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Jüdische Rundschau · 1919-11-14 · Heft 80 (14.11.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 80 (14.11.1919)
Date
1919-11-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der nachfolgende Aufsatz behandelt das Problem der jüdischen Schule, das die jüdische und speziell die zionistische Oeffentlichkeit in immer höherem Maße beschäftigt. Wir stimmen den Ausführungen des Verfassers in der Hauptsache durcliaus zu, ohne uns auf alle Einzelheiten festzulegea. Die Red. Zu den wichtigsten Aufgaben, *%die die zionistische Ooluspoiitik in Deutschland in der allernächsten Zeit herantreten muß, sei es bereits im Rahmen, sei es noch tor Konstituierung der jüdischen Volksgemeinde, gehört die Schaffung einer ausreichenden Anzahl nationaler öd iseher Schulen. Nicht• etwa nur die Rücksicht auf eine wahrhaft harmonische Entwicklung unserer Jugend zu geschlossenen menschlichen Persön.ichkeiten, nein, auch das Erfordernis der Heranbildung eines int zionistischen Sinne gut jüdischen Nachwuchses, der Er- Ziehung von ihrer nationalen und humanen Verantaxtrtung tief bewußten sittlichen Charakteren erheischt die alsbaldige Inangriffnahme der Vorarbeiten. Z16jieich aber tut eine umfassende Aufklärung über dieses Problem not; denn uns scheint, daß seine Bedeutung auch in unseren Kreisen noch nicht mit genügender Klarheit und Schärfe erkannt wird. Wir glauben, nicht zu viel zu sagen, wenn wir behaupten: die Zukunft unserer Idee, im politischen wie im moralischen Sinne, und somit die Vollendung der Erlösung und Verjüngung unseres Volkes, wie wir sie verstehen und erstreben, hängt »1 einem sehr wesentlichen Telle von der Durchführung der jüdischen Schule ab! ' Wie die Revolution, deren Auswirkungen uns umgeben, trotz Republik und allgemeinstem Wahlrecht, ,trotz Achtstundentag und Sozialisierungsversuchen, letz- Jen Endes doch so lange zu innerer Unfruchtbarkeit ver- Urteilt ist, als sie lediglich ein Umsturz von außen bleibt, aber keine Erneuerung der Menschen selbst und ihres Verhältnisses zueinander bringt — genau so ist, auch sie eine völlige Umwälzung, unsere zionistische Arbeit bei allen politischen Erfolgen und allem praktischen Wirken vergebens, wenn uns nicht die Revoluti«onierung des jüdischen Menschen gelingt Viel zu wenig noch ist bei uns die Erkenntnis Allgemeingut geworden, daß es vor allem auf den seelischen Umbau der jüdiachen Menschheit ankommt Was nützte je sine Umwälzung, die nur Hn außen stieße, die nicht den Menschen von innen her eigreift? Zionismus kann nicht durch Einige von oben und von außen gemacht werden, er muß bei allen von innen heraus gewollt »ein! Das aber ist zum wesentlichen Teil eine Erziehungsfrage und — da ja die häusliche und freundschaftliche Erziehung als Gegenstand systematischer und organiaatorischer Maßnahmen ausscheidet — schließlich die Frage der jüdischen Schule. Uebrigens gilt es vorweg, zwei Mißverständnisse hinsichtlich unserer Forderung abzuwehren, die bei der Erörterung dieser Dinge, namentlich im Kreise uns Fernstehender, immer wieder auftauchen: als ob wir die These aufstellten: ״Alle jüdischen Kinder in Deutschland. ausschließlich in die jüdische Schule“ und als ob wir die jüdische Schule auf religiöser Grundlage verlangten! Beides ist nicht der Fall, kann es nicht sein! Genau so wie unsere Ralästinawünsche in der historischen Erklärung Balfours richtig dahin verstanden worden sind, daß durch ihre Erfüllung die Rechte der Juden in den Ländern ihres sonstigen Aufenthaltes «1 keiner Weise geschmälert werden dürfen, so tastet unsere Schulforderung natürlich auch nicht das Recht der deutschen Juden an, ihre Kinder in die Simultanschulen zu schicken. Habeant sibi! Diejenigen aber, die sich nach einem auf der jüdischen Kultur aufgebauten Erziehtingssystem für ihre Kinder sehnen, sollen dazu m rein jüdischen Schulen Gelegenheit haben, die »n gleicher Qualität, nur mit anderen, uns adäquateren Mitteln, als sie den allgemeinen Schulen zur Verfügttng sind, das erforderliche Wissen und Anschauungsvermögen vermitteln und insbesondere auch die für das Leben in Deutschland notwendigen Kenntnisse und Berechtigungen verleihen können. Daß dem Staat das Hoheitsrecht der Aufsicht zu stehen muß, ist so selbstverständlich, daß es nicht betont zu werden braucht Freilich werden sich unsere Wünsche und Hoffnungen «rst dann in vollem Umfange erfüllen, wenn alle octej doch möglichst viele deutsche Juden in freiwilliger Entschließung und aus der Erkenntnis der inneren Not- Wendigkeit heraus ihre Kinder in die jüdische Schule schicken werden. Zum andern muß es uns ebenso zweifelsfrei fernliegen, die jüdische Schule auf grundsätzlich und verpflichtend religiöser Basis aufbauen zu wollen. Gerade weil wir allmählich alle Kreise des deutschen Judentums «fassen wollen, gleichgültig, wie sie sich zur jüdischen ״Der Zionismus erstrebt für du jüdische Volk die Schaffung einer öffcnilidi-redbtiUch gesicherten Heimsi&iie In PsIIiUm.״ Baseler Programm. Religion und zu den wechselnden religiösen Strönnmgen der Zeit stellen, ,kann von uns ein Gewissenszwang weder hinsichtlich des religiösen Bekenntnisses noch hinsichtlich der Uebung kultischer und ritueller Formen erstrebt werden. Der rein nationalkulturelie Charakter der jüdischen Schule muß unter allen Umständen gewahrt bleiben. Das darf andererseits gewiß nicht dazu führen, Aufbau und Einrichtung der jüdischen Schule etwa h offenen Widerspruch zu den ehrwürdigsten Ueberlieferungen der Tradition zu bringen. Der Sabbat z. B. und die Feste werden von vornherein die nati'irliehen Feiertage der jüdischen Schule sein. Dabei verhehlen wir uns nicht, daß die Entscheidung gerade in diesen Dingen oft schwierig sein wird und eine Frage weben Taktes sein muß. Warum ist nun die jüdische Schule eine Lebensnotwendigkeit für die Gesundung unseres Volkes, warum brauchen wir die jüdische Schule? Wir brauchen die jüdische Schule — der jüdischen Seele unserer Kinder zu L i e be! Zweifelt jemand daran, daß sich die geistige und sittliche Erziehung in den deutschen Schulen In» wesentliehen in einer fast ausschließlich christlich-germanischen Atmosphäre vollzieht? Der Unterricht im Deutschen und im der Geschichte, zwei für die Charakterbildung grundlegenden Hauptfächern, sowie im Turnen und Gesang, hn allgemeinen den Lieblingsgegenständen der Kinder, ist durchtränkt von jenen Idealen des germanischen Altertums und des christlichen Mittelalters, von jener in Richard Wagners Werk wieder aufpolierten süßlichen Romantik, die zwar dem urdeutsehen, von keinerlei andersartigen Erinnerungen und' Bindüngen umsponnenen Gemüt bedeutsame seelische und Willenswerte übermitteln kann, für die aber jüdischen Kindern das letzte, innerste Verständnis und Gefühl abgehen muß. Die Bärenhautideale der alten Deutschen, ihre Götterwelt mit den etwas merkwürdigen sittlichen Anschauungen, des Bonifazius Missionartätigkeit bei den Sachsen, Karls des Gießen und der deutschen Kaiser imperialistische Wirksamkeit, Rittertum und Minnesang, Luthers Bedeutung für das deutsche Volk — um nur einige Beispiele aufzuführen, die sich gerade in die Feder drängen —, das sind nicht die Dinge, mit denen unsere jüdischen Kinder lange Jahre hindurch in intensiver Kleinarbeit vollgepfropft werden müssen. Sie sollen gewiß davon hören, die geistig- und kulturgeschichtlich wichtigsten Tatsachen und Daten sich einprägen, die großen historischen Zusammenhänge und Beziehung«! erfassen lernen, soweit dies zur Erwerbung und Abrundung des Weltbildes erforderlich ist: aber nicht als der Weisheit letzter Schluß, nicht als Ereignisse und Werte, neben denen die Welt des unsterblichen jüdischen Genius nur eine ganz untergeordnete Aschenbrödelrolle spielt! (Auf den Realanstalten tritt zu der angedeuteten Christlich-germanischen Grundlage noch der Oberbau der naturwissenschaftlich-technischen Kultur, auf dem Gymnasium das jahrelange minutiöse Studium der literarischen und realen Schöpfungen des lat ein ischen und griechischen Geistes, in den höheren Mädchenschulen eine sorgfältige Einführung in das geistige Leben unserer westlichen Nachbarn hinzu.) Wir verkennen nicht einen Augenblick den idealen und vorläufig auch noch praktischen Wert, den die Erkenntnis des Geistes, der Geschichte und der Literatur namentlich des klassischen Altertums für die innere Konstitution gerade auch des heutigen Menschen darstellt, ja, wir scheuen uns nicht zu gestehen, daß uns z. B. die Ausschaltung des lateinischen und griechischen Unterrichts als ein pädagogisches und kulturelles Unglück erscheinen würde. Und doch fragen wir: wann« muß für einen jüdischen Knaben die vieljährige Vertiefung in die Venvaltungs- und Staatskunst der Römer, die sechsjährige Beschäftigung mit der Sprache, dem Schönheitskult und dein philosophischen Problemen der Griechen den Kern seines seelischen und somit sittliehen Aufbaues bilden? Wir fühlen tief, daß an der inneren Zerrissenheit des westeuropäischen Juden diese Tatsachen einer falsch orientierten Erziehung die Hauptschuld tragen. Und wir־ erkennen, daß jüdische Menscheu, jüdische Volltnensehen nur heranreifen können m der mütterlichen Sonne ihrer nationalen Kultur. Darum also handelt es sich in erster Reihe: die nichtjüdischen, die unjüdischen, die antijüdischen Einflüsse, die von allen Seiten überwältigend auf uns eindringen, zu ertöten oder wenigstens zu lähmen. Und wir brauchen zu diesem Ende die jüdische Schule, uni die jüdische Kultur zum Ausgangs- Punkt unserer Jugenderziehung gestalten zu können! Oder sollte, was dem deutschen Kinde das Nibelungenlied und die Minnesänger, das Ritterepos, die Reformations- und die klassische Literatur sind, dem jüdischen nicht Bibel und Midrasch, die Pirke owaus und das Schrifttum der mittelalterlichen jüdischen Ethik sein können? Sind Abraham und Moses, die Propheten und die Soferim, sind Hiilel und Rabbi Akiba dem jüdischen — ja, dem menschlichen Gemüt nicht mindestens so wertvolle Gestalten wie Hermann der Cherusker und Siegfried, wie Otto der Faule und ״unser Fritz“, wie Blücher und Hindenburg? Alle Faktoren, die zur Heranbildung harmonischer Charaktere erforderlich sind: heroische Vorbilder, zarteste Lyrik, ewige Wahrheiten der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Ethik, freudigstarkes und gesundes Nationalgefühl — von den Schöpfungen der religiösen Kultur zu schwelgen — schenkt uns unser Volk aus |leffi gotdenen Ueberfluß seiner Vergangenheit, aus dem unvergleichlichen Reichtum seiner geschichtlichen Erlebnisse. Kann der Wissende bestreiten, daß aus der prophetischen Predigt, aus der Sozialethik der Thora ein lebendiges System der sittlichen Erziehung geformt werden kann, wie es die heutige Schule auf Grund ihres Unterrichts- Stoffes und ihrer Methoden kaum znsammenstelle« kann, jedenfalls aber tatsächlich bisher nicht fertiggebracht hat? Wir glauben, daß allerdings ein jüdischer Mensch seit» zugleich auch heißt: ein sittlicher Mensch •sein. Wir meinen, daß die natürlichen, rudimentären, brutalen Machtinstinkte, ,wie sie die jüdische Antike überwunden hat in dem prophetischen Oerechtigkeitsideal, so auch aus ,der Mentalität des heutigen Juden mit!Stumpf und Stiel ausgerottet werden müssen, als Elemente einer unbedingt inferioren Kultur, und daß das!Ideal des guten und gerechten Menschen, mit dem!unbedingten Vorrang ,vor dem starken, heldischen und, modern!ausgedrückt, ,״tüchtigen“ Charakter, bereits in der seelischen Verfassung des Kindes unzerstörlich verankert werden muß. (Wie weit wäre die Menschheit!— die ja auch über Faustrecht, Inquisition und Hexenverbrennung hinweggekommen ist —, wenn sie für das private und das politische Leben zu der Abrahamsdhen Formel erzogen wäre, die der Erzvater im j>treit mit Lot geprägt hat: ״Gehst du zur Linken, so gehe ich zur Rechten.“ Heute machen es die Einzelnen .und die Völker gerade umgekehrt; sie sagen im Kampf um die Futterplätze: ״Gehst du zur Linken, so gehe ich erst recht zur Linken und trete dir fest auf die Hühneräugen.“) Nie wird es uns aber gelingen, in der^ trotz allem, unverändert vom Säbelgerassel und Unterdrückungswahn geschwängerten Luft der deutschen Schule, in der die allgemeine deutsche Kriegspsychose noch lange nachzittern wird, dem jüdischen Persönlichkeitsideal herzliche Gefolgschaft zu werben! In der jüdischen Schule, die aber nicht nur so ,heißen darf, weil sie ausschließlich von jüdischen Kindern besucht wird, sondern weil sie eins völlige Umwandlung des übernommenen westeuropäischen Erziehungsplanes in der Richtung auf den Sieg des jüdischen Geistes ,bedeutet - in der jüdischen Schule werden wir jüdische Charaktere für den Lebenskampf heranbilden können. Wir wissen sehr wohl, daß wir hier einer durcliaus und restlos idealistischen Lebensauffassung Ausdruck gegeben haben, deren Verwirklichung sich hart im Raume mit den Tatsachen stoßen muß. Aber wir wissen auch, daß das europäische Judentum in besonderem Ausmaße einer idealistischen Jugenderziehung bedarf. Ja, wir brauchen die jüdische Schule — für die Erziehung unserer Jugend, für die Erziehung der jüdischen Menschheit zum Idealismus! Zionist sein, heißt Idealist sein; heißt, den Willen zur jüdischen Gesamtheit über den noch so heiligen Egoismus heben, der für ach so viele das einzig Heilige in ihrer Lebensführung ist. Wenn unser großes nationales Werk nur durch persönliche und materielle Hingabe jedes Einzelnen gelingen kann, dann müssen diese Einzelnen auch bewußt und systematisch zur Opferfreudigkeit und Opferfähigkeit erzogen werden. Dies geschieht mit den bisher üblichen Mitteln und Methoden nur in ganz unzulänglichem׳ Maße. Man brauchte, Aus den tatsächlichen Erfahrungen heraus, den versittlichenden Einfluß der Schule, wie überhaupt lehrhafter Erziehung, gewiß nicht zu unterschätzen und wird doch zugeben müssen, daß sie, besonders wenn es gelingt, ihre Methoden noch zu verfeinern, in ,hohem Grade geeignet ist, die seelischen Schätze zu heben, die in der Brust des Kindes geborgen sind Wir sind überzeugt, daß die jüdische Schule, idealistisch gesinnte Lehrer und die Ergebnisse der auf das Erleben eines veredelten Nationalismus gerichtete Erziehung das deutsche Judentum aus dem Sumpf der nationalen Indifferenz und der menschlichen Schwunglosigkeit erretten können, in dem es tagtäglich tiefer zu ersticken droht Wir glauben auch, daß die Erziehung der Jugend, der kommenden jüdischen Menschheit zur Empfänglichkeit für den sozialen Gedanken mir auf der nationalen jüdischen Schule geschehen kann, deren ganze geistige Richtung von dem sozialen Ingenium des biblisehen Schrifttums und der tahündischen und rabbinischen Ethik erfüllt sein wird. In welchemi Geiste Palästina aufgebaut werde!» wird, ob der ganze soziale

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