Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 228 JÜDISCHE RUNDSCHAU___Ü£!״i6. zunchmcn wagen, d. h.. wenn wir entschlossen den Finger auch an die eigene Wunde legen, unbekümmert darum, dass eventuell antisemitische Beobachter wie hungrige Aasgeier über solche Brocken I1ers:iir/.cn könnten. Werfen wir doch nur einmal einen unbefangenen Blick in den Spiegel allen Weltgetricbes. in unsere W itzblätzer, und wenn auch nur in diejenigen, denen wir den Vorwuri der Voreingenommenheit gegen uns nicht gut machen können. Auch in ihnen finden wir den vorwitzigen, altklugen ..kleinen Moritz", sehn wir den professionellen jüdischen Pleitemachcr, ekelt uns der jüdische Hausierer mit seiner sklavischen Unterwürfigkeit au und begegnet uns nur allzuoft der protzige Herr Kommerzienrat nebst seiner Frau Gemahlin. Gewiss, das alles sind Karrikaturen! Aber sie enthalten doch auch manches Körnchen Wahrheit, und eben diese Wahrheit müssen wir erkennen lernen, wollen wir solche Schäden und ewigen Nährstoffe der Judenfeindschatt mit ihren Wurzeln ausrotten. Diese Wurzeln aher - ־ ich wiederhole es noch einmal — wir finden sic. wenn wir sic nur suchen, in der vollkommen abnormen Lage unseres Volkes, das iast ausschliesslich in det. in so vieler Hinsicht ungesunden Atmosphäre der Städte wohnt und einseitig nur in den Berufen des Handels und der Industrie konzentriert ist. -- Aber — müssen wir uns nun doch schliesslich erstaunt fragen. ־— Haben denn wirklich die jüdischen Massen stets alle Unbill ihrer ungewöhnlichen Lebensvei hältuisse ruhig übei sich ergehen lassen, ohne die Atigriüe von aussen zu parieren und ohne sich selbst eingehend um die Ursachen ihrer so miss• liehen Lage und um deren Beseitigung zu kümmern? Bilden sic denn eine Ausnahme von dein Naturgesetz, dass alles Lebende auf Einwirkungen reagiert? O gewiss nicht! Man hat sich mit kühnem Trutz t:nd mannhafter Entschlossenheit - an diejenige politische Partei seines Adoptiv-Vater- 'meist allerdings: Stiefmutter־) Landes gewandt, die so gnädig war, eine Ausnahme von den andern zu machen und sich dei Schutzjuden anzunehnicn (einmal, weil es logisch e r w e i s e nicht gut anging, die Judenemanzipation von dem Gedanken der Gleichheit und Freiheit al I e r auszunehmen, und dann, weil man sic schliesslich als Stimmvieh ja gar nicht übel verwerten konnte). Und die Erfolge waren in der Tat überraschend! Denn da jene liebevollen Parteien naturgetnüss stets diejenigen waren, die eine neue Ordnung der Dinge herbeifüliren wollten und also in einer gewissen Opposition zur herrschenden Gewalt sich befanden, so war es die Regel, dass die Juden sich durch ihre politische Stellungnahme nicht nur von neuem die Gegnerschaft aller anderen Parteien zuzogeii —־ was in zerklüfteten Staaten wie z. B. heute in Österreich nicht selten zu der erhebenden Politik des ..Haust du meinen Juden, hau’ ich deinen Juden!" führte ״ sondern dass sie aucli noch das verhängnisvolle Misstrauen der Regier u 1t g c 11 sich erwarben. Hin Seitenblick nach Russland illustriert leider vortrefflich, was ich meine. Allerdings ist man bei uns im Westen inzwischen sein>11 bedeutend schlauer wieder geworden und hat eingesehen, dass eine Wahrnehmung spezifisch jüdischer Interessen durch niclitjiidischc Politiker und deren Parteien uns verdammt wenig Nutzen und sehr, *cht viel Missliches eingetragen hat. Und man ist - langsam zwai. aber sicher — schliesslich 7u der Hinsicht gekommen, dass es am Kndc doch vielleicht ganz vorteilhaft sein könnte, man nähme die Verteidigung seiner Interessen einmal selbst in die Hand. So kam es hei uns in Deutschland zur Gründung des Zcntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Und als diese Einsicht sich als gar nicht so iibcl erwies, da ging •»»an sogar noch einen Schritt weiter und berief * - vor kurzem erst war es — nach Berlin den I. Deutsehen Judentag zusammen. -־ Ja. sogar jüdische Politiker haben wir: Leute, die anders als ihre Stamtncsgenosseu. die Luzzatto. Disraeli. Batnberger.!Marx. Lasallc. Stahl, und wie sie alle heissen mochten, nicht in den Dienst frcmdvölkisciicr Interessen ihre Kräfte stellen, sondern, man höre und staune: jüdische Palitik treiben! So haben denn erst kiiuzlieh wieder einige bekannte englische Orossjudcn, unter Führung Lord Rothschilds, die in edelmütiger Weise auch schon oft kolossale Summen für die Unterhaltung von Tausenden unserer jüdischen Hungerküiistler geopfert haben und sich wohl deshalb in dem merkwürdigen Glauben befinden, sich als oberste Instanz, für die Entscheidung über die w eitei cn Schicksale 1!!׳>rres armen Volkes koustituicren zu dürfen, in der TIMES ihre diesbezüglichen ״Wünsche und Beiehle" 7.um Besten ggeeben. Sie erklären, dass sie alle Bestrebungen, die darauf liiu/icltcii, den jüdischen Massen durch eine konzentrierte Ansicdlung ausserhalb ihrer jetzigen Wohnländer die ersehnte Rettung zu bringen, für verkehrt hielte״, und dass sie ־ sie. die jüdischen Millionäre! - nur dafür ״zu haben seien“, die bisher geübte Politik der möglichsten Zerstreuung weiter fortzusetzen. Mit ehrfurchtsvollem Staunen empfangen wir den Weisheitserguss dieser unserer Amateur-Diplomaten, die in dc> Tat alles vergessen und noch immer nichs hinzu gelernt zu haben scheinen! Und man ist sich nicht recht klar dartlbei. ob man der kindlichen Naivität solcher Auffassung vom Wesen und Zweck des Völkerprinzips in der Weltgeschichte heilige Bewunderung zollen, oder ob man empört sein soll über die Unverfrorenheit solcher Art sozialpolitischem Dilcttautisums. In einer Zeit, da endlich einmal das Verständnis dafür sich durchzuringen beginnt, dass das letzte Ziel jeder sozialen Politik mir das sein kann, den von ihr geleiteten Massen die zweckmässigen Bedingungen für ihre Selbsterhaltung und Eortpflanzimg «11 sichern, sie zum Bestehen des Daseins- Kampfes in jeder Weise zu kräftigen, in der sich demgemäss auch die Einsicht herausgebildct hat. dass im sozialen Existenzkampie allein das Recht des Stärkeren herrscht (so dass alle anderen Völker es sogar für unmöglich halten, anders als durch fortgesetzte Kricgsrüstungen sich vor den Mitbewerbern schützen zu können) in einer solchen Zeit bringen unsere sogen. ..Enhrer" cs tatsächlich iertig. unsere Kräite weiter zersplittern und schwächen zu wollen, das Heil unseres Volkes allein auf den Fortschritt der Menschcnverhrüderungs-Idcc zu setzen!!! Wahrhaftig, weim's nicht grad zum Weinen wäre cs war* zum Lachen! Doch wir wollen uns bemühen. auch solchen Anschauungen gegenüber w eiter tuögliclist wissenschaftlich und politisch 7.11 bleiben. Jene Herren sind, ihren! Staatsbit:gerunn nach. 1:11g• llinder. und es wird deshalb auch ihnen vielleicht schon einmal atugefalleu sein, dass England, trotzdem es ein verhältnismässig doch nur recht!.!eines Reich darstell•,, unter allen Mächten d o c h den a 11 s g e d e 11 11 testen 11 a n d e I in Händen hat. Wie kommt das? Weil die natürlichen Lebensbedingungen dieses kleinen Inselstaates schon früh nick: mehr ausreichten, seine starke Bevölkerung zu ernähren. \u׳i ׳'e immer weiter vnrschreitciidc Besetzung des 1‘andes d1:uh den Handel und die Industrie dem Nährstaud nicht mehr den erforderlichen Boden liess und so die Engländer rechtzeitig ermahnte, in anderen Ländern ihre unentbehrlichen Bauernkolonien zu erganzen. Und in einer ähnlichen Situation befinden auch wir Juden uns! .'a. wem! w ir als die Aufgabe der Judenheit* erkennen würden, für irgend eine grosse, die Menschlich fördernde und nur um diesen Preis zu verwirklichende Idee in den Tod gehen zu sollen: wahrhaftig, wir würden uns mcltt bedenken! Stolz und freudig würden wir das Lenen unseres Volkes auf dem Altäre der Menschheit da!bringe;•.. Aber in der aufreibenden, durch Hass und Missgunst gestörten Tätig- Keit einseitiger Berufe, in der ungesunden. Leib und Seele zerrüttendeu Atlimospliäre der Grossstädte d a 11 i n z u s 1 e c h e u. zu sehet!, w ie unser einst gen Himmel strebender Stamm immei mehr morsch in sich zttsammeusinkt und schon schwache Winde ihm seine Blüten za cutreisseii vermögen, bis man ihn schliesslieh als verfaulten Unrat gänzlich von der Strasse fegen wird wahrhaftig, darin vermögen w ir die Daseinsb e s t i 111 tn 11 n g unseres Volkes nicht zu erkennen. Darum wollen auch wir. wenn auch ein grosser Teil unserer Massen in ihren bisherigen Wohnorten und ihren bisherigen ungünstigen l.ebensbcdingiingen wird bleiben müssen, doch auch uns aus einem Teile wenigstens jene B a ti e r 11 k o I o n i e n . j c n c I;i 11 d I i c h e R e s e r v e schaffen, die alle anderen Völker haben, ja. die wir zu unserer Existenz noch weit nötiger haben als sie. Ich habe mit voller Absicht meinen Ausführungen über die Judetifrage nicht die Judemiot zu Grunde gelegt, die man jetzt allgemein im Munde führt, miuiüch das Elend unserer russischer Brüder. Ich habe auch die entsetzliche Lage kaum erwähnt, in der sieh die N! 10 000 galizischcn. die 20!» 00 rumänischen, die 95 000 persischen, arabischen, turkestauisclien. indischen und chine sischeu. die 300 000 afrikanischen sowie schliesslich die SOOOOo im Ncw-Yorker und Londoner Ghetto schmachtender. Juden sich befinden. W eil ich v ״ r A 11 g c n f 1111 reu w o i 11 c . d a ss di e .11׳ ü e u f rage durchaus nicht nur dies e M a s s c 11 a 11 geht, s o u d e r 11 e ine E x i s t e 11 z frag e der g a ti z e 11 J 11 d e n heit ü I! e r 11 a 11 p t i s t. ״To bc oi not to he that is the uuestinn!“ Wenn aber heute die Frage, wie gerade jenen Millionen bessere Bcdiiiguugen für ihre Seibsterhaltung und Eortpiianzimg zu beschaffen sind, dann ist allerdings an der Zeit, die Lösung der Judeni 1 ״ g c mit der B e e i t i!: יי!.׳ g der Juden 11 o t nach Möglichkeit zu vereinigen. Unsere Betrachtungen haben uns ge lehrt, dass wir von einer g c s e t z I i c h e n Eju a 11 * zipation dieser Unglücklichen in den Ländern ihres jetzigen Aufenthaltes im besten Fülle nicht mehr als eine materielle Besserstellung zu erwarten halten, dass nie und