Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1910)
- Date
- 1910-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JJL N'o. 0. _J U EPISCHE RUNDSCHAU. Seite 103. UT€RARISCH€ RUhDSCHAU diesen Titel setzt schönen Doppclband charakteristischen und feiugcw’ählten .,u Vei trete!־ des liddisclimt Ul vilS'CI l'ic!11! .1. Rus einer stillen Welt ״Ans einer stillen Welt" jjU׳,־d1׳r 7.locisti dem v,,1, woiiu er in;,r.'lu'ii die besten Vertreter des jiddischen Schriftcm deutschen l.eseptihlikuui vorfiihrt. Cm tiefiihl liehevuller Wehmut war es, glaube h, 1l. s dem Nachhildner diesen Titel cingah. Kitte :• I!e '•'eit. Keine ״tote Stadt", wo Menschen, ׳.״H'i. Strassen. Seelen und Hinge itt ein tinhcim- .i!c' "ch.iiiendasein hiuiibergeistern. Kein Vineta. cilklinceiide Fröhlichkeit die Flut erstickte, ehe stille Welt ist nicht Schemen und nicht! Ninu der Iktrdcn. Sie lebt oder, man s.meit und ans Abschiednehmen denken, sie ht. Hie stille Welt, die Zloeisti, wenn ich!ec׳«. verstehe, meint, ist nicht die Welt der I י ihettotmissen schlechthin. Pas kleine Dorf •>! c'. der wie man’s nennt: das ״jüdische s: .1,!: i"• \! die ist es. das ״Stiidtel". Seine bretter- ,; ui :.!־. . cetiieieu lliitischeu ducken sich tief, so tief, .יי* <!.«׳. am liebsten «an/, hinciukriechon wollten in 1'׳.•׳ ׳■• Legt sieh der dicke Schnee auf sie, dann >: >tadtel" überhaupt nicht da. Kaum eine W il l;; . merkst du. wenn du im weiten Schneefeld ..•!׳ :ו iberiahrst. Und das heisst einmal Kab- ,, ■׳ andermal Sehemenetz. ein drittes Mal * .' . •1!e. wie's gerade des Pichlers Phantasie ־ uiiiner ist's das eine arme, kleine Stiidtel. t ui', lichten könnten immer so beginnen: Kab- . ., 1: deutsch Bettelheim einer jener Orte. ׳, iiium ihr Oezelt aiifgeschlugen, hat immer auf f :ui . ״: ■־higer. heimlicher Winkel gegolten. Ehr- /i!.!•’diene .luden wohnten dort wie alle!'״:rui.l.i i fern von der Welt. Still ging jeder ». vn Mu und lebte nach dem alten Brauche: Man;,:.iwiw. bekam Kinder, zankte auch mal, kurz, man :;!•:c 11.1' Ui’lus in all seinem freudigen und;! Cu l . :•erfluss. Ausser tiott und den Schau- «ic man zu sagen pflegt, ging sie die ganze icri.c Weit nichts au.Und mm könnte die .:.!:liclc Begebenheit ansetzen. I,.u״itiia; mul Patriarchenwiirde, Sklaveiulemut ׳, ו.־er m-ii,gliche Stolz der ״Aiiserwiihltlieit". der k!;ekelt gebeugt und der Kopf zu Boden gesenkt. .׳.: da t;eist aufwärts gerichtet in Sphären 1 ־,';..ti'ci'ei uläubigKcit. . . Aus diesem Hntsaguugs- «11,'cn, dcifi r.msagungszv ang für ״diese" W'elt mul >!e,1, 1!l׳ci,,tHilenden Reichtum au Hoffnung, Selm- '0c.1t. dem ijlaubei: an Puter der ״anderen" Welt ';1 siel! 1.:r Alltag und Pesttag die Psychologie dv' kiciiiiii jüdischen Städtchens, Hin sehr kleiniarcirluiii' I.dien mit vielen schonen Zügen der HinbU. tici Reinheit und vielen kleinen Schwächen des ',׳«rimeii'Jun. N'iclus I.elieit kann die Idylle liebend umfangen, k! k.om die Satire mit gutmütigem Lächeln und alle .,::iiiemlem Witz gegeniibertreten, aber auch das ',jili'i' I..1111! es erfassen mit aller Weilte und Peier- ..hkeit. V.iiulile Moelier S’forim. Pcrez. Sclmlem Alciehem, iulir nabte auf seine Weise dieser stillen W'elt ‘■'׳d fing nach seiner Art ihr Leben auf. Ihr Leben. 1' dann noch einer kam. der Letzte, der das ••Nüdu I" noch einmal mit vollem Blick erschaute, ' cm• u Mikrokosmos erschaute, voll tiefer Reize, '״li lii'imhchcr Wunder, voll versteckter Schönheiten, da■ Inuter dem jämmerlichen Bettcltum blühten. יc!1,11.1111 Asch ist dieser letzte Sänger des i'diiilun Stadtels, der stillen W'elt, die er wehmütig grösst als eine vom Lehen besiegte. y.ecfaUcttdc, verwliunniviidc. ״Als aber der Sonne erste Strahlen '1;b Mädtcltcn fielen" so schliesst eine seiner ^ki/./in , ״erkannten sie. dass das alte schwarze 1'••'וי /"!scheu die morschen vier W'ilndc eingesunken "•׳r ui!1 dass die Hälfte einer Thorarolle zwischen 'vrfuulti n Brettern lag. Und verloschen war das Lämpchen, das Auge des Städtchens. Und?«i,ilii״ üit. Zufluchtsstätte ....״ Das ist die ^Viiilndt:, des Anfangs vom P.ndc. Auch dieses I *sscliitilüel׳ im Klcndswinkel stirbt. Bckoiionije, Aufklärung, Sozialismus, Revolution, 1ווו״זא״,ן• haben die ״stille Welt" zerstört — aber das ist geblieben. Kinc gelähmte oder über- *«ngcsp;1tuttc, duiiipfschwcigeude oder lärmende, eine z״risseue, widerspruchsvolle Welt. Theodor Zloeisti luii der früheren» der l)tiseren" W'elt noch ein Erinnern wellten, ihr ein dankbares Lebewohl zurufen wollen, uls er sein Buch ,, > ״Aus einer stillen Wc 11״. Erzählungen!'?' der modernen jüdischen Lifcratur, ins Deutsche ״״'ragen und cingelcitet von Theodor 410- '־,Mi. Verlag Winz & Co.. Berlin. 1910. »ach ihr benannte. Aber sic verdient cs auch — denn der bessere Ted der jiddischen Literatur entstammt und gehört noch dem ״Stiidtel". Und ob das Jiddisch ״ns der neuen ühettowclt trotz aller Mühen der• ״Jargoimten", ja trotz der unvergleichlich gesteigerten Aufnahmefähigkeit der Massen für jiddische Literatur, Kraft genug für eine hochwertige eigenartige Produktion wird schöpfen, ob es den drobenden kulturellen und sprachlichen Auflösungs- und Zcrsctz.imgsteiidcnzen der Umgebung auf die Dauer wird slamJhalien können, das kam! füglieh bezweifelt werden. Zloeisti gibt seinen Zweifeln starken Ausdruck: ״Ein ergreifendes Schauspiel bietet die jüdische Literatur. Verzehrendes Seltnen nach Ganzheit. Kampf um eine sterbende Sprache. Kitt Ringen nach Kaie, Hl nein in die Mystik, Plueltt in die Fremde . . . Und nirgends das Beil ..." * Es steckt viel Wahrheit in diesen Worten. Aber ich glaube, doch zu viel Pessimismus. Schon darum, weil auch wenn die originell-schöpferische Kraft des Jiddisch, die sielt neuestens auch im Drama versticht, versiegen sollte ein Heil doch aus ihm flicssen wird: Piir lange Zeit noch, solange zumindest, als das Hebräische nicht in die breiten Massen eindringt, (und das ist kein kleines Problem) ist das Jiddisch hcläliigt und berufen, kultur- und biidungsfördernd zu wirken. Und das ist auch die Signatur des Moments: Pas jiddische Schrifttum ist in einem starken Aufstieg begriffen, was die Puhlizistik (gibl es doch Tageszeitungen mit 71XHHI Abonnenten) und den Biiclier-Umsatz. insbesondere Uebcrsctzungslileratur. anhelangt, von der literarischen Produktion aber kann man nicht sagen, dass sic die früheren Leistungen qualitativ überragt. Zloeistis Ausgalie bietet die Möglichkeit,' das Piühcrc zu ühci prüfen mul auch einiges vom Neuen kennen zu lernen. Seine schöne Ucbersetzungsknnst ist ja bekannt - und da er von jedem etwas gibt, (AbramoivitM'li, Pcrez, Brandes. Steiuberg, Asch, Spector, l'insky, W'eissuiberg, Reisen, Seliolem Alciehem. Nürnberg, Onauclii) hat man nicht nur Vieles genossen, sondern auch viel gelernt, wenn man unter seiner feinsinnigen Leitung durch diese ״stille W'elt" .schreitet. Aber Zloeisti hat noch mehr gegeben. I'.r hat dem Hoppellmnde eine Kmführtmg: ״Von jüdischdeutscher Sprache und judisch-dcutschvr Literatur" vorausgesehiekt. l'.s ist eine Monographie, gcschrieben mit hingebungsvoller Liebe, mit fleissigstcr (iriindhchkcil, mit glücklichem P.infülilimgsverMäudins, dabei aber doch von strenger Objektivität und inmaclisiclitlielier kritischer Schärfe. Kenner und Nichtkemier der jiddischen Lileratur werde״ ihm für diese reiche, reife Darbietung herzlich Pank wissen. Per Druck und die äussere Ausstattung der zwei Bücher sind gleich gut. B. F. Böcher-Besprechungen Die Judcnpofjrome in Kussland*) Im jüdischen Verlag in Köln ist soeben ein Werk erschienen, das geeignet ist, die Aufmerksamkeit des Politikers, des Soziologen, des Menschenfreundes, in gleich hohem Masse zu erwecken. Pie furchtbaren Judenpogrome in Russland, diese Begleiterscheinung!,er russische״ Revolution und Reaktion, haben in diesem '1 Jtu’lic ihre uktenmässige Darstellung und wissenschaftliche Beleuchtung gefunden. In 2 Bänden ist das ungeheure Material geordnet, gesichtet, gcsiebt und zu einem Ouellenwerk ersten Runges ver- •irbeitet Ks ist das Verdienst des Zionistischen ‘Hilfsfonds in London, dieses Werk cmögtlchi 7.1» haben. Kr hat sofort mich den entsetzlichen Oktoberpogromen des Jahres 1905 eine Kommission eingesetzt. die in mühseliger, teilweise direkt lebensgeführlieliu■ Arbeit die latsaclien an Ort mul Stelle untersucht, das Material gesammelt und es dann in ununterbrochener 4 jähriger lätigkcit z.u dem vorliegenden Werke verarbeitet hat. Wie die Krschein״״« der Pogrome selbst '״ J®' W*1ltKCSchlichtc■ steht dieses Buch in der Weltliteratur W'ährciid der /.weite Band in mehr als darstellungeii ein genaues aktcnmUssigcs Bild der verschiedenen Pogrome gibt, die damals fast alle MciwciiicMui <l11rchr»»tcn »״d, wenn ״ in ffhtibwürdigen Berichten trauen darf, heute noch bedrohen, "einhält der erste Band eine eingehende |m Aufträge des Zionistischen Hilfsfonds Mt Sd״n von der zur Erforschung der Pogrome eigsetztet^Kommis.^• u״J m §(,|(ןן:״ ״ fW1C. Auffpolciner Teil. Band II: Rinzeldar- Stellungen, 'fteis beider Bände, broschiert zusammen 8 Mark. .1 einzig da. 100 Einzelwissenschaftliche Verarbeitung des gesamten Materials. Diese beschränkt sich nicht mir auf die Oktoherpogrome. Sic geht den Ursachen dieser Metzeleien bis ins Kinzclnc nach, bezieht datier auch die früheren russischen Judenverfolgungen in ihren Kreis ein. behandelt sie vom politischen, sozialen, psychologischen und nationalen Standpunkt aus, unter- .sucht die verschiedenen Arten, in denen sie in Krscheinung getreten sind, spürt ihrer Organisation nach und beleuchtet ihren Zusammenhang mit den Strömungen der herrschenden Regierungspolitik und die Stellung, die die Bureaukratic zu ihnen einnahm. Gerade dieser Teil der Darstellung bildet eine überaus wertvolle Krgünzung unserer Kenntnis der russischgouvcrnctucntalcn Verhältnisse und ist geeignet, wenn ihr nicht durch unwiderlegliche Beweisstücke widersprachen wird, das Schuldkonto der russischen Rcgienmg und Verwaltung um ein schwerwiegendes Stück zu erhöhen. Pie Darstellung untersucht dann weiter die Wirkungen der Pogrome, beleuchtet mit eingehenden statistischen Angaben den ungeheuren Schaden, der durch sic den Juden, aber auch der rassischen Volkswirtschaft zugefügt wurde, und endet mit einer Beschreibung und kritischen Betrachtung des nach den Pogromen eingeleitetcn Hilfswerks, eines der grossartigsten Denkmäler menschlicher Solidarit'it. das die Geschichte kennt. Pie Kinzeldar- Stellungen des zweiten Bandes geben in ihrer schlichten Sachlichkeit ein erschütterndes Bild jener Vorgänge, und bilden darin ein Scitcnsbiek zu den grauenhaften Erzählungen des Mittelalters, die uns überliefert sind. Pie beiden insgesamt fast UXX) Seiten starken Bände verdienen in jeder Bibliothek aufgcstellt zu werden. (Wir bringen vorläufig diese Kurze Anzeige, werden aber in Kiirze noch ganz eingehend auf dieses ganz ausserordentlich hemerkenswerte Werk ziirilekkonmien. Pie Redaktion.) Hebbels Werke Pas Deutsch Verlagshaus Bong u. Co. hat vor einiger Zeit eine Neuausgabe der vollständigen Werke von Hebbel veranstaltet. Per massige Preis macht das Lehenswerk des grossen Autors uiirh weiteren Schichten zugänglich, und die gefällige Gewandung wird auch anspruchsvolleren Liebhabern geschmackvoller Einbände gelingen. Ein ausführlich entworfenes Lebensbild des Dichters erleichtert dem noch Uneingeweihten das Verständnis der mächtigen Persönlichkeit, die aus den Werken des Meisters spricht. Es folgen seine Gedichte und in chronologischer Anordnung die Dramen. Alsdann macht uns der Herausgeber mit Hebbels epischen Schöpfungen, den Erzählungen. Novellen, etc., bekannt. Die üsthtischen und kritisehen Schriften reihen sich an, und den Schluss bilden die Tagebücher, die so kraftvoll das ureigenste Leben des grossen Mannes und Menschen widerspiegeln. Es ist eine dankbare mul aufs beste geloste Aufgäbe, die sich die Veranstalter der ״Goldenen Klassik c r ־ B 1 B I i o t h c k” mit dieser Ausgabe gestellte haben, und im Interesse der deutschen ' 'Watiir ist es wohl zu wünschen, dass dieser neue 11״ c I) b c I" sich viele, viele Freunde erwerben möge. L. F. gc- Eingegangene Bücher nicht ttaulinden. Die mit * Gezeichneten Werke sind oeretta zur Besprechung vergeben. * lieber den Zusammenhang der Mlsclttiu. Ein Beitrag zu ihrer Entstehungsgeschichte von Rabbiner Br. Ludw ig A. R o s e ״ t h a I - Berlin. Erster Teil: Die Saddtizäerkämpte und die Mischnasaiiiiiilungen vor dem Auftreten ttlhels. 2. Auflage. Verlag von Karl J. Trnhner-Strnssbiirg. (5 Mk.). * Geschichte der jüdischen Lehrerbildungsanstalt Irt Berlin. Festschrift zur Feier des 150 jährigen Be- Stehens der Anstalt. Von Dr. M. Holz, man 11, Pulüstlmi-Iluiidliuch. Von Davis T r i e t s c 11 - Berlin-Schmargendorf. Orient-Verlag. (3 Mk. blinden). * Moses Monteliore. Von K. Wölbe. Verlatr Louis Lamm. Berlin. (2,50 Mk.) ״ ״*. Erdgcriicli In der Isruclitlichcn Religion. Von Lic. Dr. Hugo G ressmann. Prof, d. rhcol. a. d. Univ. Berlin. Verlag Carl Cartius. Berlin. * Pulüstiiiujalirhucli des Deutschen evang. Instituts lür Altertumswissenschaft des heiligen Landes zu Jerusalem. Von Prof. I). Dr. Gustav Da Im an. 5. Jahrgang. Ernst Siegfr. Mittler & Sohn. Berlin. * Fcstgcsclilclitcn lür die rellere iüdlsche Jugend. Von M. Pulvcrmann. Verlag Alfr. Pulvcrmacher & Co., Berlin. * Psalm-Vortriigo, gehalten im Vereine Auhuwd Tauroh in Fürth 1908/09. Von Dr. Simon Rosenblüth. Verlag Sänger 61 Friedberg, Prlckfurt a. M. (1 Mark.) i