Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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«״. _ en ׳utl 1.11 1 U, -V Seite 600 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 46 Petersburg, 11. November. Hartnäckige Gerüchte vort gegen di: Intelligenz und •die Juden für die nächste Nacht vorbereiteten Exzessen halten die Residenz in grosser Aufregung. Die W a I f e n I ä d e 11 sind seit I den letzten Tagen überfüllt und körnen die Nachfrage nach Revolvern und Patronen kaum b e f r i e - d '1 g e 11. Der Stadthauptniann gibt bekannt dass alle diese Gerüchte böswillig ausgesprengt seien, er habe aber trotzdem V o r s i c h t s m a s s re g e I n getroffen. Schon gestern Abend wurden!!! der Sadowagastrassc die Läd:n früher als üblich geschlossen, und Patrouillen erschienen auf den Strassen. — Bis jetzt haben sich die Befürchtungen glücklicherweise als grundlos erwiesen. Aber Vorsicht und Selbstschutz sind natüf* lieh jetzt überall dringendste Notwendigk.it. Petersburg, in. November. Im Laufe der letzten 21־ Stunden sind keine Nachrichten von neuen Juder.hetzen e.ingelaufen. Der Jnsiizministcr Manuchtn erklärte, die Staatsanwalts c h a i t werde überall alles dar:*״ setzen, um die wirklich Schuldig c 11 zu ermitteln. Ähnliche Versprechungen hat man übrigens in solchen Fällen immer mit grösster Bereit- Willigkeit abgegeben, aber nie erfüllt. Petersburg, II. November. Der heutige Tag verlief ruhig, ebenso dürfte die zu morgen ungesagte Jude 11 hetze kaum statt f i 11 d c!1. da alle Massnahmen zu ihrer VerhinJeruug getroffen sind und die Polizei einen Wink von oben erhalten hat. das gefährliche Feuer nicht mehr zu schüren. Revolutionskomitee und Arbeitcrkoinitoe treffen tmuangr.ichc Massnahmen, um e-'ne neue Erhebung des Riesenstreiks mit An* iatig Januar zn verwirklichen. --- Wenn .,man" nur ein wenig will, so braucht also keine Judenhetze staitzufiuden! Aus Kiew wird der NEUEN FREIEN PRESSE unterin 4. Noveinber gemeldet: Die Stadt ist wie ausge-storbtn. Die Plünderungen haben auigehürt. Die j ii d i s c 11 e B e v ö l k e - r u n g 1 c i d c t grosse Not. Professor M ä n d e I s t a m m organisiert ein Komitee zur Hilfeleistung an die Notleidenden. Die Zahl der Verwundeten und Toten ist noch nicht festgestellt. übersteigt aber viele Hunderte. Unter den Tot.« und Verwundeten befinden Vieh Frauen. Kinder. Studenten und einige verkleidete Polizisten. Der Prokurate.ur des Gerichtshofes, welcher die Vorunursuchung führt sagte flirem Korrespondenten: ״Die Sache ist klar, die Krawalle sind dank der Vorschufcleistung der Polizei entstanden.“ Die Führer det radikalen Partei meinen jedoch, die Krawalle seien ein organisiertes Komplott der Polizei gegen den neuen Kurs der Regierung, das in engem Zusammenhang mit den Vorgängen in den anderen Städten steht. Auf den Proskriptiouslistcn des ..schwarzen Hunderts" befanden sich einige Führer der rssstsichen Radikakn, welche auch geplündert werden sollten. Nach einer Meldung der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ plünderten am l. November in Kiew kleine Trupps urig, hindert die jüdischen Läden auf dem Podol- und Poidzki- Markte. Am Morgen des 2. November wurde eine förmliche Metzeiei veranstaltet. Die in der Stadt aufgestellten So'dat c n liesscudicExzcdentenfrciihrWcrk verrichten und beschränkten sach rur darauf, dass sie die sich wehrend.i! Opfer am Schiessen hinderten. Fiel aus irgend einem Hause ein Schuss, so wurde dasselbe vom ».Militär bombordiert und der Plünderung übergeben. Am 3. November wurden die Ausschreitungen in derselben Weise fortgesetzt Die sich Mehrenden wurden erbarmungslos nierjzrgcmacht. die Wohnungen geplündert und ausgeraubt. Aus Grndno liegen Nachrichten vor, dass Versuch: zur Orgamsation einer .ludenhetze im Keime erstickt wurden. Aus Sur asc 11 kommt ein authentischer Bericht, wonach 69 Läden eingeäschert satJ, 30 Läden sind geplündert 3 Juden wurden getötet, A> verwundet. Aus Tiriatyn wird gemeldet dass die Stimmung sehr erregt sei; Frauen und Kinder verlassen die Stadt, es hat sich .ine Stadtmtliz organisiert. Wie von seiten der Behörden versucht wird, die Greueltaten zu verschleiern, ergibt sich beispielsweise daraus, dass der offizielle Bericht meldet, in Slmfcropo! seieit em Russe, ein Armenier und si.bzehn Juden getötet, in Wirklichkeit sind sicbcnunddreissig Juden u in g e - kommen.!11 Petersburg beginnt man sich etwas zu beruhigen, allerdings werden aufreizende Proklamationen verteilt, aber man hat mehr Vertrauen zu den höher. 11 Behörden, nachdem man gesehen hat, dass Witte auf der ganzen Linie gesiegt hat Ich weissaus ausgezeichneter Quelle, dass die aus- I än a 1 s c 11 c n Proteste gegen die Judenmassakers nicht w ן r ku n g. sl-0 s geblieben sind. -- Leider sind si־. nur seitens otnzicllcr Behörde« nicht erfolgt. London, 15. November. Nach verschiedenen übcrcinstimmenden Meldungen aus Bukarest wurden bei fcilier Judenhetze in Boigrad (Bcssarabienl Gfehcltaten verübt, die selbst in Russland nhhe Beispiel dastehen. Die Hetze wurde von Agitatoren veranstaltet, welche die Leidenschaften des Vtdkc$ zuerst durch aufreizende Proklamationen erregten. Diese antisemitischen Mamicste verständigten die Menge, dass der Zar und Graf Witte die Ab sch lachtung der Juden gutgeheissen hättet!. Diese Manifeste versprachen auch. Üas§ jede gegen Juden verübte Grausamkeit feie 11 belohnt werden würde. Andere Flugschrifteil bezeichne teil die Juden a!s die Ursache aller Wirren im russischen Staatslebcn. Auf ein gegebenes Zeichen begab sich der blutdürstig gemachte Pöbel nach dem JuJcnvicrtel. woselbst Männer und Frauen an den entsetzlichsten Mordbrenne reieii teilnahmen. Die Mörder, die mit Stöcke« und Sensen versehen waren, stürmten die llnu&er det1 Juden* worauf ein entsetzliche^ Morden begann. Die Juden wurden aui gartz Unbeschreibliche Meise gequält. Die Menge riss jüdischen Frauen und Mädchen die Kleider vom Leibe und trieb ihre Opfer In nacktem Zustande durch die Strassen, un* schliesslich noch schlimmere Untaten zu begehen. Die jüdischen Männer wurden zu Tode gemartert. Lebenden Personen wurden die Gl eder abgeschnitten. bis die Opfer an Verblutung starben. Viele Personen wurden unter dem Jubel der Zuschauer lebendig verbrannt. Der Zusta.nd der Leichen \ errät die Grausamkeit tfl:r Mörder. London, 15. November. Bei der grauenhaften .ludenhetze in Boigrad ia Bcssarabicn kam ein hervorragender Rahbiner aus Kischüiew. der sieh dort zum Besuch auihiclt. auf schreckliche Art urJ Wc-se ums Leben. Der Berichterstatter der Daily Mail bezeichnet ihn a’s den Oherrurbiner von Ktsciiinew, andere Beruhte nennen ihn einen bekannten, hervorragenden Rabbiner aus Kiscliincw’. Sein Name wird nicht genannt. Die Menge ergriff den Rabbiner, heg .ss ihn mit Petroleum und zündete?Im auf oliencr Strasse an. Unter unsäglicheu Qualen gab der Arme seine! Geist auf. twaiiowo-M'osnessensk. 5. November. (Petcrsb. Tcl.-Agent.) Heute begannen hier g.gen die Juden gerichtete Unruhen״ Mehrere Häuser und I.ädca derselben wurden geplündert. Es wurden Juden getötet und verwunde!. Bukarest, 9. November. Ismail brennt noch. Es ist vollständig erwiesen, dass der Polizehneist.r der Urheber der Metzelei ist. Militär und Gendarmen erstatten jetzt die gestohleneii Sachen zurück. (!!) ner Schaden beläuft sich au: zwei Millionen Rubel. Militär ist h״׳r emgetrohen. Drei Diebe, welche die Rückgabe des gestohlenen Gutes verweigerten, wurden erschossen. Per Kaufmann Lcvadmskv, dem huiKc.rttauseud Rubel geraubt wurden, ist wahnsinnig geworden״ Im Städch •11 Ti raspol fand gleichfalls eine Hetze statt Elf Juden wurden Ins Feuer gcwerfen. In Gala« treffen flüchtende jüdische Familien ein. die schauerliche Dinge bcrichten. Der VOSSISCHEN ZEITUNG wird ,‘olgender Piivatbriei aus Jelisaw׳ctgrad (Gouvernement Chctson) zur Verfügung gestellt: «Wie es scheint, kann man alles iibeisf.heii. denn wir haben tatsächlich das Schrecklichste überlebt, Das verkündete Zarenmanifest hat den Juden neue Leiden gebracht״ ‘ Als Dienstag früh nach der Vcröiicntlichsng der sogenannten Konstitution friedliche' Demonstranten durch die Strasse zogen, kam ihnen eine Menge des bis zur Raserei atisgcst ekelten Pöbels entgegen. Bei d;escm Zusanutieiistoss wurden viele verwundet und getötet. Unseren Bekannten, den Doktor R.. hat mau in der Grossen Strafe im Angesichte einer tausend* köptigen Menge derart in i s sh a n d e I t. dass der Arm. einige Stunden darauf s c i n c 11 W u n d e 1! erlag. Ein unschuldig».* Opfer mehr in den Annalen der tiaurigen Geschichte. Studenten, selbst Schüler der Mittelschulen, wurden nicht verschont Nun ״ing cs aber los. Man begann, alle Läden zu plündern, alles zu zertrümmern. Nicht nur der neue und der alte Markt und die Permstrasse, auch die Hauptstrasscn wurden vom Pöbel beherrscht. ■1 i e d e r g c b r a n!1 t. v c r 11 i c 111 c t. Zwei Tage und zwei Nächte zog die Johlende Räuberbande 5uÜ Schlachtrufen von Haus zu Haus, zerbrach und zersplitterte alles, was Ihr 11 den M’eg kam. Uns.ru Bekannten K. und \V. sind buchstäblich o!111 e H e m d g e. b I i e I) e n. man hat Fenster und Türen mitsamt dien Rahmen herausgersten, die teuersten Möbel zertrümmert, in den Zimmern keinen Fadem keinen Spahn zurückgelassen. Stelle Dir das schreckliche Bild in unserer Strasse vor. alle Häuser fechts und links beschädigt, gegenüber eine brennende Ruine, nur unser Haus steht fest. Bei uns im Hause wohnt nämlich ein Offizier, den eine Patrouille Kosaken geschützt hat. und s״ sind wir dein.