Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 194 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46 sammclt.en hcrabsali. begann die interne Sitzung um 4 Uhr mit einer Bcgrüssungsansprache des Vorsitzenden der Ortsgruppe Kattowitz, Herrn Arnold Wiener. Der Redner gab zunächst seiner Freude darüber Ausdruck, dass die junge Kattowitzer Ortsgruppe den Zionistentag bei sieh begrüssen dürfe, und dass eine so stattliche Anzahl Gesinnungsgenossen dem Rufe der Leitung Folge gegeben habe. Oberschlesien mit seiner zahlreichen jüdischen Bevölkerung biete ein weites Feld fiir zionistische Arbeit. Trotzdem seien die Schwierigkeiten ausserordentlich gross und infolgedessen die Anzahl der organisierten Zionisten verhältnismässig gering. Fs sei eben nicht leicht, die Menschen fiir ein Ideal zu interessieren, wenn cs nicht ihre materiellen Interessen berührt. Die Zionisten seien berechtigt, für das .!üdischc Volk zu sprechen, denn sie haben die F.xistcnznotwendigkeit desselben erkannt. Der Zionismus sei der Sauerteig des Jüdischen Volkes. Fr bringe dessen Kräfte zur Gährung. Mit den Worten: ״Itn Zeichen Zions hegriisse ich Sie und wünsche Ihren Beratungen gedeihliches Gelingen.“ schloss der Redner seine gedankenreiche, eindrucksvollc Ansprache. Fs folgte nunmehr die Wahl des Bureaus. Aus ihr gingen hervor: I. Vorsitzender: l)r. Stahl-Tarnowitz, 2. Vor־ sitzender: Arnold Wiener-Katt.owitz, 3. Vorsitzender: Besser- Peuthen. 1. Beisitzer: Dr. Kassei-Ralibor, 2. Beisitzer: Fürder- Gleiwitz. 3. Beisitzer: Referendar Dr. Frünkcl-Königshütte. I. Schriftführer: Referendar Kothmann-Gleiwitz, 2. Schriftführe! : Referendar Schntz-Zabize. Hierauf erstattete der Vorsitzende des Gruppenverbandes Dr. Stahl-Tarnowitz Bericht über die Tätigkeit des Aussehusscs. Fs gäbe in Oberschlcsien 9 Ortsgruppen. 4 Vertraucnsmünner. 610 Schukel/ahler. In der bisherigen Arbeit seien viel Fehler gemacht worden. Die Organisation sei, mangelhaft gewesen, weil der Kontakt der Ortsgruppen untereinander nicht vollständig gewesen und weil die Leitung von den Mitarbeitern im Stiche gelassen worden sei. Darauf legte der Redner die Grundlagen der neuen Organisation an der Hand des Statuts dar und zählte die. Veranstaltungen im verjiossenen Berichtsjahre auf. Nach Verlesung einer Bcgrfissungsdepcschc des Präsideuten des deutschen Zentralbureaus Dr. Bc-denheimer ging Herr Dr. Stahl zu seinem Referat: ״Zionistische Arbeit in Oberschlesien“ über. Redner empfahl in diesem den Ortsgruppen, regelmässige Sitzungen abzuhalten, den Mitgliedern die JÜDISCHE RUNDSCHAU gratis ztikemmen •tu lassen und hierfür die Mitgliedsbeiträge zu erhöhen. Bei der Einziehung der Beiträge sollten Broschüren verteilt und diese in der darauffolgenden Sitzung zum Gegenstand der Diskussion gemacht werden. Redner appellierte an die Mitarbeit aller Gesinnungsgenossen; nur dann könne ein Erfolg erreicht werden. In der darauffolgenden Diskussion bemängelte Herr Carl Löwy-Gieiwitz. dass von den Einnahmen der Ortsgruppe zu viel fiir Organisationsimkosten ausgegeben werde, während die zionistischen Gelder in der Hauptsache den zionistischen •Fonds zuflicsscn müssten. Es empfehle sich, um ausserhalb unserer Bewegung stehende Personen hcranzitziehen und für unsere Zwecke vorzubereiten, nicht rein zionistische Vereine zu gründen, wie Jugend־. Frauen- und Turnvereine. ,Vereine zur Förderung von jüdischer Kunst und Literatur usw. Ein solcher Versuch sei erst kürzlich in Gleiwitz mit der Gründung eines jüdischen Jugendvereines gemacht worden. Lesser-Bcuthcn empfiehlt, von grossen, kostspieligen Agitationsvorträgen Abstand zu nehmen, da ihre Anziehungskraft sehr cingebiisst habe. Der Radikalismus und die Mass- ,!osigkeit. mit der bisher vorgegangen worden sei, müsse aufgegeben werden. Man müsse besonders danach streben, die Jugend fiir unsere Ideale heraiizuziehen, von dieser die Arbeitskräfte, vom Alter materielle Opfer zu verlangen. Der Redner bedauert lebhaft, dass das Zentralkomitee keinen Vertretcr entsandt hat. Dr. Kassel-Ratibor: Das Wachsen der Mltglicderzahl in den einzelnen Ortsgruppen sei nicht ein Zeichen fiir den Fortschritt der Bewegung. Etwas Grundfalscheres könne gar nicht gesagt werden, als dass der Zionismus zu radikal sei. Fr sei im Gegenteil zu wenig radikal. Der Zionismus sei heute in Oberschlcsien allgemein bekannt. Wer nicht Ui unsere Ver- Sammlungen komme, sei entweder zu dumm oder zu feig oder zu indifferent.!Nichts sei leitliter als Ortsgruppen beliebig zu vergrösseru. Die Ortsgruppen seien vielfach zu gross als zu klein. Der Zionismus sei die Selektion derer, die berufen sind, das echte Judentum zu erhalten und fortzupflanzcn. Grosse Versammlungen •seien überflüssig. Das von Löwy-Gleiwitz vorgeschlagene Mittel, die Gründung viertel- und halbzionistischen Vereinen sei bereits ohne Erfolg versucht worden. Der Vorsitzende verliest ein Bcgriissungsschreibcn des deutschen Zcntralbureaus. Alsdann ergreift Herr Dr. Sandler- Breslau, mH lebhaftem Beifall begriisst. das Wort zu seinem Vorträge über ״Städtische und ländliche Kolonisation in Palästina", . Der Redner gab zunächst einen kurzen Rückblick über unsere bisherigen K״!onisationsversucl1e in Palästina. Zwei Arten von Kolonieen haben reüssiert, 1. diejenigen, die der Privatinitiative ihr Dasein verdankten und 2. diejenigen, die auf dem Prinzip der Selbständigkeit beruhten. Die Richtigkeif des ersten Piinzips beweise, die blühende Kolonie \on Petach-Tikwah. wo innerhalb von 20 Jahren der Wert des Landes um das Zwanzigfache gestiegen sei, und deren Orangengärten einen Wert von 5 Millionen Francs remäseiitierten. Fs werden deshalb 1--1!׳•» Millionen Orangen geerntet. Dasselbe beweise Moza: dahin sei der erste Kolonist mit wenig Geld gekommen und habe sich selbst ans Steinen ein kleines Haus gebaut imd heute besitze er ein grosses Haus und grosse Weinniederiagcn in Jerusalem. Das beweise ciullieh auch Rcclioboth. dessen Boden eine •I -20 fache Wert- Steigerung erfahren habe. Das Prinzip der Selbständigkeit sei in den ehemals Rotschildschen Kolonien cingeführt worden, die zunächst infolge schlechter Administration sich nicht haben entwickeln können. Als sie von der JCA üben.ommei! w urden, blühten sie auf. Die lea habe die Kolonisten zunächst als Landarbeiter beschäftigt und einen 'Feil des von ihnen verdienten Lohnes zu; iickbehalten. Sobald sie einige Ersparpisse gemacht und die notigen landwirtschaftlichen Frfahrungen gesammelt hatten, verpachtete man ihnen Fand zur eigenen Bearbeitung, das sie kindlich erwerben komueii. sohak! sie sich das hierzu nötige Geld erarbeitet hatten. Fan drittes Kolonisaiionsprinzip schlage Franz Oppenheimer vor. das der Siedehmgsgenossenschaft, dessen Prüfung und Realisierung der VIII. Kongress der Palästinakommission anlieimgestelit habe. Diese Idee sei jedoch mir in kleinem Kreise ausführbar. Wenn wir grosse l'ortscliritte machen. Massenkolonisation treiben wollten, müssten wir die grosskapitalistische Methode anwenden, ('!rosse Gesellschaften müssten Land in Massen ankauien und kleine Bauern ansiedeln und zwar nach von der JCA angewendeten Prinzip der Selbständigkeit. Dä die bestehenden Gesellschaften sich nicht mit den! Ankauf von Land im Grossen befassen, müssen wir solche Gesellschaften gründen, die den vorhandenen jüdischen Länderkomplex vermehren. Hierzu sind wir gerade jetzt imstande, solange^ sich Palästina auf der ersten Kulturstufe befindet. Ein Anfang ist bereits mit den Gesellschaften Gc'ulah, Agudath Nethnlm und Mcniiclulh Wenachlah gemacht. Wenn auch die landwirtschaftliche Kolonisation die Hauptsiche ist, so dürfe Inan nicht die Industrie vernachlässigen, durch die wir viele Juden ins Land bringen können und die mehr Einwanderer ernähren können als die Landwirtschaft, Wir müssen unsere Kapitalien so anlcgen. dass durch diese unsre politische Macht im Lande verstärkt werde. Die Bodcnschütze, die unausgemitzten Wasserkräfte, die noch nicht gehobenen Metalle müssten wir uns nutzbar machen. Kon- Zessionen fiir Fiseubalmbau, Bewässerung. Hafenbau und Bankgriinduiigeii zu erwerben suchen. Die Hausindustrie habe in Palästina eine grosse Zukunft, da man dort zu billigen Preiseit arbeite, als sonst in Europa. Neben der wirtschaftlichen Methode dürfe die politische und kulturelle nicht in den Hintergrund treten. Der Redner w eist auf den Einfluss hin, den die Amerikaner durch Gründung eines College in Bcyruth, die Deutschen durch Gründung des evattg. dcutsch-arehäologischcn Instituts gewonnen haben. \Vi! brauchen eine jüdische Universität. Dadurch, dass der Ifilfs- \ ercin die hebräische Sprache zu einer Umgangssprache gemacht habe, habe er mehr genützt, als durch Gründung von 2n Kolonie:!. Fine weitere Aufgabe sei die Verbreitung der Kenntnis von Palästina, über das die unglaublichsten Vor- Stellungen herrschten. Alle diese genannten Methoden, die wirtschaftliche, politische und kulturelle, können nur zusammen den Erfolg bringen, keine dürfe iiir unwichtig erklärt werden. Wenn wir unsre Tätigkeit in diesem Sinne umfassen, dann dürfen wir getrost unserm Volke zürnten: ״In hoc signo viuces’*' <*.* v f j$s 11 hHOil; M V^Ü vVklll