Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 20 Seite 190 JÜDISCHE KUNDSCHAU zwei Stunden erklärt und zwar so objektiv, dass nach meiner Darlegung noch ein Schüler mit der Frage an mi '. iierantreten konnte: ״Sie sind doch nicht Zionist, Herr Doktor?“ ״s ist mein Wirken für den Zionismus am Falkudgymnasium. Dieses Wirken fällt in den Dezember .905, drei Monate vor meinem Amtsantritt, zwei Monate vor den Verhandlungen. Ich habe *dies s. Z. Herrn Jacoby In Gegenwart des Herrn Lllienthal erklärt und aus diesem Grunde alle Vorhaltungen zurückgewiesen. Wie kommt unter diesen Umständen Herr Lilienthal dazu, mit mutiger Stirn zu behaupten, ich hätte ״zu einer Zeit, da ich am Falkreal־ gymnasium den Schülern vom Zionismus .sprach, mich durch die Annahme verletzt gefühlt, ich könnte das Kätheder zu politischer Propaganda benutzen?" Wer hat übrigens dem Vorstand der jüdischen Gemeinde erzählt, dass ich wegen zionistischer Propaganda vom Falkrealgymnasium fortkam? In meinen Händen befindet sich nur ein Brief des Direktors, Dr. Schellbach, in dem er mir am Schluss des Semesters für den bereitwilligst übernommenen Rcliglonsunterricht seinen Dank ausspricht. Punkt 2: Inkorrektes Verhalten gegen einen Oberlehrer: Ich hätte einen Oberlehrer über dessen antisemitische Aeusserungen sich Schüler bei mir beklagten, ״entgegen den üblichen Gepflogenheiten direkt zur Rede gestellt, anstatt die Eltern und Schüler auf den Weg d;r Bschwerde zu verweisen." Dieser Vorwurf ist empörend, nicht bloss, weil seine Behauptung den Tatsachen widerspricht, sondern weil Herr Lllienthal eigentlich wiederum wissen müsste, wie es ln Wahrheit mit dieser Behauptung steht. Denn ich habe in jener Unterredung, in der mich Vorsteher Jacoby wegen meines Verhaltens am Falrealgymnasium zur Rede stellte, Im Beisein des Herrn Lllienthal lauf und vernehmlich erklärt, dass ich zuerst zu den Eltern ging — ich habe damals sogar Namen genannt und kann sie noch heute nennen — und als dies bei der allgemein bekannten und au.h verständlichen Abneigung von Eitern gegen iede Art Beschwerden schon beim ersten Besuch, den ich machte, vollständig misslang, nicht etwa gleich den Oberlehrer zur Rede stellte, sondern erst noch eine ausführliche Rücksprache hatte mit einem der angesehendsten jüdies noch ein anderes Mittel, ein zuverlässigeres, bewährtere* “ ״Was‘für ein Mittel?“ ,,An den Galgen mit ihm, oder niederschlagen diesen russischen Hund!“ zischte Potocki, indem er den Pater verlicss und sich dem schlummernden Pan Wir- Kinski näherte. Der Pater schickte ihm einen wütenden Blick nach. Seine Lippen verzogen sich zu einem teuflisejien Lächeln. ״Schämen Sie sich, meine Tochter!“ flüsterte er dann Panna Oda zu und seine unheimlichen Augen versenkten sich tief in die ihrigen, während seine Lippen süss lächelten. ״Was habe ich denn verbrochen, mein Vater,“ sagte Oda mit bebender. Stimme. ״Sie verstehn es nicht, sich zu beherrschen und schaden sich und uns. Sehen Sie denn gar nicht, dass Ihren feurigen Blicken, gerichtet dahin .... wo sie nicht sollen, die ganze Gesellschaft folgt und dass Ihr ... . . Ihr Freund es schon gleichfalls bemerkt? Sind Sie ein Junges Mädchen, das sich nicht zu beherrschen vermag? Oder ....?“ sehen Rechtsanwälte Berlins, einem — nein, nicht einem, sondern dem, unserem Führer im Kamp.e gegen den Antisemitismus. Abir auch dann noch stellte ich den Oberlehrer nicht zur Rede. Das geschah erst, als noch in derselben Woche ein Vormund — ich kann wieder den Namen nennen — zu mir in die Wohnurg kam und mich um Schutz bat, weil derselbe Lehrer sein Mündel in der letzten lateinischen Stunde angemauschelt habe. Da erst stellte Ich ihn zur Rede. Inkorrekt, sagt der Direktor. Man s:he hier, wie inkorrekt! Ich schrieb ihm folgenden Brief: ״Sehr geehrter Herr Professor! Als Rdigionslehrer der jüdischen Schüler des Falkrealgymnasiums sehe ich die Pflicht, Ihnen von Folgendem Mittei um zu machen: Es haben sich Schüler Ihrer Klasse bei mir beklagt, dass Sie am Sonnabend, dem 3. d. M. in der deutschen Stunde von den Freunden Leasings. Nicolai, Ramler und Moses Mendelssohn geredet ur.d da;ei den Namen Moses so prononziert ausgesprochen hat ei, dass in der Klasse ein deutliches Gelächter erfolgte und gleichzeitig ein Schüler den Zwischenruf Mauses ertönen liess. Beides sei von Ihnen nicht moniert worden. Ich habe cs für eine Pflicht der Kollegialität crachtet, Sie betreffs dieses Gespräches zunächst persönlieh um Aufklärung zu bitten. Ich hege die Hoffnung, dass Sie mir diese Aufklärung nicht verweigern werden. . _ Mit vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst Rabbiner Dr. Emil Cohn. Inkorrekt, sagt der Direktor. Ich hätte wohl zu ihm laufen sollen und denunzieren? Nein, Ich tat es nicht. Der Lehrer aber gab mir, ni.ht in erregter, wie Herr Lilienthal sagt, sondern in ruh gstef und höflichster Unterredung die Aufklärung, die ich wünschte. Damit war der Fall aufs gütlichste für mich erledigt. Es sind mir nie wieder Klagen über den Lehrer zu Ohren gekommen. Und aus diesem Verhalten, das wie gesagt, noch vor meiner Anstellung liegt, wagt mir jetzt, fünfviertel Jahre später, der Vorstand einen Strick zu drehen? Dass ich jüdischen Kindern, die, als ich an jenes Oymnasium kam, unter dem Hohne und Spotte def Mitschüler gedrückt gingen, ein Helier war. das soll ein ״Verzeihen Sie, mein Vater, ich war schwach . . ״Schwächlinge brauchen wir nicht! Hüten Sic sich! Ich warne Sie zum letzten Male!“ schloss Pater Benediktus mit süsslichem Lächeln und lenkte seine Schritte nach jener Ecke, wo Wanda und Chmieinicki standen. Wanda bemerkte das Herannahen des Paters. Sofort verliess sie den jungen Menschen und ging Jenem entgegen. ״Meine Tochter,“ begann der Pater mit dem gleichen ununterbrochenem Lächeln, ״störe ich?“ ״O nein, mein Vater, mich kann niemand stören« selbst Sic nicht, mein Vater — verzeihen Sie diese Offenheit.“ ״Seelsorger stören nie und niemand; sie bessern nur, was allen nötig kt, selbst einer so stolzen Dame, wie Panna Wanda.*7'״״ ״Mich bessern?“ , ,,Ach ja, meine Tochter.“ ״Ich weiss aber an mir nichts . . . ״Die schwersten Sünden sind diefenigen, welche der Mensch begeht ohne Zweck, ohne Not, ja nicht einmal unter dem Einfluss einer entschuldbaren Leiden-