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Jüdische Rundschau · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
VII (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 104 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. Jo , Die Gemeinde Bodenbach stellt mit fcllcn ihren Beratungen »iml Beschlüssen im Zeichen des Tempelbaues. Der Tempelbauvercit» veranstaltet am 3. März eine» Maskenball, damit unsere jüdische Jugend, die bei dem in unseren Städten herrsehenden. gesellschaftlichen Ascniitismus, auch einmal dem Tanzvergnügen huldigen kann. — Von Antisemitismus ist hier keineswegs d;e Rede. Er ist auch völlig unnötig, da die deutsche Bevölkerung die völlige Zuriickdrfmgung der Juden Hingst praktisch auch ohne den Antisemitismus vollzogen hat. Selbst wehr *.••״. ..׳• Man kennt die alte Geschichte von den» Landsknecht, der trotz aller Kühnheit im Kampfe aus allen Kümpfen sein Leben rettete, und doch war er siets der erste in der Schlacht und der kühnste Draufgänger. Er schrieb seine Tapferkeit und seine Rettung aus tausend Gefahren des Kampfes einem Talisman zu, den er einst von einem Kablialisten empfangen hatte 111k! den er stets auf der Brust trug. Der Talisman machte ihn mutig und ihm vermeinte er so oft 'sein Löben zu ver« danken. Als er als Greis eines natürlichen Todes starb, nahm ein neugieriger Erbe den Talisman an sich und öffnete ihn, um die ־ geheimnisvollen Zauberworte des kabbalistischen Wundertäters zu erfahren. Er fand aller nur das lakonische Wort’: ..Hundsfott wehr' dich!'• Diese.kleine Geschichte sollte uns .luden mein vor Augen stellen mul wir sollten lernen, dass es notwendig ist. uns za weinen mal v׳»r allem unsere Ehre als Juden zu verteidigen. Viel schlimmer, als «lass einige Söhne reicher Juden nicht Reserveoffiziere wer- Jeu. ist cs. dass man unsere Ehre ungestraft beschmutzen kann und das nationale Ruiimesbaimer unseres Stammes in Jen Kot zerren. Unsere Stauuueseh.ro sollte uns höher stehen 11s alle Rechte und tuaterieiion Vorteile. Dieser Stammes- ■lirc miisste unser ganzer Verteidigimgskampf gegen die Augriffe gelten. Freilich dürfen wir nicht übersehen, dass es <cine tiefere Verletzung unserer jüdischen Eli re gibt, als die;cige Handlung der Abtrünnigen, die um äusserer Vorteile willen den Stamm verlassen, iür den unsere Väter dei. Miirtyrcrbx! auf den Scheiterhaufen starben. Wer sich laufen lässt, gibt zugleich damit zu erkennen, dass er die Getnciuschaft. die er verlässt, für weniger wert erachtet, als Jie, der. er sich anschliesst. Er gibt also ihmit durch eine Handlung dem Antisemitismus Recht. Keine noch so freu sinnige Rede des Abgeordneten Mugdan wird uns darüber binwegtüi'schen können, dass er die unterdrückte Minorität verlassen hat. um sich der den Druck ausübenden Majorität anznschlicssen. Wir iiehnien an. dass dieser L'ebcrtritt ans jener selbe» Ueberzetigung geschah, der fast allen Ueber־ trittcu das Gepräge gibt. In Deutschland ist diese Selbstaehhmg. die eine völlige Ablehnung aller getaiifien Juden voraussetzt. auch erst jungen Datums. Erst den Zionisten und den unter ihrer Mitwirkung begründeten indischen Studcntciivercineii war es vorbehalteil. hier Wandel zu schaffen. Schlimm war cs namentlich i!1 den deutschen Teilen Böhmens. Aber auch dort bewegt sich die Entw icklung wie bei uns i!» der gleichen Richtung zum Judentume hin und die neue Zeitschritt, die soeben in Prag iür die Juden in den böhmische» Ländern zu erscheinen beginnt, ist ein bedeutsames Zeichen hierfür. Sic heisst recht bezeichnender Weise SELBST- WEHR, und was sie predigt ist keine Abwehrpoüiik. wie sie fiiihcr so o!t recht vogelstrausmässig betrieben wurde. sondem stolzes und selbstbewusstes Judentum. Einige Worte aus ihrem Programmartikel zeigen die neue Richtung an. die nunmehr auch unsere böhmischeit Brüder mis ihrer Lethargie anfzurüttdn beginnt: 1 Ein stolzer Titel und mehr als ein Titel: ein Protest unu ciu Programm. Ein Protest, eine Kriegserklärung gegen alles Morsche. Halbe. Faulende im Judentume und eine kräitige. vernehmliche Bejahung der jungen, selbstbewussten, keimenden Kräfte und Bestrebungen im jüdischen Volke. . Das erste und sicherste Zeichen von Lebenskraft ist beim Einzelnen, sowohl wie bei Volksganzcn das Streben nach Freiheit und Selbständigkeit, der Wille, sich nicht auf das Wohlwollen oder gar Mitleid des Andern zu stützen und Zu verlassen, sondern auf eigenen Füssen zu stehen, sich selbst durchzusctzeii und seine Individualität voll und ganz zur Entfaltung zn bringen. Selbsthilfe. Selbstschutz. Selbst wehr.■ dns ist das oberste und erste Grundprinzip Jedes aufrechten Menschen und jeder sich selbst achtenden Nation: es ist längst auch der Ruf und die Losung der modernen Juden und cs ist unsere Losung. . , . . Die Geschichte der letzten Jahrzehnte hat es uns Judec *itt allzugreller Deutlichkeit klargcmacht und Jeder Tag bringt neue Belege: es ist nicht nur beschämend, es ist auch unklug tnd verfehlt, wenn die Jaden von Irgend einer aussenstehenden Macht oder Partei — sie heisse nun fortschrittlich, freiheitlich, sozialistisch oder anderswie — Heil und Hilfe erwarten und mit grösster ScJbstyerleugiHmg all ihre geistigen und imüeriellcn Kräfte im Dienste and Kampfe für diese, an und für Sich gewiss edfeu und gerechten Bestrebungen aufhraudtei!. Selbst müssen wir uns liehen und wehren, müssen uns zusammcnschlicsscii und stolz. und frei die Zugehörigkeit zu unserem Volke bekennen und zu betätigen. Dann erst und nur dann haben wir Anspruch zumindest auf die Achtung und den Respekt unserer Gegner und au! die Mithilfe und Wert- Schätzung der uns gutgesinnten mul wirklich freiheitlichen M äuner und Volker. Nur als selbstbewusste. wiUcnskröftige. zielbewusste! Juden können wir uns um wirkliche Freunde umsehen und erst wenn wir uns selbst achten, selbst rühren und zur Einheit ztisammcnschlicsscn. ist die Vorbedingung für eine ernste, vollständige und endgültige Lösung der Judenfrage erfüllt. Im. Kampfe iür die innere Kräftigung und Konsolidierung w erden wir vor allem für eine gründliche Änderung der alten, unmodern und morsch gewordenen jüdischen GeuieiudevcrfasMiJig eintrctc». Die Stätten, au denen das Leben der jüdische!. Gemeinschaft ofimeli geregelt und repräsentiert wird, diese inneren Festungen des Judentums dürfen nicht länger Volksfremd bleiben. Auch liier muss endlich das demokratische Prinzip zum Durchbruch gelangen. Auch die kulturellen Güter des indischen Volkes sollen gt pflegt werden. Die Schule muss;;mhüreu, eine Anstalt zu sein, in der wie indischen Kinder ihrem Volke entiren׳Jet werden. Der jüdische Religimisunteirieht• l.ed.ir! einer gi iiiidlicheu Reform: die jüdische Jugend wächst meist ohne Kenntnis der grossen geistigen Güter des Judentums auf. \So!!er soll sie dann Respekt vor der jüdischen Veigiwigcnheit •:der Glauben a:1 eine jüdische Zukunft geu in!!».•;!? Wie Soli sie dann!erneu, ihr Judentum vorFruenJ tmd Feind würdig zu vertreten? Wir werden!:ich: müde worden, auch gegen diese Zeichen des VcrtaUcs warnend unsere Stimme:! zu erheben. Nach;׳.iisseit hin werden wir getreu unseren: Standpunkte uer Sclbstwehr mit aller Er.ts.ckicu-jcSicit den Gedanken selbständiger jüdischer Orsan!sa:,«n!en und der nationalen Erna!!- verfechten und keine Beleidigung und Labil! ..egen unser Volk mis gefallen b>s־.:!.־• Judenausweisungen aus der — Schweiz Die freie Schweiz, das Land mit den Rntlitraditionen hat damit begonnen, arme /:!reisende Juden auszuweisen. Die Ausweisungen beginnen in denselben Formen. wie anderwärts. Mar! spricht nicht von Inden, sondern von Ausländern itr.vi weist doch nur die J u d c u aus. man spricht von Unterbieten der heimischen l.ühue und doch handelt es sich um {|t!a!!r*־/i»rte Arbeiter. Judenexzesse in Rumänien Anlässlich des Gastspieles einer jiidfscheu Opercttengescllschart unter der Direktion des Kapellmeister Gh'icksmami in der Kreisstadt ßacau an der Moldau, veranstalteten die־ Stu-ieuteil des dortigen Lyzeums in Begleitung einer grossen Mensehen menge eine lärmende Demonstration gegen die Juden. Das Publikum flüchtete aus den! Theater und die Vorstellung musste unterbleiben. Die Juden schlossen ihre Geschäfte, da sie eine Plünderung beiiirchtctcn. Mehrere Exzedenten wurdu» verhaftet, aber wieder freigclassen. Kleine Mitteilungen Wiesbaden. Jüdische Musik. Am 24. Februar 1907 veranstaltete der Verein iiir •udisciie Geschichte und Literatul zu Wiesbaden einen ..jüdischen Musikaheud‘*, der den Zuhvrern ein Bild von der historischen Entw icklung der jüdischen Alusik, von den Anfängen der alisynngogalen Melodien, de» mittüalte׳׳licl1en (Ihcttolicdeni bis zu den Schöpfungen der jüngsten jüdischen Komponisten, gab. Mitwirkende waren Herr Walter Levy-Berlin (Cello) und Frl. Rose Kahn-Berlin <Ocsang). Beide Künstler wurden durch stürmische Beifallskundgebuugen des über *JOD Personen zählenden Publikum:. ausgezeichnet. Herr l.cvy ist ein routinierter Cellist, der sein Instrument beherrscht. Den stärksten Applaus batte Frl. Kahn, eine selten schöne Hrscheimmg. Die junge Dame besitzt einen wunderbaren Alt, der in allen Höhenlagen gleich sngenehm wirkt und sie befähigt, sowohl lyrisch zarte als auch leidenschaftlich bewegte Lieder vorzutragen. Am besten gefielen vielleicht das ..Wicgeidied׳‘ aus der Oper ״Sulatnith** von Goldfaden; ,.Ich schlage dich mein Tamlwurm** von tlerusheim und Lieder aus Carmen von Bizet. Am Schlüsse wurde sie mchiinais hcrausge! tifcu und musste sich zu einer Zugabe bequemen; ״Sandmännchen** von Brahms, welches Lied sie mit seltenem Geiühl sang. Mail darf der iungen Künstlerin, wenu sic auf gleichem Wege fortschreitet, schon jetzt ••Ino 1 1

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