Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXV (1920)
- Issue
- Heft 11 (10.2.1920)
- Date
- 1920-02-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72 Nr. 11 4> JUEÖISCHE RUNDSCHAU daß er für das Jahresbudget auch der weniger .Wohlhabenden kaum erheblich ins Gewicht fällt. Selbst ein Vielfaches dieser Summe wird von den meisten unserer Anhänger mit Leichtigkeit getragen werden. Man muß sich angesichts der allgemeinen Teuerung, angesichts der vollkommenen Revolution in unserem Geldwesen einmal deutlich machen, wie außerordentlich gering selbst eine Beitragsleistung von mehreren Hundert Mark }st. Wenn die deutschen Zionisten diese Zionistensteuer in allen Ortsgruppen durchführen, wird cs ein! Leichtes sein, jährlich eine Million Mark an Zionistensteuer aufzubringen. Diese Zionistensteuer soll ausschließlieh für die organisatorischen, propagandistischen und politischen Zwecke der Gesamtleituug und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland verwandt werden. Wenn wir aus dem Steuerbetrage von 1 Million Mark die Hälfte, für unsere Landesorganisation, die andere Hälfte für die Gesamtorganisation verwenden, so sichern wir der aufsteigenden zionistischcn Bewegung in Deutschland die Möglichkeit zur organisatorischen Erfassung aller zionistisehen Kräfte, zu intensiver Werbearbeit und zur Durchführung der zahlreichen Aufgaben, die an uns herantreten. Nach der Verlegung des A. C. von Berlin nach London ist es nunmehr Sache der Zionistischen Vereinigung, die innere und die äußere Politik des Zionismus in Deutschland ־zu führen. Wir müssen ein großes Büro und einen Stab von Mitarbeitern haben, wen wir unseren Aufgaben gewachsen bleiben sollen. Gemeindepolitik und Jugendarbeit, die landwirtschaftliche imd sonstige berufliche Ausbildung unserer jungen Zionisten, Veranstaltung von Vorträgen, Herausgabe von Schriften, Aufrechtcrhaltung unserer Presse, Vertretung der zionistischen Sache gegenüber den politischen Instanzen, wie gegenüber der gesamten Öffentlichkeit — kurz das ganze Gebiet unserer Arbeit im deutschen Judentum und in der Oeffcnt- Jichkeit für die Verwirklichung unseres Palästinaideals, wie für die Durchführung der Gcgenwartsaui'gabcn in der Diaspora fordern unaufhörlich Menschenkräfte und Geldmittel. Sollen diese großen Aufgaben, die vor uns liegen, und sicherlich ständig wachsen werden, daran scheitern, daß die deutschen Zionisten nicht lernen können, so in die Tasche zu greiien, wie es den Zeiterfordcrnisscu entspricht? Nein, das Geforderte muß geleistet werden und kann — seien wir ehrlich — bei den heutigen Geldverhältnissen geleistet werden, ohne daß der Einzelne berechtigt wäre, von einem fühlbaren Opfer ־zu sprechen. Eine Million Mark Zionistensteuer, das müssen wir schaffen und werden es schaffen, wenn unsere Anhänger guten Willen bekunden. Damit sind aber alle organisatorischen Erfordernisse im Wesentlichen gedeckt. Mit der Hälfte dieses Betrages haben wir die feste finanzielle Grundlage für unsere Zionistische Vercinigung für Deutschland, die andere Hälfte bildet einen angemessenen Beitrag m den Kosten der Gesamtorganisation. Alle anderen Beiträge sollen , damit abgeschafft sein und nur für rein lokale Zwecke sollen noch besondere Beiträge erhöbe■ werden. Darunter ist zu verstehen der Beitrag für die Ortsgruppe (in dein’ gewöhnlich der Abonnementsbeitrag für die ״Jüdische Rundschau״, der Landesbeitrag, mit dem das Wahlrecht zum Delegiertentage verknüpft ist, und der heute als Gckücistung kaum ins Gewicht fallende Schekelbeitrag, der das Wahlrecht zum׳ Kongreß verbürgt, cingeschlosscn sind) und eventuelle Beiträge für örtliche zionistische Speaalvcrcine, Damit haben wir ein ganz klares und einfaches Finanzsystein. Jeder Zionist weiß dann, daß er mit seinem Beitrag zur Ortsgruppe (oder sonstige lokale Vereinsgcbikle) und seiner Zionistensteuer den Verpfiichhingen gegenüber der Organisation, soweit es sich tim Beiträge für organisatorische Zwecke handelt, völlig entsprochen hat. Neben dieser Form der Beitragsleistung soll cs dann in Z u k u n f t n u r noch eine einzige Art von zionistischer Sammeltätigkeit geben: die für den Nationalfonds. Der Nationalfonds kann, wenn er zum Sammelbecken aller Palästinagelder gemacht wird, in Deutschland sicherlich mehrere Millionen jährlich aufbringen. Jeder Zionist wird gern einen bestimmten Betrag für den Landfonds des Nationalfonds zeichnen und wird sicherlich bereit sein, in allen jüdischen Kreisen ständig für den Nalionalfonds zu werben. Schon die Erfahrungen des letzten Jahres haben gezeigt, daß cs nur des nötigen Ausbaues unserer Santmcltätigkeit bedarf, 11m dem Nationalfonds ganz andere Summen zuzuführen, als dies bisher!üblich war. Dies also soll in Zukunft unser Finanzplan sein: vier bis fünf Millionen Mark jährlich für die eigentlichen PaJästinazwecke, d. 11. für den N'ntionalfonds aufzubringen, eine Million Mark jährlich mit Hilfe der Zionistensteuer für die organisatorischen Zwecke der Zionistischen Vereinigung und der Gesamtorganisation. Dies sind keine phaninstischen Zahlen, das Ziel kann ohnp große Anstrengung erreicht werden. Bei den geforderten Summen für Natianaifonds und Zionistensteuer von ״Opfern" zu reden, hieße große Worte verschwenden. Die zionistische Sache fordert, daß Jeder seine Pflicht tut, Ein zionistcnfcindliches Memorandum? Die ״Times'‘ meldet, daö die Palästina bewohnenden muselmanischen und katholischen Araber ki einem Meniorandum an den Papst gegen die zionistenfreundliche britische Politik in Palästina und im besonderen gegen die Erklärung Balfours, daß Palästina das Land der Juden sein müsse, Einspruch erhoben haben.!11 Wirklichkeit handelt cs sich in diesen! wie In ähnlichen Fällen niemals um die Palästina bewohnen־ den Araber, sondern um einzelne, nicht gerade immer von den edelsten Motiven getriebene Führer. Wir hoffen, die wirklichen Massen der arabischen Bevölkerung davon überzeugen zu können, in wie hohem Malle unsere Be* wegtnig auch ihnen zugunsten kommen wird. Welt-Bücher Das jüdische Volk ist das Volk des Buches. Nicht mir das Volk des Buches der Bücher, sondern auch das Volk, welches Bücher aller Art, die sich mit Volkstüniüchcn (und das waren oft sehr gelehrte) GegensiümJcn beschäftigten, als liebes und wertvolles Gut auf seinen (Wanderungen mit sich führte und immer wieder den Geist daran ergötzte. Heute ist den entjudefen Volksteilcn des Westens der Zusammenhang mit der jüdischen Literatur fast ganz verloren gegangen; erst die jüngste Generation wendet wieder ihr Interesse dem jüdischen Schrifttum zu, das ihr fast unzugänglich geworden ist. Es war ein glücklicher Gedanke, eine Bücherei nach Art der modernen Sammlungert herauszugeben, die, ohne festes System, jüdische Bücher in einer modernen ästhetischen Anforderungen gerecht werdenden Ausstattung und zu billigem Preis dem weiten Kreis der gebildeten Leser zum Genuß — nicht zu wissenschaftlicher Betätigung — bietet, nur so wieder das Volk mit der Literatur zu verbinden. Dieser Plan, der lange in der Luft lag, ist jetzt von dem rührigen Welt-Verlag realisiert worden. Er hat mit der Ausgabe einer Schriftenreihe unter dem Namen ״Welt-Bücher“ begonnen, deren erste sechs Bändchen bereits vorHcgen.*) Das Unternehmen, das nationalen Motiven ent- Sprunge״ ist, geht in der Auswahl der Werke nut der giixjtenen Weithcixgkdt vor. Es Ist geleitet von «er richtigen Erkenntnis, daß für den Nationaljuden, der die richtige Einstellung zum jüdischen Problem gewonnen hat, die ganze fartoaireidhc jüdische Vergangenheit, Tradition und Literatur, nationalen Wert tmd historisches Interesse gewinnt, wen« auch die Bücher seihst aus anderer Anschauungsweise hervorgegangen •) Band 1/2: Moses Mendelssohn, Jctmakim - Band 3: Manasse ben Israel, Rettung der Jude־.־״. Band 4/5: Samson Raphael Hirsch, Neunzehn Briefe Über Judentum. — Band 6: Fritz Mordechai Kaufmann, Vier Essais über ostjüdisdse Dichtung und Kultur. —■ Preis des Bandes geh. 2M., gef>. 3M., des Dopptibandee 3 XV, geh. 4.50 M. sind, die zum Teil durch die Zeitumstände erklärt wird. Wenn wir heute Mendelssohns ״Jerusalem“ in die Hand nehmen, so staunen wir über die Fülle von Wahrbeiten und glücklich pointierten Erkenntnissen, die die Schrift enthält; trotzdem wir von dem im Natunrcht fußenden Rationalismus entfernt sind, der den Hintergrund der Schrift bildet, freuen wir uns doch der positiven, selbstbewußten Auffassung des Judentums, in der sich die Liebe zum Volk und seiner Kultur äußert und zu ganz lebendiger Entfaltung drängt; wir erkennen die Tragik, die daran liegt, daß die üetolgscluft dieses Mannes, der noch stolz auf die ״bürgerliehe Vereinigung“ verzichten wollte, sofern man sie von einem Aufgeben des Judentums abhängig machte, der sich der Einzigartigkeit des Judentums bewußt war und jede Klassifikation verwarf, — um des Idols der Assimilation willen (dessen Vater, trotzdem, ebenfalls Moses Mendelssohn war) das Judentum immer mehr verwässert und schließlich abgeworfen haben. Zu diesen Folgen mußte der Mendelssohn!sehe Rationalismus führen, weil ihm das starke und klare nationale Bewußtsein fehlte; aber die Tendenz lag Mendelssohn fern. Viel stärker und bewußter allerdings ist der Wille zur Erhaltung des Judentums in Samson Raphael Hirschs ״Neunzehn Briefen“. Hier ist ein Streben nach Ganzheit des Lebens, die in der göttlichen Offenbarung Ausgangspunkt und Ziel hat; die Lebenslehre der Orthodoxie wird mit flammender Leidenschaft vorgetragen, die geistige Bedeutung des jüdischen Volkstums vom Standpunkt der Gesetzestreue gewürdigt In diesen Briefen ist manche Deutung, die auch der von andern Voraussetzungen Ausgehende dankbar zum Verständnis des Phänomens des Judentums annehmen kann. Zugleich jedoch wird der nationale Leser, der dieses Büchlein mit Interesse liest, des Widerspruches inne werden, daß diese Lehre von der Jüdischen Rechtgläubigkeit sich so wohl mit dem Leben im wesensfremden Alltag vertragen hat; daß die Gesetzestreue schließlich zu einer starren Wand wurde, hinter-der »um sich gegen die Anstürme des lebendigen Judentums verschanzen konnte. Manasscben Israels Schrift, die Mendelssohn seinerzeit in deutscher Ucbcrsefenfttg Wawsgegrben hat, Zwei Parlamentsreden Strickers (Von unserem Wiener Berichterstatter.) Wien, 24. Januar löcO, Auf dem Papier sind die meisten Parteiprogramme edel, von Nächstenliebe durchweht, überdrömend von sozialer Gerechtigkeit, Wahrheitsfanatismus, Begcisteriuig für die heiligsten Güter der Menschheit. Aber auf die Praxis kommt cs an. Die jiidischnationnle Partei Oesterreichs h 1t!ן,;!Ci1 die letzten Kundgebungen ihres Mandatars, des zkruistisehen Abgeordneten Stricker, die Probe aut das Excrnpc! bestanden. Mit nicht gewöhnlichem Mute u!d mit einer leider nur allzu seltenen Sachlichkeit hat er im Parlamente zu zwei wichtigen Angelegenheiten das Wort ergriffen und erwiesen, daß cs dem jüdischen Volke ernst ist um das Gedeihen des Staates, um die Aufrichtung einer wahren Demokratie, 11 :n die Virnichtimg der Kriegsfurie, tun die Niedcrringung der kapitalistischen Entartung, um die Verständigung und Versöhnung von Volk zu Volk. Die erste Rede galt der W e h r v o r 1 a g e. Es blieb dem zionistischen Abgeordneten Vorbehalten, in der österreichischen Nationalversammlung das erlösende Wort zu finden gegen die Gefahr eines neuen die Welt verderbenden Militarismus. Er führte aus, daß die Wehrvorlage (Aufstellung «■;:.es* Söldnerheeres von 30000 Mann nt der winzigen kepublik!) dem Geist des Mißtrauens der Klassen und Parteien ihre Entstellung verdenke. Absolute Waffenlosigkeit sei nötig. Sie allein verbürge ehrliche und strikte Neutralität, wie das traurige Schicksal Belgiens beweise, dem dfc unerhörten Blutopfer erspart geblieben wären, hätte es ״zur Wahrung seiner Neutralität * keine Armee bcscs^vit. Audi für den ״Sdiutz nach innen" sei die geplante Armee überflüssig. Sie werde ein Werkzeug der reaktionären, oder der bolschewistischen Spekulanten sein. ״W o 111 ihr wirklich wieder 30 000 M en sehen in den Kasernen erziehen?“ rief er den sozialdemokratischen Initutoren der Wehrvorlage zu.!Die Unteifialtungsk. stc« waren für ein modernes Sc hui werk wohl besser angebracht und die Aufreditbaltung der Ordnung müsse durch eine richtig anszubauende Polizei besorgt werden, derer» Organe aber gleichzeitig in den Dünst der Sanität, der sozialen Fürsorge und der kleinen gewerblichen Inspektion zu stellen seien. Weit über die engen Grenzen Oesterreichs hinaus liat dieser Kassandraruf Strickers Bedeutung. Sein sozialdemokratischer Oegenredncf Abr.11», «ku» bereits früher einmal von der Genossin Schlesinger der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wurde und dem die undankbare Aufgabe zufiel, diese Grundsätze zu bekämpfen, gefiel sich in jargonwitzen, während sogar das Parteiorgan, die ״Arbeiterzeitung“ Stricker zustimmen mußte, nur daß sie sich mit dein Bedeuten, die Welt sei für solche Grundsätze uodh nicht ״reii“ - wie oft hat sie diese billige Ausfhiebt der Machthaber bei anderen Anlässen festgenagelt! — at* des׳ peinlichen Affäre zog. Noch bedeutsamer war aber die jüngste Parlamentsrede Strickers, die das größte Aufsehen machte, und die sittliche Kraft der jungen bewußt jiklisdH-n Politik erwies. Anlaß gab die Stellungnahme der Wiener Croßist ein Sendschreiben, das der Verfasser, em Amsserdainer Rabbiner, im Jahre löM) an die englische Regierung gerichtet hat, »un die Einwanderungen!heil für Juden durchzusetzen. Insofern hat das Buch, wie Ch. Z. Klötzel einleitend bemerkt, beinahe aktuelk-s Interesse — als die erste Anknüpfung von Bezieh»»•..«• zwischen Juden und England. Die Schrift ist eine Apologetik, welche die gegen die Juden erhobenen Beschuklrgitilgen widerlegt; wer ein Freund der Apokgctik ist, kann heute noch Argumente daraus schöpfen. Die Schrift wurde von Mendelssohn mit einer Einleitung vecsehen, die in der vorliegenden Ausgabe wegbüeb: <11gegen »st liier wenigstens ein kurzes Vorwort des Herma»- gehers zur Orientierung des Lesers vorausgeschickt, vin Verfahren, das man auch bei den ander») Rar.dhcn. dringend gewünscht hätte, die nicht einmal die Jahre*- zahl des ersten Erscheinens tragen. Haben die genannten Bände nur mehr historisches Interesse, so führt uns der sechste Band mitten 'tu unsere Zeit, in das lebende, webende, s'irgende, ringende Jmlcjiiimi unserer Tage. Fritz Mordechai Kaufmann der unermüdliche Kampfer für eine wirklidikcitsirvuc. nicht in leerem nationalen Formalismus und nicht m sentimentaler Phraseologie stecken bleibende Erken»!- flis des Ostjudentums, seiner Sprache, Kultirr und LG»- tung, hat vier Essays in diesem Bändchen vereinigt <he das ostjüdische Problem verschiedentlich beleuchte»• Kaufmann wird dabei notwendig polemisch; denn ct strebt danach, das falsche Bild, das durch unzutmg* liehe Uebersetzer und Inlcn>retcn im wcstjiidisdhe»! Publikum entstanden ist, -wegzirwhchcn, um einem bvssem» Verstellen den Weg zu ebnen. Die vorliegende« Arbeiten sind vorwiegend literaturkritisch, holen ehe»* zu weiter sozialpsydrobgischcr Perspektive aus; der letzte Aufsatz enthält Kaufmanns Auffassung der Aufführung von Volksliedern, die von ihm auch kt dk-se« Blatt bereits vertreten 1worden kt. Die ersten Bände sind ein glücklicher Anfang; es ist kaum zu ttweifdn, daß die Wcttbücher sich hakt *inbürgern und eine Zierde jeder jüdisch־׳•» Hausbibliothek werde»» werden. Schon ihr ansprechendes geschwuicte• volles A•*Berts maebt eie dazu. R. W.