Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 553 liehen Ruf: ״W er fürchtet sich vorn, schwarzen Man n?" durch seinen Stimmzettel die riclitiiic Antwort: ,.Niemand!" * Die bayerische Regierung hat eine Verfügung erlassen, wonach das Blut aller durch HalsschniU oder Halsstich getöteten Schlachtticrc nicht mehr zu Fleischverarbcitungcn und zu Wurstwaren verwendet werden darf. Russland Tolsiol und die Juden Der Tod des großen Weisen von JassnuB Poijana hat hei der jüdischen Bevölkerung Rußlands ' tick* und aufrichtige Trauer hervorgerufen. Und cs ist nicht nur die Trauer um den genialen Dichter uid Lehrer, die die Juden mit den übrigen Völkern Rußlands teilen. Vielmehr haben die Juden Rußlands besonderen Grund, den großen Verlust zu beweinen. In dem titanischen Kampfe Tolstois gegen Gewalt und Unrecht, gegen Lüge und Heuchelei war etwas von der großen leidenschaftlichen Wahrheits- und Rechtsliehe der jüdischen Propheten. Und so ist cs kein Wunder, daß Tolstoi gerade unter den Juden die eifrigsten und verhältnismäßig zahlreichsten An-!länger hatte. Das jüdische Volk wird immer mit Dankbarkeit daran denken, daß Tolstoi wiederholt seine Stimme gegen die barbarischen Judenverfolgungen erhoben hat. So aus Anlaß der Kischincwer Greuel und so noch vor wenigen Wochen in der Krage des Ansicdlungsrayons. * WirlscluiUiehe Seibslhllfc Unser Petersburger Korrespondent schreibt uns: Die jüdischen Spar- und Leihvcrcine entwickeln sich stetig und erlangen immer größere Bedcutung für die wirtschaftliche Förderung eines großen Teiles der russischen Judenheit. Allein im verflossenen Jahre sind 80 solche Vereine im Ansiedeiungsrayon neu begründet worden, und die Oesamtzahl der jüdischen Spar- und Lcihvercine in Rußland beträgt jetzt 548: in den nordwestlichen Gouvernements — 219; im südwestlichen Rayon — 132; in den südlichen Kreisen — 98; in Russisch- Posen — 85 und in den baltischen Provinzen — 15. Aus den Berichten von 252 Vereinen ist zu ersehen, daß sic 130769 Mitglieder umfassen und im Laufe des letzten Jahres 6 537 600 Rubel an Ausleihen verausgabt haben. Die Verteilung der Vereine auf die verschiedenen Rayons läßt in gewissem Maße auf die ökonomischen Verhältnisse der Juden in denselben .schließen. Die Kreise, in denen die wirtschaftliche Lage der Juden eine schlimmere ist, da ist die Zahl der Vereine eine größere. Die Entwicklung führt aber dahin, daß aucli in den anderen Gouvernements solche Vereine werden begründet werden müssen. Dam sie wirken nicht allein gegen die fortschreitende Verarmung der jüdischen Massen, sondern dienen auch als Instrument im Konkurrenzkampf der jüdischen kleinen Handwerker und Händler gegen die immer mehr sich ausbauenden Organisationen der niclujtldischen Konsum- und Produktionsgenossenschaften, die teilweise einen ausgesprochenen antisemitischen Charakter tragen und tausende jüdische Existenzen zu vernichtcn drohen. Bei dieser Sachlage sind die jüdiselten KorporatiVvercinc von großer aktueller Wichtigkeit. Sic haben sich auch überall aufs beste bewährt, und manche von ihnen erweitern ihr Tätigkcitsgebict und entfalten ihre Wirksamkeit auf weiteren sozialen und kulturellen Gebieten. Nur fehlt es noch an einem zentralen Institut, das all diese Genosscnschaftcn zu einer großen gemeinsamen Körpcrscliaft mit gemeinsamen Arbeitsmethoden und ständiger Wechselwirkung Zusammenschlüßen würde. Ein solches Institut könnte in der Form einer Bank ins Leben gerufen werden. Zwei derartige nicht׳• jüdische Bankinstitute für Spar- und Lcihvercine existieren seit einiger Zeit in Rußland und Russisch- Polen und haben nachahmenswerte Leistungen gezeitigt. In gewissem Sinne erfüllt zwar die ICA diese Aufgabe. Sic wendet viel Mühe und Mittel an für die Begründung und Erhaltung der Vereine, von denen 288 ihre ständige Unterstützung genießen. Doch steht die ICA zu sehr Uber den Vereinen und außerhalb des Einflusses der jüdischen Gesell- Schaft. Es herrscht zwischen ihr und den Vereinen kein Ocgcnscitigkcits-, sondern mehr ein Vorm und sc ha fts Verhältnis. Gewilli wird die ICA dabei von den besten Absichten geleitet und hat auch auf diesem Gebiete viel Gutes gestiftet ihrer bedeutsamen sozialwlrtschaftilchcn Aufgabe werden aber die jüdischen Koopcrativvcrcinc erst dann voll und ganz gerecht werden können, wenn cs ihnen ge- Jungen sein wird, sich auf eigene Füße zu stellen und aus eigenen Kräften zu einem zusammenfassenden ökonomischen Machtfaktor emporzusteigen. Oesterreich Bei den am 27. d. M. abgehaltcncn Vorstandswählen der Wiener Kultusgcnichido siegte die Liste des offiziellen Wahlkomitccs mit 2800 gegen 1550 Stimmen, die die Kandidaten des jüdisch-demo• kratischcn Wahlkomitccs auf sich vereinigten. Die jüdisch-demokratische Opposition gewann gegenüber den vorigen Kultuswahlcn 500 Wahlstimmcn, während die offizielle Vorstandspartei etwa 1000 Stimmen verlor. England Zu• den!,ariamcniswahlen In Englnnd Aus London wird der ״N. J. K.“ geschrieben: Die Zahl der jüdischen Kandidaten für die bevorstehenden Parlamentswahlen . beträgt 31. Davon sind 17 Liberale, die übrigen 14 Unionisten. In zwei Wahlkreisen in London stehen je zwei Juden Unander gegenüber, obgleich die jüdischen Wähler in diesem Distrikt nur eine sehr kleine Minorität bilden. Bei den vorigen allgemeinen Wahlen wurden 15 Juden gewählt, die jetzt alle wieder als Kami!• daten anfgcstellt sind. Australien Bei der Hanptwnhl für das Parlament in Neusüdwales, die am 14, Oktober stattfund, wurden die beiden einzigen Jüdischen Kandidaten mit bedeutender Majorität wiedergcwälilt. Mr. John J. Cohen wurde für Pc t c r sh am und Mr. Daniel l.cvy für Darlinglmrst gewählt. Beide Herren gehörten auch dem früheren Parlament an; der crstcrc hatte in demselben die Stellung eines Kommissionsvorsitzenden mne. Im vorigen Parlament gab cs außerdem noch einen dritten jüdischen Abgeordneten. Mr. A. E. Co!« lins, der den Bezirk Namoi vertrat. Er hat sich diesmal nicht um eine Wiederwahl beworben. — Um das Entgegenkommen der Behörden der jüdischen Bevölkcrtmg gegenüber zu zeigen, mag erwähnt werden. daß als Wahltag der 14. Oktober festgesetzt wurde, und zwar, wie ausdrücklich hervorgehoben wurde, aus dem Grunde, damit die Wahlen nicht mit dem Versöhnungstage zusa111menficle)1 und so die jüdischen Wühler an der Ausübung ihrer Bürger- Pflicht verhindert wären. Alle Wahlen fanden im ganzen Staate au dcmsclbcnTagc statt. ״Bibliothekar! (iedolatr Jedesmal, wenn ich hebräische Neuerseheinungon vor einem westlichen Publikum bespreche, drängt sich mir die Frage auf: Wozu eigentlich? Werden die besprochenen Bücher in den betreffenden Kreisen daraufhin auch nur ein Dutzend Leser finden? Zwar zeigt sich auch hier in letzter Zeit ein merkliches Erstarken des Interesses für die hebräische Sprache. soweit sind wir jedoch noch lange nicht, daß die ncuhcbrüischc Literatur jetzt schon auf eine irgendwie beachtenswerte Verbreitung in Deutsch•!and oder anderen westeuropäischen Ländern reellneu könnte. Nichtsdestoweniger ist cs aber doch notwendig, daß auch das westindische Publikum, sofern cs die Fortentwicklung des jüdischen Kultur- Schaffens mltzucrlebcn bestrebt Ist, zumindest über die wichtigsten hebräischen Neuerscheinungen orientiert werde. Und mag dies auch für die Itebrä- Ische Literatur einstweilen nicht von beson* deren! Belang sein, so ist cs doch wichtig eben für jene Kreise selbst. Dokumentiert sich doch in! Hebräismus der unverfälschte jüdische Geist in seiner reinsten Eigenheit und historischen Kontinuitüt. Bei all ihrer Modernisierung an Form und Inhalt, an Ikhandlungsstolf und Ideenrichtung be• deutet die ncuhcbrüischc Literatur die Fortsetzung der großen drcitauscndjälirigcn Kultur unseres Volkes. — Den inneren Zusamenhang verschiedener hebrä• ischcr Literattircpochen illustriert die vom Verlag ״Tuschiair-Warsehau edierte ״Uibliothckah Gedolali", welche die bedeutsamsten Werke der alten und neuen hchrüischcn Literatur in einer gleichmäßig geordneten Ncuausgabc vereinigen soll. Wenn wir die in dieser ,.Grollen Bibliothek" bisher zur Ausgabe gelangten Schriften von R. Samuel Han- Nagid, Dr. Snlamon Rubin, M. D. Branüstältcr, Ü. י Sclikowitz, J. Katzcnclcusohn, Dr. M. J. Ferdy- I czcwski und M. Bcrscliadsky hintereinander lesen, 1 dann zieht an unserer Seele ein einheitlicher Grundton vorüber, der durch alle Variationen die ihm i eigene Klangfarbe behält. — ן Es soll hier nicht eine Sonderwertung der ein- /.einen Schriften versucht werden. Jedes der Werke ■ verdient eine Spczialbcsprcchung für sich. Zunächst j sollte nur auf das Unternehmen als Ganzes hinge- 1 wiesen werden, das an Größe des Planes und Präzision der Ausführung alle bisherigen ncuhcbräischcn Editionen überragt. Jede Woche ein Buch — mail hatte cs kaum geglaubt. Aber die .,Tuschiah" pflegt ihr Vorhaben auch zu realisieren. Und wirklich :.int ersten Vierteljahr hatten wir ein Dutzend Bücher. Und so soll cs fortgehen, Jahre hindurch, bis wir die hebräische Gcsamtlitcratur in extenso beisammen haben. Vielleicht ist aber das Tempo doch ein etwas zu schnelles. Es macht eine würdigere Ausstattung und namentlich einen fehlerfreien Druck nur schwer möglich. Insbesondere sei die Aufmerksamkeit des Verlages auf den letzten Punkt gelenkt. Bei einem solchen grandiosen Unternehmen ist in erster Reihe nicht die Schnelligkeit, sondern die Sorgfalt in der Ausführung geboten. Die ״Bibliothekah Gcdolah" soll ia für uns zu einem d a u c r d c n Schatz werden. Berlin. Josef Lin. Palüstina- Ansichtskarten In! ״Jüdischen Verlag" in Köln!st soeben eine neue Palästiaaansichtskartenserie erschienen, welche in zwanzig farbigen Aufnahmen Bilder aus dem iiniisehen Palästina der Gegenwart bringt. Neben Gesamtansichtcn der größeren Städte des Landes, wie Jerusalem und Jaffa, enthält die Serie Abbildungen aus den größeren Kolonien, die uns den gegenwärtigen Stand des Jüdischen Koionisationswerkes in Palästina in anschaulicher Weise vor Augen führen, da sic die Wiedergabe von Naturaufnahmen (Photographien) darstcllen. Die Reproduktionen fesseln unsere Aufmerksamkeit vor allem durch die wundervolle Farbengebung, die in reizvollen Abtönungen die Farbenstimmungen der orientalischen Landschaft wiedergeben. Jedes der kleinen Bildchen darf als ein Kunstwerk seiner Art bezeichnet werden, das uns zeigt, bis zu welcher Vollendung die moderne Reproduktionsteclmik in der Wiedergabe lebendiger Farbentöne gediehen ist. Den neuen Karten, die wohl zu dem schönsten zählen, was an farbigen Palästinablidern bis jetzt reproduziert wurde, wünschen wir eine große Verbreitung. Ihr Reinerträgnis fließt dem Jüdischen Natioiialfonds zu. ״Jüdische Volksmusik“ Von der Verwaltung des Vereins der Jüdisch••!! Volksmusik erhalten wir folgende Zuschrift: ..Im Moment des Erwachens des nationalen Bewußtseins der Juden, welches sich durch das lebhafte Interesse an der jüdischen Kulturarbeit ausdrückt, muß auch die jüdische Kunst und in erster Linie die Musik in Erwägung gebracht werden. Das jüdische Volkslied, welches vollständig die Stimmung und die Erlebnisse, die Leiden und Freuden des jüdischen Volkes wiedergibt, dient als Gegenstand des ernsten Studiums. ״Der Verein der jüdischen Volksmusik", welcher sich zum Ziel die Mitwirkung an der Entwicklung der Jüdischen Volksmusik gestellt hat. hat schon bei Be- Kinn seiner Tätigkeit verschiedene Volksmotivc zu sammeln angefangen. Jetzt hat der Verein die eiste Serie von indischen Volksliedern herausgegeben. In der Ueberzeugung. daß er den sieb bemerkbar machenden Bedürfnissen entgegentritt, hat der Verein keine Mühen und Kosten gescheut. Die Verwaltung des Vereins der jüdischen Volksmusik ruft alle, denen, das Interesse des Judentums nah ist. auf ihm bei der Verbreitung der erschicncnen Volkslieder energisch zu helfen. Auf allen musikalischen Abenden, in der jüdischen Schule, in der Familie, kurz überall soll mau das jüdische Lied hören und für seine Verbreitung werben. Der weitere Erfolg der Tätigkeit des Vereins in dieser Richtung hängt ausschließlich von dem Wiederhol! ab. welchen die ersten Versuche finden werden." Mit Bestellungen wende man sicli an die Jüdischnationale akademische Verbindung ״Z e p I! i r a h", Czernowitz (Bukowina), Liliengasse 17 (Oesterreich). Eine l*c1LislinareisesliiIung für jüdische Lehrer und Lehrerinnen Zutn Andenken an die verewigte Frau Dr. Jehuda M a r s c I! a k geh. Göttlich, die vor kurzem U\ 1 der Blüte ihrer Jahre in P c t h a c h - T i k w a 11 da- Iiingeschicden ist. wurde eine Lina Marschak- Gottlicb-Stiftung ins Leben gerufen, die von der Direktion der Realschule der israclitischcn Rcligionsgcsellschait verwaltet wird und den Zweck hat. Lehrern und Lehrerinnen der genannten Realschule, an der die Verstorbene iahrelang wirkte, Stipendien für Studienreisen nach Palästina zu gewähren. Die Stiftung eines derartigen Stipendiums an der bekannten, von Rabbiner S. R. Hirsch s. A. begründeten Frankfurter Mustcranstalt ist ein erfreuliches Zeichen der Zeit, das von dem Erstarken des lebendigen Interesses für Palästina in den Kreisen der deutschen Orthodoxie beredtes Zeugnis ablcgt. Preisausschreiben Die Zionistische Vereinigung für Deutschland beabsichtigt, das Interesse der reiferen Jugend für Palästina durch dio Verbreitung geeigneter Jugcndschrlflcn. an denen cs bisher völlig fehlt, zu heben. Sic beabsichtigt daher die Herausgabe von längeren Erzählungen, die nach Porm und Inhalt gleich geeignet sind, die Stammes-