einige unter den Juden sind mit dem britischen Mandat zufrieden. Sie sind der Ueberzeugung, daß Groß-ftritannien der einzig mögliche Prolektor der Ballonr-Deklaration ist. Andere wieder, die aufgeklärtere Gruppe unter den Juden, ersehnen ein IJebereinkoinnicn mit der arabischen lkvöikcrung, das in der Errichtung eines von der britischen Ober- Hoheit unabhängigen Palästinas gipfelt. Einige wenige, Russen und Polen träumen von der Absetzung der Regierung und sehen in dem Kommunismus die einzige Rettung. Endlich gibt cs Juden, die stets einen fremden Paß in der Tasche tragen. Sie wohnen in Palästina, aber sie sind keine Palästinenser. Die erste Sitzung des neuen palästinensischen Advixory Coucll Jerusalem. (J.T. A.) IX-r neue Advisory Cunidl, der von Sir Herbert Samuel zu Beginn dieses Monats eingesetzt worden ist, um an der Verwaltung von Palästina tcilzunchmcn, hielt bereits seine erste Sitzung ab. Die Hauptangelcgcnhcit, die zur Diskussion stand, war die Sicherung gesetzlicher Zustände, besonders im Beer Sheba-Distrikt, wo die Lage eine Zeitlang unsicher war. Ausgabe von Obligationen •der palästinensischen Hypothekenbank Die Ausgabe von Obligationen der palästinensischen Hypothekenbank, die vom Keren Hajessod gegründet worden ist, ist hier am IS. Dezember offiziell genehmigt worden. Die palästinensische Hypothekenbank hat bisher auf 324 Häuser Hypotheken im Gesamtbeträge von 53 947 äg. Pfd. gewährt. Arabische Propaganda - Pläne Jerusalem. (IT, A.) In nationalistischen arabischen Kreisen wird der Plan erwogen, eine englisch•arabische Zeitung zu gründen, um den Ansichten der Araber über die palästinensische Lage in englischer Sprache Ausdruck zu geben. Der ״Fclcstin“ ermahnt die palästincnsiscli-arabisclie Exekutive, den Plan zu verwirklichen. Der ״Alef-Ba“, der in Damaskus erscheint, ist gleichfalls der Ansicht, daß ein solches Organ in Palästina für die arabische Sache absolut notwendig ist, meint indessen, daß eine fran• zösischc Zeitung gleichen Charakters nicht weniger vvünsehenswert erscheint, ״Alef-Ba“ entwickelt dann die folgenden Ideen: 1. Unsere arabischen Bauern müssen lernen, ihre Farmen nach den modernsten Methoden zu bearbeiten, genau wie in den zionistischen Kolonien. Wir müssen in jeder Beziehung beweisen, daß auch wir Araber fähig sind, unser Land zu kultivieren und zu entwickeln. 2. Kein Land sollte an Juden verkauft werden. In den Städten, besonders in solchen, wo Zionisten sind, müssen landwirtschaftliche Banken gegründet werden. 3. Unsere Kinder müssen nach nationalen Grundsätzen erzogen werden, weshalb in ganz Palästina ein nationales arabisches Erzichungssystem in Geltung kommen muß. 4. Die Juden sollen boykottiert und die Araber in den verschiedensten Berufen und Handwerken dermaßen unterwiesen werden, daß das Land vollständig unab• hängig von den Juden werde. 5. Zur besseren körperlichen Entwicklung der arabischen Bevölkerung sollen Sport- und Athlctenklubs gegründet werden. 6. Die absolute Einigkeit zwischen Moslems und Christen in Palästina ist herzustelien. Organisation wie auch von anderen Institutionen, zum Teil auch von ihren Verwandten im Lande, gewährt wurden, in den Städten und Kolonien sclllintt machen. Die Zahl der Einwanderer, die in den Immigrantcnhcimcn untcrgebracht ist und auf Bes1'h.ifli;;1mjz wartet, ist weniger als halb so groß wie zur selben Zeit!111 vorigen Jahr. — In Angclegculufit der Ordnung vier Alijal» begibt sich in den nächsten Tagen der Vertreter der lmiiiigrationsabteihmg der zionistischen Exekutive, Herr Josua üortlon, Leiter des Alljali-Düros in Jaffa, nach Europa, um dort die Palästinaämtcr gemäß dem Kongrcßbcscliluß zu inspizieren. Erhöhung der Frachtraten nach Palästina Aus Hamburg wird uns mitgctcilt, daß zwischen den nach der Levante von Hamburg fahrenden Schiffahrtslinicn eine Verständigung über eine gemeinsame Festsetzung der Frachtraten ab 1. Januar 197.4 erfolgt ist. Die Deutsche Levante-Linie, die Deutsche Orient-Linie und die Halcyon- Linie haben sieb zu einer sogenannten Konferenz zusammengefunden, der sich wohl auch die Svenska-Orient-Linie, Goteborg, anschließen dürfte. Es ist daher auch mit einer Befcstgymg der Raten nach den palästinensische« Hüten zu rechnen. Die sunächst bekauntgegebenen Konfcrcnzfrachtcn liegen zum Teil bereits wesentlich über den bisher nach Palästina gezahlten Raten. Die neuen Raten treten ab 1. Januar 19.11 in Kraft. ״Fdestin•‘ über Jabolinsky Jerusalem. (J. T. A.) Der ״Felcstin“, das Organ der palästinensisch-arabischen Exekutive, gibt einen Artikel wieder, der kürzlich von Wladimir Jabotinsky unter dem Titel ״Eine eiserne Mauer“ in der Presse veröffentlicht worden ist. Die arabische Zeitung lügt die folgende Bemerkung hinzu: ״Uns stehen die Haare zu Berge, wenn wir lesen, was Herr jabotinsky über unser Land zu sagen hat. Wir sehen deutlich, was Herr Jabotinsky aus Palästina zu machen gedenkt. Wir wollen lieber sterben, als es erleben, daß es mit unserem Lande so weit kommt.“ Mitteilungen der Immigratlonsableilung der Zionistischen Exekutive Die Anforderungen von Einreiseerlaubnissen waren in letzter Zeit recht zahlreich. Angesichts der derzeitigen Lage will die Regierung nicht alle bewilligen. Es gelangen jetzt jeden Monat über 500 Ncueinwanderer ins Land. Die Palästinaämtcr wurden angewiesen, nur solchen Leuten Einreiseerlaubnis zu verschaffen, die mehr oder weniger die Garantie bieten, daß sie nach Palästina nicht nur vorübergehend zu kommen beabsichtigen, sondern die den Willen wie auch die geistigen und materiellen Vorbedingungen dazu haben, dort trotz aller Schwierigkeiten dauernden Wohn■ sitz zu nehmen. Die Folge davon Ist, daß die Zahl der neuen Einwanderer, die die Einwanderungs-Camps in Jaffa und Haifa beziehen, ständig im Abnehmen begriffen Ist. 75 e/0 der Einwanderer der letzten Zeit haben Werkzeuge, Waren und auch gewisse Geldmittel mitgebracht und konnten sich mit Hilfe von Darlehen, die ihnen von der Zionistischen Eine Erklärung des Londoner Zionistischen Zentralbureaus gegen Zanijwlll Das Londoner Hauptbüro der Zionistischen Organisation veröffentlicht folgende Berichtigung: In einem Interview, das Mr. Zangwill in Amerika gab, soll er unter Bezug auf seine letzte Rede auf dein amerikanisch-jüdischen Kongreß gesagt haben: ,,[):c Juden Palästinas stimmen mir bei“ und in einem Brief an die ״New York Times“ schrieb er: ,,D.e Juden Palästinas haben meine Rede mit Beifall begrüßt." Da aus diesen beiden Fest:Teilungen geschlossen werden könnte, daß die palä .tincnsischcn Juden die Ansprache von Mr. Zangwill vollkommen unterstützen, Ist es nötig, die Resolutionen wicder/ugcbcri, die sich auf diese Rede beziehen und die in Palä 111a diskutiert und angenommen wurden, um zu zeigen, wie völlig unbegründet Mr. Zangwills 'Behauptung ist. Eine von der Gesellschaft jüdischer Schriftsteller am 22. November in Jerusalem veranstaltete Versammlung nahm eine Resolution an, in welcher Zangwill eingtlaJcn wird, nach Palä tuin zu kommen und seine Photographie für Deth llaatn zu senden. In der R!s ilution wird dann gesagt: ״Die Versammlung stimmt mit Herrn Zangwill darin überein, dtII eine allmähliche Liquidation, eine Einschränkung der jüdischen Rechte und eine Aufhebung der Versprechen, die im Zn:..1111־mcnl1a11g mit dem Mandat gegeben worden sind, stattfindet. Die Versammlung widerspricht aber energisch Herrn Zangwiils Ansicht, daß der politische Ziomsin 115 tot sei. Im Gegenteil, wir sind überzeugt, dal! wir alle äußeren und inneren Hindernisse überwinden und unser Ziel, in dem Lande unserer Väter unser nationales Zentrum zu errichten, durchsetzen werden.“ Der Waad Lcumi hat außerdem die folgende Resolution angenommen: ״Die 13. Versammlung des Waid Lcumi betrachtet es als ihre Pflicht zu erklären, dal! sic in Ucbercijistimmung mit ihren bislierUen Memorandum und ihren gegenüber der palästinensischen Regierung unternommenen Scliriben mit dem allgemeinen System der britischen Regierung und der Form der 1 Luulhabnitg des Mandates in bezug auf die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk nicht einverstanden ist, aber dennoch nicht jene Schlüsse aus der Lage zieht, wie Herr Zangwill. Der jüdische Jischuw ist der Ansicht, keine politische Tendenz könne die Tatsache zunichte machen, daß die nationale Heimat in Ercz-Isracl errichtet werden wird. Wenn unser Volk will, werden wir alle Hindernisse überwinden und zu unserem Ziele kommen. Wer aber durch Gedanken der Verzweiflung unsere Kraft schwäch(, der begeht eine schwere Sünde. Ocradc jetzt | ist die Möglichkeit gegeben, unser nationales Werk zu fördern und unsere Wünsche durclmisctzcn; das ist aber nur möglieh, wenn wir unseren Glauben festigen und die Judenschau der ganzen Weit im richtigen Geiste ermutigen.“ Daraus geht hervor, seid eßt die Erklärung der Zionistischen Organisation, daß die palästinensische Judenheit, deren offiziehe Vertretung der Waad Lcumi ist, keineswegs mit Herrn Zangwill überunsthnmt, sondern im Gegenteil, seilte Bcltauptungen energisch und würdig zurückgewiesen hat Basel deckt das Felilbudget der Wiener Universität ln einer Konferenz der Rektoren aller Wiener Hochschulen machte der Bundeskanzler Dr. Seipel die Mitteilung, ein'füllrender Wiener Fiiiarizmnnn habe sich bereilcrklärt, das betriiehtliche Felilbudget der Wiener Universität solange zu decken, als der österreichische Staat hierzu nicht selbst in der Lage ist Dieser Finanzmann ist der jüdische Bankier Sigmund Basel. Man schätzt den voraussichtlichen Zuschuß Bösels für die Universität auf mindestens 20 Milliarden Kronen jährlich. — Interessant ist, daß sämtliche Wiener Zeitungen im Anschluß an diese Meldung eine halbamtliche Mitteilung bringen, daß behördlicherseits umfassende Maßnahmen ist einer Weise getroffen worden sind, daß die Gefahr für Ruhe■ Störungen an der Universität als behoben angesehen werden kann. Ais der deutschen Presse In der letzten Zeit hat die ״Kölnische Volk#* Zeitung“, das bekannte Organ des rheinischen Zentrums, zwei Aufsätze über die zionistische Arbeit in Palästina gebracht. Der eine erschien unter dein Titel ״Enttäuschte ztonistischc Hoffnungen“ am 10. Dezember und gab einen Bericht des ״Osservatore romano“, des römischen Organs des Vatikans, wieder. Dieser Bericht stammt angeblich von einem ״jüngst aus Palästina heimgekchrtcn atnerikanisehen Forscher“. Der Amerikaner verweist auf die in den letzten Monaten cinsetzendc Auswanderung aus Paiiistina und führt eine Aeußerung der Jerusalem Zeitung ״Bear Home" (sic!) an. Er spricht ״angesichts dieses Bekenntnisses des wohlunterrichteten heimischen Blattes von einem vollständigen Zusammenbruch des Zionismus“. Auch sein, übriger Bericht ist voll von ähnlichen Uebertreibungen und Aufbauschungen. Wir gelten wohl in der Annahme nicht fehl, daß cs sich liier um einen tendenziösen Artikel, der aus Jeru niemer katholischen Kreisen stammt, gegen den Zioiiismus handelt. IXiß unseren Gegnern ihre Absicht durch die widerwärtige Sensatiousmache des Jerusalemer ״Doar I Injom“ so erleichtert wird, ist traurig genug. In der letzten Nummer der Antwerpener ״Ilatikwah" singt deren Jerusalemer Korrespondent ein Loblied aut die Ehrlichkeit und Originalitat des ״Doar I lajom“, dem, ungeachtet aller Vorbehalte, riachzurühmen sei, daß der Geist der palästinensischen Bodenständigkeit aus ihm atme. Wir können nur sagen, daß wir uns für den Geist eines solchen Palästina bedanken. Für uns Zionisten mag der Vorstoß des ״Osservatore romano“ und der ״Kölnischen Volkszcitung“ wieder einmal ein Beweis dafür sein, wie begierig unsere Gegner darauf lauern, Schwächen unserer Arbeit zu erspähen, um sie dann sofort zu verwerten. Und es zeigt sich wieder einmal, daß die entschcidemlc zionistische Arbeit, auch in politischer Beziehung, heute nirgendwo anders zu leisten ist, als in Palästina selbst, wenn man von der wesentlichsten Voraussetzung, die die Arbeit dort erst überhaupt ermöglicht, absieht; den Keren Ha!־ jes sod. Der zweite Artikel ״Die arabische Obstruktion in Palästina“ beschäftigt sielt mit dem Widerstand der Araber gegen die englischen Versuche zur Schaffung einer Landes- Vertretung. Es wird darin behauptet, daß die Araber auch den letzten Vorschlag Herbert Samuels abgclchnt hätten, da sic weitere Zugeständnisse erwarten. Die Engländer »ollen aber, auch nach der Auffassung des Artikelscltrcibers, zu neuen Konzessionen nicht mehr bereit sein. ßernlung Marlin liiihcrs an die Franltlurler Utilvcr.xiläl Dr. Martin Halber hat einen Lehrauftrag für jüdische Reifgiomwisscnschaft und Ethik an der Frankfurter Universität erhalten. Wie wir zu dieser Nachricht der ״Hochschulkorrcspondenz“ erfahren, handelt cs sich hier weder um eine Professur noch ein Lektorat, sondern um eine spezifische Einrichtung der Frankfurter Universität. Da diese keine theologische Fakultät hat, haben bd ihrer Begründung die Religion*- gcmelnsrhaften theologische Lehrstühle in Form von freien Lehraufträgen gestiftet, für die •ihnen das Vorschlagsiecht zustcht. Das Vorschlagsrc.ht für jiid'sche Religionswissenschaft und Ethik hat der Vorstand der Frankfurter Jüdischen ,Getncfndc. •Ursprünglich war für diesen l.ehr.dtihl Riiibiner Dr. Nobel auscischen. Dr. Nobel hat die Bestätigung des Kultusministers einen Tag vor seinem Tode erhalten. Nach dem Ableben Dr. Nobels hat die Frankfurter Gemeinde Dr. Martin Buber präsentiert und dieser Vorschlag ist jetzt vom Kultusministerium bestätigt worden. Das Kabinett Gralski und die jüdischen Parlamentarier Warschau. (J. T. A.) Der mit der Bildung der polnischcn Regierung betraute Wladislaw Grabski hat vor der Zusammenstellung der Ministerlistc auch mit den jüdischen Parlamentariern eine Konferenz nbgchalten. Hierbei erklärte Dr. Leon Reich im Namen des jüdischen Parlatncnfsklubs, man begegne in jüdischen Kreisen den Kandidaturen von Mikula scliewski als Bildungsministcr und Sosnkowsky als Kriegs minister mit größtem Mißtrauen. Mikulascltcwski habe sich als großer Anhänger der verfassungswidrigen Verfügungen des früheren Bildungsminlslcrs Olombltisky betreffend des Numerus clausus erwiesen und Sosnkowsky gelte auch im Ausland als der Autor der Idee, die Juden gegen besondere Taxen vom Militärdienst zu befreien, sowie als Autor verschiedener Gchcimz.irkularc״gegen die Juden, Solange diese zwei Personen, sagte Dr. Reich, auf der Minlstcrliste figurieren, kann keine Rede davon sein, daß die jüdischen Parlamentarier in irgendeine Beziehung zu der neuen Regierung treten. Grabski versprach, diese Erklärung in Erwägung zu ziehen. In der am selben Tage veröffentlichten Ministerlistc figurierten aber dennoch sowohl Mikulaschewski als Blldttngsminister, als auch Sosnkowski als Kriegsmlnister, ferner als Außenminister der bisherige Botschafter In Paris, Graf Za* meyski, der dadurch bekannt geworden ist. daß er die jüdiachen Einwohner atu seinen Gütern vertreiben ließ. Eugen Fuchs gestorben Mit all den deutschen Juden, denen ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft Teil ihres bewußten persönlichen Lebens oder zumindest ihrer politischen Orientierung wurde, betrauern auch wir den Heimgang von Geheimrat Eugen Fuchs, des langjährigen Vor.Lzemlcn des Centralvcrcins deutscher Staats- Bürger jüdischen Glaubens. Mit ihm entschlief ein Mann, von dem persönliche Lauterkeit und jene Wanne ausging, die ihren Träger repräsentativ für eine ganze Schicht von Menschen macht: e.n Mann, dessen immer waches Verantwortungsgefühl ihn dazu begabte, seine Stellung als Füiircr immer im Sinne eines Dienstes zu empfinden und nie als bloß gesell schaffliehe Tatsache oder gar als persönlichen Schmuck. So hat er auch im Kriege gelernt, das Ostjudentum unvoreingenommen und ohne Analog.c mit seinem deutsch-jüdischen Standpunkt zu betrachten. Er war vom Wesen her das, was er als Führer des ״Centralvcrcins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ darstellte: deutscher Jude, der sein Lebert lang darum stritt, tief ehrlich und vom Herzen her, die beiden Pole seines politisch-kulturellen Seins, die in ihm in Eintracht lebten, auch geistig und bewußt zu harmonisieren: Deutschtum und Judentum. Beides bedeutete ihm Teil seines Wesens, Teil seines Ichs; und in der herzlichen Aufrichtigkeit, mit der er beiden anhing, hatte er für sich den Ort gefunden, von dem aus sielt beiden genugtun liefl Er hat seine Stellung zu diesem zentralen Problem in seinem Essaybuch ״Um Deutschtum und Judentum“ nicdergelegt. Mit ihm zu tun haben, auch als Gegner, hieß aus dem Leerlauf des Wort- Streits in die fruchtbare, anständige und befreiende Atmosphäre menschlicher Wirklichkeit einzutrclcn. Daß ihm jüdische Dinge Gegenstände wahren Anteils und redlicher Verbundenheit bedeuteten, erfuhr auch der Gegner und gerade er in der ersten Viertelstunde persönlicher Begegnung. Solche Eigenschäften sind cs, die dem Menschen Beständigkeit verleihen über den Tod hin und die auch dem auf anderer Ebene Lebenden mit dem Gefüllt tranervol'cr Achtung die Gewißheit geben, er habe aus dem Umkreis öffentlichen Lebens etwas vcilorcn, was ebenso von niemand anderem wieder dargesteUt werden wird. ״!Ule Palen sind Antisemiten“ Warschau. (J.T, A.) Der Führer der radikalen Bauerngruppe ״Wyswolcnic“, Thugutt, der bis vor einigen Tagen Ministerpräsident werden sollte, hat sich in seiner letzten Konferenz mit dem Präsidenten des jüdischen Parlamcntsklubs, Leon Reich, in folgender Weise geäußert: ״Man wiift mir Antisemitismus vor. Alle Polen sind Antisemiten. Aber es gibt solche, mit denen sich reden läßt. Die Leute von ״Wyswolenie“ gehören zu denjenigen Antisemiten, die keine Pogrompropaganda betreiben."