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Jüdische Rundschau · 1914-05-08 · Heft 19 (8.5.1914) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Guttmann schiebt verächtlich die ,,psychologische Note, die man in einer Leistung wittern kann, die bestimmten seclisehen Qualitäten“ als gleichgültig für den Kulturkreis beiseite. Seine Gebärde ist dabei eigenartig geringschätzig; er scheint .;ar zu glaube», daß die Männer, die von einer jüdischen Kultur in Deutschland reden, bei diesem Worte hauptsächlich an die Behandlung jüdischer Probleme in Dichtung und Kunst denken, und verleiht damit einem vereinzelten, unglücklichen Einfall Moritz Goldsteins, der den Wert solch jüdischer Stoffe auffallend überschätzt, eine viel zu weit reichende Geltung. Wohl aber sind wir von dem Vorhandensein eines ganz besonderen Tempos, einer bestimmten Qualität des jüdischen Lebensgefiihls überzeugt, das unverkennbar, und ohne daß man erst lange zu ״wittern“ braucht, in der geistigen Leistung des deutschen Juden sich äußert, im Stil des Schriftstellers wie in der Geste des Politikers oder der Aktion des Organisators. Es erscheint bald als Mangel einer dem Nichtjudcn eigentümlichen Sinncnhaftigkcit, bald als Erregtheit oder Kompliziertheit oder Dialektik oder Kombinatorik, bald, ja meistens als eine Mischung verschiedener dieser Eigenschaften. Das scheint mir, auch wenn man die seelische Eigenart im ein- /.einen anders fassen wollte, prinzipiell völlig unleugbar, und cs bleibt nur zu erwägen, welche gemcinschaftsbildende Dedcutung wir dicsem'״funktionclie11 Judentum“, — wie es wohl Kurt Blumcnt'cld zuerst nannte, ich selbst sprach früher weniger scharf von einem formalen Judentum, — zuschrcibcu sollen. Naheliegend ist der Ein wand, daß die hier angedeuteten Kräfte, mit denen sich der Jude seiner Umwelt bemächtigt, sich ja in ähnlicher Gestalt bei den Nichtjuden finden, daß es auch unter ihnen zum Beispiel erregte und nüchterne, sinnendurchglühte und ganz und gar sinnenferne Naturen gibt. Ganz gewiß. Aber es gibt ja auch unter den deutschen Schriftstellern manche, bei denen wir von einem französischen Stil sprechen können. Hört efarum der Gegensatz von Stil oder Temperament, der zwischen Deutschen und Franzosen im allgemeinen besteht, auf, ein kultureller Unterschied zu sein? Wenn die Masse der Juden, als Einheit betrachtet, eine Seite künstlerischen Temperamentes besonders ausgebildet zeigt, dürfen wir es als zur jüdischen Eigenart gehörig betrachten, auch wenn einzelne Angehörige anderer Gemeinschäften dieselben Eigenschaften zeigen. Keineswegs sollen sie darum als unabänderlich gelten. Sie sind geworden, und können anders werden, sind durchaus geschichtliche Größen. Auf Grund dieser funktionellen Einheit der jüdischen Seele, die selbst zu gewissen Richtungen, auf bestimmte Lebeiisbcrufc führen kann, entsteht unter den Juden eine schnelle Verständigungsmöglichkeit, die allein schon ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugen müßte. Die Gleichartigkeit der seelischen Struktur schließt die Juden kulturell zusammen, während der sachliche Inhalt der Religion an einigender Kraft verloren hat. Ul. Die Verkennung oder Nichtanerkennung dieses funktionellcn Kulturelemcntes, die Bewertung der Kultur nach ihren sachlichen Werten allein, führt notwendig zu mancherlei Mißdcutung. So gelangt Guttmann, um den Gegensatz einer deutschnationaleii und jüdischnationalen Anschauung unter den deutschen Juden genetisch zu erklären, zu der primitiven Vor- Stellung, wer sich mit Heimat und Vaterland verbunden fühle, könne nicht nationaljüdisch denken, nur die Konzentration ,־uif das Judentum führe zu nationalem Judentum, Ach Gott, wenn die Dinge so einfach wären 1 Das ist ein erdachter Gegensatz, sehr klar, sehr logisch, — und sehr unrichtig. Für Naturen, die auf geistige Inhalte gerichtet sind, mag er gelten. Sie übernehmen deutschen Kulturinhalt, — und meinen, ganz und gar Deutsche zu sein. 1111 ernsthaften Ringen aber mit der Seele des Deutschtums, mit den Kräften, die tiefer liegen als sein bloßer Kulturinhalt, entsteht für viele deutsche Juden gerade ihr Nationaljudentum. So ist es auch durchaus kein Zufall, daß jenes funktionelle Judentum die deutsche Kulturtätigkcit der Juden heute sogar vielfach noch tiefer bestimmt als früher, Solange der Anteil des deutschen Juden sich auf Aneignung von deutschen Kulturinhalten beschränkte, war er, von Ausnahmen abgesehen, Jude und Deutscher, beide Kreise seiner Tätigkeit lagen gleichsam nebeneinander, und die jüdische Seele verriet sich nur wenig in der deutschen Tätigkeit. Erst in dem tieferen, innerlicheren Verwachsen mit dem Deutschtum entsteht innerhalb der deutschen Kunst und Literatur jener Jude, bei dem das Judentum auch die Form seines deutschen Schaffens beherrscht. Diese Entwicklung ist noch nicht notwendig abgeschlossen, und theoretisch könnte man sich vielleicht denken, daß das deutsche Judentum stark genug wäre, um sich in solcher Form zu erhalten. Aber dazu bedürfte cs denn doch wohl einer stärkeren territorialen und kulturmhaltlichcn Geschlossenheit, und wir glauben um uns einen Wandel zu spüren. Wer die Psychologie des jetzigen Judentums schreiben wollte, wird nicht umhin können, besonders in der Gesinnung unserer Jugend, eine Entwicklungstendenz zu betonen. Es handclt sich hier in weitesten! Umfange gar nicht um ein ״Jude sein“, sondern um ein ״Jude werden“. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Betrachtungsart Guttmanns dem Problciu unmöglich gerecht werden kann. Hatten wir schon gesehen, daß seine Im wesentlichen konstatierende, mit festen Begriffen operierende Methode zwar dem Bedürfnis philosophischer, aber schwerlich dem historischer Untersuchungen entspricht, so kann die Zerlegung und Abwägung begrifflicher loch jene > mit Autdem eher tütte nge- :.den nden traujytg- I Zu- ,Der rtari- 1 von men, vorint er- und {war gran* (uche trteii- ( 11 ie favid- ־« i I

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