Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 71 Vom ersten Augenblick seiner Ankunft in Odessa sind seine besten Freunde, seine Hatgeber und ständigen Gäste auf seinem Bureau, die Führer des Odessaer Verbandes des russichcn Volkes, die Herren Oraf Konownitzyn, Pelikan und andere. Ai!e seine Eindrücke und Vorstellungen über die städtischen Angelegenheiten, sowie alle Beschlüsse, holt sich General Toltmschcw von diesen berüchtigten Vcrbündlern. .Pen» entsprechen natürlich auch die Taten des neuen StattlK*lccrsr. von denen einige hier angeführt seien: 1. Zum Zweck der Selbstverteidigung geen die ״Expropriatoren" hat der neue Ocneralgouvcrneur die Idee der Selbstbcwafinung der Bürger verwirklicht. Aber wie? Pen Christen wird die Erlaubnis 7.um Wafientragen sehr leicht gegeben, namentlich wenn sie irgend eine Empfehlung vom Verbände des russichcn-Volkes haben: der. Juden aber wird die Sache ausserordentlich erschwert. Sic müssen nämlich ein Zeugnis über ihre politische Zuverlässigkeit beibringen. Pie Behörde, die solche Zeugnisse gibt, ist der neu und auf uugesetzmässige Weise, infolge der Verwendung des mit dem Verbände des russischen Volkes gut befreundeten Rabbiners Awinoxvltzki. geschaffene Snvagogenrat. Es ist sclbstvcrstündlieh, dass niemand es wagt, sich an diesen Rat zu wenden, der cs übernommen hat. solche Polizeispitzel-Funktionen zu erfüllen. Fis ist leicht, sich vorzustellen, wer bei diesen Verhältnissen Waffen zu sogenannter Selbstverteidigung in die Hand bekommt und gegen wen diese Waffen sich richten können. In seinem nculiclten von uns gekennzeichneten Angriff des (jscbäftsfiilirers der Deutschen Konforcnzgemeins'chait der Alliance Israllitc Universelle, des ehemaligen Redakteurs A. M. Klaussner, auf Pr. Kchemarjalu! L e w i n berief sieb * Klaussner auf Awlnowltzki als den Vertrauensmann der iliance. Er bezeiclmete ihn dabei als Z i o n i s t e n f ii h r c r. Wir wiederholen die damalige Feststellung, dass die ZionisMsehe Partei den cchtrussischcn Rabbiner nicht zu den Ihrigen zählt und ihn denen überlässt, die zu ihm Vertrauen haben. Terror in Odessa Die ..patriotische“ Tätigkeit des Verbandes des russischen Volkes hat. nicht, ebne das Verdienst uusc/es neuen Gcnerai-Gouvcrneurs und Stadtbauptmannes, General Tolmatschow. in letzter Zeit etwas nachgelassen. Umsomehr haben wir aber zurzeit unter der Anarchistenplage zu leiden. Dabei zeigen auch diese Herren eine merkwürdige Vorliebe für Juden. Die frechen bewaffneten Ueberfälle auf jüdische Geschäfte mitten am hellen Tage häufen sich in erschreckender Weise, und hfiuiig kosten sic. bei der hekannten Skrupellosigkeit dieser ..Terroristen“, den Inhabern der Geschäfte das Lehen. Es ist bereits so weit gekommen, dass unser jüdischer Mittelstand in-einem formliehen T r i b t! t v e r h ä 11 n i s zu. dem Gesindel steht. Eine Leistung der Odessaer Stadtduma In Odessa gibt es zwei öffentliche Krankenhäuser, ein allgemeines, richtiger: ein christliches, imJ ein jüdisches. Pas allgemeine. Jugenrcine“ Krankenhaus wird von den städtischen Steuerzahlern, die zu SA aus Juden bestehen, unterhalten. Pas־ Natürliche wäre nun. dass das jüdische Krankenhaus, in welchem zum Uebcrfhiss noch gewöhnlich eine grosse Anzahl christlicher Kranker — durchschnittlich 25 Prozent — bcbamloU werden, rein aus äusseren Gründen, so z. B. schon wegen der koscheren Verpflegung, sozusagen nur technisch vom allgemeinen getrennt wäre, während der Kostenaufwand desselben gleichfalls von dem allgemeinen städtischen Säckel bestritten werden müsste. In Wirklichkeit aber bezog das jüdische Krankenhaus von der Stadtduma nur die Verhältnismassig geringfügige Subvention von 17 OdO Rubel jährlich — ca. 10 Prozent des gesamten Aufwandes. Dieser Tage fasste nun.unsere Stadtduma den Beschluss, dem jüdischen Krankenhaus auch diese Subvention zu entziehen. In den Motiven, die dafür von den Stadträten angegeben wurden, heisst es u. a.: ״weil am jüdischen Krankenhaus nur jüdische Acrzte angestellt sind.“ — Gleichzeitig wurde auch dem jüdischen Waisenhaus und dem jüdischen Sicchenhaus ihre Subvention entzogen. Palästina Riscfi&n-le-Ziön Nach langer Depression ist hier endlich wieder ein Aufblühen des Geschäftslebens zu verzeichnen Der Verkauf von Wein der Karmelgesellschaft zeigt wieder ein erfreuliches Aufblühen. Augenblicklich wird hier der Plan der Anlage einer Kanalisation eifrig erörtert. Dadurch soll es jedem Kolonisten ermöglicht werden, seine Gartenanlagen selbst zu bewässern und auf diese Weise im Haushalt namhafte Ersparnisse zu machen. Pie Lesehalle ist jetzt wöchentlich viermal geöffnet, und wird von den Kolonisten eifrig besucht. Die Bibliothek verfügt über eine grosse Anzahl auch nichtjüdischer Werke, aucli liegen sämtliche jüdischen Zeitungen auf. Das Bureau des Hapoel-Hazair macht bekannt, dass in der Nachbarschaft von Tibcrias und Sedschera Nachfrage nach Arbeitskräften hcrrsclit. die dort gegen hohen Lohn beim Austiocknen der Sümpfe Beschäftigung finden können. Die letzten Regengüsse haben auf die Landarbeit sehr wohltuend gewirkt, die Arbeiten sind jetzt in vollem Gange. Ein langgehegter Wunsch unserer Kolonien soll jetzt in Erfüllung gehen. Seitdem die Kolonisation wuchs wurde das Bedürfnis nach einer offiziellen Vertretung bei der türkischen Regierung oft lebhaft empftindcn. Die Angelegenheit ist nun in die Hände eines Rechtsanwahs gelegt und in die richtigen Wege geleitet worden. Ekrön Unsere seit drei Jahren bestehende Schule macht bedeutende Fortschritte. Sie zählt jetzt 39 Schüler. Intercssant ist. dass s׳ch ein Teil dieser Schüler gegenseitig ver- P’lichtet hat. überall, in der Schule sowohl wie im Hause, lediglich Hebräisch zu sprechen und ihre hebräischen Sprach- Kenntnisse auch nach Verlassen der Schule weiter zu pflegen. Jerusalem. Von einer amerikanischen Gesellschaft, die vom Cliacham-Basehi empfohlen wird, wird angekündigt, dass sie gegen 7 j Verzinsung die Gesamt-Amortisation in 27 Jaliren Häuser für Juden aufbauen will.faHs sich wenigstens 5• hh» Interessenten finden. Bei einer grösseren Zahl soll der Zinshiss 6 ■rbetragen. Der Bezalei hat in der letzten Zeit merkliche Fgrtschritte gemacht und ist auf dem besten Wege, eine umfangreiche produktive Arbeit aufzunehincn. Die Abschiedsfeier des Chaeham-Basclii Jakob Meir gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung des Vertrauens und der Wertschätzung. Die Kolonie der bulgarischen Juden in der Nähe von Jerusalem — der neue Cliacham-Basehi schriit der Berliner Gesellschaft für Erdkunde mit. Er ist Mitte von Saloniki ist aus Bulgarien gebürtig — sowie die Einwohner von Artüf begrüssten Rabbi Meir bei seiner Ankunft und spendeten ihm und seinen Begleitern Kränze. An der Bahnstation in Jaffa erwartete eine 30ö0köpfige Menge den Chacham-ßaschi und empfing ihn mit brausenden Hedädrufen. Per Präfekt von Jerusalem stattete ihm einen Besuch ab. Am letzten Abend seines Jatfacr Aufenthallfl fand eine öffentliche Ver- Sammlung statt, in der die Herren Pr. Messensohn. Dr. Scheinkin und Pr. Turoff Ansprachen hielten. Rabbiner Jakob Meir dankte in tief empfundenen Worten und gab der Hoffnung Ausdruck, dass cs ihm gelungen sein möge, für das Wohl seiner B!iider Im Heiligen Lande Erspriessliches zu leisten. Safeü Hier hat sich ein Verein gebildet, der die Errichtiing eines jüdischen Volkshauses mit Lesehalle und Leihbibliothek in Angriff nehmen will. Arbeiter-Heimstätten in Palästina Die jüdischen Kolonien in Palästina litten und leiden noch ausserordentlich unter dem Mangel an geeigneten Wohnungen für jüdische Arbeiter. Gäbe cs heute in den jüdischen Kolonien Arbeitcrhüuser. so könnten schon jetzt in vcrschiedenen Kolonien mindestens einige tausend jüdische Arbeiter dauernde, lohnende Beschäftigung finden, und für viele von ihnen wäre die Möglichkeit gegeben, sich später als Kolonisten niederzulassen. Damit würde die ״jüdische Unterschicht" (nach einem Worte Franz Oppen'- h e i nt e r s) langsam geschaffen werden, ohne die eine bodenständige jüdische Bevölkerung in Palästina nicht denkbar ist. Aus diesen Gründen hat sich ,vor kurzem eine ״Arbeiter- Hcimstätten-Genosse nscliait“ gebildet, die als englische Gesellschaft in London registriert ist. ihren faktischen Sitz jedoch in Jaffa (Palästina) hat; sie ist dort der Leitung des Chefs des Palästinaamtes unterstellt. Die Genossenschaft gibt Anteile zu einem Pfund (20.JO Mk.) heraus, die jährlich mit 3 Prozent verzinsbar sind. W'ährcnd sie selbst von den Untergenossensehaiten. die den Bau der Häuser ausflihren. für das dargebotene Kapital *I Prozent erhält. Durch dieses Unternehmen wird cs möglich sein, eine grosse Anzahl von Häusern auf einmal zu erbauen, wodurch wieder eine bedeutende Verbilligung, sowohl der Baukosten wie des Rohniatcrials erzielt wird. Es ist beabsichtigt, die Verzinsung und Amortisation so zu regeln, dass es den Arbeitern möglich wird, nach einer Reihe von Jahren Besitzer der von ihnen bewohnten Häuser zu werden. Gleichwohl wird es sich erreichen lassen, dass die Mieten noch erheblich geringer sein werden, als bisher üblich. Von einigen wenigen Freunden sind für die Genossensehait bereits einige Tausend Mark gezeichnet worden, und es steht zu erwarten, dass, wenn die Gesellschaft erst mit Unterstützung der palästinafreundlichen