Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Die Betätigung sozialer Ideen im alten Israel erhielt durch die Stellung der Juden als eines Hirten- und spater ackcrbautreibenden Volkes, das anfangs weder Handel noch Industrie kannte, eine natürliche Begrenzung. Bedenken wir ferner, dass die meisten Forderungen der heutigen klassenbewussten Proletaricrbewcgung e־st eine Folge der komplizierten ökonomischen Verhältnisse der Gegenwart sind! Wenn wir damit dem weiten Abstand zwischen dem rudimentären Sozialismus der Bibel und dem Programm der Neuern gerecht geworden sind, so e־kennen wir doch die Faden, die von der graden Vorzeit bis zur Gegenwart laufen. Die mosaische Gesetzgebung ist der Ursprung des modernen Sozialismus. Jede sozialistische Lehre erstrebt ein grösseres Mass von Gleichheit in den sozialen Verhältnissen und will diese Acnderungcn mit Hilfe der Gesetzgebung oder des Staates verwirklichen. So beruht auch nach mosaischer Auffassung das Interesse des Gemeinwesens auf dem Wohl Jedes einzelnen Individuums, nicht auf der Anhäufung von Reichtümcrn in den Händen einzelner. Jeder Angehörige des Staates hat das Recht auf eine menschenwürdige F.xistcnz, jeder hat ein Anrecht auf die natürlichen Ertragsquellen, die im Grunde Eigentum der Gesellschaft bleiben müssen. Mit der weisen Voraussicht des weitblickenden Staatsmannes hat Moscs eine, der Ursachen ungünstiger, sozialer Entwicklung, die Entstehung des Feudalismus, zu hindern gesucht, indem ei eine Agrarverfassung schuf, die dem einzelnen nur das Benutzungsrccht an Grund und Boden zuerkaimte. Darüber konnte, damit nicht eine Stockung des wirtschaftlichen Lebens eintrete, jeder nach Beleben verfügen, aber mit dem Jobeijahr musste wieder jeder Grundbesitz an den ursprünglichen Besitzer zurfickfallen. In diesem System liegt bei aller Unvoll־ kommenheit ein Ansatz zum Kollektivismus, und an den Grundgedanken hat auch die moderne Bodenreformbewegung angeknöpft. Und dann betrachten Sie all die kleinen und kleinsten Vorschriften, die darauf hinausliefcn, den Unterschied zwischen Arm und Reich zu verringern und die Reichen zur Hergabe eines Teiles ihres Ueberflusses an die Armen nicht aus Gründen der Wohltätigkeit, sondern der Gerechtigkeit zu veranlassen. Beachten Sie die Strenge, mit der wiederholt auf die Notwendigkeit einer unparteiischen Rechtsprechung hingewiesen wird, die immer wiederkehrende Mahnung, den Fremden so zu behandeln wie den Einheimischen, das Recht der Witwen und Waisen zu wahren, die Vorschriften über die Pfändung, den Erlass der Schuld, das Zinsnehmen! Es handelt sich hier um Postulatc, um deren Verwirklichung unsere Fort- Schrittsparteien zum Teil noch jetzt vergeblich kämpfen. Auch im Sklaven wurde das Recht jedes menschlichen Geschöpfes auf Freiheit und Menschenwürde geachtet, und das Verdienst, das sich Moses mit der Institution des Sabbaths nicht allein um das jüdische Volk, sondern um die gesamte Menschheit erworben hat, kennzeichnet Henry George mit den Worten: ״Das einzige bis auf diesen Tag, was zwischen unseren arbeitenden Klassen und Frohndiehst ohne Unterlass steht, ist eines dieser mosaischen Gesetze.” Eine enge Beziehung besteht zwischen diesem sozialen Charakter und dem religiösen Ethizismus der mosaischen Gesetzgebung. Das, was wir als jüdische Religion zu bezeichnen pflegen, stellt einen Komplex von religiösen und ethischen Anschauungen dar, von denen das nationale Leben des jüüisehen Volkes erfüllt war. Sein Monotheismus war nicht wie bei einzelnen griechischen Philosophen eine objektive Erkenntnis einzelner, erworben auf dem Wege spekulativ-philosophlsehen Denkens, ohne Beziehungen auf die sittlichen Anschauungen des Volkes, fremd der grossen Masse; er war auch nicht in Gestalt einer komplizierten dogmatischen Heilswahrheit der jüdischen Nation importiert, sondern auf den! Boden des jüdischen Volkstums als unmittelbarer Ausfluss des Volks- Charakters erwachsen, Wie alles Leben bei den Israeliten unter dem Einfluss sozialer und ethischer Ideen star.d, so spiegelte sich auch der Volkscharakter in der Auffassung des Gottcsbegriffcs wieder. In dem Gedanken an einen ge rechten Gott fand das Sittlichkeitsprinzip der Juden seinen metaphysischen Ausdruck, seine höhere Motivierung. Es setzt das Verdienst Mosis nicht herab, dass seine Ideen nicht zu einer vollen praktischen Wirksamkeit im jiidisehen Gemeinwesen gelangen konnten. Wie in den anderen Staaten des Altertums bildete sich, begünstigt durch die Anhäufung von Grossgrundbesitz in den Händen c'nzeluer und das Institut der Sklaverei, auch im jüdischen Staate der Gegensatz zwischen Arm und Reich heraus. Auch hier gebrauchten die besitzenden Klassen ihre Machtmittel, um im Verein mit einer in Wohlleben versunkenen despotischen Dynastie den minder begüterten und besitzlosen Klassen den Fuss auf den Nacken zu setzen. Aber die volkswirtschaftlichen Ideale Moses hatten doch insofern einen Einfluss auf die fernere Entwicklung, als eine in seinem Geist gerichtete Strömung vorhanden blieb. In zürnenden Worten wandten sich die Propheten, die Mahner und Warner des jüdischen Volkes, gegen die Ucbergrlffc der Machthaber, gegen jede Art von sozialer Ungerechtigkeit. Hö־cn wir einige iiircr Worte: Jesaja III, 115—1־. Der Ewige geht ins Gericht mit den Aeltcsten seines Volkes und mit seinen Fürsten. ־״יו ' ja abgeweidet den Weinberg, das geraubte Gut des Leidenden ist in euren Häusern. Warum habt ihr mein Volk zertreten, warum das Angesicht des Leidenden /ermahnt? lautet der Sp'uch des Ewigen, des Herrn der Heerscharen. V, 8. Wehe denen, die Haus an Haus reihen, Feld an Feld stossen lassen, kein Platz mehr bleibt und ihr allein die Bewohner bleibt und ihr allein die Bewohner bleibt im Lande. Arnos. V., 9—12. Der Verderben aufblitzen• lässt über den Trotzigen, so dass Verderben über die Vesten hcreinbricht, der wird über, welche auf dem Markte hassen den Rüger und die sich verteidigende Unschuld verabscheuen, Gericht halten. Darum, weil ihr stampfet auf den Armen und die Tracht Getreide ihm nehmet, so möget ihr immerhin Häuser aus behauenen Steinen bauen, ihr sollt nicht da־in wohnen, anmutige Weinberge möget ihr pflanzen, aber ihr sollt ihren Wein nicht trinken. Denn ich wgiss, zahlreich sind eure Verbrechen, mächtig eure Sünden, die ihr bedränget den Gerechten, Lösegcld!»eimict und. Hilflose im Thore bedrücket. Lavclcye sagt in seinem Buche: ״Der Sozialismus der Gegen wart": ״Jedoch der beharrlichste Widerspruch gegen die Ungleichheit, die glühendste Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die jemals die Menschheit über die niedrige Wirklichkeit hinausgehoben haben, sie sind von den! jüdischen Volke ausgcgangen. Hier hat dieser weltbewegende Zündstoff der Rcvolution seinen Ursprung. Hiob siebt das Uebel triumphieren und hofft auf Gerechtigkeit. Die Propheten Israels donnern gegen die Ungleichheit und weissagen eine bessere Ordnung." Den Hass gegen die Plutokratic hat auch der Stifter des Christentums übernommen. Nur ein Erbe des Geistes, von dem die hebräischen Propheten beseelt waren, konnte die Worte sprechen: ״Es ist leichter, dass ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, denn dass ein Reicher ins Reicli Gottes komme (Ev. Marc. 10, 251. Es nvütc allerdings verfehlt, das Christentum als eine rein sozialistische Bewegung, als eine Auflehnung der Bedrückten gegen ihre Unterdrücker hinzustcllcn, wie es von mancher Seite versucht wird; schon aus dem Grunde nicht, weil das Christentum zum Unterschiede von den Anschaumigen der Propheten mit der Betonung sozialer Unterschiede nicht auch gleichzeitig deren Beseitigung fordert. Im Gegenteil, der weltliche Besitz wird als etwas Glcichgiltiges, ja Schädliches hingcstellt, die Armut ats das Erstrebenswerte und Sittliche. Aber trotz dieser asketischen Lebensauffassung