Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- VII (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 17 verschiedenen kleinen Difierenzen, die manchmal einen für Unbeteiligte recht drolligen Ausdruck fanden. Als der Saal gefüllt war. wandten alle neuen Ankömmlinge sich zuerst nach einem nur zum teil besetzten Tische, den ein Komiteemitglied allen Prägern als für die Vorstandsmitglieder und deren Angehörige reserviert bczcichncte. Ein behäbiger älterer Herr, der sich ohne weiteres herangesetzt hatte und von dem jungen Manne auf die besondere Bestimmung des Tisches aufmerk־ sain gemacht wurde, erwiderte stolz: ״Ich gebe auf Ihrem Sagen nichts!** und bemerkte dann zu einem Bekannten, dem er einen Platz neben sich angewiesen hatte: ״Ach, was ki«m־ mert mich das• Hier muss stehen ״reserviert״ und dann muss ich wissen, wer das ist!“ Auch andere Gäste gaben auf die höfliche Vorhaltung des jungen Mannes: ״Verzeihen Sie, hier ist reserviert!“ einfach zur Antwort: ״Ich seh* nischt!“ und erwiderten auf weitere Fortweisungsversuche in cnergischem Tone: ״Wollen Sic so gut sein und uns nicht inkommodieren?" , Nachdem der Vorsitzende Zahnarzt Schachtel die Versammlung eröffnet hatte, nahm der Redner des Abends das Wort. Dr. Lew in, der auf deutschen Universitäten studiert hat und — wie er gelegentlich crwänhtc — früher Rabbiner war, gab sehr bald eine hervorragende cthorischc Begabung zu erkennen. Er beherrscht die deutsche Sprache — aligesehen von dem immerhin unverkennbaren russischen Accent und dem gelegentlichen Gebrauche von hebräischen Worten und Zitaten — wie ein gebildeter Deutscher, und er sprach mit eleganter Stilistik, beredt und anschaulich. Zunächst schilderte er das gedrückte, von ständigen Gefahren bedrohte Lehen der Juden in Russland, die dort auch unter den jetzigen Verhältnissen trotz ihrer Zahl von 5 bis 6 Millionen politisch kraft- und machtlos seien. Ihre Emanzipation werde ja als historische Notwendigkeit einmal kommen, aber bis dahin wurden sie noch viel zu erdulden haben. Im letzten Jahre seien ungefähr 250 000 Juden nach Amerika ausgewandert, und hei einem Studium der Verhältnisse in Amerika habe er gefunden, dass dort die Juden mit ihren. Bildungsdrange und ihrer Energie alle bürgerlichen Rechte erlangen könnten und vielfach erlangt hätten. Aber was das wichtigste sei, werde ihnen auch dort verweigert: die gesellschaftlichc Gleichberechtigung, die man nicht durch gesetzliehe Akte verleihen könne Und das liege wie üben 11 in der Welt, int tiefsten Grunde daran, dass die Juden ihre Tradition, ihre Vergangenheit auf gegeben hätten, dass sic keine einheit- - liehe Nation mehr seien, dass sie — diesen Ausdruck gebrauchte dann der Redner mit Vorliebe immer wieder — keine Firma hätten. Ihre künstlerischen, ihre wissenschaftlichen Leistungen träten nirgends geschlossen hervor, sondern bereicherten nur die anderen Nationen, in deren Mitte sie gerade lebten, aber für ihre Mängel bürde man dem Judentum die Verantwortung auf. Wolle das Judentum wieder volle Geltung erlangen, wie irgend eine andere Nation, dann müsse es sich wieder .eine Firma schaffen, es müsse sich wieder zu einer Nation zusammcnscharen. und das gehe nur durch den Zionismus, für den der Redner am Schlüsse lebhaft plädierte. Seinern Vortrage folgte stürmischer, lang anhaltender Beifall. Nach einer Pause beantwortete Dr. Lew in verschiedene inzwischen schriftlich eingegangene Fragen. ״Welche Formen die Religion des zionistischen Staates annehmen werde?•‘ Das lasse sich noch nicht bestimmt Voraussagen, aber jedenfalls werde das Judentum dann wieder seine geistige Nahrung von der alten Wurzel bekommen. ..Ob es möglich sei. den Zionismus mit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu vereinbaren?“ Ja. denn mit dem Fortschreiten der Kultur ent- Wickele sich der Individualismus, und Nationalismus, sei kollektiver Individualismus: wer auf dem Standnunkt der modernen Naturwissenschaft stehe, müsse also Nationalist sein. Wie sich der Zionismus zum Patriotismus stelle? Jetzt habe der Jude kein eigenes Land und deshalb traue man ihm keinen Patriotismus zu. weil man seine Anhänglichkeit an das Land. In dem er lebe, als eine vielleicht nur notecdrunccne betrachte. Habe erst die freie Wahl zwischen zwei Ländern, dann werde sein Patriotismus auch glaubhaft erscheinen. So weit die ״Schlesische Zeitung". Uebcr den weiteren Verlauf der Versammlung wird uns von anderer Seite berichtet: Nach der Beantwortung der eingclaufcnen Fragen ergriff als Opponent das Wort Herr Dr. Freund, bisher Rabbiner in Ostrowo der demnächst als zweiter Rabbiner nach Hannover kommt, also die Stelle übernimmt von der s. Zt. hannoversche Blätter berichteten, dass sie nur ein Mann mit ausgesprochen antizJonistischem Programm erhalten solle. Er wandte sich gegen den Zionismus, weil dieser auch atheistische Juden noch als Juden betrachte (was nebenbei bemerkt auch der ״Zentral־ verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ tut), dadurch würde nach des Redners Auffassung das Judentum untergraben. Die Zionisten sollten lieber Gegonw artsarbc f treiben, und nicht die Bedrängten auf zukünftige Dinge vertrösten. Es f'c! Herrn Dr. Lcwiu natürlich leicht, diese schwachen Angriffe zu widerlegen. Der Opponent versuchte auch nicht etwa, darauf zu entgegnen, sondern, sondern kam mit neuen, noch schwächeren Einwänden gegen den Zionismus, so dass docli der Zionismus sehr gefährlich sein müsse da sich doch orthodoxe und ncologe Rabbiner zu seiner Bekämpfung vereint hätten. Herr Dr. Lewin hätte nach seiner, des Opponenten. Auffassung besser daran getan, nach dem Teil der Rede, der die Lage im Auslände schilderte, zu einer Sammlung für die russischen Juden aufzuiordern. Es wäre gewinn ..ein hübsches Sümmchen“ dabei zusannneneckormncn. Es sei leichter, zu sagen, man sei Zionist, als 100 Mark zu geben. Der Redner geriet in ziemlche Erregung und vergass sich an einer Stelle so weit, von irgend etwas zu sagen: ״Sb einen Unsinn behauptet kein Rctornirabbincr. kein orthodoxer Rabbiner, so etwas kann nur ein Zionist sagen.״ Dass ihm dann Herr Dr. Lewin gleichfalls mit einiger Erregung erwiderte, war klar, alter der Opponent war wenig damit einverstanden, dass ihn Dr. Lewin da fragte, was für ein Rezept denn er und seine Amtskollegcn. die doch nur Snrechnmchinen der Gemeinde- Vorstände seien, zur Erhaltung des Judentums hätten, und was er sich denn bei den Worten: ״Lescbonoli haboo birusebo* lahr.“ denke, und oh er wisse, was für Opfer die Zionisten, rrcht bloss materieller Natur häufig bringen müssten dass man sie sogar wegen Ihres Zionismus aus Aemtern entlasse, dass cs allerdings Seelen gebe, die noch viel weniger als lud Mark wert seien. — Das alles gefiel dem streitbaren Opponenten wenig, und er unterbrach den Redner immerwährend, wodurch eine grosse Unruhe in der Versammlung entstand, die mit Mühe nur wieder gedämpft werden konnte. .Es dauerte.“ wie die oben genannte Zeitung schreibt. ..ziemlich lange, bis die Wogen der Erregung soweit abgeebbt waren, dass man das Schlusswort des Dr. Lew'n wieder höreil konnte. Er erklärte, jeder Jude sei verpflichtet au den zionistischen Zu* kunftsstaaf zu denken, sonst würden die Fremden ihn dazu zwingen. Und man werde im Zukunftsstaate nicht engherzig sein und auch diejenigen aufrehmen. die vorher von ihm nichts hätten wissen wollen. .Abermals lebhafter Beifall, und dann wurde um 11H־ Uhr die Versammlung geschlossen. .Auf dem Podium aber disputierten nun Dr. Lewin und Dr. Freund, von einer grossen Korona umringt, noch eine ganze Weile weiter, und im Saale wurde noch die Einsammlung von ״Schekeln“ fortgesetzt.“ Keine der trüberen zionistischen Vcr- Sammlungen in Breslau wirkte so nachhaltig wie diese. Wo man hinhört kann man eifrige Dispute über diesen Abend vernehmen. Dass die Gegner alles autbicten. utn den glänzenden Eindruck der Versammlung zunichte zu machen, ist klar. Ein von einem unserer Freunde zufällig mitangehörtes Zwiegespräch. das dies deutlich zeigte, sei hier wiedergegeben: Personen: ein schwarzer Zionistenfresser und ein gcmässigter Gegner. Ort der Handlung: ein Betbatmdrasch. A. : Waren Sie gestern bei den! Vortrag? B. : Nein, ich wollte erst gehen, aber ... A. (ihn unterbrechend): Seien S:e frolu dass Sie nicht da Waren. Wissen Sic. es war ein Skandal. Mitansehen zu müssen, wie Juden gegen Juden losziehen. So weit shid wir gekommen. Wissen Sie. was der Mensch gesagt hat? ״Die Rabbiner sind alle Sprechmaschinen.“ B. : Nun. da hat er doch eigentlich recht: Sprachrohre der Gcmeindevorstünde. sehen Sic z. B. hier in Breslau . . . A. (empört Ihn unterbrechend): Nu ja. in Breslau, aber doch nicht alle. B. : Viel Ausnahmen giebt’s nicht. A. (aufgeregt): Aber wir Orthodoxen unsere hat er auch gemeint, unsere hat er auch beschimpft. Es war geradezu empörend. Na. aber wir wollen lieber lernen... So wird’s gemacht. Hilft aber nicht viel. U. a. erklärte ein orthodoxer Herr seinen Beitritt zur Organisation mit der ausdrücklichen Erklärung: Mich hat der gegnerische Rabbiner zum Zionisten gemacht. 0L Prag. Der von Herrn Dr. Löwin am 14. d. Mts. hier gchaltenc Vortrag hat selbst unsere hochgespannten Erwartungen übertroffen. Sein Erscheinen in unserer Mitte bildet ein Ereignis. dessen nachhaltender Wirkung sicli jeder der Anwesenden bewusst war. Wir fühlen uns verpflichtet, dem Berliner Zentralbureau für seine bereitwillige Mithilfe zu dieser glänzenden Veranstaltung unseren wärmsten Dank auszusprechen und rechnen wir mit Bestimmtheit darauf. Herrn Dr. Lewin bald wieder in Prag begriissen zu können.