Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 186 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 18 eine wird der Erkenntnis milderen, der andere schrofferen Ausdruck gehen; Deutlichkeit ist in jedem Falle vonnöten. Wenn so dieser Grundsatz., daß es kein Band zwischen Zionismus und Assimilation gibt, dieser nicht mit Unrecht so genannte nationale Grundsatz unserer Propaganda, die notwendige Anerkennung findet, ist es nur eine logische Folgerung, wenn wir sagen: nicht Alte wollen wir zum Zionismus bekehr c n, sondern lunge zum Zionismus erziehen. Der wtindervollc Schwung, der feurige Elan der ersten zionistischen Epoche kam daher, daß damals der Zionismus aus jungen Menschen bestand; und wir fühlen diesen Schwung wieder in unsere Bewegung kommen, da wir uns wieder mehr als zuvor an die Jugend wenden. Das Alte ist ehrwürdig und aller Achtung wert; Zionismus aber ist Zukunft und die Zukunft ruht auf der Jugend. Möge der Leipziger Delegiertentag eine weitere, machtvolle Etappe sein in unserer Erobcrung der neuen Generation, der Jugend, der Zukunft! Hauptversammlung des Hilfsvereins i Auch die diesjährige Hauptversammlung des Hilfs- Vereins der deutschen Juden hat sich in den üblichen Formen abgespielt. Vornehm, steif, mit glatten, wohlgefeilten Reden, Loblnmncn auf die Tätigkeit im verflossenen Jahre, Vertrauensvotum der Anwesenden und - mit zwei Schlußworten nach Schluß der Dehatte. Freilich schienen nicht alle Teilnehmer ganz befriedigt zu sein. Sie batten gerade diesmal Außer• ordentliches erwartet; sie hofften, nach der Flut von Commiiuiqiies, Flugschriftni, Artikeln, Soiiderah/ügcii netl Broschüren, die den Sprachenkampf in Palästina begleitet hatten, jet/l, nachdem sielt die stürmischen Wogen gelegt hatten, ein ruhigeres, ein klareres, aber doch den Kern der Sache treffendes Wort zu hören. Die jüdische Ocifeiitlielikeit hat doch ein Recht zu fordern, daß inan ihr reinen Wein einschenkt und sie nicht nit geschickt formulierten Phrasen abspeist. Die ganze jüdische Weit hat nachgerade begriffen, daß es im Sprachenkampfe nicht um kleinliche Konzessionen von der einen oder der anderen Seite ging, nicht darum, für die hebräische Sprache noch einen Unterriehtsgegenstam! mehr zu erobern. Es war ein Kampf zweier Parteien, deren tiefstes Wesen im stärksten Gegensatz steht: die eine interterritorial und jüdisch-national, die andere territorial eng begrenzt und in jüdischer Beziehung antinational; zu Hause im besten Falle areligiös, für Palästina aher fast orthodox drapiert; jene nach Entfaltung des jüdischen Geistes auf allen Gebieten des Lebens strebend, diese auf ein enges Eeld der Tätigkeit beschränkt; jene in all ihren Handlungen vom Gesichtspunkt eines einheitlichen, autonomen Judentums ausgehend, diese alles durch die Brille der Philanthropie betrachtend. Der Sprncheiikonflikt war ja mir eine Parole, ein Stichwort, auf das die entgegengesetzten Geister aiifeinamlerstießen mul den latenten Widerspruch offenbarten. Mögen die Herren noch so laut beteuern, daß sie sogar in ihrer eigenen Person eine Trennung vornehmen können, um die Grenze zwischen der von ihnen geleiteten Organisation und ihrer Person zu markieren lind genau festzttsetzen, wo der Vorsitzende oder der Geschäftsführer aufhört und der Privatmann beginnt; das ist doch nur eine Ausflucht, von der Verlegenheit um eine Rechtfertigung viiigegeben. Auf diese Weise könnte man von jeder Organisation jede Verantwortung für immer ahwälzen. Man brauchte nur den Organisationssteinpel für eine Weile in den Schrank zu schließen und sich mit den privaten Titeln zu begnügen. Man könnte derartiges im Notfall bei einer echten ilcinokratisehen Organisation verstehen; der Hilfsverein ist aber im (}runde doch gar keine Organisation im politischen Sinne des Wortes: er ist eine aus zaltlenden Mitgliedern und einer kleinen Gruppe allein verantwortlicher und allein leitender Personen be* stehender Verein. Er hat doch nur eine zahlende Armee, aktiven Dienst verlangt er nicht. Um so größer ist die Verantwortung der Generale: denn sie geben auch dem Programm des Hilfsvereins ihr persönliches Gepräge. Der Geschäftsführer des Hilfsvereins hat in seinem Schlußwort den großen Fehler begangen, auch die zionistische Organisation mit dem Maße seines Vereins zu messen. Mit allem Nachdruck muß immer wieder betont werden: die z.ionistischc Organisation ist kein Verein, sie hat eine demokratische Verfassung, ihre Richtlinien werden nicht in Vorstaiidssitzuiigen festgestellt und auch nicht von der oder jener Gruppe einzelner Zionisten diktiert, sondern von ihrer gesamten Vertretung, die in den zionistischen Kortgrossen die Möglichkeit hat, alles zu erwägen, das Programm der Tätigkeit festzusetzen und eine von ihrem Vertrauen getragene Leitung zu wählen. Es ist einfach lächerlich, jetzt die Sache so darzustellcu, als ob im Sprachenk.impfe tiefgehende Meinungsversclüedciiheiten in unserer Organisation bestanden hätten. Daß einige wenige Zionisten in dieser Frage eine Sonderstellung ein nahmen und sie sogar demonstrativ zur Schau trugen, das ist nichts besonderes: tlas kommt in allen politischen Parteien vor. Ob es erfreulich oder traurig ist, können wir dahingestellt sein lassen; darüber hat mir die Organisation selbst zu entscheiden. Von einer schwankenden Haltung der zionistischen Organisation aher kann nicht die Rede sein, sie hat sich vielmehr in dem Konflikte als fester und geschlossener denn je erwiesen. Am besten wird das der weitere Ausbau unseres Schulwelkes in Palästina dartun. Wenn man der zionistischen Organisation den kühnen Vorwurf macht, sie habe unkontrollierte Berichte ohne ein Wort der Kritik in ihren Organen abdrucken lasse», so kann das bei uns mir ein Lächeln 'Hervorrufen. Die Uninformiertheit der Herren, die solche Behauptungen aiifstcllen, gellt doch zu weit. Unsere Informationell und die sämtlichen Berichte, die wir erhalten haben, ׳stammen aus den zuverlässigsten Duellen, von den bewährtesten Männern mul Organisationen in Palästina. Der zionistischen Organisation solche Vorwürfe machen, heißt den Tatbestand auf den Kopf stellen. Es wurde viel vom Frieden gesprochen. Der Jude hat immer eine besondere Schwäche für dieses Wort. Allein auch der Friede verliert seine Bedenttmg und seinen Wert, wenn er bloß äußerlich ist. Er muß eine gesunde Grundlage haben. Und wenn der Hilfsverein ernstlich nach Frieden strebt, so kann er dies nicht durch Auseinandersetzungen in General- Versammlungen erreichen. Er soll Frieden schließen mit dem neuen Jisclmb in Palästina, mit der Ent- Wicklung des jüdischen Lehens dort und mit dem Grundgedanken, daß in Palästina kein neues Gallith geschaffen werden darf. * Die Generalversammlung des Hilfs Vereins der I) e 111 s c 11 e 11 j 11 d e 11 wurde am Sonntag, dem 2<>. April, mittags 12 Uhr, im Logenhaus, Berlin, von Herrn Dr. James Simon eröffnet. Er herichtete über das Hilfswerk des Vereins in Galizien, Rtimäijieii und Rußland mul gab zum zweiten Teil des Berichtes über das Hilfswerk auf dem Balkan und über das Sclmlwcrk Herrn Dr. Paul Nathan das Wort. Dr. Paul Nathan berichtet über die Bemühtingen der jüdischen Organisationen, die in der Union des Associations Jtiives zusamincngcfalit wurden, um die durch den Balkankricg verursachten Schädigungen der jüdischen Bevölkerung einigermaßen zu mildern, Dem engere» Ausschuß gehörten auch Dr. Nathan und der Generalsekretär des Milfsxcreins, Dr. Kahn, an, die sich bemühten, nicht nur die entstandenen Schäden zu beseitigen, sondern auch für die Zukunft Maßregeln zu ergreifen, um die Existenz der Jude» in de» betroffenen Gebieten zu sichern. Dr. Nathan betont bei dieser Gelegenheit, daß derartige Unternehmungen nur durcltgefülirt werden können, wenn alle großen jüdischen Organ!־ satioiicn Hand in Hand gelten. Der Hilfsverein halte stets auf dem Standpunkt gestanden, es müsse in jeder Beziehung vermieden werden, einseitig für irgendeine Richtung innerhalb tles Judentums Partei zu ergreifen. Es könne ja nicht beabsichtigt werden, alle Meinungsverschiedenheiten ans dem Judentum überhaupt niiszuschnlten. Das würde eine Staguation 1111 Judentum bedeuten. Da der Verein ein lebenskräftiges und gesundes Judentum erhalten wolle, so stehe er auf dem Standpunkt, daß Meinungsverscliicdenheitcn sich durchsetzen müßten. Aber diese Meinungsverschiedenheiten dürften sieh nicht in so schroffer Form aiisdrückcn, daß es unmöglich würde, bei großen Arbeiten und wichtigen Anlässen alle Kräfte des Judentums ziisainmcii/iifassen, Er persönlieh sei daher dafür gewesen, auch die zionistische Organisation nach Brüssel zur Bildung der ״Union“ einzuladen; sein Antrag sei jedoch ahgclchnt worden. ״Ich will mich nicht auf Einzelheiten entlassen,“ fährt Dr. Nathan fort, ״oder die unerquicklichen Vorgänge, denen ich mich jetzt zuwenden muß, ausführlich auscinaiutersetzen. Was in einer Stunde starken Zwiespaltes gesagt werden mußte, habe ich in einer Broschüre gesagt, auf deren Grund Sie in der Lage waren, sich Ihre Ansicht zu bilden. Ich habe nun zu den gegenwärtigen Verhältnissen Stellung zu nehmen. Ich erörtere kurz die Grundsätze, nach denen unser Sclmlwcrk im Orient und insbesondere in Palästina eingerichtet ist. Die Mitglieder des Hilfsvereins stehen religiös auf sehr verschiedenem Standpunkte. Wir aber haben uns nie hcraiisgenoinnien, darüber entscheiden zu wollen, welche religiöse Anschauung dort herrschen soll, wo unsere Schulen wirken. Darüber haben die Eltern der Schüler zu entscheiden. Und wer, wie ich, den Orient genau kennt, weiß, daß es für unsere Glaubensgenossen im Orient notwendig ist, das Religiöse stark zu betonen, und daß für Palästina der orthodoxe Standpunkt der gegebene ist. Und wie wir von unserem objektiven Standpunkt die religiöse Erziehung als notwendig erkennen, so betrachten wir auch das Hebräische als eine notwendige Forderung für unser Schulwerk. Nicht van einem jüdisch chauvinistischen Standpunkt, sondern von dem praktisch-pädagogischen Standpunkte aus müssen wir die Forderung aufstellcn, daß an den Schulen in Palästina das Hebräische so ausgiebig gepflegt wird, daß unsere Schüler beim Verlassen der Schule diese Sprache vollkommen beherrschen. So haben wir dem Hebräischen in unserem Schulwcrke eine Stellung angewiesen, wie es nie vorher ein Schulwerk int Orient getan hat. Und die Wirkung war, daß wir bis vor kurzer Zeit die uneingeschränkte Anerkennung der Gesamtheit des Judentums gefunden haben. Wenn das jetzt verloren gegangen ist, so will ich das einfach konstatieren, ohne auf die Gründe oder auf die Grundlosigkeit dieser neuen Evolution hinzuweisen. Für die Schulen auf dem Lande ist Hebräisch und die Landessprache vollkommen ausreichend. An tutseren Schulen in den Kolonien wird keine europäische Sprache unterrichtet. Ich glaube nicht, daß dies da» Vorgehen von germanisierenden Chauvinisten ist. In den städtischen Schulen muß eine europäische Sprache ausgiebig!iiilcrrichtct werden, weil mau in den Städten des Orients nicht aiiskonimcn kann, wenn man nicht wenigstens eine europäische Sprache beherrscht. Diese europäische Sprache ist m unseren Schulen begreiflicherweise das Deutsche. Diese Grundsätze haben wir nach sachlichster lind objektiver Prüfung festgestellt, und daran hoffen und wünschen wir in Zukunft fcstzuhaitcn. Würde die Bevölkerung im Orient von diesen Schulen nichts wissen wollen, dann müßten wir auf die Fortführung unseres Scluilwerks verzichten. Aber die Entwicklung ist eine andere gewesen. Unser Sclmlwcrk hat in der Vergangenheit außerordentlich prosperiert, und wir waren nicht einmal in der Lage, alle die aufzuitchmcn, die sich um die Aufnahme bewarben. Nun sind Vorgütige eingetrcten, die uns vor die Frage stellten, ob es noeli zweckmäßig sei, unser Schulwerk aufrechtzucrhalten. Ich bin entfernt davon, zu leugnen, daß ich vorübergehend erwog, ob wir nicht besser daran täten, unsere Tätigkeit in Palästina uuf/ugeben. Aher endlich kam ich und die Gesamtheit meiner Freunde einstimmig zu der Ucbcrzcugting, daß dies ein Verrat an der Bevölkerung wäre, die an unseren Schulen hängt und den Wunsch hat, ihre Kinder unseren Schulen anzuvertratien. Fs wäre ja viel einfaelter, viel bequemer und angenehmer gewesen, die Schulen zu liquidieren. Wir glaubten dies aher um der Bevölkerung willen nicht tun zu dürfen. Zu dem vielen Unerfreulichen, das wir durchlebten, trat ein Erhebendes: die Anhänglichkeit eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung Palästinas, die Anhänglichkeit eines großen Teils unserer Lehrer und die absolute Einheitlichkeit und Harmonie in der Verwaltung des Hilfsvereins.“ Herr Dr. Nathan spricht dann seinen besonderen Dank dem Leiter des Hilfsvereins, Herrn Dr. James Simon, und dem Generalsekretär, Herrn Dr. Kahn, aus. ״Nach den neuesten Nachrichten,“ fährt Dr. Nathan fort, ״ist die Zahl der Anmeldungen für die Gesamtheit unserer Schulen bisher bereits ebenso groß, wie wir sie bisher stets hatten, so daß die Wunden, die die letzte Zeit uns schlug, so gut wie vollkommen vernarbt sind. Das Lchrpersoital ist komplett, die Schulen sind im Gauge, und ich habe nur den einen Wunsch, daß sie sich in Ruhe fortentwickeln können. Neben uns existieren noch mancherlei Schulen. Ich würde cs fiir falsch halten, wenn wir nicht wünschten, daß alle vorhandenen Schulen prosperierten. Es gibt in Palästina noch ein so ungeheures Gebiet Zu bearbeiten, daß, wenn wir und die Zionisten und die Anglo Jewish Association und die Alliance Isrnclite noch einmal so v iele Schulen hätten wie jetzt, es auch dann noch ein Segen für tlas Land und unnötig wäre, sieh in gehässiger und unschöner Weise Konkurrenz zu machen. Der Hilfsverein ist mir ein Instrument, und wenn dies eines Tages schadhaft wäre, so hätte das Judentunt recht, es beiseife zu legen. Herrn Dr. Simon und den anderen Herren unserer Leitung und auch mir würde es keinen Schmerz bereiten, und wir würden sogar froh sein, weint wir nicht mehr gezwungen wären, auf der Bresche zu stehen mul eine Position zu verteidigen, die zu verteidigen wir heute für gut halten. Aher ich kann mich, bei objektivster Betirteiluug der Verhältnisse, mul ohne daß ich mich unter allen Umstünden engagiert fühlte, Geschäftsfiihrcr des Hilfsvereins zu bleiben, nicht davon iiherzeugen, daß der Hilfsverein kein zweckmäßiges Instrumeiit mehr ist. Unsere* Aufgaben sind noch sehr groß mul werden noch größer sein, wenn uns die Gesamtheit des deutschen Judentums ihre Unter- Stützung weiter wie bisher leiht. Die Zahl der Austritte aus dem Hilfsverein war sehr gering, die matcriellen Zuwendungen waren in diesem Jahre sehr beträchtlich. Aber für die außerordentlich großen Aufgaben, die unserer harren, reichen sic bei weitem nicht aus. Wir hoffen, daß alle unsere Freunde für den Frieden und dafür wirken werden, daß wir die Mittel für unsere Tätigkeit auch weiterhin haben.“ Herr Rabbiner Dr. Munk, Berlin, spricht Herrn Dr. Nathan den tiefgefühlten Dank für seine hingcbungsvollc Tätigkeit aus. Herr, Rabbiner Dr. Werner, München, führt aus, daß der Hilfsverein ein segensreiches Werk tue, indem er in Palästina Schulen in streng religiösem Sinne leite, ״In Palästina kann cs keine Reformjuden geben, eine Schule in Palästina muß religiös sein, sic muß das Hebräische pflegen und muß den Schülern die Möglichkeit einer guten Existenz geben. Der Streit, um den der große Kampf entbrannt ist, war