Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XV (1910)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang! ״Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Als Theodor Herzl vor dreizehn Jahren auszog, die jüdische Welt zu erobern, berief er einen Kongress, um alle Zionisten zu sammeln und dem erstaunten Europa das zionistische Programm zu erklären. Auch heute noch bedeutet der Kongress die Zusammenfassung un* serer Kräfte, die Verkündung unserer Absichten und Ziele. Aber mehr und mehr tritt dieser demonstrative Charakter des Kongresses *zurück und macht der Erörterung von Einzelheiten Platz, die unserer Partei wichtig scheinen: Der Redekongress wird Arbeitskongress. Diese Ent- Wicklung ist natürlich. 1111 Anfang unserer Bemühungen konnten wir nichts anderes tun, als immer wieder das Wesen des Zionismus erklären, Angriffe zurück- ,weisen, Bedenken zerstreuen. Je ,mehr wir uns bemühten, unsere Absichten zu verwirklichen, indem wir uns eine Organisation gaben, Banken schufen, die Palästinaarbeit aufnahmen, iie.Mo mehl trat die Diskuosion über diese unsc re i 1111 e 1 eil A n g c I e g e 11 heit c n in den Vordergrund. Der IX. Kongress war daher kein Demoiistrationskongress, er war es noch weniger als die vorangehenden. Damit soll nicht gesagt sein, dass er nicht nach aussen gewirkt habe: •Fr hat zweifellos auf die Hamburger und die übrige deutsche Judenschaft einen tiefen Eindruck gemacht, der durch die ncbenhergcheiulcn Veranstaltungen — Schauturnen und Kommers der Studentenschaft — noch wesentlich verstärkt wurde. Audi die Presse sah sich dies* mal veranlasst, von dem Kongress mehr als früher Notiz zu nehmen und wenn man davon absieht, dass einige Berliner Blätter nur ganz kurze und nicht immer wahrheitsgetreue Ikrichte brachten, so können wir mit der I laltung der grossen Provinzblätter umso zufriedener sein. In den Verhandlungen des Kongresses aber fehlten diesmal die grossen Programmreden für die Galerie. Selbst die Rede Nordaus, der sonst die Verhandlungen mit einer Dar* Stellung der leitenden Gesichtspunkte des Zionismus zu eröffnen pflegte, war diesmal ״aktueil", denn sie behandelte die türkische Revoluiion. Dieses Ereignis nahm auch in der Eröff* nungsrede des Präsidenten Wolffsolm einen breiten Raum ein, und wenn Max Nordau die. übertriebenen Aeusscrungen einiger Oesinnungsgenossen zuriiekwies, von denen man kaum noch weiss, ob sie zur zionistischen Partei oder zum jungti'irkischcn Komitee gehören, so stellte der Präsident des A.-K. mit Nachdruck fest, dass unsere Politik nach wie vor darauf gerichtet ist, durch planmässigc Ansicdlung jüdischer Massen in Palästina ein Kultuiwk zu schaffen, das den Interessen des jüdisci. Volkes wie des osmanischen Reiches dienen soll. ״Wir sind nie politische Abenteurer gewesen und werden es nie sein.“ In dieser entschiedenen Betonung unseres politischen Programms, welches ein Programm der Kultur und der nationalen Wohlfahrt aller beteiligten Völker ist, sehen wir ein wichtiges Ergebnis des Kongrosses. Gegenüber den schmählichen Verdäch* tigungen der Allianrcleute und gesinnungsv wandter Kreise weisen wir auf die Klarheit un״ Durchsichtigkeit unserer nationalen Forderungen hin, an deren Verwirklichung wir glauben, weil Fortschritt und Wahrheit stärker sind als Vorurteil und Verleumdung. Von wichtigen Beschlüssen ist die Ein- Setzung einer Kommission zur Vorbereitung eines Agrarkreditinstituts zu nennen, dessen Notwendigkeit auf allen Seiten dngesehen wurde. Der Plan Dr. Oppen- 11 e i!11 e r s, in Palästina S i e d e 1 u n g s g c - nossen sc haften zu gründen, begegnete gleichfalls allgemeiner Zustimmung. Die Vorwaltuug des Nationalfoiuls sagte ihre Beteiligung, wenn durch private Zeichnungen 100 000 Mark aufgebracht werden. Bereits auf den! Kongress wurden 40 000 Mark gezeichnet, so üav.1 die-.r v.T:lUin Versuch einer neuen Kolonisationsmethode in kurzer Zeit zur Aus* führung gelangen dürfte. Wie es in der Tagesordnung vorgesehen war, wurden eine Reihe wichtiger Fragen in Spezialreferaten behandelt. Die türkischen Delegierten aus Saloniki sprachen über die jü• disclie Einwanderung und über die kulturelle Lage der türkischen Juden. Allseitigcn Beifall fand der Bericht des Pa lö s ti 1) arcssort s und auch der B a u k b e rieht wurde mit Befriedigung entgegongeuömmen, wenngleich der Kongress möglichste Einschränkung der europäischen Geschäfte und Ueberführung der freiwerdenden Mittel nach Palästina forderte. Die ausgezeichneten Ergebnisse der Nationalfonds• Sammlungen wurden den Delegierten in einem besonderen gedruckten Bericht mitgcteilt. Wer in das Getriebe unserer Organisation Einblick getan hat, musste gerade auf diesem Kongress der geschäftlichen Tüchtigkeit und glänzenden Vcrwaltungskunst unserer leitenden Männer volle Anerkennung zollen. Die Kritik, die an der Leitung geübt wurde, Hess keinen Zweifel, dass zwar gewisse Gegensätze in der Auffassung der zionistischen Bankpolitik bestehen und dass eine lebhaftere Beteiligung unserer Institute a!1 den Arbeiten in Palästina von mancher Seite gewünscht wird, dass aber in allen unseren Betrieben musterhafte Ordnung herrscht und die geschäftlichen Ergebnisse voll befriedigen müssen. Wir halten diese Feststellung gegenüber den lächerlichen Beliauptungcn für geboten, mit denen das von Herrn Professor Geiger geleitete grüne Blättchen anlässlich des Kongresses hervorgetreten ist. Zwei wichtige Angelegenheiten, die geplante Finanzreform und die Acnderung des Organisationsstatuts, konnten diesmal nicht zur Erledigung kommen, weil eine andere Frage alles Interesse in Anspruch nahm: Die Neugestaltung der Leit u n g. Wenn der IX. Zionistenkongress noch nicht ganz zum Arbeitskongress wurde, wenn bedeutsame Angelegen hei ton nicht mit der nöti* gen Ausführlichkeit behandelt wurden, so lag dies an der mangelnden Vorbereitung, mit der unsere Delegierten dieser Frage gegenübertraten. Die russische und ein grosser Teil der österreichischen Landsmannschaft wünschte die Verlegung des Zentralbureaus nach Berlin und eine Erweiterung des Engeren Aktions-Komitees. Der Majoiiiüt schien es jedoch vor allem wichtig, da iS Herr Wo 1 ff soll n die Führung in der Hand behalte, und so entspann sich ein tagelanger :Vcinungskaiupf, in dem es nicht gelang, einen befriedigenden Ausweg zu finden. Es ist zwecklos, den Einzelheiten dieses Meinungskampfes nachzuforscheu. Wer vorsichtig urteilen will, wird auf beiden Seiten Fehler entdecken. Die Lösung wäre vielleicht weniger schwierig gewesen, wenn die russischen Delegierten ihre zweifellos sachlichen Gründe nicht mit einer so heftigen Kritik der 1 citung auf dein Kongress /.u 1u.1t‘fsr.itzu1 gCMu’hi l.äiU'ii. 'Auf der anderen Seite verfielen die Deutschen, die dm Kern der Majorität bildeten, in den Fehler, nur persönliche Angriffe zu wittern, wo Sachlichkeit und guter Wille vorhanden war. So wurden die Gegensätze künstlich verschärft, und als in letzter Stunde die Unmöglichkeit zu Tage trat, auf Grund der Vorschläge des Permanenzausschusscs die Wahl der Leitung vorz.unehmen, als man sich genötigt sah, die alte z.unchmen, als man sich genötigt sah, die alte Leitung wieder cinz.usct/eu, weil alle anderen Kombinationen unausführbar waren, da lagerte eine böse Verstimmung über den Delegierten, und man gestand sich deprimiert, dass diese richtige Frage eine ernstere Vorbereitung erfordert hätte. Der IX. Kongress hat keine. Schlagworte ausgegeben und wenig neues gebracht. Aber er hat einige wichtige Beschlüsse gezeitigt, hat aller Welt gezeigt, dass wir gut organisiert und im Wachsen begriffen sind und hat endlich allen Delegierten Lehren erteilt, die g a r n i c 11111 o? h g e n u g b c w e r t e t w e rden könne 11. Diese I.ehren aber sind: Erstens: Es gibt heute im Zionismus keine prinzipiellen Gegensätze mehr. I lie Notwendigkeit praktischer Arbeit wird nirgends mehr bestritten, und nur über das 'l’cmpo der Arbeit herrschen Meinungsverschiedenheiten. Die Notwendigkeit politischer Arbeit wird gleichfalls allseitig anerkannt, denn sie folgt aus! dem nationalen Charakter unserer Bewegung, der von allen Zionisten mehr als je betont wird. j Zweitens: An der Spitze unserer Bcwe- 1 gung steht ein Mann, der für die Leitung der zionistischen Organisation unentbehrlich ist. Die Forderungen der Gegenwart, die gewisse Reformen in der Zusammensetzung der Leitung und im Zusammenwirken der führenden Man- 11er erheischen, müssen mit dieser Tatsache in Einklang gebracht werden. Ein Ausgleich kann nicht durch Abstimmungen auf dem Kongress erzielt werden, sondern durch sorgfältige Er-